Erstmals seit Jahren ist die Zahl der Finanzinstitute, die in die Atomwaffenproduktion investieren, gestiegen. Das zeigt der Ende April erschienene „Don’t Bank on the Bomb“ Report von ICAN und PAX. Während im vergangenen Jahr 260 Institutionen veröffentlicht wurden, listet der Report nun 301 auf. Dieser Anstieg zeigt sich auch in der investierten Gesamtsumme, die um fast 200 Milliarden US-Dollar stieg. Investor*innen halten derzeit etwa 709,2 Milliarden US-Dollar in Anleihen und Aktien von Firmen, die an der Atomwaffenproduktion beteiligt sind.
Darunter sind auch deutsche Finanzinstitute: die Allianz, Deka Group, Deutsche Bank, Deutsche Börse Group und die DZ Bank besitzen zusammen Aktien und Anleihen im Wert von 5,8 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommen 10,6 Milliarden Dollar an Krediten und Underwritings durch die Commerzbank, die BayernLB, die Deutsche Bank und die DZ Bank. Weltweit beläuft sich der Wert dieser Finanzdienstleistungen auf 299,7 Milliarden US-Dollar.
Die Erhöhung der investierten Summen war leider absehbar und fiel nicht so enorm aus, wie Expert*innen erwartet hatten. Hintergrund der Sorgen war das massive Werben sowohl von Rüstungsunternehmen als auch von Regierungen um institutionelle und private Investments in die Verteidigungsindustrie. Die „Zeitenwende“ sollte auch den Finanzmarkt erreichen und Finanzinstitute und Privatpersonen die Aufrüstung finanziell unterstützen. Dabei wäre das Bewerben der entsprechenden Aktien in Anbetracht ihrer ohnehin massiv ansteigenden Aktienkurse kaum nötig gewesen: Die Aussicht auf hohe Gewinne am Aktienmarkt überwog bei vielen Anleger*innen schnell die moralischen Skrupel.
Doch dabei sollte es nicht bleiben: Die Rüstungsindustrie drängt darauf, einen erleichterten Zugang zum gesamten Finanzmarkt zu erhalten. Einerseits will sie bestehende ethisch begründete Restriktionen einzelner Finanzinstitute und Fonds aufweichen. Andererseits sollen Investitionen in Rüstung auf dem deutschen und dem europäischen Finanzmarkt sogar als nachhaltige Geldanlage deklariert werden. Denn der Anteil der Privatpersonen, die ihr Geld nach ökologischen und sozialen Standards anlegen möchten, ist in den vergangenen Jahren konstant gestiegen. Entsprechend bieten auch immer mehr Banken nachhaltige Finanzprodukte an.
Um den Verbraucher*innen den Überblick zu erleichtern, gibt es das Kürzel „ESG“. Es steht für „Environment, Social und Governance“ und ist ein Rahmen zur Bewertung der ökologischen und sozialen Verantwortung von Unternehmen. Im Finanzmarkt werden so beispielsweise nachhaltige Investmentfonds ausgewiesen. Und genau hier konnte die Rüstungsindustrie bereits Ende 2024 einen Erfolg erzielen: denn die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA erklärte, dass lediglich Unternehmen, die völkerrechtlich geächtete Waffen wie Streumunition, Landminen, oder biologische und chemische Waffen herstellen, aus ESG-Fonds auszuschließen seien. Damit bot sich der Waffenindustrie die Chance, konventionelle Waffen als „nachhaltig“ anzupreisen.
Die Begründung war schnell gefunden: Europa müsse aufrüsten, um abschrecken zu können. Nur so ließen sich Frieden und Demokratie schützen, die Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz überhaupt erst ermöglichen würden. Und tatsächlich konnten die Unternehmen sich damit in Deutschland durchsetzen. Bis April 2025 durften hierzulande nur Firmen, die weniger als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Rüstung erwirtschaften, in ESG-Fonds aufgenommen werden. Diese Vorgabe wurde für den deutschen Finanzmarkt abgeschafft.
Schon heute machen militärische Aktivitäten circa 5,5 % der weltweiten Treibhausgasemissionen aus. Seit 2021 stiegen allein die militärischen Emissionen der NATO um 40 Prozent an, die weitere Aufrüstung der Bündnisstaaten wird diesen Wert steigern. Hinzu kommt die massive Umweltzerstörung, die das Militär und die weltweiten Kriege anrichten. Selbst jene, die die aktuelle Aufrüstung begrüßen, müssen einsehen, dass diese dem Klima- und Umweltschutz sowie dem allgemeinen Ziel der Nachhaltigkeit entgegensteht.
Dennoch gibt es Bestrebungen, die Rüstungsindustrie auch in die EU-Taxonomie aufzunehmen, welche nachhaltige Geldanlagen für europäische Bürger*innen kenntlich macht. Die EU-Kommission bewies hier bereits 2022 einen flexiblen Umgang mit dem Begriff der Nachhaltigkeit, als sie Investitionen in Atomkraft und Erdgas in die Taxonomie aufnahm. Nun droht dieses Bewertungssystem endgültig ausgehöhlt zu werden.
Das Nachhaltigkeitslabel für Rüstung ist absurd und wäre nicht einmal nötig, da Investitionen in die Rüstungsindustrie am Finanzmarkt längst begehrt sind. Doch die Ausweitung der ESG-Kriterien und eine mögliche Aufnahme in die EU-Taxonomie gibt ihr einen grünen Anstrich und verdeckt jede Verantwortung für weltweite Umweltzerstörungen und soziale Krisen. Umso alarmierender ist es, dass diese Entwicklung nicht nur für konventionelle Rüstung gilt, sondern auch Unternehmen in der Atomwaffenproduktion davon profitieren. Denn die Neuinterpretation der ESMA für die ESG-Kriterien schließt nur völkerrechtlich geächtete Waffensysteme aus – und dazu gehören Atomwaffen aktuell noch nicht.
Unternehmen, die an der Atomwaffenproduktion beteiligt sind, können also in „nachhaltige“ Geldanlagen aufgenommen werden. Das kann dazu führen, dass selbst Menschen, die ihr Geld nach ethischen und ökologischen Standards investieren möchten, letztlich Waffen mitfinanzieren, deren Einsatz völkerrechtswidrig wäre und die weltweit massive soziale und ökologische Krisen verursacht haben. Dies wird auch dadurch wahrscheinlich, dass konventionelle und nukleare Rüstungsindustrie oft nicht vollständig voneinander trennbar sind.
Ein Beispiel bietet hier der dänische Pensionsfonds, der die Entscheidung, wieder in Rüstungsfirmen wie Airbus und Boeing zu investieren, damit begründete, dass nur ein kleiner Teil der Gewinne dieser Firmen aus der Atomwaffenproduktion stamme. Allein Boeing hält Verträge für die Produktion von Atomwaffen und ihrer Infrastruktur über mehrere Milliarden Dollar. Die Airbus Group ist Hauptauftragnehmerin für die atomar bestückten Raketen des französischen Atomwaffenarsenals. In Anbetracht der Ankündigung des französischen Präsidenten Macron, das Arsenal seines Landes auszubauen, dürften die Gewinne der Airbus Group aus diesem Geschäftszweig ansteigen.
Bei den deutschen Finanzunternehmen ist besonders die Allianz zu nennen, welche bereits in den vergangenen „Don’t Bank on the Bomb“-Reports als Investorin auftauchte, nun aber obendrein Unternehmen aus der Rüstung- und Atomwaffenindustrie in ihre ESG-Fonds aufnahm.
Das Engagement für die Ächtung von Atomwaffen und den UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) gewinnt auf diese Weise weiter an Bedeutung. Denn seit dem Inkrafttreten des AVV sank die Zahl der Finanzinstitutionen, die in die Atomwaffenindustrie investieren, um etwa ein Viertel. Und auch die Platform on Sustainable Finance, die die EU-Kommission zu nachhaltiger Finanzpolitik berät, nennt den AVV als zu berücksichtigenden Vertrag für die EU-Taxonomie. Der wachsende Zuspruch für den Vertrag stärkt diese Entwicklung. Dennoch bleibt die Arbeit mit Investor*innen wichtig.
Und auch Privatpersonen sollten sich ihrer Macht als Verbraucher*innen bewusst sein und prüfen, ob die eigene Bank und die eigenen Geldanlagen ökologische und soziale Standards erfüllen, die Rüstung und Atomwaffen ausschließen.
Die Verwässerung der ESG-Kriterien öffnet Rüstungsunternehmen nicht nur den Zugang zu weiterem Kapital, sondern verleiht ihnen auch Legitimität für den Handel mit Massenvernichtungswaffen – Waffen, die ganze Gesellschaften zerstören und Ökosysteme für Generationen belasten. Diese Neuinterpretation von Nachhaltigkeit in Finanzprodukten muss öffentlich diskutiert und von Verbraucher*innen entschlossen abgelehnt werden, damit der nächste Report wieder einen Rückgang der Investitionen in Atomwaffen zeigt.
Den Report „Investing in the Arms Race“ finden Sie hier.
Juliane Hauschulz ist Referentin für atomare Abrüstung der IPPNW.
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