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Israel

von Henriette Schierholz

Als ich wieder in Deutschland lande, ist es Mitte Oktober, sehr bewölkt, trüb und vor allem kalt. Nach fast acht Wochen durchgängiger Hitze freue ich mich sogar darüber – die Wärme aus Israel sitzt mir noch tief in den Knochen und daher macht mir auch meine fehlende Winterkleidung nichts aus. Trotzdem ist es ein seltsam ungewohntes Gefühl bei meiner Ankunft in Hamburg. Am Hauptbahnhof warte ich eine Stunde auf meinen Zug und beobachte meine Mitmenschen. Deutschland kommt mir verändert vor. Ich sehe sehr viele Flüchtlinge oder „Asylum Seekers“ – wie mir Ido Luries Verbesserung im Kopf nachhallt. Ich höre so viele fremde Sprachen und gleichzeitig ist es mir auch befremdlich wieder Menschen Deutsch sprechen zu hören. Es fällt mir schwer ihre Unterhaltungen auszublenden. Alles erscheint mir so laut und unfreundlich. Mich beunruhigen die Menschenmengen und das Gedränge. Mir läuft ein Schauer über den Rücken – wie leicht könnte ein Messerangreifer hier zuschlagen und wie viele Menschen würden wohl sterben, wenn man hier irgendwo eine Bombe hochgehen lässt. In mir meldet sich wohl ein Stück israelische Paranoia, obwohl ich mich in den letzten Wochen ständig neuer Messerattacken in Israel geweigert hatte, mich von der Panik mitreißen zu lassen. Oder war die Bedrohung dort doch realer, als ich mir hatte eingestehen wollen? Aber schon nach kurzer Zeit in Deutschland, komme ich mir wieder unglaublich sicher vor. Dennoch lassen mich die Nachrichten aus Israel nicht los. Es fällt mir schwer, all die Konflikte dort zu verstehen, mir eine Meinung zu bilden und Position zu beziehen. Ich möchte gerne noch einmal zurück, denn irgendwie fühle ich mich verbunden mit diesem Land. 

Ankunft

Ende August begann mein Ausflug ins „Heilige Land“. Vom Ben Gurion Flughafen kam ich nach einer 30-minütigen Taxi-Fahrt im chaotischen israelischen Verkehr nach Petah Tikva, einer Stadt in der Nähe von Tel Aviv, wo ich in einem Schwesternwohnheim untergebracht werden sollte. Dr. Shefet, eine Ärztin der psychiatrischen Klinik „Shalvata“, hatte für mich fast alles organisiert und so wurde ich dort gleich von einer ihrer Mitarbeiterinnen in Empfang genommen. Lucie ist gebürtige Wienerin und kümmerte sich sehr rührend darum, mein dreckiges Zimmer etwas gemütlicher zu machen. Bei einem gemeinsamen Essen konnten wir uns kennenlernen und sie machte  mich gleich mit wichtigen Details der jüdischen Kultur vertraut. Das erleichterte mir das Einleben sofort. Am nächsten Tag habe ich mich dann erstmal in meiner Unterkunft eingerichtet, mir eine israelische Sim-Karte besorgt und herausgesucht, wie ich mit dem Bus zur Famulatur komme. Ohne Hebräisch-Kenntnisse war das doch relativ schwierig, aber hilfsbereite, englischsprechende Israeli fand ich fast immer.

Famulatur

Mit Hilfe des Busfahrers schaffte ich es dann auch, am nächsten Morgen den Weg nach Hod Hasharon zu finden – wo meine Famulatur in der Klinik „Shalvata“ anfing. Weil Dr. Shefet aus der Gerontopsychiatrie noch im Urlaub war, verbrachte ich die erste Woche komplett in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort wurde ich sehr freundlich begrüßt und allen vorgestellt – um mir die israelischen Namen wie Chet und Schlomed zu merken, brauchte ich allerdings länger. Fast alle konnten fließend Englisch sprechen und meistens versuchte jemand für mich zu übersetzen. Trotzdem bereute ich sehr schnell, kein Hebräisch gelernt zu haben, weil ich so bei vielen Besprechungen und Patientengesprächen nichts verstehen konnte. Daher verbrachte ich viel Zeit in der Beschäftigungstherapie, um die Kinder und Jugendlichen besser kennenzulernen. Das war zwar nicht wirklich eine medizinische Tätigkeit, aber hat mir wirklich Spaß gemacht. Dort habe ich z.B. gelernt, Blumengestecke zu machen, Backgammon zu spielen und konnte auch ein paar einfache hebräische Wörter aufschnappen. Ein Assistenzarzt war sehr bemüht, mir psychiatrisches Basiswissen zu vermitteln. An einem Morgen hat er mich auch mit zur Elektrokrampftherapie genommen, was ich spannend aber auch erschreckend fand. Die Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie habe ich wirklich genossen und auch als Dr. Shefet wieder da war, bin ich dort gerne hingegangen, habe an manchmal stundenlangen Fallbesprechungen teilgenommen und Zeit mit den Patienten verbracht. Einige von ihnen habe ich sehr lieb gewonnen, weshalb mich ihre Krankengeschichten und die manchmal nicht gerade optimalen Familienkonstellationen sehr bewegt haben.

Jerusalem im Sandsturm. Foto: Henriette SchierholzDie meiste Zeit der Famulatur verbrachte ich aber mit Daphna Shefet in der ambulanten Gerontopsychiatrie. Sie ist eine ziemlich toughe Frau, hochgradig multitaskingfähig und schien mir am Anfang immer beschäftigt und unter Zeitdruck zu sein. Erst nach ein paar Wochen habe ich verstanden, dass das eine typisch israelische Art ist und sie sich trotzdem gerne mit mir unterhält und sich Zeit für mich nimmt. Medizinisch konnte ich bei ihr sehr viel lernen und sie war immer bemüht, mir die Patientengespräche zu übersetzen. Die meisten Patienten hatten Demenz, Depressionen oder Schizophrenie. Auch gab es noch Holocaust-Überlebende, die wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt wurden. Häufig wurde zu Beginn des Gesprächs der Mental Health Status abgefragt und bei Demenz regelmäßig der Mini-Mental-Status, sodass ich bald auch ohne Hebräisch-Kenntnisse folgen konnte. Auch die wichtigsten Medikamente zur Therapie von psychiatrischen Erkrankungen, konnte ich schnell lernen. Interessant war es für mich vor allem zu Beginn des Patientengesprächs, eine kurze Zusammenfassung über das Leben der Patienten zu hören. Fast alle älteren Patienten sind aus dem Ausland eingewandert, haben teilweise noch den Holocaust oder den „Unabhängigkeitskrieg“ in Israel miterlebt oder Familienmitglieder durch Gewalt verloren – jede Lebensgeschichten für sich genommen faszinierend und einzigartig. Die Möglichkeit Menschen und ihre Erfahrungen kennenzulernen, habe ich an der Psychiatrie wirklich zu schätzen gelernt.

Soziales Projekt

Parallel zur Famulatur stand noch das soziale Projekt auf meinem Terminplan. Ursprünglich war geplant, dass ich mich mit Holocaust-Überlebenden zu Gesprächen treffe und sie so bei der Verarbeitung ihres Traumas unterstütze. Leider hat sich für mich in meiner Zeit nur eins dieser Gespräche ergeben. In meiner letzten Woche besuchte ich dann noch AMCHA. Das ist eine Einrichtung für Holocaust-Überlebende, wo sie neben täglichem Programm wie Yoga-Kursen, Computerunterricht und Kunst auch psychische Betreuung erhalten. Es war wirklich berührend, wie herzlich ich dort begrüßt wurde. Viele alte Leute kramten ihre Deutsch-Kenntnisse heraus und versuchten mir etwas von sich zu erzählen. Dann wurde ich von einer zur nächsten Veranstaltung mitgeschleift. Ein richtig schöner Tag!

Gesher Clinic

Die meiste Zeit meines sozialen Engagements verbrachte ich allerdings in der Gesher-Klinik in Tel Aviv. Das ist eine Einrichtung, um Flüchtlingen – oder wie der Leiter Ido Lurie es besser formuliert „Asylum Seekers“ – eine psychische Behandlung in kleinem Maßstab zukommen zu lassen. Die meisten Flüchtlinge in Israel kommen aus Eritrea und dem Sudan. Viele von ihnen haben auf ihrer Flucht ein Trauma erlitten, einige wurden sogar gekidnappt und in Foltercamps im Sinai festgehalten, bis ihre Familien ein Lösegeld für sie bezahlten. Eine Aussicht darauf Asyl in Israel zu erhalten, hat so gut wie kaum einer von ihnen. Israel hat bislang weniger als 1% von ihnen anerkannt. So müssen sie sich damit begnügen, immer und immer wieder ihr Visum zu verlängern. Zusätzlich wird ihnen das Leben und die Integration in die Gesellschaft in allen Bereichen erschwert. Im Süden des Landes wurde das Internierungslager „Cholot“ erbaut. Männliche Flüchtlinge ohne Familie können aufgefordert werden, ihre Jobs und ihr sozialen Netzwerke zurückzulassen, um mitten in der Wüste in einem Lager zu leben, das sie nur tagsüber verlassen dürfen und wo sie nicht arbeiten können. Die Hoffnungslosigkeit in diesen Menschen konnte ich in der Klinik miterleben und hat mir einen ganz neuen Blick dafür gegeben, wie wir in Deutschland mit Flüchtlingen umgehen sollten. Besonders haben mich die Mitarbeiter der Gesher-Klinik beeindruckt, die mit allen ihnen möglichen Mitteln versuchten, den Flüchtlingen zu helfen und dabei immer wieder an Grenzen stießen.

Strand von Tel Aviv. Foto: Henriette SchierholzEintauchen in das israelische Leben

Durch f&e hatte ich viel Kontakt zu den Leuten vor Ort. Besonders Daphna hat mich häufig zu sich und ihrer Familie eingeladen, mit mir einen Ausflug gemacht und mir Tipps gegeben, was ich in der Freizeit unternehmen könnte. Fast jeden Freitag war ich bei einer Kollegin aus Shalvata zum Sabbat-Essen eingeladen. Die meisten jüdischen Familien kommen immer noch Freitagabends zusammen, um ein sehr üppiges Abendessen zu verspeisen. Mit Essen wurde ich allgemein sehr gut versorgt und habe so auch ein paar Pfund mehr als Andenken mit nach Deutschland genommen. Als Christin wollte ich unbedingt mehr über den jüdischen Glauben lernen. Da passte es besonders gut, dass während meiner Zeit ein Feiertag auf den anderen folgte – zuerst das Neujahrsfest „Rosh Hashanna“, dann der Versöhnungstag „Yom Kippur“ und zuletzt das zehntägige Laubhüttenfest „Sukkot“. Einziges Problem daran war, dass meine Zeit bei der Famulatur dadurch sehr kurz war und an den meisten Feiertagen alles geschlossen hatte. An den Feiertagen fuhren wie am Sabbat keine öffentlichen Verkehrsmittel und an Yom Kippur durften nicht einmal Autos fahren. Diesen einmaligen Tag verbrachte ich in Tel Aviv und konnte nicht nur all die Kinder- und Erwachsene sehen, die mitten auf der Straße Fahrrad fuhren, herumliefen, saßen und sangen, sondern auch das Fasten der Religiösen und das heilige Abschlussgebet in der Synagoge miterleben. Zeit zum Reisen blieb mir dank der Feiertage dann auch noch. So konnte ich noch mehr von diesem wunderschönen Land mit seinen geschichtsträchtigen Orten sehen.

Ich bin unglaublich dankbar für die tolle Zeit, die ich in Israel hatte und auch für all die Eindrücke von den anderen Teilnehmern, die ich in meinen deutschen Alltag mitnehmen konnte.

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