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Aus Forum 187 / 2026

Wie Militär und Klimakrise die globale Gesundheit zerstören

Interview mit Stella Ziegler, Mitglied des internationalen IPPNW-Vorstandes

Stella, Du hast Dich an der Erstellung des neuen Berichts der Global Climate and Health Alliance beteiligt. Der Report beschreibt Klimawandel und bewaffnete Konflikte als „sich gegenseitig verstärkende Polykrise“. Um welche Mechanismen geht es? 

Der Bericht zeigt, dass Klimawandel als „Bedrohungsverstärker“ wirkt: Er verschärft Ressourcenknappheit, vertieft soziale Ungleichheiten und untergräbt Governance – besonders in fragilen Staaten. Gleichzeitig beschleunigen Aufrüstung und bewaffnete Konflikte die Klimakrise, etwa durch militärische Emissionen (sie machen 5,5 % der globalen CO2-Emissionen aus) oder die Zerstörung kritischer Infrastruktur wie Wasser- und Energiesysteme. Doch diese Wechselwirkung wird oft ignoriert, weil Klimapolitik und Friedenssicherung in getrennten Kontexten diskutiert werden. Dabei ist die Realität für Millionen Menschen bereits heute eine Polykrise: In der MENA-Region etwa verschärfen Dürren und Energieknappheit bestehende Spannungen, während Kriege wie in Gaza oder in der Ukraine die Klimaresilienz und Anpassung weiter schwächen.

Der Bericht zitiert den ICRC-Direktor Pierre Krähenbühl mit den Worten: „Wenn das, was wir in Gaza, im Ostkongo, im Sudan und in der Ukraine sehen, die Zukunft des Krieges ist, sollten wir alle extrem besorgt sein.“ Welche Auswirkungen hat die Erosion des Humanitären Völkerrechts für die globale Gesundheit? 

Die Zahl der Angriffe auf Gesundheitsversorgung ist alarmierend: 2024 dokumentierte die Safeguarding Health in Conflict Coalition 3.623 Angriffe – das ist ein Anstieg um 62 % seit 2022. In der Ukraine gab es 103 Angriffe auf Krankenhäuser und Transportfahrzeuge. Solche Verstöße gegen das Völkerrecht haben direkte Folgen: Zusammenbrechende Gesundheitssysteme, Ausbrüche von Krankheiten wie Cholera in Flüchtlingslagern oder die langfristige Kontamination von Böden und Wasser. Ein Beispiel dafür ist der toxische „Schwarze Regen“ nach Angriffen auf Ölraffinerien im Iran. Besonders besorgniserregend ist, dass kritische Infrastruktur immer wieder gezielt angegriffen wird. Ohne funktionierende Wasser- und sanitäre Versorgung breiten sich Krankheiten schnell aus, und ohne Strom können viele essenzielle Funktionen in Krankenhäusern, von Versorgung bis Transport, oder auch die adäquate Lagerung von Medikamenten und Impfstoffen nicht sichergestellt werden. Die Erosion des Völkerrechts ist also nicht nur eine humanitäre, sondern eine Gesundheitskrise.

Militärische Emissionen sind von der Klimaberichterstattung ausgenommen. Was für Lösungsansätze kann es geben? 

Das Militär verursacht etwa 5,5 % der globalen Emissionen – eine Zahl, die während aktiver Konflikte explodiert. Die Operation „Epic Fury“ im Iran, die am 28. Februar 2026 begann, setzte z.B. in nur 14 Tagen fünf Millionen Tonnen CO2 frei – das entspricht dem Ausstoß von 1,1 Millionen Autos pro Jahr. Doch diese Emissionen werden in den internationalen Klimaberichten nicht erfasst. Und ohne Transparenz ist keine wirksame Klimapolitik möglich. Der Bericht fordert wie die IPPNW eine verpflichtende Berichterstattung über militärische Emissionen in nationalen Klimaplänen, um die Rechenschaftspflicht zu stärken.


Der Report stellt fest, dass „80 % der humanitären Arbeit der WHO und 70 % der Krankheitsausbrüche, auf die sie reagiert, in Konfliktgebieten stattfinden“. Wie könnte eine integrierte Klimaschutz-, Gesundheits- und Friedensstrategie aussehen? 

Eine integrierte Strategie müsste drei Säulen haben. Erstens: Resiliente Gesundheitssysteme. Krankenhäuser, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden, sind auch in Konfliktsituationen oder bei Extremwetter weniger anfällig. Zweitens: Klimaanpassung in Konfliktregionen. Klimainvestitionen können den Frieden fördern, indem sie Ressourcenknappheit verringern und so Spannungen abbauen. Außerdem führt dies zu nachhaltigeren Lösungsansätzen. Drittens: Multilaterale Zusammenarbeit. Im Lancet-Bericht „Gesundheit, Konflikte und Vertreibung“ heißt es, dass 23 Milliarden US-Dollar benötigt werden, um die lebensbedrohlichsten Bedürfnisse zu decken – das wäre gerade mal ein Prozent der jährlichen weltweiten Militärausgaben. Hier braucht es eine Umverteilung von Mitteln – weg von der Rüstung, hin zur Prävention.

Wo gibt es die größten Hindernisse? 

Das größte Hindernis ist die Politisierung von Klimafinanzierung. Die USA etwa haben sich 2026 aus 66 internationalen Institutionen und Abkommen zurückgezogen – so z.B. aus der WHO und dem Pariser Abkommen. Solche Rückzüge untergraben nicht nur die Gesundheitsversorgung, sondern auch das Vertrauen in multilaterale Lösungen, und haben heute schon weltweit drastische Konsequenzen.

Der Bericht nennt den Südsudan als Beispiel, wo Klimakrisen und Konflikte sich gegenseitig verstärken... 

Der Südsudan ist ein Lehrbuchbeispiel. Die Klimafolgen hier sind massiv: Dürren und Überschwemmungen zerstören die Landwirtschaft: 7,8 Millionen Menschen litten 2023 unter Ernährungsunsicherheit. Die Ressourcenknappheit verschärft ethnische Spannungen, während bewaffnete Gruppen Gesundheitsinfrastruktur angreifen. In der Folge wurden seit 2023 14,5 Millionen Menschen vertrieben – viele leben in Lagern mit Cholera-Ausbrüchen und Mangelernährung. 

Welche Lehren lassen sich aus solchen „Hotspots“ für die globale Politik ziehen? 

Der Report empfiehlt, dass Frühwarnsysteme Klimadaten mit Konfliktanalysen verknüpfen – etwa durch KI-gestützte Vorhersagen von Dürren und deren Auswirkungen auf Migration. Eine wichtige Empfehlung ist meines Erachtens, lokale Gemeinschaften einzubinden: Sie kennen die Klimarisiken ihrer Region am besten – ihr Wissen sollte in Anpassungsstrategien einfließen. Und dann sollte Klimafinanzierung konfliktsensibel sein: Gelder für Anpassung dürfen nicht in die Hände von Kriegsparteien gelangen, sondern müssen lokale Resilienz stärken. Ein Beispiel ist das Flüchtlingslager Za’atari (Jordanien), wo 80.000 Geflüchtete durch eine eigene Anlage mit Solarstrom versorgt werden. Das zeigt, wie Klimaschutzmaßnahmen als Investition in Frieden und Stabilität fungieren können. 

Der Report fordert „integrierte, sektorübergreifende Ansätze“. Welche Schritte sollten Regierungen und NGOs als Erstes angehen? 

Zuallererst fordert der Bericht, dass sowohl der Klimawandel als auch bewaffnete Konflikte als sich verstärkende Bedrohungen anerkannt werden, und Regierungen und NGOs sektorübergreifend an zukünftige Krisen herantreten müssen. Umweltrisiken sollten in alle Maßnahmen zur Konfliktprävention, Friedensförderung und Gesundheitsversorgung integriert werden, um Klimafolgen, gesundheitliche Verschlechterungen und Instabilität zu reduzieren. 

Hier ein paar konkrete Beispiele: Der Report fordert u.a. klimaresiliente Gesundheitssysteme: Jedes neue Krankenhaus sollte seine Energieversorgung überdenken, und beispielsweise mit Solarenergie betrieben werden – wie in Jordanien, wo 29% des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Dann müssen die militärischen Emissionen endlich in die Klimaberichte einfließen. Ohne diese Daten kann das die 1,5-Grad-Limit nicht eingehalten werden. 

Außerdem können Friedensprozesse klimasensibel gestaltet werden: Im Jemen etwa müssen Wiederaufbaupläne nach dem Krieg kohlenstoffarme Infrastruktur priorisieren. Sonst besteht das Risiko, dass die Emissionen des Wiederaufbaus die Klimaziele zunichtemachen – wie in der Ukraine. Nach wissenschaftlichen Berechnungen aus dem März 2025 wird sich hier der Ausstoß von Treibhausgasen mit dem Wiederaufbau vervielfachen. 

Wichtig ist es auch, lokale Gemeinschaften zu stärken und besonders gefährdete Gruppen aktiv in Entscheidungen zu Klima, Gesundheit und Frieden einzubeziehen. Nur so kann man lokale Widerstandsfähigkeit stärken und gerechtere, nachhaltige Lösungen fördern. Projekte in Kenia zeigen z.B., wie indigene Gruppen durch nachhaltige Landwirtschaft Konflikte um Land reduzieren können. 

Was macht dir Hoffnung? 

Komplexe Krisen können überfordernd wirken – doch gerade ihre vielfältigen Ursachen bieten auch verschiedene Ansatzpunkte für Lösungen. Internationale Zusammenarbeit und ein gerechter Übergang zu einer klimafreundlichen Zukunft sind entscheidend für globale Stabilität, Resilienz und Frieden. Besonders Gesundheitsfachkräfte können durch evidenzbasierte Aufklärung, politische Mitwirkung und persönliches Engagement dazu beitragen, die Zusammenhänge von Klimawandel, Gesundheit und Krieg sichtbar zu machen. Der Austausch auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene zeigt mir, wie viele Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Ländern gemeinsam an einer an einer gerechten und lebenswerten Zukunft arbeiten. Das gibt mir Hoffnung. 

Trotz aller Krisen gibt es Erfolge: Die Paneuropäische Kommission für Klima und Gesundheit hat die WHO 2026 aufgefordert, die Klimakrise zur internationalen Gesundheitsnotlage zu erklären. Auch bei der diesjährigen WHA in Genf wurde Frieden als entscheidende Dimension von Klima und Gesundheit stärker sichtbar – unter anderem durch das IPPNW-Side-Event und verschiedene Sprecher*innen. Wie António Guterres treffend formuliert: „Unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen destabilisiert sowohl das Klima als auch die globale Sicherheit.“ Die Polykrise lässt sich daher nur bewältigen, wenn wir Klimaschutz, Gesundheit und Frieden gemeinsam denken und angehen.

Global Climate and Health Alliance: Climate change, armed conflict, and global public health – a reinforcing cycle of harm (2026): ippnw.de/bit/GCHA

Stella Ziegler ist Mitglied des internationalen IPPNW-Vorstandes. Das Interview führte Regine Ratke.


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Ansprechpartnerin

Laura WunderLaura Wunder
Referentin für Klimagerechtigkeit und Global Health
Tel. 030 / 698074 - 19
Email: wunder[at]ippnw.de

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Weiterführende Webseiten

Arms, Militarism and Climate Justice working group
climatemilitarism.org

The Secure and the Dispossessed
How the military and the corporations are shaping a climate-changed world
climatesecurityagenda.org

The Military Emissions Gap
militaryemissions.org

Conflict and Environment Observatory
ceobs.org

 

 

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