Mit einer neuen Website stellt „Insecurity Insight“ Daten zu Angriffen auf das Gesundheitswesen erstmals in Form interaktiver Karten dar und macht sie dadurch besser zugänglich. Christina, wie sammelt und analysiert Ihr Daten zu Angriffen auf das Gesundheitswesen, und welche Rolle spielen diese Erkenntnisse für die humanitäre Hilfe? Insecurity Insight dokumentiert Konfliktgewalt gegen das Gesundheitswesen. Wir erfassen jeden Angriff einzeln – etwa, wenn Krankenhäuser bombardiert, Krankenwagen angegriffen oder Gesundheitsfachkräfte verhaftet werden – indem wir Informationen aus verschiedenen offiziellen und inoffiziellen Quellen zusammentragen. Dabei legen wir besonderen Wert auf innovative Open-Source-Methoden, um auch Berichte von Einzelpersonen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zu erfassen, die von institutionellen Systemen oft übersehen werden.
Unsere Daten gehen über das reine Zählen von Vorfällen hinaus. Wir analysieren Muster und liefern so wichtige Erkenntnisse für Wiederaufbau und SchadensbegrenzungDiese Informationen können auch genutzt werden, um Gesundheitsdienste während des Krieges zu schützen – wenn beispielsweise häufig explosive Waffen eingesetzt werden, können praktische Maßnahmen wie das Anbringen von Kunststofffolie an Fenstern Verletzungen durch Glassplitter verringern.
Wie sieht das aktuelle Bild der Angriffe auf das Gesundheitswesen aus?
Mit einem Wort: düster. Als wir 2016 begannen, Gewalt gegen das Gesundheitswesen systematisch zu dokumentieren, verzeichneten wir 499 Vorfälle im Jahr. Bis 2024 war diese Zahl auf erschreckende 3.920 gestiegen. Der Anstieg ist seit 2021 besonders stark ausgefallen, wobei Staaten für einen Großteil der Gewalt verantwortlich sind, während sich die gemeldeten Angriffe durch nichtstaatliche Akteure ebenfalls verdoppelt haben. Diese Zahlen erfassen lediglich Vorfälle, bei denen es zu Zerstörungen kam – die tatsächlichen Auswirkungen sind weitaus größer. Solche Gewalt kostet Gesundheitskräfte das Leben, schränkt den Zugang zur medizinischen Versorgung ein und trägt in Konfliktgebieten zu einer erhöhten Sterblichkeit bei – sowohl direkt durch Angriffe als auch indirekt, indem die Prävention und Behandlung vermeidbarer Erkrankungen verhindert wird.
Gibt es bestimmte Regionen, Arten von Angriffen oder bislang wenig beachtete Dynamiken, die mehr Aufmerksamkeit verdienen? Ja, viele. Ein Problem ist die Unsichtbarkeit: In manchen Kontexten ist das Fehlen gemeldeter Vorfälle an sich schon aufschlussreich. Wo weit verbreitete Gewalt gegen Zivilist*innen herrscht, aber nur wenige Angriffe auf das Gesundheitswesen gemeldet werden, kann dies auf die Zerstörung der verbleibenden Einrichtungen oder auf Einschränkungen bei der Berichterstattung hindeuten. Die öffentliche Berichterstattungneigt zudem dazu, sich auf besonders auffällige Ereignisse zu konzentrieren – zum Beispiel Bombenangriffe auf Krankenhäuser. Weniger sichtbare Schäden wie Blockaden von medizinischen Hilfsgütern können jedoch für die Versorgung ebenso verheerend sein.
Die kumulativen Auswirkungen und die Möglichkeiten, Schäden zu mindern, werden auch zu wenig beachtet. Oft ist es nicht ein einzelnes Ereignis, sondern der wiederholte, anhaltende Druck, der das gesamte System schwächt. In Gaza ist der Schaden katastrophal, aber auch im Sudan, in der Ukraine, in Myanmar, im Jemen und in Syrien wurden die Systeme durch die Häufung vieler Angriffe schwer beeinträchtigt. Einige Länder, wie die Ukraine, konnten trotz anhaltender Angriffe ein gewisses Maß der Versorgung aufrechterhalten, während sich andere auch Jahrzehnte nach Beendigung des Konflikts nicht erholt haben.
Was müsste sich ändern, damit die vorliegenden Daten zu echter Rechenschaftspflicht und besserem Schutz vor Ort führen? Die Durchsetzungsmechanismen sind nach wie vor äußerst schwach. In den letzten zehn Jahren wurden nur zwei Fälle vor Gericht gebracht, obwohl auf unserer Plattform über 18.000 Vorfälle registriert wurden. Diese Diskrepanz steht in extremem Gegensatz zum Ausmaß der Verstöße und zur anhaltenden moralischen Empörung, die sie zu Recht hervorrufen.
Rechenschaftspflicht kann und sollte über verschiedene Wege verfolgt werden, darunter der Internationale Strafgerichtshof (ICC) und das Universalitätsprinzip. Letztendlich hängt es jedoch vom politischen und institutionellen Willen ab, auf Grund der vorliegenden Beweise zu handeln. Was wir brauchen, sind engagierte Staatsanwält*innen, die bereit sind, diese Fälle sy-stematisch und konsequent zu verfolgen. Ohne entschlossenes Handeln ist die Kluft zwischen dokumentierten Verstößen und Rechenschaftspflicht nicht zu schließen.
Die interaktiven Karten von Insecurity Insight finden Sie unter: maps.insecurityinsight.org
Christina Wille ist Direktorin und Gründerin von Insecurity Insight. Sie wird am 12. September 2026 auf der Global-Health-Konferenz in Berlin sprechen.
Das Interview führte Laura Wunder.
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