Die USA sind der größte Produzent von Atomenergie – zum 1. August 2023 waren dort 93 kommerzielle Kernreaktoren in 54 AKW in Betrieb – das Durchschnittsalter der Reaktoren liegt bei 42 Jahren. Eine neue Studie der Harvard Medical School belegt: Wer in der Nähe von AKW lebt, hat ein messbar höheres Krebsrisiko. Die Ergebnisse bestätigen die deutsche KiKK-Studie von 2007. Die landesweite Studie von Alwadi et al. hat die Krebssterblichkeit im Umkreis von bis zu 200 Kilometern um alle 93 aktuell betriebenen Atomkraftwerke in den USA für die Jahre 2000 bis 2018 untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend:
– Schon ab 50 Kilometer Entfernung zu einem AKW lässt sich ein messbarer Anstieg der Krebssterblichkeit nachweisen.
– Je näher Menschen an einem AKW wohnen, desto höher ist ihr Risiko, an Krebs zu erkranken und daran zu sterben. Bei Frauen und Männern, die in unmittelbarer Nähe leben, steigt das Risiko um bis zu 20 Prozent.
Alle Altersgruppen zwischen 35 und über 85 Jahren sind betroffen, besonders stark jedoch Frauen im Alter von 55 bis 64 Jahren (+2,1 %) und Männer zwischen 65 und 74 Jahren (+2,0 %).
– Die Regressionskoefizienten für 55-64-jährige Frauen von 0,74 und von 0,7 für 65-74-jährige Männer bedeuten einen starken bis sehr starken Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnortes zu einem Kernkraftwerk und der zu erwartenden Krebshäufigkeit.
Die Daten stammen von den Centers for Disease Control, den Gesundheitsbehörden der betroffenen Regionen. Der Anstieg der Krebssterblichkeit bei Frauen bis 64 und Männern bis 74 Jahren lässt sich damit erklären, dass diese Gruppen in ihrem Leben bereits länger der Strahlung ausgesetzt waren. Bei älteren Anwohner*innen sinkt das Risiko wieder – vermutlich, weil in ihren jungen, strahlensensiblen Jahren noch keine AKWs in Funktion waren.
Ursache: Radioaktive Strahlung aus AKWs
Dass die von AKWs ausgehende – wenn auch geringe – ionisierende Strahlung aus radioaktiven Partikeln in der Abluft für den Anstieg von Krebsfällen und Todesfällen verantwortlich ist, gilt als wissenschaftlich plausibel und sehr wahrscheinlich. Denn: Es gibt keinen unteren Schwellenwert für die Krebs-verursachende Wirkung ionisierender Strahlung. Selbst kleine Dosen können Krebs auslösen.
Die Strahlung kann die Chromosomen in den Zellen schädigen. Besonders gefährdet sind dabei die Spindelfasern, die während der Zellteilung dafür sorgen, dass die Chromosomen korrekt auf die Tochterzellen verteilt werden. Werden diese Fasern beschädigt, können Chromosomen brechen oder unvollständig weitergegeben werden. Solche Fehler – sogenannte chromosomale Aberrationen – finden sich in allen 80.550 in der internationalen Mitelman-Datenbank erfassten malignen Tumoren. Diese Schädigungen gelten als eine der Hauptursachen für die Entstehung von Krebs.
Bestätigung der KiKK-Studie
Schon 2007 hatte die deutsche KiKK-Studie, eine Fallkontrollstudie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken, einen Zusammenhang zwischen AKW-Nähe und Krebs bei Kindern nachgewiesen. Damals wurde das Vorkommen von Leukämie bei unter 5-Jährigen in einem Fünf-Kilometer-Umkreis um 16 deutsche AKWs zwischen 1980 und 2003 untersucht. Von 1.592 Kindern in AKW-Nähe erkrankten 593 an Leukämie. In der Kontrollgruppe von 4.735 Kindern, die weiter entfernt lebten, waren es nur 1.633 Fälle. Das entspricht einem statistisch signifikant um das 1,4- bis 1,5-Fache erhöhten Risiko für Kinder, die innerhalb von fünf Kilometern um ein AKW leben.
Kinder sind besonders gefährdet
Dass vor allem Kinder betroffen sind, ergibt sich wissenschaftlich plausibel aus ihrer höheren Strahlenempfindlichkeit: Sie entwickeln sich noch und haben eine höhere Zellteilungsrate als Erwachsene. Da sich die Zellen im Knochenmark besonders schnell teilen, entstehen vor allem Leukämien. So kam es auch wenige Monate nach den Atombomben-Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki 1945 in der Region zu einem drastischen Anstieg des Vorkommens von Leukämien. Krebsverursachende Chromosomen-Aberrationen entstehen vor allem während der Zellteilungen. Daher ist das Knochenmark von Kindern besonders strahlenempfindlich.
Prof. Dr. med. Alfred Böcking ist Cytophathologe und IPPNW-Mitglied aus Berlin.
Quellen:
Alwadi, Y., Alahmad, B., Vieira, C.L.Z. et al.: National analysis of cancer mortality and proximity to nuclear power plants in the United States. Nature communications (2026) 17:1560-69.
Kaatsch et al.: Leukämien bei unter 5-jährigen Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke. Deutsches Ärzteblatt (2008) 105:725-732.
Grafik: National analysis of cancer mortality and proximity to nuclear power plants in the United States, Nature Communications, 2026
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