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Artikel von Dr. Alex Rosen

Olympia-Show in der Sperrzone

Vom Verdrängen und Erinnerung der Atomkatastrophe von Fukushima

09.03.2020 Geht es nach dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der japanischen Regierung, soll der Olympische Fackellauf am 26. März am J-Village starten, einer Sportstätte, die in den letzten Jahren als Zentrale der Rettungs- und Aufräumarbeiten am havarierten AKW Fukushima Dai-ichi genutzt wurde. Zahlreicher radioaktiver Hotspots zum Trotz soll der Fackellauf von hier aus direkt durch die Sperrzone von Fukushima führen, durch die verstrahlten Ortschaften Naraha, Kawauchi, Tomioka, Okuma, Katsurao, Namie und Minami-Soma, wo jeweils „Feierlichkeiten“ stattfinden sollen.

Es muss also auch Publikum in die Sperrzone transportiert werden, wenn die Bilder stimmen sollen. Sogar in der Stadt Futaba, einer der am schwersten getroffenen Orte, nur 4 km vom AKW gelegen, werden noch auf die Schnelle in potemkinscher Manier Straßen und Ortsteile dekontaminiert, frisch geteert und für die Öffentlichkeit freigegeben, sodass der Fackellauf in zwei Wochen durch den Ort führen kann.

Die japanische Regierung forciert die Freigabe. Sie hofft auf die Symbolwirkung der Bilder, denn sie will zeigen, dass der „Wiederaufbau“ geglückt ist, dass in Fukushima wieder Normalität eingezogen ist...

 

Doch diese vermeintliche Normalität gibt es nicht: nicht am AKW-Standort, wo die havarierten Reaktoren weiterhin nicht unter Kontrolle sind, kontinuierlich mit großen Mengen Wasser gekühlt werden müssen und Tag für Tag zu neuen Kontaminationen von Grundwasser und Ozean führen, während sich auf dem Kraftwerksgelände radioaktives Abwasser stapelt. Die Normalität gibt es auch nicht in Dörfern und Städten mit Strahlenwerten, die bis zu 20 Mal höher sind als die international zulässigen Grenzwerte, die durchzogen sind von radioaktiven Hotspots, die völlig unberechenbar nach Pollenflug, Stürmen, Überschwemmungen oder Waldbränden immer wieder und überall auftauchen können. Es gibt keine Normalität in einer Region, dessen Bevölkerung weiterhin in alle Winde verstreut ist, weil ihre ehemalige Heimat aufgrund der hohen Radioaktivität auf unabsehbare Zeit unbewohnbar ist; und auch nicht in einem Land, in dem die Atomlobby medizinische Studien beeinflusst, die Politik mit Geld und Druck auf atomfreundlichem Kurs hält, die Steuerzahler für die Folgen des eigenen Versagens zahlen lässt und jeglichen Widerspruch und Widerstand subtil aber effektiv unterdrückt, bzw. unterdrücken lässt. Das Leben in Fukushima ist heute, neun Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe weit von Normalität entfernt.

Nun soll also mitten durch diese zutiefst verletzte Gesellschaft, durch die Geisterstädte der Sperrzone und die verstrahlte Landschaft für einen Tag der mediale Wanderzirkus des olympischen Fackellaufs ziehen. Die Sorge um die Gesundheit der Teilnehmer*innen am Fackellauf ist der eine Grund, weshalb bereits tausende Menschen eine Petition unterzeichnet haben, die eine Verlegung des Fackellaufs aus den verstrahlten Gebieten fordert (s.u.). Der andere Grund ist die drohende Verklärung der andauernden Atomkatastrophe und die Verdrängung der bitteren Realität. Es ist respektlos und demütigend für die Leidtragenden der Atomkatastrophe, wenn nun vor hastig aufgebauten Kulissen eine Olympia-Show aufgeführt wird und sie zu Statisten einer vermeintlich erfolgreichen Wiederaufbaugeschichte degradiert werden.

Es ist auch gefährlich, denn wenn es der Atomlobby gelingt, das Narrativ der überwundenen Atomkatastrophe medial durchzusetzen, sinken die Chancen der Menschen auf Anerkennung ihrer Opfer, auf anständige Entschädigung und auf künftige Unterstützung. Ihnen droht der Weg aus den Augen und aus dem Sinn der japanischen Gesellschaft. Deshalb ist es so wichtig, die Olympischen Spiele zu nutzen – nicht um zu verdrängen, sondern um zu erinnern: an den 11. März 2011, an die Atomkatastrophe die folgte und an die Menschen, die bis heute mit ihr leben müssen. Vielleicht gelingt es dann, zumindest für kurze Zeit einen Teil der grellen Scheinwerferlichter des olympischen Medienrummels auf das Schicksal der Menschen in den verstrahlten Gebieten zu richten – in und außerhalb von Fukushima.

Mit dem gleichen Zweck versammelten sich am 26. Februar knapp vier Dutzend Demonstrant*innen aus mehreren Ländern vor dem Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne und forderten geschlossen die Verlegung der Baseball- und Softball-Wettbewerbe in Fukushima City und des olympischen Fackellaufs aus den radioaktiv verseuchten Gebieten in andere Landesteile. Eine Delegation der Demonstrant*innen traf sich im Anschluss auch mit offiziellen Repräsentant*innen des IOC, um die Forderungen noch einmal zu präsentieren.

„Die Idee des olympischen Friedens und des gegenseitigen Verständnisses zwischen Nationen und Menschen ist ein wichtiger Aspekt für uns als Friedensorganisation. Aber die japanische Regierung nutzt die Olympischen Spiele, um von der anhaltenden Atomkatastrophe im Nordosten des Landes abzulenken“, sagte Dr. Jörg Schmid (IPPNW Deutschland) in seiner an den IOC-Präsidenten Thomas Bach adressierten Rede vor dem IOC-Gebäude.

Die Kampagne und die Petition begleitend, veröffentlicht die IPPNW Deutschland am Fukushima-Jahrestages, dem 11. März 2020, eine einseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „9 Jahre nach Fukushima, 34 Jahre nach Tschernobyl – Die Olympischen Spiele dürfen nicht politisch missbraucht werden“. Darin fordert sie, neben dem Verzicht auf olympische Wettkämpfe und den Fackellauf in den verstrahlten Gebieten, vor allem Solidarität mit der vom Super-GAU betroffenen japanischen Bevölkerung. Unabhängig, ob sich IOC und japanische Regierung mit ihren Vorstellungen der „Wiederaufbau“-Spielen durchsetzen oder nicht, ist dies die zentrale Botschaft der Kampagne: Fukushima ist nicht vergessen, die Menschen in den verstrahlten Gebieten werden nicht alleine gelassen.

Dr. med. Alex Rosen
Co-Vorsitzender der deutschen Sektion der IPPNW


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