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Palästina

von Sonja Siegel

Zum Abschied sagte mir mein Freund Khaldun, Palästina werde mich ebenso vermissen wie ich Palästina, weil Palästina mich ebenso sehr liebe wie ich das Land. - Ein bisschen pathetisch sind sie ja, die Palästinenser. Aber Recht hatte Khaldun natürlich: Palästina und die Palästinenser sind mir in den acht Wochen, die ich in Bethlehem verbrachte, sehr ans Herz gewachsen.

Famulatur Caritas Baby Hospital

Die ersten dreißig Tage famulierte ich im Caritas Baby Hospital, einem Kinderkrankenhaus schweizerischer Trägerschaft, dessen Ärzteteam allerdings nur aus Palästinensern besteht.

Anfangs bereitete mir die Morgenbesprechung noch Verständnisschwierigkeiten: Medical English mit arabischem Akzent ist für ungeübte Ohren ein einziges Kauderwelsch. Insgesamt ist es aber natürlich von Vorteil, dass viel auf Englisch dokumentiert und besprochen wird. Auch die Visite wurde wegen der Präsenz ausländischer Famulanten häufig zumindest teilweise auf Englisch durchgeführt. Und selbstverständlich war jeder immer bereit, etwas zu erläutern. Schnell hatte ich dann auch die wichtigste Frage der Visite aufgeschnappt: Fi harrara? – Fish harrara. Gibt es Fieber? - Es gibt kein Fieber.

Nach der Morgenbesprechung wurde dann erst einmal gemeinsam gefrühstückt. Eine schöne Routine. Für die anschließende Visite nahmen sich die Ärzte, allen voran Dr. Nader, sehr viel Zeit. Da vergingen schon einmal zwei Stunden für knapp fünfzehn Patienten.

Den restlichen Tag verbrachte ich wahlweise in der allgemeinen Ambulanz oder diversen Fachsprechstunden oder auch mal bei der Physiotherapie oder den Triage-Pflegern. Überall wurde ich äußerst freundlich aufgenommen und hatte die Möglichkeit, viel zu fragen und viel zu lernen.

Beit Jala Hospital

mir sehr schnell bewusst war, dass die Standards im CBH nicht repräsentativ für die Westbank sind (die Hygienestandards sind etwa auf deutschem Niveau), organisierte mir ein Freund die Möglichkeit eine Woche in einem staatlichen Krankenhaus zu hospitieren, dem Beit Jala Hospital am Rande von Bethlehem.

Zuvor hatte mir ein Bekannter gesagt, er würde lieber sterben, als dort behandelt zu werden – nachdem ich dort einige Tage Einblick erhielt, weiß ich, was er meinte. Hygiene ist quasi nicht-existent. Ebenso wie Privatsphäre. Die Notaufnahme, in der ich die meiste Zeit verbrachte, besteht aus wenigen Betten, die mit schmuddeligen Vorhängen abgetrennt sind. Da eine hohe Fluktuation an medizinischem Personal herrscht und es keine klaren Zuständigkeiten gibt, werden die Vorhänge praktisch im Minutentakt auf- und zugezogen. Die kleinen operativen Eingriffe, die in der Notaufnahme stattfinden, werden zwar mit sterilen Handschuhen und sterilen Instrumenten durchgeführt, die Handhabe ist aber – trotz bestehendem Wissen! – so miserabel, dass die Patienten reihenweise mit Antibiose zugeballert werden und zum Teil dennoch zurückkehren, um stationär aufgenommen zu werden. Meine Appelle und Fragen diesbezüglich verhallten. Selbstkritik wurde nicht einmal geübt, als ein zweijähriger Junge nach Abszessexzision am Knie mit ausgebreiteter Infektion wiederkam. Es sei halt so, sagte ein Arzt schulterzuckend, es sei nun mal ein staatliches Krankenhaus.

Dennoch leisten die Ärzte dort wichtige Arbeit. Besonders Anfang Oktober, als es vermehrt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten kam, war die Notaufnahme voll mit Verletzten.

Besonders nah ging mir der Tod eines 13-jährigen Jungen, dem ein israelischer Soldat in die Brust schoss, und der trotz Bemühungen der Ärzte im Beit Jala Hospital verstarb. Die gesamte Situation wühlte mich sehr auf: Angefangen von dem aggressiven Tumult in der Notaufnahme, bei dem es fast zu einer Schlägerei zwischen Ärzten und den Verwandten kam, über seinen Tod, der für mich den Charakter einer Ermordung hat, bis hin zu seiner Stilisierung als Märtyrer, die zur Folge hatte, dass tausende Palästinenser seinen toten Körper in Empfang nahmen und „Alllahu akbar“-skandierend die Straße entlang marschierten. Am nächsten Tag hingen im gesamten Krankenhaus Märtyrerplakate mit seinem Konterfei. Während ich mich beherrschen musste nicht zu weinen, ging der Alltag einfach weiter. In Palästina ist man’s gewohnt. Dort ist niemand, der nicht schon Vergleichbares erlebt hat.

Ich persönlich bekam in den acht Wochen wenig Gewalt mit. Natürlich: schwerbewaffnete Soldaten an den Checkpoints, in Hebron/Al-Halil sogar omnipräsent, die Mauer, die einen zu erschlagen droht, Tränengas, Nachrichten über Nachrichten über Nachrichten, die Sicherheitswarnung für die Altstadt in Jerusalem/Al-Quds, Steine auf der Hebronroad, … Aber: Die Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten sind sehr lokalisiert und damit umgehbar. Früh wusste ich, welche Ecken ich lieber meide, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt. Unsicher gefühlt habe ich mich kein einziges Mal.

UNRWA-Ambulanz

Als weiteres kleines Sozialprojekt hospitierte ich eine Woche in der Ambulanz der UNRWA im Dheisheh-Camp, einem von drei Flüchtlingslagern in Bethlehem. Dort leben Flüchtlinge, die im Zuge der Staatsgründung Israels und der damit verbundenen ethnischen Säuberung vertrieben wurden. Das Dheisheh-Camp ist sehr eng bebaut. An einigen Stellen kann man seinem Nachbarn durchs Fenster die Hand schütteln. Der Großteil der Bevölkerung ist arm, viele sind arbeitslos. Die UNRWA leistet dort kostenlose medizinische Versorgung, betreibt Schulen und Kindergärten und gewährleistet eine gewisse Strom- und Wasserversorgung. Der Zugang zu Wasser ist im Dheisheh-Camp allerdings wie überall in der Westbank, mit Ausnahme der israelischen Siedlungen, begrenzt.

Bei UNRWA arbeiten überwiegend Palästinenser. Die medizinische Versorgung krankt vor allem an der Masse an Patienten, die jeden Tag pro Arzt durchgeschleust werden. Hygienestandards sind auch hier nur bedingt etabliert. Die fehlende Privatsphäre liegt sicherlich zum Teil an der arabischen Mentalität. Es kommt schon mal vor, dass zeitgleich zehn Menschen im winzigen Behandlungszimmer sind: Arzt, Student, Pflegeschüler, Patient mit Anhängsel, ein weiterer Patient, ein Bekannter vom Arzt, ein ehemaliger Mitarbeiter, …

Einen Tag hatte ich die Möglichkeit, der Hebamme der Clinic über die Schulter zu schauen. Es war für mich sehr spannend, intime Gespräche zwischen den Frauen mitzubekommen und durchaus mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert zu werden, wenn etwa eine muslimische Frau um Kondome bat und dann ganz entgeistert war, dass sie nur neun bekam, weil das viel zu wenig sei.

Insgesamt hat mir die Atmosphäre im Dheisheh-Camp sehr gut gefallen. In der UNRWA-Clinic ging es sehr familiär zu. Direkt am ersten Tag lud mich die Tochter eines Pflegers zum Essen ein, was dazu führte, dass die Kollegen anschließend darum konkurrierten, wer mir das beste palästinensische Gericht auftischte.

Guidance and Training Center

Eine weitere Woche verbrachte ich im Guidance and Training Center (GTC) in Bethlehem, einem Zentrum für ambulante psychische Betreuung; überwiegend von Frauen und Kindern. Dort hatte ich Einblick in Gesprächstherapien sowie Spieltherapien. Leider war ich sehr darauf angewiesen, dass mir die Mitarbeiter etwas übersetzten und im Anschluss erklärten. Das war oft, aber nicht immer der Fall. Außerdem waren sie selbst viel mit Büroarbeit beschäftigt und wussten leider wenig mit mir anzufangen, sodass ich viel las und mich anderweitig zu beschäftigen versuchte. Besonders im Hinblick auf meine begrenzte Zeit in Palästina mit all den Möglichkeiten, etwas Sinnvolles zu tun und sich einzusetzen, war ich mit der Woche im GTC unzufrieden.

Open Clinic/Gesher Clinic Israel

Vor meinem Aufenthalt in Palästina hatte ich mir vorgenommen, auch Israel zu bereisen und dort Menschen kennen zu lernen. Deshalb beschäftigte ich mich einige Tage mit der Situation von Geflüchteten in Israel, die vor allem aus Eritrea und dem Sudan stammen. Dazu besuchte ich die Open Clinic der Physicians for Human Rights und die Gesher Clinic in Tel Aviv. Die Open Clinic ist eine allgemeine Ambulanz für Geflüchtete, während sich die Gesher Clinic mit psychischen Problemen beschäftigt. In beiden wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Natürlich konnte ich durch meinen kurzen Aufenthalt wenig aktiv tun, dennoch war es für mich sehr interessant, mehr über die Lage der Geflüchteten in Israel zu erfahren – sie ist fürchterlich!

In Israel fiel es mir schwer, Fuß zu fassen. Tel Aviv ist eine Blase, kaum jemand weiß oder möchte wissen, wie es eine Autostunde weiter östlich hinter der Mauer aussieht. Wassermangel in der Westbank? - Dann haben die Siedler ja auch kein Wasser. Menschenrechtsverletzungen? - Nun ja, Sicherheit ist manchmal wichtiger als Menschenrechte. Ich fühlte mich als Botschafterin für die palästinensische Sache, vermisste den Muezzin und war froh, ihn in Jaffa zu finden. õåù֗ä çÖí ose hayim [hebr. das Leben genießen] nachdem ich die Ungerechtigkeiten in den sogenannten palästinensischen Autonomiegebieten erlebt hatte, während sie weitergehen, während ich am Strand liege? Wie?

Natürlich gab es in den zwei Monaten dennoch viele Stunden der Freude und der Leichtigkeit, etwa wenn ich mit Freunden im tent of nations war, im Toten Meer trieb, Kunaafa aß oder Eis mit Farbstoffen schleckte, das in Deutschland mindestens mit einem Warnhinweis auf Hyperaktivität versehen wäre.

Als ich in Frankfurt aus dem Flieger stieg, fragte mich ein Passagier, was ich in Israel gemacht habe. Ich sagte, ich sei in Palästina gewesen. Ah, meinte er anerkennend, ich sei also mit einer NGO dort gewesen. In Jaffa hatte mich während meines Aufenthalts eine Christin gesegnet, nachdem ich erzählt hatte, dass ich in Bethlehem in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet hätte: ich würde großartige Arbeit leisten. Ich habe mich beide Male geärgert. Mein Eindruck ist nicht, dass ich etwas in Palästina geleistet habe, vielmehr habe ich so viel erhalten, dass mein Herz überläuft. Palästina ist ein tolles Land mit reizenden Menschen. Die Kolonialisierung ist dominierend und die Lage der Palästinenser schwierig. Dennoch verdient das palästinensische Volk, dass man sich auch losgelöst von dem Konflikt mit seiner Kultur und seinem Reichtum beschäftigt: mit der Musik, mit den Menschen, mit dem Essen, den Gerüchen, den Gewürzen, dem Kaffee, der Literatur, … Es gibt viel zu entdecken.

Noch immer trinke ich fast ausschließlich arabischen Kaffee mit Kardamom, lese viel über das Land, höre gerne palästinensischen Hiphop und koche leidenschaftlich Mejedra. معدتي و قلبي فلسطينييْن Mein Magen und mein Herz sind palästinensisch. (Das palästinensische Pathos färbt wohl ab.)

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