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Serbien

von Franziska Pilz

Liebe Franziska, das f&e-Team hat am vergangenen Samstagabend entschieden, dass wir Dich imSommer 2015 bei "famulieren & engagieren" sehr gerne dabei haben wollen, und zwar in Serbien: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!!

Serbien, war das wirklich bei den Ländern dabei, die vorgestellt wurden!? Ich glaube das war so der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geschossen ist, als ich die E-Mail von Ulla bekam. Aber dann folgte einfach nur Freude über diese Chance, die mir geboten wurde. Ich würde also den Sommer in Belgrad verbringen. So richtig konnte ich mir nicht wirklich etwas unter Serbien vorstellen, ja da war mal Krieg, was war da eigentlich los? Wie geht es den Menschen heute, was für Träume und Vorstellungen haben die jungen Leute dort? Was für Ängste und Sorgen? So langsam merkte ich, dass mir die Möglichkeit geboten wurde, den Balkan – ein interessanter Teil Europas – kennen zu lernen, eine Region, in die ich mich zuvor noch nicht verirrt hatte

Ich muss auch sagen, dass mir die Erzählungen von Marin, meinem „Vorgänger“ einfach nur Lust auf Belgrad gemacht haben. Er hat so enthusiastisch von seiner Zeit dort berichtet, dass ich es kaum noch erwarten konnte, mich in den Zug zu setzen und aufzubrechen.

So tat ich es dann auch Anfang August, nach ca. 16 Stunden im Zug und einer Nach in Budapest wurde ich in Belgrad herzlich von Goran und seiner Freundin Bojana empfangen. Im Vorfeld hatte ich schon einige Zeit mit Goran Kontakt, er ist auch Medizinstudent und Mitglied von SUMC, der lokalen Studierendengruppe. Er war dieses Jahr der Verantwortliche für die Organisation meines Aufenthaltes. Gleich zu Beginn gab es erst einmal eine „schlechte Nachricht“; die Vermieterin meiner Wohnung, die Goran für mich organisiert hatte, war kurzfristig abgesprungen. Aber er hatte zum Glück noch schnell etwas anderes für mich arrangiert, ich kam zunächst in einem Hostel unter, indem auch ca. 50 IFMSA Studierende wohnten, die auch im Clinical Center ein Praktikum machten.

Nachdem ich mich erst einmal ein wenig ausruhen konnte, holten mich Goran und Bojana zum Abendessen ab und zeigten mir gleich noch ein wenig die Stadt. Ich fühlte mich vom ersten Moment an wohl in Belgrad und konnte es nicht erwarten, diese Stadt zu erkunden.

Famulatur

Am nächsten Morgen begann dann schon meine Famulatur in der Anästhesie der Herzchirurgie. Obwohl ich schon 7:30 Uhr anfangen musste, ließ sich Goran nicht nehmen, mich die ersten 2 Tage auf dem Weg zum Krankhaus zu begleiten. Er hatte mir die Famulatur besorgt und alles weitere organisiert.

In der Klinik wurde ich dann kurz herumgeführt und dann durfte ich auch gleich bei der ersten OP zuschauen. Ehrlich gesagt war ich doch überrascht, dass es auf den ersten Blick in den OP´s nicht allzu große Unterschiede zu denen in Deutschland gab. Auf den zweiten und dritten Blick aber merkte man dann schon, dass zum Beispiel die Desinfektionsmittelspender im Flur immer leer waren, oder dass es eine eigenartige „Anzugsordnung“ gab: jeder hat seine eigene OP-Kleidung, ob grün, blau, rot, rosa, lila, ob lange Hosen oder Rock, ob Turnschuhe oder hochhackige Latschen, jedem wie es beliebt. Auch Schmuck wurde viel und üppig getragen und der Sinn der OP-Hauben wurde oftmals neu interpretiert.

Ich konnte mir jeden Tag aussuchen, in welchen OP ich gehen wollte, die unterschieden sich jedoch meist nicht in der Prozedur, sondern nur in den Anästhesisten. Meist ging ich zu Rada oder Vlada, also Radmilla und Vladimir. Sie sprachen am besten Englisch und waren auch sehr bemüht, mir alles zu zeigen und zu erklären. Praktisch konnte ich leider nicht viel tun und so begnügte ich mich damit, die Einleitung der Operationen aufmerksam zu verfolgen und mich danach entweder mit der Theorie zu beschäftigen oder mir die Operation anzusehen. Die Chirurgen waren aber leider nicht sehr mitteilungsbedürftig. Nach der Operation brachte ich die Patienten meist  noch mit auf die Intensivstation, schaute mir noch die nächste Einleitung an und ging danach nach Hause. Die Intensivstation war dann doch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Mindestens 16 Patienten waren auf zwei große Zimmer verteilt, es wurde weder nach Geschlechtern getrennt, noch gab es Intimsphäre, da es nicht einmal Vorhänge zwischen den Betten gab. Ich ließ mir auch erzählen, dass es oft erforderlich wäre, dass die Patienten intensiver überwacht würden, nur fehlte für einige spezielle Geräte oft das Geld. Auch bei den Operationen kommt es hin und wieder zu Engpässen, es kam z.B. vor, dass OP´s abgesagt wurden, da einfach kein Protamin mehr vorhanden war.

Alles in allem habe ich mich ziemlich gut aufgenommen gefühlt und hatte zu den meisten Ärzten und Schwestern einen guten Kontakt, auch wenn sich einige zu Anfang nicht getraut haben Englisch zu sprechen, es aber am Ende meist wirklich gut war. Oftmals wurde dann auch Deutsch rausgekramt, da fast jeder der Ärzte schon einen Deutschkurs gemacht hatte oder es vorhatte, da es für viele das Ziel ist, irgendwann zum arbeiten nach Deutschland zu gehen. Wenn man hört, wie viel ein Arzt in Serbien verdient und was er dafür zu leisten hat, kann man es sich schon vorstellen, warum Deutschland sich wie ein Traum anhören muss.

Wohnen: Jeden Tag einen anderen Schreibtisch

In meiner Freizeit habe ich oft mit den IFMSA Studenten etwas unternommen oder habe die Tipps von Marin in die Tat umgesetzt. Nach einer Woche im Hostel konnte ich dort glücklicherweise ausziehen. Dragan, der sich in den Jahren zuvor immer um die f&e`ler gekümmert hat, hatte mir geholfen eine Wohnung für mich zu finden. Ich residierte nun in einem ehemaligen Büro, 3 Zimmer, Bad, Küche, mehr als ich für mich gebraucht hätte, und jeden Tag die Möglichkeit einen anderen Schreibtisch zu benutzen. Ich war froh, jetzt selbst kochen und damit die unendliche Vielfalt der grünen Märkte nutzen zu können. Ich liebte es, über diese zu laufen und mit meinen wenigen Brocken serbisch um den Preis zu handeln und anschließend das frische Gemüse zu verarbeiten.

An den Wochenenden machte ich meistens Ausflüge mit Freunden, z.B. nach Novi Sad oder zum Trompeterfestival nach Guca. Eines der Dinge, auf die ich mich am meisten freute, als ich erfuhr, dass es auf den Balkan gehen würde, war die Möglichkeit, sich mit den anderen Teilnehmern zu treffen, die in den umliegenden Ländern waren. Und so kam es bald dazu, dass wir uns alle in Sarajevo bei Lena verabredeten. Es war ein wunderbares Wochenende in einer der wunderbarsten Städte, die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig neidisch auf Lena war. Es war einfach ein wenig persönlicher in dieser Stadt im Gegensatz zu der chaotischen Großstadt Belgrad, alles ging ein wenig ruhiger zu und die Landschaft war auch einmalig. Zusammen hatten wir viel Spaß, ob im Kino Bosna oder beim Kaffee im Hof einer der wunderschönen Moscheen.

Wiedersehen auf der IPPNW-Konferenz in Belgrad

Wir vier mussten auch gar nicht lange auf ein Wiedersehen warten, kurze Zeit später durfte ich Hannah, Sabrina und Lena bei mir in Belgrad begrüßen. Hintergrund war die Europäische IPPNW Konferenz, an der wir natürlich teilnahmen. Es war ein vollgepacktes, interessantes Wochenende mit tollen Vorträgen und netten Menschen. Für mich war es schön, Dragan und Goran mal wieder zu treffen, Goran war zuvor für einige Wochen nach Hause nach Bosnien gefahren und Dragan war im Vorfeld der Konferenz mit der Organisation dieser sehr beschäftigt. Zudem hat er nun auch eine kleine Tochter, mit der er natürlich so viel Zeit wie möglich verbringen wollte.

Die Konferenz bot mir persönlich auch die Möglichkeit, den Teilnehmern von meinem Sozialprojekt zu berichten, was ich in der Zwischenzeit begonnen hatte. Nach mehreren erfolglosen Emails an verschiedene Institutionen und Organisationen wollte ich schon fast verzweifeln. So recht wusste ich auch gar nicht, in welche Richtung meine „Arbeit“ gehen sollte. Obwohl mich seit Beginn meines Aufenthalts die Lage der Flüchtlinge, die sich zu der Zeit meist ein paar Tage in Belgrad aufhielten, bevor sie sich weiter auf die Reise meist Richtung Deutschland machten, nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie schliefen meist zu Hunderten in zwei Parks neben dem Hauptbahnhof, oft nur auf dem nackten Boden. Die Versorgung schien nicht durch Organisationen oder dem Staat gewährleistet zu sein.

Intensive Erfahrungen: Hilfe für Menschen auf der Flucht

Durch Sava, einen Freund von Dragan, erhielt ich den Tipp mich doch mal im Miksaliste zu melden, einem Zusammenschluss kleinere Initiativen und Privatleute, die die Geflüchteten mit dem Nötigsten versorgte und welche direkt neben dem Park gelegen war. Gleich am ersten Tag wusste ich, dass ich das richtige Projekt für mich gefunden hatte. Ich verteilte mit einigen anderen Ehrenamtlichen Getränke und Essen an mehrere hundert Menschen am Tag. Oft waren die Güter knapp, da alles nur durch Spenden finanziert wurde. Nach und nach verbesserte sich das kleine Zentrum, wir sammelten mehr und mehr Spenden. Meist aus Schweden, da Ali – den ich gleich an meinem ersten Tag kennen gelernt hatte und dem ich die ersten Tage ein Obdach gab - dort Politiker ist und somit über zahlreiche Kontakte verfügte. Zusammen mit vielen Helfern aus verschiedenen Ländern versorgten wir nun die Menschen auch abends und nachts, indem wir Suppe kochten und diese im Park verteilten.

Auch einige Teilnehmer der Konferenz halfen sofort mit, entweder durch Geldspenden oder sie blieben noch einige Tage in Belgrad und kamen jeden Tag nach Miskaliste.

Gemeinsam mit unserer internationalen Helfertruppe fuhr ich mehrmals an verschiedene Grenzübergänge Serbiens, zunächst nach Horgos/Röske dem Übergang nach Ungarn, an welchem an 15. September 2015 mehr als 3000 Menschen sozusagen ohne Versorgung stecken blieben. Danach mehrmals an die Grenze zu Kroatien und auch nach Süden, an die Grenze zu Mazedonien. Überall bot sich ein ähnliches Bild: Menschen auf der Flucht, die oftmals nur durch ehrenamtliche Helfer mit Essen, Kleidung und Hygieneartikeln oder einem Zelt als Obdach versorgt wurden. Ich war froh, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte, diesen Menschen ein klein wenig den Weg der Flucht zu erleichtern.

Diese Zeit war eine der intensivsten bisher in meinem Leben und ich habe viele wunderbare Menschen kennen gelernt. Auch wenn mein Sozialprojekt weniger mit den Folgen der Krisen auf dem Balkan zu tun hatte, habe ich doch dadurch sehr viel über die Thematik gelernt. Denn viele der Helfer waren auch selbst betroffen von eben den Problemen, die die Geflüchteten erlebten. Viele waren selbst Flüchtlinge und konnten nur zu gut nachvollziehen, was es heißt, seine Heimat verlassen zu müssen und vor Krieg und Terror zu fliehen. Und genau deswegen gab es wohl auch diese große Hilfsbereitschaft aus der Zivilbevölkerung Serbiens, Bosniens und Kroatiens. Doch durch eben diese Flüchtlingsproblematik hat man auch spüren können, dass viele Probleme dieser Länder längst noch nicht geklärt sind; es liegt noch einiges im Argen und muss aufgearbeitet werden.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich sofort wieder nach Belgrad gehen würde, diese Stadt hat mich in ihren Bann gezogen. Ich hatte eine wunderbare Zeit in Serbien, die vor allem auch durch die Menschen geprägt wurde, welche mich mit ihrer uneingeschränkten Gastfreundschaft empfangen haben und mir meinen Aufenthalt so unvergesslich gemacht haben.

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