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Bernard Lown

Persönlichkeiten der IPPNW

Initiator und Mitbegründer der IPPNW, Präsident 1980-1982, Co-Präsident 1982-1993, Prof. emeritus der Kardiologie der Harvard-Universität in Boston, USA, Erfinder der lebensrettenden Elektro-Defibrillation, Empfänger des Friedens-Nobelpreises 1985 für die IPPNW, gemeinsam mit Evgenij Chazov.

"Die höchste Pflicht der Ärzte im nuklearen Zeitalter ist die Einführung professioneller Hilfsmittel für die Arbeit an der Verhinderung der letzten und endgültigen Seuche. Der Kampf für menschliches Überleben erfordert keine Rechtfertigungen. Dies befindet sich in Einklang mit den heiligsten Traditionen der Medizin."
Bernard Lown, 1985

Bernard Lown wurde am 7. Juni 1921 in Utena, Litauen, als Sohn eines Schuhmachers geboren. Die Familie emigrierte 1935 in die USA. Das Studium der Medizin absolvierte Lown an der University of Maine, wo er den ersten wissenschaftlichen Ausbildungs-Abschnitt 1942 mit Auszeichnung bestand. Er promovierte 1945 an der John Hopkins University School of Medicine.

Schon während der Studienzeit engagierte sich Lown in studentischen Gruppen, die wegen ihrer Forderung nach verstärkter Zulassung von Farbigen, Frauen und Juden zum Medizin-Studium als "linksgerichtet" angesehen wurden. Zeitweise war er vom akademischen Unterricht suspendiert, da er die von ihm als unsinnig betrachtete Verwendung von "farbigen" und "weißen" Blutkonserven für die jeweilige Rasse ignoriert hatte. In den Jahren 1945 bis 1950 arbeitete er als Assistent in verschiedenen Krankenhäusern und Fachdisziplinen, von 1950-1953 in der Kardiologie des Peter Bent Brigham Hospitals in Boston.

Während der Ära des US-amerikanischen Kommunisten-Jägers McCarthy zu Beginn der 50er Jahre hatte man Lown als Arzt für den Einsatz im Korea bestimmt und wollte ihn veranlassen, aus einer Liste von 400 "subversiven" Organisationen diejenigen anzugeben, denen er angehört hatte. Er lehnte ab und plädierte für die Abschaffung dieser diskriminierenden Gesetze. Es folgte prompt die Degradierung vom Captain zum einfachen Dienstgrad und die Strafversetzung in ein Militär-Hospital nach Tacoma, Washington, wo er ein ganzes Jahr (1954) mit der erniedrigenden Tätigkeit verbringen musste, morgens die Krankenhaus-Gänge mit dem Besen zu kehren und nachmittags Sprechstunde abzuhalten. Schließlich wollte ihn kein ziviles Krankenhaus mehr beschäftigen; erst die Initiative seines ehemaligen Lehrers ermöglichte die Einstellung als Assistenz-Arzt wieder am berühmten Peter Bent Brigham Hospital. Lown beurteilte diese Zeit selbst folgendermaßen: "Sie ruinierte mein Leben ein Jahr lang und verzögerte meine Karriere um ein Jahrzehnt, aber sie machte mich zu einem besseren Arzt."

Lown hätte auch den Nobelpreis für Medizin verdient: Er ist der Erfinder der Elektrodefibrillation (1961), mit der das tödliche Kammer-Flimmern, die häufigste Ursache des "sudden death", unterbrochen werden kann. Weltweit ist seither mit dieser Methode Hunderttausenden von akut Zusammen-Gebrochenen das Leben gerettet worden. Lown hatte über die Ursachen und Verläufe von Herzrhythmus-Störungen klinisch und tier-experimentell gearbeitet, bereits 1952 die Sonderform des Präexcitations-Syndroms LGL-Syndrom (Lown-Ganong-Levine-Syndrom) und 1967 das "sick sinus syndrome" (Sinusknotensyndrom) beschrieben. Zur Unterbrechung gefährlicher Extrasystolie-Salven ("Lown-Klassifikation der Ventrikulären Extrasystolie" 1971) führte Lown die Lidocain- Therapie ein.1962 beschrieb Lown die "Elektro-Cardioversion" zur Beendigung tachykarden Vorhof-Flimmerns und richtete 1966 die erste kardiologische Intensiv-Station (am Peter Bent Brigham Hospital) ein. [für mehr Informationen zu diesen Begriffen siehe: "Syndrome der Kardiologie und ihre Schöpfer" von Eberhard J. Wormer, Medikon Verlag, München 1989]

Über 300 wissenschaftliche Publikationen und mehrere Bücher und Buchbeiträge wurden von Lown erarbeitet. Er wurde mit über 20 Promotionen, Titeln und Mitgliedschaften von amerikanischen und internationalen Universitäten und Akademien geehrt.

Die Arbeit der folgenden Jahre war bis zu seinem Emeritieren von zwei Schwerpunkten gekennzeichnet: Einerseits verfolgte Lown seine Arbeit als Kardiologe an der Harvard School of Public Health konsequent weiter. Anderseits engagierte sich Lown seit den 60er Jahren für die Verantwortlichkeit des Arztes im Zeitalter der nuklearen Bedrohung. Er trat für den ärztlichen Auftrag im Sinne der Lebens-Erhaltung, für die Verhinderung des Atomkriegs sowie für die medizinische Kooperation über die Grenzen politischer und ideologischer Macht-Blöcke hinaus ein. Er war einer der ersten Mediziner, die die Gruppe Physicians for Social Responsibility (PSR) 1960 ins Leben riefen, die der nuklearen Kriegsgefahr der folgenden Jahre entgegen wirken wollte. Die Bürgerrechts-Bewegung und der Vietnamkrieg unterbrachen dann aber bis in die späten 70er Jahre hinein die Weiter-Entwicklung der PSR, sie führte zunächst nur noch ein Schattendasein.

Die Initiierung der medizinisch-wissenschaftlichen Kooperation mit der Sowjetunion durch ein Abkommen im Jahr 1972 führte Lown mit Prof. Evgenij Chazov, Direktor des Nationalen Herzforschungs-Instituts in Moskau und ebenfalls Kardiologe, zusammen. Das Thema von drei folgenden internationalen Konferenzen war der plötzliche Herztod, ein Arbeitsgebiet, in dem Lown 1971 eine Klassifikation ventrikulärer Extrasystolen als Ergebnis seiner Untersuchungen entwickelte; sie lieferte einen wichtigen Beitrag zur Abschätzung des Herztod-Risikos.

Die Wiederbelebung der PSR durch junge ÄrztInnen um Dr. Helen Caldicott 1979 im Zusammenhang mit dem Reaktor-Unglück von Three Mile Island rückte auch Lown wieder in das öffentliche Interesse. Lown appellierte an seinen sowjetischen Kollegen Chazov, die Ärzteschaft in Ost und West dürfte angesichts eines drohenden Atomkriegs nicht schweigen: "Es gibt nur eine fundamentale Gewissheit im nuklearen Zeitalter: die Zukunft, das Schicksal der amerikanischen, der sowjetischen und der europäischen Gesellschaft sind unauflösbar verbunden. Entweder wir leben zusammen oder wir sterben zusammen."

Chazov stimmte zu, man traf sich in Genf 1980. Mit einer gemeinsamen Erklärung sechs sowjetischer und US-amerikanischer Ärzte folgte die Gründung der internationalen Organisation International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW). Es wurde verabredet, eine Konferenz von sowjetischen, japanischen und US-amerikanischen ÄrztInnen einzuberufen. Kongress in Airlie, Virginia 1981Eine Fülle von Telefonaten und Reisen folgte, immer wieder nach Moskau, Genf, London u.a., und bereits am 23. März 1981 konnte die erste Konferenz mit 73 ärztlichen TeilnehmerInnen aus 12 Ländern in Airlie/Virginia, USA unter der Präsidentschaft von Bernard Lown stattfinden. In seiner Rede sagte Lown: "Unser Ziel ist es, die Ärzte weltweit auf die tödlichen Gefahren des atomaren Wettrüstens hinzuweisen. Es ist unsere Hoffnung, dass die Ärzte helfen werden, die Bevölkerung aufzuklären, denn nur eine stark gewordene öffentliche Meinung kann den schicksalhaften Ablauf zur Katastrophe noch abwenden."

Ab April 1982 wurde die IPPNW gemeinsam von Lown und Chazov als Co-Präsidenten geführt. Lown begab sich unermüdlich auf Reisen in viele Länder, um die internationale Ärzteschaft, die Öffentlichkeit, die Weltgesundheitsorganisation, das Internationale Rote Kreuz, die Vereinten Nationen und mehrere Regierungschefs in überzeugenden und zündenden Reden über die immensen Gefahren des atomaren Wettrüstens und der Politik der Androhung zu gegenseitiger Vernichtung zwischen den USA und der Sowjetunion aufzuklären. Lown und Chazov erhielten 1985 stellvertretend für die 145.000 ÄrztInnen der IPPNW aus 41 Ländern den Friedensnobelpreis.

Lown traf sich mehrmals mit Präsident Michail Gorbatschov, um über die atomare Abrüstung zu reden. Er schreibt in einem Brief an Lown, dass sein politisches Handeln, so auch das von ihm bestimmte einseitige Atomtest-Moratorium, wesentlich durch die IPPNW beeinflusst worden sei. In seinem Buch "Perestroika" (München 1987) resümiert Gorbatschow die Gespräche mit Lown und dem IPPNW-Vorstand: "Die internationale Vereinigung "Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs" hat innerhalb einer kurzen Zeitspanne immensen Einfluss auf die Meinung der Welt-Öffentlichkeit erlangt... Ich habe Professor Lown schon früher kennengelernt, aber diesmal nach dem Kongress in Moskau (1987) traf ich alle Führer der Bewegung. Man kann nicht ignorieren, was die Leute sagen... Im Licht ihrer Argumente und der streng wissenschaftlichen Daten, über die sie verfügen, scheint kein Raum mehr für müßiges Politisieren. Und kein Politiker, der es ernst meint, hat das Recht, ihre Schlüsse zu missachten oder sich nicht um die Ideen zu kümmern, mit denen sie die Meinung der Weltöffentlichkeit einen Schritt nach vorn bringen..."

Auf allen IPPNW-Weltkongressen bis 1996 und auf vielen regionalen IPPNW-Konferenzen in diversen Ländern (u.a. mehrfach in Deutschland) hielt Lown wegweisende und mutmachende Ansprachen. 1993 in Mexiko-Stadt sprach Bernard Lown das letzte Mal als Co-Präsident. In dieser Rede mahnte Lown, die vielen Kriege und deren Ursachen nicht zu übersehen, sondern sie auch als IPPNW-Aufgabe zu begreifen. Er entwarf eine "IPPNW-Triangel"Das IPPNW-Dreieck dessen eine Seite "Umwelt oder Umweltzerstörung", die andere Seite "Entwicklung oder Armut" bezeichneten, die Basis "Krieg oder Frieden". Der Frieden ist in stetiger Gefahr, wenn Armut und Umweltzerstörung walten.

Neben seiner vollen Tätigkeit als Kardiologie-Professor und Leiter des Forschungsinstituts sowie als Kliniker und als IPPNW-Copräsident entwickelte und gründete Lown weiterhin Satelliten-System, das den Ärzten Afrikas und anderer Länder der sogenannten Dritten Welt einen Kontakt untereinander sowie zu den Bibliotheken des Westens schaffte: Er nannte es SATELLIFE, SatelLife-Ärzte"Satelliten für das Leben" (1987), die innerhalb weniger Stunden die erbetenen Informationen sendeten. Dies in einer Zeit, in der Satelliten vorwiegend für Zwecke der militärischen Aufklärung und "Star Wars" in den Himmel geschossen wurden. In den letzten drei Jahren nahm Lown ein spezielles kardiologisches Informationsprogramm hinzu, das den Namen "Procor" trägt. Die notwendigen Finanzierungen erwarb Lown durch großzügige Spender.

Nach mehr als 30 Jahren intensiver Arbeit für soziale Gerechtigkeit und gegen Atomwaffentests im Rahmen der PSR, für Frieden in der Welt und für die Verhütung eines Atomkriegs im Rahmen der IPPNW, übergab Lown sein Amt in die Hände seines neu gewählten Nachfolgers Vic Sidel.

Im April 1997 ernannte die deutsche IPPNW-Sektion Bernard Lown zu ihrem Ehrenmitglied. In seinem Dankesbrief schrieb Lown an Prof. Ulrich Gottstein: "Der Höhepunkt meiner Aufenthalte in Deutschland war der Kölner Kongress 1986. Ich erinnere mich an einen unangenehmen Brief, den mir ein jüdischer australischer Arzt zuvor geschrieben hatte: wie könne man einen IPPNW-Kongress in Deutschland abhalten; das sei aus ethischen und humanitären Gründen abzulehnen. Ich schrieb ihm damals einen langen Brief und bat ihn, nicht zu urteilen, bevor er den Kongress besucht habe. Ich wusste nicht, ob er kommen wurde, bis nach Ende der Schlussveranstaltung ein Mann mit tränen-feuchten Augen zu mir kam und sagte: "Ich bin der australische jüdische Kollege, der an dich geschrieben hatte. Diese jungen deutschen Ärzte haben für mich Deutschlands Humanität wiedergewonnen. Danke, dass Du mich drängtest, zum Kongress zu reisen."

Lown gründete 1997 mit gleich-meinenden KollegInnen ein "Ad-Hoc-Committee to defend Health Care", weil er betrübt über die Entwicklung in der US-amerikanischen Medizin war. Das Komitee engagiert sich für eine sozialere Medizin und für Versicherungssysteme, die vorrangig den PatientInnen und nicht der Technologie und dem Profit dienen sollen.

Lown war seit seiner Jugend nicht nur ein beobachtender und scharf denkender Student, Arzt, Forscher und Lehrer, sondern immer ein mitfühlender und sozial eingestellter Mensch. Er sah es als seine Pflicht an, gegen Unrecht zu kämpfen und das Gewissen der Mitmenschen aufzurufen. Er blieb der "spiritus rector", der Visionär, der Diplomat, der nicht aufgebende Kämpfer, der begeisternde Arzt und Humanist, unermüdlich für das Ziel arbeitend: "Wir müssen die größte Menschheitskatastrophe verhüten, die letzte Epidemie".

"Wir dürfen nicht unsere Augen schließen, auf das Gute hoffen und passiv bleiben. Hoffnung ohne Aktion ist hoffnungslos. Überleben bedarf des Protestes, nicht der Resignation. Wir müssen eine Gefühlsregung in brennender moralischer Entrüstung wecken. Um Leben auf der Erde zu retten, brauchen wir nicht nur eine neue Art des Denkens, sondern eine neue Art des Fühlens, eine Sympathie mit der zerbrechlichen Blume, mit dem flatternden Schmetterling, mit dem nestbauenden Vogel, denn alle teilen unser Schicksal und sind in der gleichen Gefahr."
Bernard Lown, Frankfurt/Main 1987


Quellen:

IPPNW-Broschüre mit einem Vorwort von Prof. Dr. Ulrich Gottstein "Bernard Lown", Sonderdruck aus: Eberhard J. Wormer, "Syndrome der Kardiologie und ihre Schöpfer", Medikon Verlag, München 1989

"Bernard Lown zum 80. Geburtstag" Artikel aus IPPNW-Forum 69-70/01 von Prof. Dr. Ulrich Gottstein

Weitere deutschsprachige Literatur:

Lown, Bernard: "Gedanken über das Wesen eines fürsorglichen Arztes", zu dem Buch "Das Heilende Herz" Gegenmittel gegen Angst und Hilflosigkeit von Norman Cousins, Hrsg.: Redaktion "Rundbrief - Ärzte gegen Atomkrieg", Berlin 1988.

Alt, E.: "Schrittmachertherapie des Herzens". Perimed, Erlangen 1985.

Bastian, Till (Hrsg.): "Friedensnobelpreis für 140.000 Ärzte", Rowohlt, Reinbek 1985.

Bethge, K-P. und Lichtlen, P.R.: "Die Beurteilung der antiarrhythmischen Therapie durch Langzeitelektrokardiographie". In Luderitz, B. (Hrsg.): "Ventrikuläre Herzrhythmusstörungen". Springer, Berlin 1981.

Gutheh, H. und Singer, H.: "Herzrhythmusstörungen in Kindesalter". Thieme, Stuttgart 1982.

Hombach, V., Hopp, W.. Osterspey, A., Winter, U., Deutsch, H. und Hilger, H.H.: "Die Erkennung von Risikopatienten für einen plötzlichen Herztod aus dem Langzeit-EKG", Herz 9:6, 1984.

Klempt, H-W., Petschulis, R.: "Bandspeicher-EKG oder Lown-Trommel-EKG?" Herz/Kreislauf 11:539, 1983.

Lown, Bernard: "Die Krankheit der Abschreckung und ihr Heilmittel". In "Aus der Bedrohung zum Handeln". IPPNW (Hrsg.), Essen 1987.

Lüderitz, B.: "Elektrische Stimulation des Herzens". Springer, Berlin 1980.

Lüderitz, B. (Hrsg.): "Herzrhythmusstörungen". Springer, Berlin 1983.

Roskamm, H. und Reindell, H.: "Herzkrankheiten". Springer, Berlin 1982.

Schöneberger, A.: "Der klinische Stellenwert der Lown-Klassifizierung ventrikulärer Extrasystolen". Inn Med 2:65, 1986.

Seipel, L.: "His-Bündel-Elektrographie und intrakardiale Stimulation". Thieme, Stuttgart 1978.

Seipel, L.: "Klinische Elektrophysiologie des Herzens". Thieme, Stuttgart 1987.

Seipel, L. und Ickrath, O.: "Die prognostische Bedeutung der Lown-Klassifikation ventrikulärer Rhythmusstörungen". Dtsch Med Wochenschr 110:1617, 1985.

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