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Lost in Radiation?

Auswirkungen des großen Tōhoku-Erdbebens auf das Leben in Tōkyō

Seit dem Anfang der Katastrophe, die am 11. März dieses Jahres von einem verheerenden Erdbeben in Japan ausgelöst wurde, ist inzwischen viel Zeit vergangen. Um die richtigen Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen, ist es aber erforderlich, zum Beginn des Schicksalsschlags zurückzugehen – vielmehr sogar noch vor dem Ereignis als solchem anzusetzen.

Die Berichterstattung während der „heißen“ Phase der Katastrophe war gerade in den ausländischen, namentlich den deutschen Medien gekennzeichnet von haarsträubender Verzerrung und unverantwortlicher Panikmache – gepaart mit einem meist nicht einmal bemäntelten Zynismus. Folglich hat sich in den Köpfen vieler Deutscher ein Zerrbild dessen, was sich in Japan abgespielt hat, festgesetzt, das z. B. auch der unverzichtbaren Diskussion über den Umgang mit der Energiegewinnung durch Kernspaltung nicht in der eigentlich wünschenswerten Weise zuträglich ist.

Japan ist als ein Land bekannt – und sieht sich gern auch selbst so – das dem technischen Fortschritt (oder was man dafür halten mag) grundsätzlich offen gegenüber steht. Das wird im Ausland oft als „blindes Vertrauen in die Technik“ fehlgedeutet. Dabei hat man im Land vielmehr den Eindruck, dass man sich zwar freudig der Segnungen moderner Technik bedient, wenn diese eine Steigerung des Lebensgefühls versprechen, dies aber basierend auf dem grundsätzlichen Anspruch auf Einwandfreiheit tut. Diese ist schon deswegen Grundvoraussetzung jeglichen Handelns, da die japanische Gesellschaft extrem intolerant gegenüber Fehlern ist. Arbeitsabläufe werden oft bis an den Rand der Übertreibung durchorganisiert. Was in unseren Augen zu großen Redundanzen führt, dient hier der Sicherstellung der Fehlerlosigkeit oder doch zumindest zur Schaffung eines Gefühls der Sicherheit (natürlich mit all den Folgen, die daraus erwachsen – und oft nur zu mehr Aufwand, aber nicht zwangsläufig zu mehr Sicherheit führen). Diese Fehlerintoleranz ist gesellschaftlicher Konsens.

Gleichzeitig ist Japan ein Land, das wie kaum ein Zweites Spielball der Naturgewalten ist – und schon immer war. Die im Grunde von Generation zu Generation weitergereichte Erfahrung im Umgang mit Naturgewalten ist integraler Bestandteil der Gesellschaftsordnung und für uns Außenstehende nur zu begreifen, wenn wir uns die Hintergründe bewusst machen. Japaner können nur im Auge des Unbedarften als von Katastrophen „ungerührt“ und „überraschend“ diszipliniert erscheinen.

Die Spielregeln, die ein Leben auf engem Raum möglich machen, kommen genauso wenig von ungefähr, sondern haben sich gerade in den letzten 150 Jahren des rasanten Aufstiegs Japans als unverzichtbar erwiesen. Was in westlichen Augen bisweilen als „dümmlicher Herdentrieb“ disqualifiziert wird, ist nichts anderes als Ausdruck des Respekts vor dem Anderen und der Unverzichtbarkeit des Einbringens in die Gemeinschaft.

Und vor diesen grob angerissenen Hintergründen ist auch die Frage zu beleuchten, wie Japaner die dramatischen Erlebnisse am 11. März und danach bewältigt haben bzw. bewältigen. Alle Welt hat von der großen Ruhe und dem mustergültig zivilisierten Verhalten der Japaner in der Krise berichtet – und dieser Eindruck hat sich auch mir besonders in den ersten Stunden nach dem großen Beben förmlich aufgedrängt. Aber wer in Japan (und anderen fernöstlichen Ländern) ein fröhliches Lachen als Beweis der Unbekümmertheit ansieht, hat wenig von dem verstanden, wie andere Völker mit ihren Emotionen umgehen. Denn natürlich waren auch die Einheimischen durch das Erlebnis des Bebens verängstigt – schließlich hat wahrscheinlich kaum einer der heute Lebenden vorher Ähnliches erlebt. Aber die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die auch außerhalb von Krisenzeiten eine hohe Priorität hat, wirkt natürlich auch in der Krise Wunder – die Menschen „wissen“ ganz einfach, wie sie sich verhalten müssen – teilweise weil das richtige Verhalten im Katastrophenfall mehr oder weniger ständig geübt wird, teilweise weil dem Menschen die natürlichen Instinkte eben doch noch nicht vollkommen abhandengekommen sind (was im Übrigen keine japanische Besonderheit ist – in Zeiten kollektiver Bedrohung halten Gemeinschaften fast immer instinktiv zusammen).

Meiner Erfahrung nach gehen die meisten Japaner überaus souverän, umfassend informiert und sehr nüchtern mit den Bedrohungen um, die sich durch die nukleare Katastrophe in Fukushima ergeben haben. Den bisweilen ganz offen unterstellten Informationsmangel, der ja nicht selten auch als naive Gutgläubigkeit angeprangert wurde, konnte ich zu keinem Zeitpunkt feststellen. Im Gegenteil! In meinen Augen ist es eher bewundernswert, dass die meisten Menschen durchaus zwischen sensationslüsterner Panikmache und den tatsächlichen Fakten unterscheiden können. Das geht auch damit einher, dass zwischen einem übersteigerten Sicherheitsanspruch und ganz praktischen Notwendigkeiten abgewogen wird. Ein vorsichtiges Informationsmanagement durch die offiziellen Stellen (übrigens nicht nur im Ausland als „Verschweigen der Wahrheit“ wahrgenommen), war schließlich nicht die ausschließliche Grundlage für das Abschätzen der Situation, hat aber immerhin dazu beigetragen, dass die Gefahr von Massenpanik gering gehalten wurde.

Die über lange Zeit gänzlich imponderable Situation an den Atommeilern in der Präfektur Fukushima hat in der Bevölkerung Tōkyōs ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während viele Ausländer in blinden Aktionismus verfallen sind und das Land verlassen haben, sind andere lediglich für kurze Zeit in die westlichen Landesteile ausgewichen. Auch Einheimische – besonders die mit kleinen Kindern – haben versucht, sich der Bedrohung aus der Luft, dem Wasser und durch Nahrungsmittel zumindest vorübergehend durch einen Aufenthalt im Westen des Landes zu entziehen. Hierbei hat die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Bedrohung natürlich eine entscheidende Rolle gespielt. Die große Mehrheit hat aber wohl in der Überzeugung, dass dem Land am besten gedient ist, indem man „weitermacht wie bisher“, versucht, den bisherigen Lebensstil – soweit möglich – beizubehalten. Für nicht wenige wird der Mangel an praktischen Alternativen einen Verbleib in Tōkyō natürlich ebenso begünstigt haben.

Für die Bevölkerung Tōkyōs gab und gibt es ja auch lediglich Einschränkungen in der Bequemlichkeit. Die Stromeinsparungserfordernisse haben dazu geführt, dass zumindest die äußeren Teile der Präfektur Tōkyō reihum für drei Stunden am Tag ohne Strom auskommen mussten. Inzwischen gibt es einen neuen „Trend“ in der Stadt der bisher meist völlig übertriebenen Beleuchtung: Der Charme von Abendessen bei Kerzenlicht wird neu entdeckt.

Die Fahrpläne der Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs wurden vorübergehend zusammengestrichen (wobei der Service auf noch immer vergleichsweise hohem Niveau blieb – die Zugfrequenz blieb auffallend höher als in jeder deutschen Großstadt). Im Zuge der Dringlichkeit der Versorgung der Menschen in den verwüsteten Landesteilen und aufgrund (allerdings nur geringfügiger) Einschränkungen durch radioaktiv verstrahlte Lebensmittel kam es zu gewissen Engpässen bei der Versorgung der Großstadt (zumindest verglichen mit dem allzeitigen Überfluss, der vor der Katastrophe herrschte). Wirkliche Einschränkungen mussten aber nur dort hingenommen werden, wo verunsicherte oder nur schlecht informierte Menschen ihre Zuflucht in Hamsterkäufen suchten. Da der beengte und kostspielige Wohnraum in Tōkyō niemandem den Raum und die Möglichkeit bietet, „echte“ Vorräte anzulegen und aufgrund kaum verbreiteter Erfahrung mit der Lagerhaltung, erstreckten sich die Hamsterkäufe auch oft auf auffallend verderbliche Waren (Brot in erster Linie). Und natürlich ist verständlich, dass die meisten Verbraucher nach den Geschehnissen verunsichert sind – selbst einwandfreie Lebensmittel verrotten auch schon mal in den Regalen, weil nur wenige den Versicherungen der offiziellen Stellen uneingeschränkten Glauben schenken. In dieser Situation ist es für alle Betroffenen schwer, wirklich sachgerecht zu entscheiden – im Zweifelsfalle entscheidet man sich eben für den Verzicht.

Während auch in dieser Phase Ausländer noch immer die Ruhe und Beherrschtheit der japanischen Bevölkerung priesen, hat selbstverständlich ein Großteil der Bevölkerung die Ungewissheit um die weitere Entwicklung in den Atomanlagen mit Angst und Schrecken erfüllt.

Ausländische Medien fragen nun, ob sich die Einstellung der Japaner gegenüber der Atomenergie verändert habe – sie verkennen dabei, dass es auch in Japan schon seit vielen Jahren eine überaus lebendige Anti-Atomkraft-Bewegung gibt, diese Art der Energiegewinnung also auch vor der Katastrophe von Fukushima nicht unkritisiert geblieben ist. In der Krise hat sich aber die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung als überaus pragmatisch erwiesen: Es ging zunächst darum, die Krise zu überwinden, die in Not Geratenen zu unterstützen und die Aufrechterhaltung des Lebens zu gewährleisten. Trotzdem war der Unmut über die Schlampereien des Kraftwerksbetreibers ebenso ausgeprägt wie die Erkenntnis, dass jeder Einzelne eine Mitschuld an dem Geschehen trägt, weil eine menschenverachtende Technologie hingenommen worden ist. Immerhin gibt es seitens der Anteilseigentümer Bestrebungen, den Betreiber der havarierten Atomanlagen in Fukushima dazu zu bewegen, künftig komplett aus der Stromgewinnung durch Kernspaltung auszusteigen. Welche Entwicklung die Anti-Atom-Bewegung in Japan künftig nehmen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Die kritischen Berichte im Fernsehen und in den Printmedien des Landes – meist allerdings nicht reißerisch zur „Sensation“ aufgeblasen – haben schon seit der ersten Offenlegung der Atomkatastrophe für eine veränderte Wahrnehmung in der Bevölkerung gesorgt.

Dass es zumindest bisher nicht zu einem Sturmlauf gegen die Atomkraft gekommen ist, mag zwei Fakten zu „verdanken“ sein: Der Erkenntnis, dass es in dem (mit Deutschland verglichen) von der Atomkraft wesentlich abhängigeren Japan keinen schnellen Weg aus der Atomkraft gibt, da die Energieversorgung auf einer Insel nun mal an andere Rahmenbedingungen geknüpft ist, als in einem Binnenland. Außerdem erscheint es zumindest mir so, dass Massenproteste in Japan einer anderen Dynamik unterliegen als in Deutschland – das Aufdrängen der eigenen Überzeugung anderen gegenüber wird grundsätzlich nicht als Tugend angesehen, folglich auch vermieden.

Für mich persönlich ist die vielleicht überraschendste Erfahrung die, dass wirklich ein ganz wesentlicher Teil des täglichen Energiebedarfs eingespart werden kann, ohne dass dies notwendigerweise eine spürbare Einschränkung des persönlichen Komforts mit sich bringen muss. Auf diesem Gebiet hat Japan ein ungeheures Einsparungspotenzial. Es wäre zu wünschen, dass diese Erkenntnis ein neues Verhältnis jedes Einzelnen zum Umgang mit den Ressourcen nach sich zieht.

Autor:
Thomas Gittel ist selbständiger Unternehmensberater und lebt in Japan. Die Auswirkungen des großen Erdbebens hat er in Tokio miterlebt.

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