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Türkei

von Jana Simon

01.12.2009 Türkei – Urlaubsland Nummer eins für jährlich mehrere Millionen Deutsche, EU-Beitritts-Kandidat, Land zwischen Ost und West, Asien und Europa, Schwarz- und Mittelmeerküste, Land der Hochebenen, Berge und Strände, von Sonne und Schnee, Land der Konflikte und aufreibenden Geschichte, Land zwischen Islam und einem modernen von Atatürk erschaffenen laizistischen Nationalstaat... . Voll wirrer Gedanken, voller Aufregung und Neugierde vermischt mit einer Prise Ungewissheit, was mich in den nächsten Wochen alles erwarten würde, bestieg ich das Flugzeug, welches mich in nur 3 Stunden in eine andere Welt, nach Izmir am ägäischen Meer transportieren sollte.

In der Vergangenheit hatte ich, vielleicht wegen meiner Herkunft aus dem sächsischen Dresden, noch wenig bis gar keinen Kontakt zu türkischen oder kurdischen Mitbürgern gehabt, und so war ich sehr gespannt, endlich einmal mehr über dieses faszinierende, vielschichtige Land und seine Menschen zu erfahren. Schon im Flugzeug verflogen die letzten leisen Zweifel im Gespräch mit einer zwischen den Kulturen stehenden Familie, und herzlich wurde ich um 3 Uhr früh von Bülent Kilic am Flughafen in Empfang genommen. Bülent wurde vor mehr als 10 Jahren angesprochen, ob er sich nicht um Betreuung und Organisation u.a. von Wohnheim und Famulaturen für die deutschen f & e Teilnehmer kümmern könnte, und seitdem betreut er jeden Sommer einen Studenten aus Deutschland, teils auch mal eine ganze Delegation. Inzwischen gibt es auch einen direkten Austausch, und Bülent und sein Kollege Yücel wählen jedes Jahr einen türkischen Studenten aus, der mit dem f&e-Programm 2 Monate in Deutschland verbringen kann. Bülent ist wie sein Kollege Yücel Associate Professor im Public Health Department der Dokuz Eylül Üniversitesi (9. September Universität -Tag der Einnahme des griechisch besetzten Izmirs durch türkische Truppen 1922).


Da bis zum Beginn der Famulatur noch ein wenig Zeit war, hatte mich Bülent zu sich und seiner Familie in sein Sommerhaus in der Nähe von Seferihisar, ca. 70 km südlich von Izmir eingeladen. Dort verbrachten wir also mit Großeltern, seiner Frau und Tochter das Wochenende, ließen uns vom schönen Wetter, Wind und Wellen verwöhnen. Abends spielten wir Okey, ein allseits beliebtes Spiel in der Türkei und eigentlich wie Rummikub aus meiner Kindheit, oder begaben uns auch einmal in den männerdominierten Çay Bahcesi (Teegarten) um Fußball zu schauen. Die Großmutter kochte großartig, auch wenn sich mein Magen doch erst einmal an die neue Küche gewöhnen musste. Selbst konnte sie das Essen allerdings nicht genießen, da sie als Einzige den Fastenmonat Ramadan einhielt und erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder essen durfte. Es war spannend, sich mit Händen und Füßen verständigen zu müssen und erste eigene Sätze zu bilden. Bülent versorgte mich auch mit einigen Zeitungsartikeln über die aktuelle Situation in der Türkei und wir führten einige interessante Gespräche über das kurdisch-türkische Problem, EU-Beitritt der Türkei etc. Nach den 3 Tagen mit der Familie fiel der Abschied und Aufbruch zum Studentenwohnheim schwer.


Das Wohnheim (Atatürk Öğrenci Yurdu) liegt direkt am Meer und beherbergt im laufenden Semester ca. 2000 Studenten v.a. der nahe gelegenen medizinischen und künstlerischen Fakultäten. Der Komplex ist ein mit Stacheldrahtzaun abgetrennter Mikrokosmos aus Wohnblöcken, Mensa, Wäscherei, Internetcafe und Einlasskontrolle durch teils mürrisch dreinblickende, teils sehr lustige und nette Beamte. Es gab zwar eine Ausgangsperre, die jedoch in der Ferienzeit sehr human bei spätestens um 1 Uhr nachts lag. Für besondere Vorhaben musste man sich seine Abwesenheit absegnen lassen oder einfach dreist zu spät kommen, was bis zu dreimal im Monat kein Problem darstellt. In Vierbettzimmern untergebracht ließ es sich unterhaltsam leben. Für manche Studenten ist dies während der gesamten Studienzeit Realität und nicht immer einfach, aber immerhin handelt es sich um das beste staatliche Wohnheim der gesamten Türkei, wie mir von mehreren Seiten mitgeteilt wurde.

Famulatur in der HNO
Ich hatte mich dazu entschlossen, zunächst im Krankenhaus mit dem Famulaturteil zu beginnen, u.a. aus der Überlegung heraus dass es vom sprachlichen Verständnis kaum einen Unterschied machen würde, ob ich jetzt oder später famulieren würde; es hingegen aber für den später geplanten Sozialteil von f & e von Vorteil sein könnte, schon ein paar Brocken Türkisch mitzubringen. Der erste Tag verging mit viel Çay und Kennenlernen aller Kollegen von Bülent, erst am Nachmittag um 4 Uhr erschienen wir letztendlich ganz entspannt beim Professor der HNO.


Die ersten beiden Tage verbrachte ich auf Station und im OP. Auf der Station arbeiteten 5 Assistenzärzte. Ausgebildete Fachärzte habe ich kaum und wenn dann eher auf der Chefarztvisite gesehen, bei der ich ganze 17 Teilnehmer gezählt habe. Die Ausstattung und der erste Eindruck auf Station waren ähnlich wie in Deutschland. Es gab allerdings weniger Schwestern, so dass viel Schwesterntätigkeit von Ärzten des ersten Ausbildungsjahres absolviert werden musste. Die Gründe für den Mangel an Schwestern scheinen vielschichtig zu sein. Ein Grund ist u.a. dass die Türkei die Versorgung durch Ärzte im Rahmen der EU-Beitrittsbestrebungen auf westliches Niveau anheben möchte, von ca. 1,5 Ärzten auf je 1000 Einwohner auf über 3. Inzwischen werden also viele Ärzte ausgebildet, die Ausbildung der Schwestern hinkt aber verhältnismäßig hinterher. Weiterhin kümmern sich oftmals Angehörige um viele Dinge, die in Deutschland Schwestern erledigen würden, wie zum Beispiel Waschen. Im Arztzimmer wurden bei geöffneter Tür Patienten untersucht und von 2 Ärzten gleichzeitig ausgefragt. Es war eine sehr stressige Atmosphäre, und keiner hatte Zeit bzw. genügend englische Sprachkenntnisse, mich zu beachten. So entschloss ich mich also, den Rest der Zeit zwischen Poliklinik und dem OP zu pendeln.


Auch in der Poliklinik gab es meist viel zu tun und zwischen den Patienten oft keine Zeit, aber zum Einstieg in die HNO war es am interessantesten, und die jungen Ärzte waren sehr nett. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Yüksel, der sehr sympathisch war, gut englisch und französisch sprach und mich immer ein zweites Mal untersuchen ließ. Er befand sich im zweiten Ausbildungsjahr und musste daher jeden Monat noch an die 10 Nachtdienste absolvieren, was jeweils 2 normale Arbeitstage mit zwischengeschalteter Nacht bedeutete, also 36 Stunden. Dem entsprechend mitleiderregend müde quälte er sich manchmal durch den Arbeitstag. Wir führten auch viele Endoskopien der Nasenräume und der Epiglottis durch. Auffallend war die hohe Zahl an diagnostiziertem gastroösophagealem Reflux, was mir als durch das scharfe Essen verursacht erklärt wurde. Viel Zeit verbrachte ich im Zimmer mit dem Reinigungsteam beim Çay trinken und mit Türkisch lernen oder auch mal schlafend versteckt hinter einer Ecke, wenn mich das Schlafdefizit überrollte. Falls interessante Operationen stattfanden, wurde ich in den OP gerufen, wo die Oberärzte jeweils sehr bemüht waren mir Dinge auf englisch (manchmal leider jedoch etwas unverständlich) zu erklären. So konnte ich unter anderem eine Cochlea-Implantation, eine Stapedektomie, Tracheotomie und ein paar Routineeingriffe beobachten.


Beim Essen in der Yemekhane lernte ich noch das nette Team der Audiologie kennen, die ich auch mal auf einen türkischen Kaffee und zum Rundgang an ihrer Arbeitsstelle besuchen konnte. Da es gerade die Zeit des Ramadan war, hatte ich zudem einmal das Glück mit den Assistenzärzten von Pharmavertretern auf ein Iftar in ein edles Restaurant eingeladen zu werden. Eine weitere schöne Begebenheit war noch ganz am Anfang die ernstgemeinte Einladung zu einem HNO-Kongress in Izmir im kommenden Jahr, nachdem ich dem Professor, der selbst Musik macht, Saxofon vorgespielt hatte. Mit etwas Glück und falls er es bis dahin nicht vergessen hat, werde ich Izmir und Ephesus also vielleicht schon im Mai wiedersehen. Nach den 2 Wochen war ich traurig das liebgewonnene Team verlassen zu müssen und schon das erste Mal „Tschüss“ sagen zu müssen.

Famulatur in der Notaufnahme
Trotz bereits zweiwöchigen Aufenthaltes im Universitätskrankenhaus fand ich am Morgen des ersten Tages meinen Weg im verworrenen System der langen Gänge zunächst nicht und musste um Hilfe fragen (von außen kommend wäre das natürlich nicht passiert). Zufällig begegnete ich so schon einmal dem besten Freund von Emre, der diesen Sommer in Deutschland verbracht hatte und mit dem zusammen wir später noch so manche schöne Stunde verbringen sollten. Nach der entspannten Zeit in der Poliklinik wusste ich zunächst wieder nicht, wem ich mich zuordnen sollte. Mal lief ich mit den Studenten umher, mal mit einem Arzt der so aussah als hätte er gerade ein wenig Zeit für mich. Im Rückblick hätte ich mich vielleicht wie die Studenten einem Arzt zuordnen lassen sollen um dann für dessen Patienten verantwortlich zu sein. Dies traute ich mir aber aus sprachlichen Gründen noch nicht zu. So fühlte sich am Ende meist keiner verantwortlich, und es war schwer zu wissen wo man gerade etwas lernen oder machen konnte. Nichtsdestotrotz konnte ich hier und da Blut abnehmen, Flexülen legen, arteriell Blut abnehmen oder einmal auch nähen, erlebte meine ersten Reanimationen, und ab und zu erklärte mir ein netter Arzt CT-Bilder von interessanten Patienten, die er sich vorher notiert hatte. Die Zeit, die ich in der Notaufnahme verbrachte, war relativ ruhig und die Betten waren längst nicht ausgelastet. Auffällig war, dass manche Patienten mehrere Tage dablieben. Ein direkter Vergleich zu Deutschland fehlt mir zwar, aber ich gehe davon aus, dass es hierzulande leichter ist, auf eine andere Station verlegt zu werden. In der Türkei war dem offenbar nicht so, und ich sprach mit einer englischen Patienten, die nach über 24 Stunden aufgrund des ständigen Betriebes immer noch kein Auge zugetan hatte. Dem Heilungsprozess kommt dies sicherlich auch nicht gerade zugute. Gerade in meiner einzigen und ersten Nachtschicht entwickelten sich mit Studenten und Ärzten interessante Gespräche, die ich an solch einem offiziellen Ort gar nicht erwartet hätte.
Wie ich gerade grinsend gelesen habe, war dies wohl auch schon bei Nathalie, der f & e’lerin des letzten Jahres so, die auch mitten in der Nacht um 3 Uhr über den türkisch-kurdischen Konflikt zu sprechen kam, so ähnlich war das auch bei mir. Allgemein fiel mir auf, dass man wesentlich freier über politische Themen reden konnte, als ich dies vorher erwartet hatte. Auch mit Freunden schauten wir bei geöffnetem Fenster im ersten Stock kurdisches Fernsehen und diskutierten über Politik oder redeten in der Cafeteria umgeben von lauter potentiellen Zuhörern. Zu Anfang hatte ich aus Rücksichtnahme niemanden an öffentlichen Orten auf brisante Themen angesprochen.


Als ich dann am Morgen nach der 14-stündigen Nachtschicht endlich ins Bett fiel, wurde uns im Wohnheim mitgeteilt, wir hätten in 5 Minuten für mehrere Stunden wegen einer (so weit ich das auf türkisch verstanden habe) Insektenbekämpfungsmaßnahme das Gelände zu verlassen. Viel Zeit verbrachte ich bei leckerem Ayran oder Çay in der Notaufnahme und nachmittags in der sonnigen Cafeteria des Krankenhauses im Gespräch mit meinen Freunden. Ich machte Bekanntschaft mit weiteren Familien, es gab weitere Einladungen zu Iftars und an den Strand oder mit zwei Ärzten der Notaufnahme und einem „Sekretär“ (eigentlich Jurastudent und mein späterer Mitbewohner) zum Tauchen, zum Tabu-Spielen, lecker Brunchen etc.

In Inönü
Vor Beginn meines Sozialpraktikums fand das Fest des Fastenbrechens, oder auch Şeker Bayramı (Zuckerfest) statt. Die Zeit verbrachte ich mit Freunden und weniger traditionellen Familien, daher habe ich von der traditionellen Feierlichkeit weniger mitbekommen. Während der Zeit des Zuckerfestes war das Wohnheim fast leergefegt, bis auf wenige Studenten waren alle nach Hause zu ihren Familien gereist bzw. nach der Sommerpause noch gar nicht wieder zur Uni zurückgekehrt. Ich war nach einmal Umziehen und mehrmaligem Auszug meiner Zimmerkameradinnen, die manchmal nur für eine Nacht blieben, wieder allein im Zimmer, alle diesjährigen Sprachkursteilnehmer waren schon vor einiger Zeit abgereist.
Die ersten beiden Wochen meines Sozialpraktikums verbrachte ich in Inönü, einem Gecekondu („über Nacht erbaut“) von Izmir. Es ist eines der einkommensschwächsten Viertel der 3-Millionenmetropole. Die meisten Bewohner kommen aus dem Osten des Landes, viele gehören der kurdischen Minderheit an. Die meiste Zeit befand ich mich im ehemaligen Gesundheitszentrum von Inönü. Hier arbeiteten früher viele Disziplinen zusammen, auch Sozialarbeiter und technische Mitarbeiter, die sich neben der Versorgung bereits Kranker auch um präventive Maßnahmen und die gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung des benachteiligten Viertels kümmerten. Inzwischen hat sich das Gesundheitssystem der Türkei weg von diesen Gesundheitszentren hin zu einem privatisierten Hausarztsystem entwickelt. Jeder Arzt arbeitet allein, bringt am Ende des Monats zwei bis dreimal so viel Geld nach Hause wie in der Vergangenheit. Die Patienten müssen nun auch zu Vorsorgemaßnahmen wie Impfungen selbständig den Arzt aufsuchen. Was für den aus Europa angereisten eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, ist dort für manche Benachteiligte eine große Hürde, sei es aus Gründen des Analphabetismus oder der Unmöglichkeit der Anreise. Der Einblick in die Wohnsituation der Patienten und das Beobachten des Patienten in seinem eigenen Umfeld mit allen krankheitsauslösenden Faktoren fehlt dem Arzt und der Schwester also nun.
Ich hatte das Glück, aufgrund meines inzwischen halbwegs akzeptablen Türkisch mit der Krankenschwester Ziynet ins Gespräch zu kommen. Seit Wochen schon war ich auf der Suche nach einer sozial engagierten Person als Inspiration für einen Artikel den wir für die IPPNW-Studierendenzeitschrift AMATOM schreiben sollten, hatte schon fast aufgegeben und schließlich traf ich sie. Bereits seit 15 Jahren arbeitet Ziynet in Inönü und ist daher mit dem alten Gesundheitssystem bestens vertraut. Sie führt die damalige Arbeit in ihrer freien Mittagspause weiter. Jeden Tag besucht sie eine andere Straße ihres 4000 Einwohner umfassenden Bezirks, weiß genau wer gerade schwanger ist oder ein Kind bekommen hat. Kümmert sich um Verbesserung der gröbsten Mängel der Wohnsituation und klärt Schüler und Eltern über wichtige Themen auf. In einer Mittagspause ging ich mit ihr zu den Familien, in die Häuser. Es war faszinierend wie einfach, aber trotzdem funktionell die meist selbsterrichteten Häuser ausgestattet waren, oftmals mit traumhaften Blick auf die Stadt und das Meer. Auch einen Wasseranschluss und Elektrizität scheint es inzwischen in fast allen Haushalten zu geben. Wir hatten nur wenig Zeit, aber die Gastfreundschaft der Menschen war so überwältigend, dass es schwierig war wieder fortzukommen. Im Gesundheitszentrum selbst verbrachte ich mit allen 3 dort arbeitenden Ärzten ein wenig Zeit, meistens jedoch an der Seite von Belkis, der energischsten der drei. Obwohl vom Gesundheitssystem und ihrer Arbeit innerlich frustriert, ließ sie sich dies bei ihrer Arbeit nicht anmerken, ging gewitzt und liebevoll mit allen großen und kleinen Patienten um. Das Krankheitsspektrum unterschied sich anders als erwartet kaum von einer normalen Hausarztpraxis in Deutschland, viele infektiöse Atemwegserkrankungen und chronische Erkrankungen. Die ebenfalls oft vorkommende COPD war neben dem weit verbreiteten exzessiven Rauchen oft auch der schlechten Luftqualität im Winter geschuldet, bei der alles Brennbare, auch Plastiktüten, verbrannt werden. Weiterhin fiel mir der extrem schlechte Zahnstatus schon der Kleinkinder auf, kaum eines unseres Bezirks hatte nicht mehrere kariöse Zähne. Diese Tatsache machte Belkis sehr wütend, und sie meinte es sei Sache der Regierung, etwas an diesen Zuständen zu ändern. Die Zeit in Inönü war sehr eindrücklich, ich möchte sie nicht missen. Wieder verließ ich sehr ungern die inzwischen liebgewonnenen Menschen und diesen Ort mit traumhaftem Ausblick.


Ein Arzt der Notaufnahme, der auch Steffi, die f& e’lerin von 2007 sehr gut kannte, bot mir an mit ihm zu einem sozialen Festival nach Istanbul zu reisen. So verlebten wir ein paar schöne Tage mit Konzert am Abend, mit seinen Freunden in Taksim und tagsüber bei Çay am Bosporus und die schönsten Ecken der Stadt erkundend.


Als ich ins Wohnheim zurückkehrte, war mein Bett auf einmal belegt, das Semester hatte begonnen und von nun an war kein Platz mehr für mich. So schnell es ging suchte ich mir also eine Bleibe für die letzten Wochen, und so kam es dass ich in einer zweier WG (ganz unkonventionell mit sowohl einem Mann als auch einer Frau) als dritte Person hinzuzog und fortan auf der Couch schlief.

Die Menschenrechtsstiftung
Die letzten zwei Wochen meines Aufenthaltes in Izmir verbrachte ich in der Izmirer Abteilung der türkischen Menschenrechtsstiftung. Ich hatte zuvor noch nichts mit der Problematik von Folter und Folterdokumentation zu tun gehabt, war sehr gespannt sowohl auf das Thema als auch die Menschen, von denen ich in alten Berichten schon ein wenig gelesen hatte.


Wie den meisten meiner Vorgänger war es mir nicht möglich, mit den Folteropfern selbst in Kontakt zu treten, aber dafür konnte ich Gespräche mit allen anwesenden Mitarbeitern führen. Leider befanden sich viele der Mitarbeiter während eines großen Teils meiner Zeit entweder im Urlaub oder auf ausgedehnten Schulungen von 4000 Ärzten über das Istanbul Protokoll, so dass ich mit einigen nur sehr wenig Zeit verbringen konnte. Allerdings war es natürlich eine großartige Errungenschaft, das Istanbul Protokoll, an dem einige Mitarbeiter selbst maßgeblich mitgewirkt hatten, so vielen Gesundheitsarbeitern nahe zu bringen und ihnen zu vermitteln, wie wichtig und auch juristisch zwingend eine korrekte und ausführliche physische wie psychische Untersuchung und Dokumentation von vermutlichen Opfern von Folter ist.
Mit Ossi verbrachte ich die ersten Tage viel Zeit im Gespräch über seine bewegende Lebensgeschichte und viele weitere Themen. Mit seiner kleinen Familie konnte ich auch einige sehr schöne Stunden außerhalb der Stiftung verbringen. Viele Stunden stöberte ich im Internet zu assoziierten Themen und las im Istanbul Protokoll und Berichten der Stiftung aus vergangenen Jahren. Es war spannend mehr über die persönlichen Beweggründe, die Lebensgeschichten des Teams und die Arbeit der Stiftung zu erfahren. Außerdem waren die Mitarbeiter gänzlich anders als viele Menschen, die ich außerhalb der Stiftung kennen lernte, sowohl was Religiosität als auch Einstellungen z.B. zum kurdisch-türkischen Konflikt angeht. So gelang es mir ein wenig mehr, meine zuvor gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen zu ordnen und ein neutraleres Bild über einige politische, historische und mich sehr bewegende Themen zu gewinnen. Weiterhin hatte ich die Möglichkeit mit dem bekannten Dr. Veli Lök zu sprechen, der auf dem Gebiet der Folterdokumentation große Schritte unternommen hat und auch in anderen Bereichen in der Sportmedizin und Orthopädie eine bedeutende Persönlichkeit ist. Von allen Projekten fühlte ich mich in der Stiftung vermutlich am Liebevollsten aufgenommen. Die Herzlichkeit und körperliche Nähe der Mitarbeiter untereinander und auch zu mir ließen mich erahnen, wie ein traumatisierter Mensch hier Zuflucht und Wärme wiederfinden kann. Vielen Dank euch allen, vielen Dank Ossi!

In Ankara und Kayseri
Nach Abschluss meines offiziellen f& e– Aufenthaltes reiste ich nach Ankara, wobei ich dank Rosa Öktem u.a. einen Vormittag in der Menschenrechtsstiftung von Ankara verbringen durfte. Weiterhin besuchte ich noch einige Tage einen kleinen Ort nahe der in Zentralanatolien gelegenen Stadt Kayseri. Dort arbeitete ich mit Mustafa, einem ehemaligen f&e-Gaststudenten aus der Türkei in einem kleinen Krankenhaus der Minimalversorgung. Ich erlebte zum ersten Mal das Leben in einer türkischen Kleinstadt, in der nach 18 Uhr noch nicht einmal ein Restaurant geöffnet hat und der zentrale soziale Treffpunkt die Kaffeeküche des Krankenhauses ist. Und wie es ist, die einzige Frau auf der Straße zu sein. Zum ersten Mal konnte ich zu Gast bei einer Familie unglaublich leckere selbstgemachte Manti probieren sowie die regionale Variante dessen. Am Markttag, dem Mittwoch, wird der Marktbesuch gleich mit einem Besuch des Krankenhauses kombiniert, und der Andrang ist an diesem Tag am größten. In einer 24-Stunden-Stunden Schicht am Mittwoch und gleichzeitig meinem Geburtstag untersuchten wir 300 Patienten. Bei geöffneter Tür ließen sie dem Arzt keine Pausen. Während ein Patient untersucht wurde, standen im Zimmer und vor der Tür schon fordernd und neugierig dreinblickend die nächsten. Selbst nachts kamen die Menschen wegen neu aufgetretenem Fieber oder Schlaflosigkeit, es war verrückt. Mustafa erklärte gerne und viel, stellte mich immer gleich als Ärztin vor und ließ mich zunächst selbst die Patienten ausfragen und untersuchen. Für die lehrreiche und unterhaltsame Zeit und die gemeinsame Fahrt nach Kappadokien bedanke ich mich hier noch mal ganz herzlich bei Mustafa!


Überhaupt gibt es so viele Menschen, denen ich gerne danken würde und die diesen Aufenthalt für mich zu einer unvergesslichen Zeit gemacht haben. Nur von manchen war hier die Rede, aber vergessen habe ich niemanden und fast nichts. Allen voran danke ich Ulla und Nathalie und allen anderen diesjährigen f & e’lern und Teamern für Tipps, spannende Reiseberichte und ihre Unterstützung. Emre, dem diesjährigen f & e’ler aus der Türkei verdanke ich viele spannende Gespräche, leckeres Essen mit seiner Familie und den gemeinsamen Besuch einer Hochzeit. Gemeinsam übersetzten wir eines Abends den meistverehrten (und in der Vergangenheit ins Exil verbannten und dort auch verstorbenen) Poeten Nazim Hikmet.


Mit Yücel, dem Arbeitskollegen von Bülent, ging ich wandern und öfter einmal joggen im Kültürpark oder anderswo, und auf dem Moped sausten wir am Meer entlang zurück vom Ausgehviertel Alsancak nach Incıraltı zum Wohnheim. Er erklärte mir auch viel über das türkische Gesundheitssystem und die Stellung der Arbeitsmedizin in seinem Land. Bülent konnte ich leider aufgrund eines familiären Ereignisses erst am Ende meines Aufenthaltes wiedersehen. Mit einer weiteren Gruppe Medizinstudenten musizierte ich, ging ins Musical, Kino, zu Rock- und Kardeş Türküler Konzerten, zum Çay trinken und Karten spielen. Und nicht zuletzt die Tür der Freunde von Mustafa stand zu jeder Tages- und Nachtzeit immer für mich offen.


Es ist noch gar nicht lange her, dass ich zurück aus der Türkei bin, immer noch bin ich nicht ganz wieder angekommen, und hoffentlich kann ich bald wieder zu all den Menschen zurückkehren, die ich nach dem Schreiben dieser Zeilen ganz besonders zu vermissen beginne.
Es war nicht immer eine leichte Zeit, aber sie hat sich gelohnt...

Zur Vorbereitung
Kulturschock Türkei, Manfred Ferner, Reise Know-How Verlag
Lextra Sprachkurs Plus Türkisch, Cornelsen Verlag
Islamische Kultur und Geschichte, Peter Ortag, Landeszentalen für politische Bildung

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