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Die Geschichte von Tschernobyl nicht wiederholen

Die japanische IPPNW-Ärztin Katsumi Furitsu warnt davor, die Gefahren durch die Havarie zu unterschätzen

Es war ein bewegender Moment, als die japanische IPPNW-Ärztin Katsumi Furitsu auf der Auftaktveranstaltung des IPPNW-Tschernobyl-Kongresses Ende April in Berlin sprach. Die Katastrophe von Fukushima war plötzlich nicht mehr nur eine Nachricht – unfassbar, erschreckend, verstörend, aber weit weg in Japan. Sie war mit einem Mal ganz nah und hatte ein menschliches Gesicht, das vor rund 500 Kongressgästen um Fassung rang.

Als Ärztin und Wissenschaftlerin hat Katsumi Furitsu über die genetischen Folgen von Tschernobyl geforscht. Sie war im Rahmen ihrer Forschung selbst mehrfach in die kontaminierten Gebiete Weißrusslands gereist. Anlässlich des 25. Jahrestags jener atomaren Katastrophe, die sich vor einem Vierteljahrhundert ereignete und deren Folgen noch heute für Tausende Menschen bittere Realität sind, war sie nach Berlin gekommen – um zu diesem traurigen Jahrestag über eine neue Katastrophe zu berichten, von der nur sechs Wochen vorher niemand etwas ahnte.

Als Medizinstudentin in den 80er Jahren las Katsumi Furitsu zum ersten Mal von Arbeitern in Atomkraftwerken, die durch die Strahlenbelastung krank wurden, ohne irgendeine Art von Wiedergutmachung zu erhalten. Sie war schockiert. „Ich wollte nicht erst warten, bis Menschen ins Krankenhaus kamen, verletzt durch eine unbeherrschbare Technologie.“ Sie begann, sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung zu engagieren.

Nach und nach lernte sie das ganze Ausmaß des Leids kennen, das die Atomindustrie hervorbrachte – von den Arbeitern in Uranminen über die Opfer von Atomtests, Atombomben und Uranmunition, Arbeitern in AKWs bis hin zu den Liquidatoren von Tschernobyl. 2004 engagierte sie sich für eine internationale Kampagne gegen die Nutzung von Uranwaffen und entschied sich, Mitglied der japanischen IPPNW zu werden, um dort ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. „In Japan sind fast alle Menschen aufgrund der Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki gegen Atomwaffen. Doch alle Probleme, die sich aus der Atomenergie ergeben, sind verbunden“, erklärt sie.

Im April reiste sie in die Präfektur Fukushima. Sie besuchte dort auch die 25-45 km nordwestlich des havarierten AKW liegende Gemeinde Iitate, die – obwohl außerhalb der offiziellen Evakuierungszone gelegen – besonders hohe Kontaminierungswerte aufweist. Es wird angenommen, dass am 15. März, nach der Zerstörung des zweiten Reaktor-Containments und einem Feuer im vierten Abklingbecken, eine Wolke mit radioaktivem Material in Richtung Nordwesten zog und über der Region niederging. In Gebäuden wurden Strahlenwerte von 2-3, draußen von 5-8 Mikrosievert pro Stunde und einen Meter über dem Boden teilweise Werte über 10 Mikrosievert pro Stunde gemessen (zum Vergleich: Die natürliche Erd-Strahlung beträgt rund 0,1 Mikrosievert pro Stunde). Vor der Katastrophe lebten hier 6.000 Menschen. Ein Teil der örtlichen Bevölkerung hatte die Gemeinde bereits freiwillig verlassen. Doch noch im April traf sie dort viele Menschen, darunter auch Schwangere und Kleinkinder.

Katsumi Furitsu sprach mit dem Bürgermeister der Gemeinde, Mitarbeitern und Einwohnergruppen, gab ihnen konkreten medizinischen Rat und klärte sie darüber auf, wie dringlich eine Evakuierung sei. Sie hörte die Geschichten vieler betroffener Menschen. „Es ist wirklich eine sensible Situation in vielerlei Hinsicht. Politisch, sozial und psychologisch“, beschreibt sie. Viele Menschen wollen ihre Heimat und ihr Leben nicht einfach für immer hinter sich lassen. „Es war wirklich traurig und schrecklich für mich, dass noch so viele Menschen, und besonders auch Kleinkinder, in einem Gebiet lebten, in dem sie einem so hohen Strahlungslevel ausgesetzt waren.“

Hilfe erhielten die Menschen vor Ort v.a. von NGOs und engagierten Einzelpersonen, die ihnen zumindest unkontaminierte, frische Nahrung zu Verfügung stellten, während die Regierung an ihren Evakuierungsplänen arbeitete. Die von der japanischen Regierung initiierte vollständige Evakuierung der Gemeinde Iitate zog sich noch bis Ende Mai hin.

Im Mai war Katsumi Furitsu erneut in der Präfektur Fukushima. Auch außerhalb der evakuierten Zone sind viele Menschen erhöhten Strahlungswerten ausgesetzt und leben in „leicht“ kontaminierten Gebieten. „Auch wenn die Verseuchung noch geringer ist, als in vielen Gebieten nach Tschernobyl, ist die Situation doch vergleichbar“, berichtet Katsumi Furitsu. Die Menschen haben Angst und sind verunsichert. Können sie ihre Wäsche draußen aufhängen, die Fenster öffnen? Was können sie essen? Können sie noch Nahrung anbauen? Ihre Kinder draußen spielen lassen? Sie brauchen bei allen Dingen des täglichen Lebens Hilfe und Rat.

Nicht alle, so meint sie, hätten den Ernst der Lage erkannt – auch wegen der unzureichenden Informationspolitik der Regierung und der Einstellung vieler Wissenschaftler, auch von Ärzten, die immer noch der Meinung sind, dass Niedrigstrahlung nicht gefährlich sei. Immerhin hat die JMA (Japanese Medical Association) kürzlich ein Statement veröffentlicht, das die Heraufsetzung der Strahlengrenzwerte für Schulkinder durch die japanische Regierung kritisiert und eine Senkung fordert. Das Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technik hatte die maximale Strahlenbelastung für Schulkinder in den kontaminierten Gebieten auf 20 Millisievert pro Jahr heraufgesetzt, was der durchschnittlichen jährlichen Strahlenexposition von erwachsenen Arbeitern in AKWs entspricht. Damit folgt es den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection, ICRP) von 2007, erklärt Katsumi Furitsu. Diese hat in ihren Richtlinien für atomare Notfallsituationen Strahlengrenzwerte von 20-100 Millisievert pro Jahr festgelegt – allerdings ohne gesondert auf Richtwerte für Kinder einzugehen, die um ein Vielfaches strahlensensibler als Erwachsene sind. „Ich denke, dass es wichtig ist, die Empfehlungen der ICRP im Rahmen einer internationalen Kampagne zu kritisieren. Die IPPNW als internationale Autorität in Gesundheitsfragen könnte und sollte hierbei eine führende Rolle übernehmen.“

Doch jetzt heißt es für Katsumi Furitsu und ihre Kollegen zunächst den Menschen vor Ort zu helfen. Die japanische IPPNW unterstützt die Betroffenen auf verschiedenen Wegen durch ihre Ärzte und deren zugehörige Einrichtungen. Einige – wie Katsumi Furitsu – fahren in die kontaminierten Gebiete, informieren die Menschen dort über die gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung und erklären ihnen, wie sie sich bestmöglich schützen können. Andere beraten die Evakuierten zu allen Fragen der Strahlenbelastung und möglichen gesundheitlichen Folgen.

„Ich bin Ärztin und als Ärztin sage ich: Wir dürfen die Geschichte von Tschernobyl nicht wiederholen. Was bedeutet das? Dass man nicht zu spät reagiert. Dass man die Gefahr nicht unterschätzt. Wir sollten handeln, besonders in Bezug auf die Kinder. Warnen, versuchen, Gefahren schon jetzt zu minimieren. Wichtig ist auch, dass die Gesundheit der Betroffenen langfristig beobachtet wird und dass sie umfassend medizinisch betreut werden, um gesundheitliche Schäden wenigstens so gering wie möglich zu halten. Ich halte es für wichtig, dass die Menschen die Situation verstehen und einschätzen können – auch um ihren Forderungen nach einer adäquaten Unterstützung Gewicht zu verleihen, und die Regierung aufzufordern, ihre Pro-Atom-Politik endlich zu beenden.“

Tausende Menschen in Japan sind Opfer dieser Politik geworden. Sie mussten ihr bisheriges Leben für immer aufgeben, haben ihre Existenzgrundlage mit einem Schlag verloren, oder müssen auf Dauer mit der Kontamination leben. Notfallarbeiter setzen im havarierten Atomkraftwerk noch immer ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel, so wie einst die Liquidatoren von Tschernobyl. Sie alle werden noch lange unter den gesundheitlichen, sozialen und psychologischen Spätfolgen leiden. Und die Situation im AKW Fukushima ist noch längst nicht stabil – während hier das Medieninteresse langsam nachlässt, geht die Katastrophe in Japan weiter. Für Jahrzehnte. Engagierte Menschen, wie Katsumi Furitsu und ihre Kollegen, werden weiterhin versuchen, den Betroffenen so gut wie eben möglich zu helfen.

In diesem Fall ist das tatsächlich alles, was Ärzte noch tun können. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Katastrophe endlich das längst überfällige Ende des Atomzeitalters einleitet. Nicht nur in Japan – weltweit.

Autorin: Samantha Staudte, Redakteurin beim IPPNWforum

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