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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Juli 2016

Eine Million Euro Gewinn pro Tag - Millionen von Menschen gefährdet

13.07.2016

"Nur ein Abschalten der Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 kann uns vor der Gefahr einer atomaren Verseuchung schützen" sagte im November 2015 der Aachener CDU-Fraktionsvorsitzende Harald Baal. Wenn ein Mitglied einer Partei, die über Jahrzehnte die Atomenergie massiv gefördert hat, eine solche Aussage macht, dann weiß man, dass die Nerven blank liegen. Und wenn Helmut Etschenberg, Vorsitzender der Städteregion Aachen und Mitglied derselben Partei, eine Klage vor belgischen Gerichten gegen das Weiterbetreiben eines belgischen Atomkraftwerks anstrebt und dabei die Vertreter von mehr als 50 Städten und Kommunen in Deutschland, Niederlande und Luxemburg um sich scharen kann, dann muss es wirklich schlimm stehen um die Sicherheitslage der Region.

Stein des Anstoßes sind die beiden maroden belgischen Atomanlagen in Doel und Tihange. Doel liegt in einem Vorort von Antwerpen im Westen des Landes, Tihange in der Nähe von Liege im Osten, nur etwa 60 km von der deutschen Grenze entfernt. Jene Atomreaktoren in Doel und Tihange, die 1975 ans Netz gingen und nach 40 Jahren Laufzeit 2015 eigentlich abgeschaltet werden sollten, werden trotz zahlreicher dokumentierter Zwischenfälle und möglicher Bedrohung durch Terroristen weiter betrieben. Sie stellen damit täglich eine reale Gefahr für die rund 3 Millionen Menschen dar, die in der unmittelbaren Umgebung (30 km Radius) der beiden Kraftwerksblöcke leben. Rund 50 Millionen Menschen leben in einem Umkreis von 150 Km um die beiden Kernkraftwerke - auch sie könnten im Fall einer Kernschmelze in einem der beiden Atomkraftwerke radioaktiv verstrahlt werden.

Neben dem Ausfall der Kühlsysteme durch Naturkatastrophen, technische Defekte oder menschliches Versagen sind auch Sabotageakte, Terroranschläge oder Cyberangriffe durch Hacker und Trojanerprogramme konkrete Gefahrenquellen. In den Reaktordruckbehältern von Doel 3 und Tihange 2 wurden zudem tausende Risse nachgewiesen. Um die Reaktoren im Falle einer Notabschaltung zu schützen, muss Kühlwasser auf 40 Grad erwärmt werden. Aufgrund der maroden Druckbehälter bestehen keine hinreichenden Sicherheitsreserven, so dass auch vergleichsweise geringfügige Störfälle zu einer Kernschmelze führen könnten.

Eine Kernschmelze wie vor 30 Jahren in Tschernobyl oder wie vor 5 Jahren in Fukushima hätte eine großflächige radioaktive Verseuchung zur Folge, die je nach Unfallmechanismus, Windrichtung und Wetterbedingungen nicht nur Großstädte in Belgien und den Niederlanden treffen würden, sondern auch die Zwangsevakuierung von Städten in Deutschland nötig machen könnten. Die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung, die sozialen Auswirkungen auf die Gesellschaft, die ggf. viele Millionen Evakuierte aufnehmen und versorgen müsste sowie die volkswirtschaftlichen Schäden für Bund, Länder, Gemeinden und private Eigentümer sind nicht zu kalkulieren.

Das Dreiländereck Belgien, Deutschland, Niederlande ist eine der am dichtesten besiedelten und wirtschaftlich leistungsfähigsten Regionen der Welt. Die Auswirkungen eines Super-GAUs in dieser Region und der Verlust von Städten wie Lüttich, Antwerpen, Brüssel, Maastricht, Amsterdam, Rotterdam, Aachen, Köln oder Düsseldorf wären um ein vielfaches gravierender als die der Atomkatastrophen in Tschernobyl oder Fukushima. Der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan gab zu bedenken, dass 2011 nur "göttliche Fügung" die radioaktive Verseuchung und Zwangsevakuierung Tokios verhindert habe. Dieses Szenario hätte Kan zufolge den wirtschaftlichen Untergang Japans bedeutet. Tokio ist rund 200 km von den Katastrophenreaktoren entfernt. Die Entfernung zwischen Tihange und Aachen beträgt 60 km, Mönchengladbach liegt ca. 110 km entfernt, Düsseldorf und Köln je 130 km.

Der IPPNW ist es dabei ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass im Fall einer Atomkatastrophe eine sinnvolle und effektive medizinische Hilfe nahezu unmöglich ist. Es fehlt in allen drei Ländern an praktikablen Notfallplänen, Training, Kompetenzen, Strukturen und öffentlicher Wahrnehmung um eine adäquate Notfallreaktion zu ermöglichen. Ähnlich wie in Tschernobyl oder in Fukushima würden Chaos, Panik und Kompetenzgerangel herrschen, notwendige Maßnahmen wie die rasche Einnahme von Jodtabletten würden wegen mangelnder Vorbereitung und Informationen unterbleiben. Es käme vermutlich zu unkoordinierten Fluchtbewegungen.

Mit Aachen hat weltweit die erste Stadt begonnen, ihre Bevölkerung ernsthaft auf die Möglichkeit des GAUs eines nahe gelegenen AKWs vorzubereiten. Eine bundesweite Simulation aller zuständigen Landesbehörden hatte 2013 das totale Versagen der deutschen Katastrophenpläne demonstriert. In Belgien und den Niederlanden sieht die Situation nicht besser aus. Das Einüben von Evakuierungsszenarios, die Koordination von Hilfs- und Rettungsmaßnahmen sowie die Absprachen zwischen nationalen und lokalen Behörden in allen drei Ländern und untereinander müssten dringend intensiviert und ausgebaut werden, solange die Atomkraftwerke weiter betrieben werden. Eine große epidemiologische Studie des deutschen Kinderkrebsregisters zeigte zudem, dass bereits der Normalbetrieb von Atomkraftwerken gefährlich ist: Je näher Kleinkinder an einem AKW leben, desto höher ist ihr Risiko, an Krebs, besonders an Leukämie, zu erkranken.

Die deutsche IPPNW sieht in der sofortigen Abschaltung der Atomkraftwerke die einzige verantwortungsvolle Reaktion auf diese Erkenntnisse und unterstützt die Städteregion Aachen, sowie die Länder NRW und Rheinland-Pfalz in ihren Klagen gegen den Weiterbetrieb der beiden Atomanlagen. Zudem appelliert sie an alle politisch Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa, sich mit Nachdruck dafür einzusetzen. Eine Million Euro Gewinn pro Tag rechtfertigt nicht die Gefährdung von Millionen von Menschen.

Odette Klepper
Alfred Boecking
Benno Peters
Wilfried Duisberg
Alex Rosen

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