In einem neuen Report mit dem Titel „Debt, Delays, Dependencies“ kritisieren die Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Urgewald und Ecodefense die Entscheidung der Weltbankgruppe und der Asiatischen Entwicklungsbank, künftig in Atomenergieprojekte zu investieren. Über ein halbes Jahrhundert waren derartige Investitionen seitens der Weltbank ausgeschlossen. Die Entscheidung markiert somit eine Trendwende. Multilaterale Entwicklungsbanken und internationale Finanzinstitutionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung globaler Investitionen. Durch sie bündeln Staaten Kapital, um etwa große Entwicklungs-, Infrastrukturprojekte und Stabilitätsziele zu finanzieren, die einzelne Länder allein oft nicht stemmen könnten. Daher gilt es, diesen Entwicklungen im Sinne einer Welt frei von atomaren Gefahren entschieden zu widersprechen. Deutschland ist nach Kapital‑ und damit Stimmrechtsanteilen viertgrößter Anteilseigner der Weltbank.
Der Bericht wurde von 30 Organisationen unterstützt, darunter die deutsche IPPNW, die die Ansicht vertreten, dass öffentliche Gelder der Weltbank und anderer sogenannter Entwicklungsbanken nicht in die Sackgasse Atomenergie fließen sollten. Sie warnen davor, dass andere multilaterale Finanzinstitutionen dieser Entscheidung folgen könnten. Ende Juni 2025 unterzeichneten der Präsident der Weltbankgruppe, Ajay Banga, und der IAEO-Generaldirektor, Rafael Mariano Grossi, eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit der beiden Institutionen. Darin hielten sie fest, dass die IAEO zum Aufbau von Fachwissen auf Seiten der Weltbankgruppe im Nuklearbereich beitragen soll, um künftig Laufzeitverlängerungen bestehender AKW und die Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (SMR) zu fördern.
Die gegenwärtige Initiative von Weltbank und IAEO reiht sich in eine Kette von Versuchen ein, der strauchelnden Atomwirtschaft den Zugriff auf öffentliche Gelder zu ermöglichen. Denn erst durch staatliche Anschübe und Garantien – die Ewigkeitskosten der radiotoxischen Altlasten von der Urangrube bis zur ungelösten Endlagerung sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt – lassen sich mit privatwirtschaftlichen Investitionen in die Nuklearindustrie Gewinne erzielen.
Schon in der Erkläruung, die von der Fantasie einer Verdreifachung der weltweiten nuklearen Stromerzeugungskapazitäten handelte und auf der COP28, dem Weltklimagipfel 2023, medienwirksam präsentiert wurde, warben die Unterstützerstaaten der Atomenergie für eine Öffnung der Weltbank und regionaler Entwicklungsbanken für AKW-Projekte. Auch die im März 2026, vorgestellte SMR-Strategie der Europäischen Kommission zielt darauf ab, neue Atomprojekte mit öffentlichen Geldern finanziell abzusichern und sie so für privatwirtschaftliche Investitionen attraktiver zu machen. Kurzum: Sollte jemals Gewinn mit diesen Hochrisikoprojekten erzielt werden, wird dieser privatisiert, während die Anschubkosten, finanziellen Risiken und Ewigkeitskosten der Altlasten in jedem Fall vergesellschaftet werden.
Für eine öffentlichkeitswirksame Darstellung wird immer wieder die Behauptung aufgestellt, Atomenergie sei ein wirkungsvolles, nachhaltiges und günstiges Mittel zur Überwindung multipler Krisen. So vertraten es auch IAEO-Chef Grossi und Weltbankpräsident Banga bei der Bekanntgabe ihrer Kooperationspläne. Der Weltbankpräsident sieht AKW als Entwicklungsmotor: „Arbeitsplätze brauchen Strom. Das Gleiche gilt für Fabriken, Krankenhäuser, Schulen und Wasserversorgungssysteme. Da der Bedarf – sowohl durch KI als auch durch die allgemeine Entwicklung – stark ansteigt, müssen wir den Ländern dabei helfen, zuverlässige und bezahlbare Energie bereitzustellen. Deshalb setzen wir auf Atomenergie als Teil der Lösung und nehmen sie wieder in den Energiemix auf, den die Weltbankgruppe den Entwicklungsländern anbieten kann, damit diese ihre Ziele erreichen können.“ Der IAEO-Chef spricht unterdessen von einer „wegweisenden Partnerschaft“ ihrer beiden Institutionen, die ein Zeichen dafür sei, „dass die Welt in Bezug auf die Atomenergie wieder zu Realismus zurückkehrt“. Gemeinsam ebne man „den Weg für andere multilaterale Entwicklungsbanken und private Investoren“, um Geld für die Atomenergie als „tragfähiges Instrument für Energiesicherheit und nachhaltigen Wohlstand“ in Betracht zu ziehen.
In ihrem Vorwort zum im April 2026 neu erschienenen Report stellt Claudia Kemfert, Professorin für Energieökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, klar, dass derartige Darstellungen einer ernsthaften wirtschaftlichen, ökologischen oder geopolitischen Prüfung nicht standhalten. Vielmehr stelle die „wachsende Unterstützung für die Atomenergie – seitens Regierungen und zunehmend auch seitens multilateraler Finanzinstitutionen – [...] eine kostspielige Fehlallokation knapper öffentlicher Mittel dar“.
Namhafte Wissenschaftler*innen sowie langjährig aktive Campaigner*innen führen in fünf Kapiteln die Hintergründe und Argumente dieser Feststellung aus. Hinsichtlich der schlechten wirtschaftlichen Gesamtbilanz der Nutzung von Atomenergie stellen die Autor*innen fest, dass die Atomkraft zwar oft als kostengünstig dargestellt wird, hinter ihr aber tatsächlich selten, wenn überhaupt, eine wirtschaftliche Entscheidung stand.
Das Versprechen billigen Stroms beruhte stets auf der Prognose, dass neue Reaktoren aufgrund von Lerneffekten und verbesserter Konstruktion geringere Kosten und kürzere Bauzeiten aufweisen würden und nicht unter den Problemen leiden würden, die ihre Vorgänger unwirtschaftlich machten, stellt Steve Thomas, Professor für Energiepolitik an der University of Greenwich in London, klar. In der Vergangenheit wurden diese Fragen der Wettbewerbsfähigkeit und der Risiken verschleiert, da die Stromversorger als Monopolisten ihre Erzeugungsquellen unabhängig von den Kosten frei wählen konnten. Sie konnten alle ihnen entstehenden Kosten an ihre Kund*innen weitergeben. Die Einführung wettbewerbsorientierter Strommärkte und strengerer Regulierungsvorschriften hat jedoch zur Folge, dass sich Energieversorger den Bau von Kraftwerken, die nicht wettbewerbsfähig sind und hohe wirtschaftliche Risiken bergen, nicht mehr leisten können. Infolgedessen haben Regierungen, die nicht auf den Zugriff auf Nukleartechnologie verzichten wollen, zunehmend die frühere Rolle der Energieversorger übernommen. Sie wählen die Technologien aus, beteiligen sich am Kapital, stellen die Finanzierung bereit und schreiben Stromabnahmeverträge vor, die die Verbraucher dazu verpflichten, den teuren Strom zu kaufen, den diese Reaktoren produzieren. Professor Steve Thomas warnt, dass bald auch multilaterale Entwicklungsbanken diese Rolle übernehmen könnten, wodurch die Kosten und Risiken weiterhin von Steuerzahlerinnen und Stromverbrauchern getragen würden.
Unterdessen betont Vladimir Slivjak, Co-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation „Ecodefense“ und Preisträger des Right Livelihood Awards, dass die Entscheidung der Weltbank, ihr Finanzierungsverbot für Atomenergieprojekte aufzuheben, zu einem zusätzlichen Förderprogramm für exportierende Unternehmen führen dürfte. Er stellt heraus, dass sich der russische Staatskonzern Rosatom seit Beginn der 2000er Jahre strategisch positioniert hat und sich zu einem weltweit führenden Anbieter von Reaktoren, Brennstoffen und den damit verbundenen Dienstleistungen entwickelt hat. Rosatom verfügt über das weltweit größte Projektportfolio im Nuklearbereich. Seit 2022 hat Rosatom seine diplomatischen Bemühungen im Globalen Süden intensiviert. Slivjak warnt daher, dass multilaterale Finanzhilfen den russischen Einfluss stärken könnten. Er betont, dass Rosatoms Projekte von autoritären Rahmenbedingungen, fehlender unabhängiger Kontrolle und Unterdrückung der Zivilgesellschaft geprägt sind.
Die Autor*innen kommen daher zu dem Schluss, dass multilaterale Entwicklungsbanken aufhören sollten, in falsche Hoffnungen, veraltete Technologien und nachweislich irreführende Versprechungen zu investieren. Sie empfehlen, stattdessen bereits bewährte Energielösungen zu fördern, von denen Menschen und der Planet wirklich profitieren.
Den Report „Debt, Delays, Dependencies“ finden Sie hier.
Patrick Schukalla ist Referent der IPPNW für Atomausstieg, Energiewende und Klima.
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