Nach der Absage der Stationierung landgestützter US-Mittelstreckenwaffen hat Bundeskanzler Friedrich Merz von US-Präsident Donald Trump am Rande des NATO-Gipfels in Ankara Anfang Juli 2026 die Zusage erhalten, Tomahawk-Marschflugkörper samt mobilen Abschussrampen kaufen zu können. Auch wenn viele Details noch unklar bleiben und mehr Informationen erst zwischen Fertigstellung und Versand dieses Heftes zu erwarten sind, versucht dieser Beitrag einen Überblick über das Vorhaben sowie den Stand der europäischen Aufrüstungsbemühungen mit Mittelstreckenwaffen zu geben. Ein Rüstungswettlauf in Qualität und Quantität dieser Systeme ist bereits in vollem Gange. Risikominimierung durch vertrauensbildende Maßnahmen, Rüstungskontroll- und Abrüstungsinitiativen sind daher dringend geboten.
In Deutschland und Europa wurde die militärische Fähigkeit, mit landgestützten Mittelstreckenwaffen tief im Gebiet eines Gegners präzise Schläge gegen strategische Ziele ausführen zu können, als sogenannte „Fähigkeitslücke“ identifiziert. Bislang verfügen europäische Streitkräfte vor allem über see- und luftgestützte Systeme – das bekannteste Beispiel in Deutschland ist der vom Flugzeug gestartete Marschflugkörper Taurus mit einer Reichweite von 500 km. Da in diesen Bereichen – wie in fast allen konventionellen Feldern [1] – eine deutliche Überlegenheit der europäischen NATO-Staaten (inklusive Kanada) besteht, kann von einer echten Fähigkeitslücke nur bedingt gesprochen werden. [2]
Die gescheiterte US-Stationierung
Die Schließung der vermeintlichen Lücke bei den landgestützten Systemen verfolgte die Bundesregierung unter Olaf Scholz ursprünglich über zwei Pfade:
Zum einen wurde unter dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden die Stationierung einer Multi-Domain Task Force in Deutschland vereinbart – samt Long Range Fires Battalion, das über ballistische Raketen (SM-6), Marschflugkörper (Tomahawk) und Hyperschallgleiter (Dark Eagle) verfügen sollte. Dies diente neben der konventionellen Abschreckung Russlands durch Erstschlagkapazitäten auf strategische Ziele auch dem Zweck, die USA fest an Europa zu binden – da diese ihren strategischen Fokus nicht erst seit der ersten Trump-Amtszeit verstärkt auf den Pazifikraum und China richten. Seit dem 2. Mai 2026 ist jedoch klar, dass diese US-Waffen nicht kommen werden; der Schritt wurde von US-Kriegsminister Pete Hegseth verkündet. Über die Gründe wird viel spekuliert: War es eine Reaktion auf einen Kommentar von Merz bei einem Schulbesuch? Haben die USA durch ihren Angriff auf den Iran selbst nicht genügend Kapazitäten? Oder geschah es mit Blick auf eine mögliche russische Reaktion? Das bleibt unklar. Die 2nd MDTF bleibt jedoch weiterhin in Wiesbaden stationiert.
Zudem wurde neben dem Stationierungsverzicht eine Truppenreduktion um 5.000 Soldat*innen in Vilseck angekündigt; weitere Reduzierungen könnten durch die derzeit laufende Überprüfung der US-Truppenpräsenz folgen. Das ursprüngliche Vorhaben der Vorgängerregierung, an dem auch die Regierung Merz festhielt, kann damit zumindest gemessen an den eigenen Zielen als gescheitert gelten.
Der Tomahawk-Kauf
Zum anderen bemüht sich die Bundesregierung seit Juli 2025 um den direkten Kauf eigener Tomahawk-Marschflugkörper samt Startsystemen. Nach einem Jahr Verhandlungen folgte nun die Zusage der US-Administration. Laut dem Nachrichtenportal Politico umfasst die deutsche Anfrage Startrampen sowie 400 Tomahawk-Marschflugkörper, von denen die Hälfte für die Marine vorgesehen ist. Die Kosten sollen sich auf rund 1,37 Milliarden Euro belaufen, so Politico im Oktober 2025. [3] Allerdings steht auch hier in den Sternen, wann die Waffensysteme tatsächlich geliefert werden können: Auch andere Staaten warten derzeit auf zugesagte US-Lieferungen und wurden bereits vertröstet. [4]
Europäisches Projekt: ELSA
Parallel zu der damaligen Stationierungsankündigung 2024 wurde nur einen Tag später ein bekannt: Unter dem Namen European Long Range Strike Approach (ELSA) wollen mehrere europäische Staaten eigenständig verschiedene Waffensysteme entwickeln, darunter Marschflugkörper und Hyperschallwaffen. Beteiligt an diesem Rahmenprogramm für acht Kernfähigkeiten sind Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien. Geplant sind – in Anlehnung an frühere INF-Beschränkungen – ein europäisches Startsystem für mehrere Waffenarten, bodengestützte Angriffswaffen mit Reichweiten von 500 bis über 2.000 km sowie massenhaft produzierbare Waffen über 500 km. [5]
Bislang befinden sich im ELSA-Rahmen erst wenige konkrete Projekte in Umsetzung. Hervorzuheben ist die deutsch-britische Vereinbarung zur Entwicklung weitreichender Systeme über 2.000 km im Rahmen des Trinity-House-Abkommens, deren Fertigstellung jedoch nicht vor Anfang der 2030er-Jahre erwartet wird. Unabhängig davon bringen sich Rüstungsunternehmen in Stellung: Das niederländische Unternehmen Destinus plant gemeinsam mit Rheinmetall die Produktion von bis zu 2.000 Stück des Marschflugkörpers „Ruta Block 3“ jährlich (Reichweite über 2.000 km). Während Variante Block 1 (300 km) und Block 2 (700 km) derzeit für die Ukraine gefertigt werden, strebt man bis 2028 Zertifizierungen für den Verkauf an NATO-Staaten an. [6] Zudem will MBDA seine Naval Cruise Missile für den Landeinsatz umrüsten (Reichweite ca. 1.000 km), die frühestens 2030 verfügbar sein soll. [7]
Die globale Dimension: Russland und die Ukraine
Diese Vielzahl europäischer Aufrüstungsprojekte treibt eine gefährliche Spirale an und wirkt auf dem Kontinent massiv destabilisierend. Russland wiederum hat seit dem Ende des INF-Vertrags neue Systeme innerhalb der ehemals verbotenen Reichweiten entwickelt oder aufgerüstet (etwa Zirkon oder P-800 Oniks) und setzt diese im Krieg gegen die Ukraine ein. [8] Die Mittelstreckenwaffe Oreshnik mit Mehrfachsprengköpfen wurde bereits mehrfach genutzt; sie ist wie viele russische Systeme sowohl konventionell als auch nuklear bestückbar – was zusätzliche Unsicherheiten und Eskalationspotenziale schafft. Auch der umstrittene Marschflugkörper 9M729 fiel durch eine weit größere Reichweite von rund 1.200 km auf. Im INF-Disput ahatte Russland eine Reichweite angege-ben, die 500 km nicht überstieg. [9] Die Ukraine wiederum entwickelt neben Drohnen eigene Marschflugkörper (FP-5, Reichweite 3.000 km) und ballistische Raketen (u.a. FP-9, Reichweite 850 km), um Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen.
Die Absage der US-Stationierung bietet die historische Chance, diese gefährliche Eigendynamik zu stoppen. Doch anstatt auf Abrüstung zu setzen, reagiert die europäische Politik reflexartig mit dem Kauf und der Entwicklung eigener Reichweitenwaffen. Damit werden die Risiken verkürzter Vorwarnzeiten, permanenter Alarmbereitschaft und ungewollter Eskalationsgefahren nur verlagert, nicht behoben.
Die Alternative: Rüstungskontrolle und Abrüstung
Genau hier setzt die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ [10] an: Sie fordert von der Bundesregierung, den Absage-Impuls zu nutzen und umgehend Initiativen für Rüstungskontrolle und gemeinsame Sicherheit auf den Weg zu bringen. Dieser Weg wird von der Bevölkerung breit getragen: Bei einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag der Kampagne befürworteten 54 Prozent der Befragten den Anstoß diplomatischer Rüstungskontrollprozesse für landgestützte Mittelstreckenwaffen, eine Forderung, die auch der DGB auf seinem letzten Bundeskongress stellte. Auch das Friedensgutachten 2026 empfiehlt ein umgehendes Stationierungsmoratorium für neue Systeme. [11]
Ziel muss ein multilaterales INF-Nachfolgeabkommen sein, das sämtliche landgestützten Mittelstreckenwaffen dauerhaft aus Europa verbannt und durch ein verlässliches, unbefristetes Verifikationsregime absichert. Erste Schritte in diese Richtung können ein Informationsaustausch und weitere vertrauensbildende Maßnahmen sein. [12] Statt Milliarden in neue Erstschlagkapazitäten zu investieren, braucht Europa Initiativen für Dialog und Deeskalation – für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen, in Ost wie in West.
Marius Pletsch ist Koordinator der Kampagne „friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Deutschland ohne Mittelstreckenwaffen.“ Er ist Referent bei der DFG-VK und im Beirat der IMI aktiv.
Quellen:
[12] Bödecker, Simon; Hauschulz, Juliane; Pletsch, Marius (2026): Bewährte Wege, neue Ansätze, in: W&F Dossier 102.
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