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Aus Forum 187 / 2026

Warum wir ein neues Helsinki brauchen

Der Krieg ist zurück in Europa. Wir müssen trotzdem auf Diplomatie setzen

Gut 50 Jahre nach der KSZE-Schlussakte von Helsinki aus dem August 1975 gibt es eine Renaissance von Gewalt in den internationalen Beziehungen: So viele, so intensive und so lang andauernde Konflikte wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Der Krieg ist zurück in Europa. Dieser ist blutig in der Ukraine, aber auch wirkmächtig darüber hinaus: Es droht ein Kalter Krieg 2.0 – geprägt von wirtschaftlicher Entkopplung, Wohlstandsverlusten, Aufrüstungsorgien und regional begrenzten, aber verlustreichen Stellvertreterkriegen.

Die historischen Rahmenbedingungen der aktuellen Sicherheitspolitik sind heute grundlegend andere als in der Phase der Ost- und Entspannungspolitik von den frühen 1960er Jahren bis zur deutschen Einheit 1990. Geschichte wiederholt sich nicht – aber manchmal reimt sie sich. Das damalige Leitkonzept der Entspannungspolitik lautete „Wandel durch Annäherung“. Es war umstritten, aber außerordentlich erfolgreich: Von der KSZE-Schlussakte von Helsinki im August 1975 bis zur Charta von Paris 1990, mit der der Westen den Systemgegensatz des Kalten Krieges gewissermaßen für sich entschied.

Diese Zeiten sind vorbei. Noch gibt es keine direkte militärische Konfrontation zwischen den Großmächten. Aber aus dieser Entwicklung können rasch auch heiße Kriege zwischen ihnen entstehen, die eskalieren und sich ausweiten. Die Alternative zu dieser Dynamik ist eine zu erarbeitende Form „friedlicher Koexistenz“: Großmächte kooperieren begrenzt und verständigen sich auf einen unbefriedigenden, aber stabilen Status quo. Im Ost-West-Konflikt nannte man das „antagonistische Kooperation“. Man hat damals konsequent in strategischen Zusammenhängen gedacht. Und es gab eine ethisch fundierte Realpolitik, die Interessenausgleich nicht diffamierte, sondern trotz unvereinbarer Werte aktiv suchte.

Was bedeutet dies für die aktuelle Lage im Krieg gegen die Ukraine? Niemand kann heute verlässlich prognostizieren, wann und wie der Krieg endet. Klar ist nur: Es gibt in keine guten Optionen mehr. Für die in Trümmern liegende europäische Sicherheitsarchitektur bedeutet das: Selbst eine Minimalstabilisierung gelingt nur, wenn der Krieg in der Ukraine nicht zu einem Krieg um die Ukraine eskaliert. 

Die beschriebene Entwicklung vollzieht sich in einer Lage, in der die internationale Rüstungskontrolle in einer tiefen Krise steckt. In wenigen Jahren sind zentrale Pfeiler der bestehenden Ordnung weggebrochen oder ausgehöhlt worden. Mit dem Auslaufen von New START am 5. Februar 2026 ist auch das letzte bilaterale Abkommen zur Begrenzung strategischer Nuklearwaffen zwischen den USA und Russland entfallen. Parallel dazu erreichen die weltweiten Militärausgaben Rekordhöhen; neue Technologien – Hyperschallwaffen, Cyberfähigkeiten, militärische Anwendungen künstlicher Intelligenz – verschärfen den Wettbewerb und eröffnen neue Angriffsoptionen.

Viele Regeln der klassischen Rüstungskontrolle stammen aus der Logik eines im Kern bipolaren Systems, in dem strategische Stabilität vor allem zwischen Washington und Moskau organisiert wurde. Heute ist das internationale System unübersichtlicher; neben den USA und Russland spielt insbesondere China militärisch und nuklear eine immer größere Rolle. Ausgangspunkt für Rüstungskontrolle ist nicht politische Harmonie, sondern die Einsicht, dass sich auch Rivalen freiwillig Regeln geben können, um Eskalation zu vermeiden. Selbst erklärte Gegner versuchen, die gefährlichsten Aspekte ihrer Konkurrenz zu begrenzen – durch Obergrenzen, Transparenzmaßnahmen, Kontrollmechanismen oder
Verbote bestimmter Systeme. Ziel ist nicht, Konflikte zu lösen, sondern Eskalationsrisiken zu senken, Überraschungsangriffe unwahrscheinlicher zu machen und Rüstungsspiralen zu bremsen. 

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts bestätigt dieses Verständnis. Die zentralen Abkommen – von den SALT‑Verhandlungen über den INF‑Vertrag bis hin zu New START – wurden nicht in Zeiten besonderer Eintracht geschlossen, sondern unter Bedingungen harter Rivalität. Die oft zitierte Behauptung, Rüstungskontrolle sei nur möglich, wenn sie eigentlich nicht gebraucht werde, greift zu kurz. Gerade wenn Rivalität unkalkulierbar zu werden droht, wächst der Bedarf, sie zu regulieren. Ein Blick auf das Sicherheitsdilemma verdeutlicht das: Staaten rüsten auf, um sich sicherer zu fühlen; andere fühlen sich bedroht, rüsten nach, und am Ende entsteht eine Rüstungsspirale, in der alle mehr ausgeben und sich zugleich unsicherer fühlen. Rüstungskontrolle versucht, diese Dynamik zu durchbrechen, indem Fähigkeiten und bestimmte Waffensysteme reguliert werden, sodass Konkurrenz nicht automatisch in Instabilität umschlägt.

NATO und Russland werden – selbst im besten Fall, also ohne direkte militärische Konfrontation – auf lange Sicht in einem Zustand scharfer Konfrontation miteinander leben. Wo die Grenze dieser Konfrontation verlaufen wird, ist offen. Eine Rückkehr zu einer halbwegs stabilen europäischen Sicherheitsarchitektur ist auf absehbare Zeit kaum vorstellbar – sie ist aber trotzdem dringlich.

Daraus erwächst ein vierfacher Auftrag: Erstens: Eine Politik des Interessenausgleichs, die nicht auf Sieg, sondern auf das kluge Management des Großmachtwettbewerbs setzt. Zweitens: Eine Wiederbelebung diplomatischer Tugenden – Geduld, Verhandlungsbereitschaft, die Fähigkeit zum Zuhören, gerade gegenüber Gegnern. Drittens: Friedensfähigkeit, verbunden mit Verteidigungsfähigkeit – statt eines eskalatorischen Sicherheitsdilemmas „with best intentions“, bei dem am Ende alle verlieren. Viertens: Mehr Engagement für verlässliche Rüstungskontrolle und vertrauensbildende Maßnahmen – auch und gerade in Zeiten schwerer Spannungen.

Beim ersten Treffen der KSZE im Juli 1973 war der Vietnamkrieg in vollem Gange. Dennoch gelang es den Supermächten, eine Form begrenzten Vertrauens zwischen Gegnern aufzubauen. Es hat Jahre gedauert – aber es war möglich. Der „Geist von Helsinki“ ist verloren gegangen, doch wir haben die Pflicht, darüber nachzudenken, wie er in veränderter Form zurückkehren kann. Dazu braucht es eine Art globales „Helsinki 2.0“. Fünfzig Jahre nach Helsinki bedarf es eines neuen Ordnungsmodells. Dieses wird nicht von einer Siegermacht oktroyiert werden können, sondern von Mächten mit sehr unterschiedlichen Hintergründen und Interessen mühsam ausgehandelt werden müssen. Die Leitidee könnte lauten: Universalismus ohne Einmischung. Die universelle Geltung der Menschenrechte und des Völkerrechts bleibt der normative Horizont. Gleichzeitig verzichten die Großmächte auf eine Interventionspraxis, die ständig an den roten Linien der anderen kratzt und so das Risiko direkter Konfrontation erhöht.

Ein solches Modell wäre weit entfernt von Perfektion. Aber es könnte die Grundlage dafür legen, dass Rivalität nicht automatisch in Katastrophen mündet. Es wäre der Versuch, die Lehre der Ostpolitik in eine multipolare Welt im Kriegszustand zu übersetzen: Nicht als nostalgische Wiederholung, sondern als moderne Form der Entspannungspolitik. Der Versuch des Interessenausgleichs sollte nicht vorschnell als kaltherzig oder wertevergessen gebrandmarkt werden. Es braucht auch heute eine ethisch fundierte Realpolitik, die sich am Machbaren orientiert, Eskalationsrisiken nüchtern in den Blick nimmt und nicht nur dem normativ Wünschenswerten folgt.

Prof. Dr. Johannes Varwick lehrt Politikwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg und ist Präses des „Wissenschaftlichen Forums Internationale Sicherheit“ (WIFIS).



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Ansprechpartner*innen

Angelika Wilmen

Angelika Wilmen
Referentin für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 - 13
Email: wilmen[at]ippnw.de


Dr. Jens-Peter Steffen

Kontakt zur Kooperation für den Frieden
Email: steffen[at]ippnw.de

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