Die aktuelle Situation in Palästina ist zum einen von heftigsten Siedlerattacken im Westjordanland geprägt, zum anderen von einer Lage in Gaza, in der trotz des sogenannten Waffenstillstands die Kämpfe weitergehen. Seit dem „Waffenstillstand“ wurden mindestens 1.255 Palästinenser*innen getötet.
Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF berichtet im Juni 2026: „Die humanitäre Lage im Gazastreifen bleibt verheerend: Trotz der im Oktober 2025 vereinbarten Waffenruhe gehen die Angriffe weiter. Seit Oktober wurden 265 Kinder im Gazastreifen getötet – das ist im Durchschnitt ein Kind pro Tag. Die meisten Familien im Gazastreifen haben ihr Zuhause verloren und leben in provisorischen Zeltlagern. Es fehlt an Trinkwasser und Lebensmitteln. Aktuell leiden etwa zwei Drittel der Bevölkerung in Gaza Hunger (Stand: 23. Juli 2026). Besonders stark betroffen sind Gebiete nahe der vom israelischen Militär kontrollierten Linie. Dort ist der Zugang zu humanitärer Hilfe besonders schwierig; über 200.000 Menschen in dieser Region sind in einer lebensbedrohlichen Notlage. 74.000 Kindern droht Mangelernährung.“
Krieg gegen das Gesundheitswesen
94 Prozent der ehemals 35 Krankenhäuser sind beschädigt oder zerstört; nur etwa 19 können aktuell noch teilweise medizinische Leistungen erbringen. Die Situation bleibt dramatisch: Noch am 1. August 2026 wurden beispielsweise bei einem Angriff in der Nähe des Al-Aqsa-Krankenhauses in Deir al-Balah medizinische Lagerhäuser und Teile der ambulanten Versorgung beschädigt.
Der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Christian Katzer, berichtete bereits im Mai 2026 in der Tagesschau, dass seit dem 1. Januar 2026 kein Material mehr nach Gaza gebracht werden konnte und sich die Lager inzwischen leeren. Es fehlt an Trinkwasser, Zelten, Lebensmitteln, Verbandsstoffen und Medikamenten. Da Ärzte ohne Grenzen zugleich der zweitgrößte zivile Trinkwasserversorger in Gaza ist und das technische Personal stellt, das die Entsalzungsanlagen und die Generatoren für die Stromversorgung der Krankenhäuser am Laufen hält, ist all dies hochgradig gefährdet.
„Wasser als Mittel zur kollektiven Bestrafung der Palästinenser*innen im Gazastreifen“ heißt eine Stellungnahme von Ärzte ohne Grenzen vom 28. April 2026. In diesem Artikel führt die Notfallkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen aus: „Die israelischen Behörden […] haben die Wasserinfrastruktur in Gaza bewusst und systematisch zerstört und gleichzeitig den Zugang zu Wasservorräten konsequent blockiert. […] Palästinenser*innen wurden verletzt und getötet, nur weil sie versucht haben, an Wasser zu kommen. […] Dieser Mangel, verbunden mit katastrophalen Lebensbedingungen, extremer Überbelegung und einem zusammengebrochenen Gesundheitssystem, schafft ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Krankheiten.“
Behinderung von Hilfsorganisationen
Das UNRWA-Hauptquartier in Jerusalem wurde komplett zerstört. Israelischen Versorgern wurde verboten, Wasser, Strom, Telekommunikation oder Finanzdienste für UNRWA bereitzustellen. Zudem erhielten israelische Behörden zusätzliche Möglichkeiten zur Beschlagnahmung von Grundstücken und Gebäuden. Trotz dieser Maßnahmen bleibt UNRWA einer der wichtigsten humanitären Akteure in Gaza – wenn auch stark eingeschränkt und unter massivem logistischem und politischem Druck.
Ende Februar 2026 mussten viele internationale Mitarbeiter*innen internationaler NGOs Gaza verlassen, da Israel ihnen die Lizenz entzogen hatte. Da die israelische Regierung keine internationalen Mitarbeiter*innen mehr nach Gaza hereinlässt, müssen die palästinensischen Kolleg*innen vor Ort die Arbeit allein bewältigen – Beschäftigte, die in Zelten leben und sich nach ihrer Schicht wie alle anderen für Lebensmittel anstellen müssen. Dass Israel Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen die Lizenz zur humanitären Hilfe entzieht, verstößt eindeutig gegen das humanitäre Völkerrecht und verschärft die humanitäre Katastrophe.
Medizinisches Personal getötet oder verhaftet
Das Projekt „Healthcare Workers Watch“ dokumentierte bis zum 17. April 2026 insgesamt 1.571 getötete palästinensische Gesundheitskräfte seit dem 7. Oktober 2023. Seit Kriegsbeginn wurden 362 Beschäftigte des Gesundheitswesens festgenommen, 83 befanden sich aktuell noch in israelischer Haftiv. Der international bekannteste Gefangene ist Dr. Hussam Abu Safiya, Kinderarzt und ehemaliger Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Nordgaza. Er sitzt inzwischen seit über 600 Tagen ohne Anklage in Haft.
Free Dr. Hussam Abu Safiya!
Am 2. Juli 2026 hat ein Rechtsanwalt der Physicians for Human Rights Israel (PHRI) Dr. Hussam Abu Safiya besucht und danach von dessen lebensbedrohlichem Zustand berichtet. Laut der eidesstattlichen Erklärung von Rechtsanwalt Odeh wurde Dr. Abu Safiya mit gefesselten Händen und Füßen und in Begleitung maskierter Gefängniswärter*innen zu dem Treffen gebracht. Er wies frische, schwere Verletzungen am Kopf, um die Augen herum sowie an den Ohren und am Hals auf – in einem solchen Ausmaß, dass der Anwalt ihn zunächst kaum wiedererkennen konnte. Während des Besuchs hatte Dr. Abu Safiya Schwierigkeiten, zu atmen und zu sprechen. Er wirkte extrem geschwächt, hatte Mühe, aufrecht zu sitzen, ohne umzufallen, und schien mehrmals kurz davor zu sein, das Bewusstsein zu verlieren. Aufgrund dieser direkten Beobachtungen kam der Rechtsanwalt zu dem Schluss, dass Dr. Abu Safiyas Leben in unmittelbarer Gefahr ist.
Dr. Abu Safiyas Worte gingen um die Welt: „Das ist das letzte Mal, dass Ihr mich seht […] Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu töten. Ich glaube nicht, dass ich das überleben werde. Das ist das Ende.“ PHRI hat deshalb einen Aufruf an die Weltöffentlichkeit gerichtet, sich für ihn einzusetzen: Für den sofortigen Zugang zu unabhängiger medizinischer Untersuchung und Behandlung. Für eine sofortige unabhängige Untersuchung der Haftbedingungen. Für die sofortige Freilassung von Dr. Abu Safiya und allen palästinensischen Gesundheitsfachkräften, die willkürlich ohne Anklage oder ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren inhaftiert wurden.
Diesem Aufruf folgte die IPPNW zusammen mit medico international, der Initiative medsolidar und dem vdää*. Sie richteten einen gemeinsamen Brief an Außenminister Wadephul, sich für Dr. Abu Safiya einzusetzen. Und am 26. Juli organisierten sie kurzfristig einen Schweigemarsch in Berlin, an dem über 400 Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen und Unterstützerinnen teilnahmen. Bei dieser Demonstration – von der Ärztekammer Berlin zum Reichstag – wurden auch die Namen der anderen inhaftierten Gesundheitsmitarbeiter*innen verlesen. Am Folgetag besuchte eine Delegation von Vertreter*innen von IPPNW, Amnesty International, medsolidar, der palästinensischen Gemeinde Deutschlands und Qassem Massri, der selbst mit Dr. Abu Safiya zusammengearbeitet hatte, den Leiter des Nahost-Referats des Außenministeriums, um gegenüber der Bundesregierung die Forderungen zu untermauern.
48 Bundestagsabgeordnete von SPD, Grünen und Linken richteten inzwischen ebenfalls einen Brief an den israelischen Präsidenten Herzog, in dem sie sich für Dr. Hussam Abu Safiya einsetzen. Auch international gibt es viel solidarische Unterstützung. Trotzdem wird Dr. Abu Safiya weiter schwer misshandelt, wie das Büro der palästinensischen Gefangenen Ende Juli mitteilte. Er soll inzwischen schmerzhafte Rippenbrüche erlitten haben, und seine Herzerkrankung verschlechtert sich.
Die Situation im Westjordanland
Die Angriffe auf das Gesundheitssystem und seine Mitarbeiter*innen beschränken sich nicht auf Gaza: Auch im Westjordanland erfolgen Angriffe auf Krankenhäuser. Wege und Transporte zu Krankenhäusern werden durch Straßensperren zu langwierigen Fahrten, auf denen schon mehrfach Patient*innen gestorben sind. Und die Inhaftierung von Ärzt*innen geht auch dort weiter. Der jüngste Fall ist der des „Doctor of the Poor“ Dr. Mazen Ratisi, über den die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete. Britische Parlamentsabgeordnete haben sich für ihn bereits eingesetzt.
All dies zeigt, wie wichtig es ist, weiter aktiv zu bleiben! Schreibt Briefe und E-Mails an die Bundesregierung, an Abgeordnete und die israelische Botschaft.
Dr. Uwe Trieschmann ist Mitglied im Vorstand der IPPNW.
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