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Palästina

von Marie-Sophie Keßner

01.12.2009 Wie fern war mir dieses Land, als ich die Möglichkeit erhielt, im Rahmen des f&e-Projekts das Westjordanland kennen zu lernen. Wie wenig wollte ich mich zuvor an Diskussion zum Nahostkonflikt beteiligen, da ich wenig Kenntnis über die Verhältnisse besaß. Jetzt, nach meinem Aufenthalt, erscheinen mir immer wieder die süßen Gesichter der kleinen Kinder in den Krankenbetten, horche ich bei jedem Nachrichtenbeitrag über Israel und die palästinensischen Gebiete auf, Geschichten aus Bethlehem führen beim Abendessen zu politischen Debatten, ich strahle über das ganze Gesicht wenn ich in der Bahn einen älteren Mann „ Inschallah“ sagen höre - und doch habe ich das Gefühl in mir alles andere als Klarheit zu dieser Region und seinem Konflikt gewonnen zu haben. Die Monate waren lustig, traurig, erschreckend, bedrückend, beklemmend, beeindruckend, herzlich, gastfreundlich, freundschaftlich, schweißgebadet, sandig, salzig und vor allem unvergesslich; was für ein unglaubliche Bereicherung dieser Sommer für mich war! Meinem Idealismus wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Auf dem Rückflug den Koffer voll unbeantwortbarer Fragen.

Der Ort
Blick auf Bethlehem: mit der einzigartigen arabischen Buslinie 124 geht’s vor den Toren der Altstadt Jerusalems wenige Kilometer durch die hügeligen Vororte der Stadt, vorbei an der größten israelischen Siedlung im Westjordanland an den Checkpoint Bethlehems. Nach Durchqueren der Hochsicherheitsschleuse erreicht man zu Fuß das verschlafene Bethlehem: Hat man die auf TouristInnen hoffenden Händler und Taxifahrer überwunden und folgt der acht Meter hohen Sicherheitsmauer, erreicht man die erste Station meines Aufenthalts: das „Caritas Baby Hospital“!

Die Famulatur
Das Kinderkrankenhaus wurde 1952 mit dem Anspruch eröffnet, Kindern egal welcher Nationalität, Religion und sozialem Hintergrund, die unter dem israelisch-palästinensischen Konflikt leiden, eine medizinische Basisversorgung zu gewährleisten. Es ist bis heute das einzige Kinderkrankenhaus in den palästinensischen Gebieten. Mit einem symbolischen finanziellen Betrag der Familie kann allen Kindern eine Behandlung ermöglicht werden. Ich konnte in meiner Zeit im Caritas alle Arbeitsbereiche kennen lernen, vom allmorgendlichen gemeinsamen Frühstück über die Visite und die einzelnen Stationen hin zum Mikroskop im Labor. Zu einigen MitarbeiterInnen entwickelte sich in kurzer Zeit ein herzliches Verhältnis, das mich während Ramadan an mehrere Essenstische und touristische Ziele führte.


Aufgrund der politischen und kulturellen Verhältnisse im Westjordanland unterscheidet sich der Krankenhausalltag grundlegend von dem in westeuropäischen Ländern. Diese gesellschaftlichen Zustände führen zu anderen Voraussetzungen bei der Arbeit mit Kindern und Eltern. Beispielsweise können im Krankenhaus keine Operationen durchgeführt werden. Falls die Notwendigkeit einer solchen besteht, unterstützt das Krankenhaus die Familie bei der Beschaffung finanzieller Mittel und der Vermittlung an ein geeignetes Krankenhaus. Hier ist die größte Herausforderung meist, für das Kind eine Einreisegenehmigung nach Israel zu erhalten, damit es dort in einem israelischen Krankenhaus operiert werden kann. Eigentlich ist es nur ein halbe Stunde Autofahrt, die das Caritas von dem notwendigen Operationssaal im Nachbarstaat trennt, doch infolge des Konflikt und bürokratischer Hürden kann es Wochen dauern, bis ein Baby im anderen Krankenhaus ankommt. Die durch den Konflikt entstandenen Grenzen führen sind auch Ursache für andere gesundheitliche Probleme: so lagen während meiner Famulatur viele behinderte Kleinkinder auf den Stationen, die teilweise von ihren Eltern vergessen wurden. Behinderung ist nicht nur ein gesellschaftliches Tabuthema und durch Verwandtschaftsehen ein kulturelles Problem, sondern wird auch durch eingeschränkte Bewegungsfreiheit gefördert. Hier ist aufgrund fehlender staatlicher Aufklärungsarbeit von ärztlicher Seite und Sozialdienst enorme Handlungsinitiative gefordert, damit Behinderung ein öffentliches Thema wird und behinderte Menschen nicht länger der Diskriminierung ausgesetzt sind. Erstmals erlebte ich, wie Kinder aufgrund fehlender Medikamente nicht vollständig behandelt werden konnten; aber auch dass Eltern nicht bereit waren, ihr chronisch krankes Kind medikamentös zu versorgen, da daheim noch sechs gesunde „Mäuler“ gestopft werden mussten.


Doch trotz aller äußeren Schwierigkeiten gibt es auch Positives zu berichten: Die Arbeitsatmosphäre im Krankenhaus empfand ich als sehr angenehm, ich hatte das Gefühl, alles liefe entspannter ab als im hektischen deutschen Krankenhausbetrieb. Nach der Frühbesprechung wurde erst einmal gemeinsam lecker arabisch gefrühstückt. Und während der Visite, an der Oberarzt, Assistenzärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Sozialarbeiterin teilnahmen, wurde jeder Meinung Gehör geschenkt. Oft dachte ich, es würde mehr diskutiert als untersucht. Leider wurde dadurch oftmals der Anspruch untergraben, die Visite in englischer Sprache abzuhalten, so dass ich den Inhalten nur noch sehr schwer folgen konnte. Doch hatte ich für den Sprachwechsel hin zum Arabischen auch Verständnis, da es schwierig ist zwischen Elterngespräch und KollegInnen immer wieder die Sprache zu wechseln. Auf der anderen Seite war ich dann doch wieder sehr erstaunt, wie viel ich aus den nonverbalen Reaktionen verstehen konnte.


Ich habe durch die Famulatur keinen fachlichen Wissenssprung vollzogen, habe mir oft mehr praktische Tätigkeiten gewünscht und die Rolle des Beobachters verlassen zu können. Das Pädiatrielehrbuch staubte langsam ein, während ich nach der Arbeit Städte, Menschen, Essgewohnheiten und Lebensweisen zu erforschen versuchte. Doch faszinierte mich aus medizinischer Perspektive vor allem das Auftreten gesellschafts- oder kulturspezifischer Krankheiten: Erbkrankheiten, Mangelerscheinungen etc. Hier trat das unauflösliche Verhältnis von Gesundheit und Gesellschaftsverhältnissen zum Vorschein!

Das Sozialprojekt
Das „Guidance and Training Center for Child and Family“ (GTC) ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich als Hilfsorganisation für Kinder und Erwachsene mit psychischen Problemen / Erkrankungen versteht. Hierfür bietet das Projekt verschiedene Therapieprogramme an (Einzeltherapie, Paartherapie, Spieltherapie usw.), entwickelt Präventionskampagnen, um die palästinensische Gesellschaft für die Konsequenzen psychischer  Erkrankungen zu sensibilisieren, organisiert Fort- und Ausbildungsprogramme und arbeitet an der Etablierung eines Forschungszentrums zur Thematik psychischer Störungen. Im GTC arbeiten neben dem administrativen Team eine Psychiaterin, mehrere PsychologInnen, SpieltherapeutInnen und SozialpädagogInnen. Die psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich psychische Probleme einzugestehen ist in der palästinensischen Gesellschaft nicht weit verbreitet; obwohl gerade das Auftreten beispielsweise posttraumatischer Belastungsstörungen bei den in dieser Region lebenden Menschen verhältnismäßig hoch ist. Um den bestehenden Vorurteilen vorzubeugen, die Tabuzone zu durchbrechen und auf die Angebote des Centers aufmerksam zu machen, startete das GTC während meines Aufenthalts eine - wie oben erwähnte - „awareness campaign“. Mit Plakaten, Schulbesuchen, Interviews in verschiedenen Medien und öffentlichen Vorträgen wurde auf Themen wie Depressionen, ADHS, sexuelle Aufklärung, Eheprobleme, Bettnässen usw. aufmerksam gemacht. Dank des Facettenreichtums erhielt das Team sehr viel positive Resonanz. Neben der Mitwirkung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit sollte ich vor allem an den Therapiesitzungen teilnehmen. Hier machten mir der Ramadan und die zeitintensive Kampagne jedoch einen Strich durch die Rechnung. Nur wenige Sitzungen fanden in dieser Zeit statt, sodass ich oft das Gefühl hatte, keiner hätte Verwendung für meine Hilfe. Eindrucksvoll war für mich eine Weiterbildung des Teams zu TraumatatherapeutInnen. Zum Erlernen der Methode mussten die MitarbeiterInnen eigene traumatisierende Ereignisse mit dieser Therapieform verarbeiten. An diesem Nachmittag wurde mir erneut klar, wie prägend doch der Nahostkonflikt für jeden einzelnen Menschen ist und welch enorme Auswirkungen er in verschiedensten Formen auf jedes Individuum haben kann. Viele Privatgespräche drehten sich in der Zeit um den Begriff der „traumatisierten Gesellschaft“ und um die Frage, ob er im Fall Israelis/PalästinenserInnen anwendbar sei. Der Fortbildungstag deutete dies an und ließ gleichzeitig einen Hoffnungsschimmer aufkommen, mit der Arbeit des GTC könne abseits jeder Staatspolitik ein bisschen persönlicher Frieden für jede und jeden entstehen. Ein toller Abschluss des Praktikums war dann ein Ausflug mit allen Kindern, die im GTC in Behandlung sind, nach Jericho in einen Freizeitpark. Ich erlebte, wie Plantschen im Wasser, Reiten auf einem Pony, Fahrradfahren oder ein einfaches Eis alle Sorgen, Nöte und Ängste für einen Moment vergessen machen kann. Es war herrlich zu sehen, wie glücklich die Kinder an diesem Tag waren. Auf einmal hatten sich alle Leerlaufstunden im Büro dafür gelohnt, das tolle GTC-Team besser kennen lernen zu dürfen und in einem Bus mit singenden und tanzenden Kindern sitzen zu können.


Die Leerlaufstunden im GTC ermöglichten mir, die Arbeit anderer Organisationen in Bethlehem kennen zu lernen. Das IBDAA Cultural Center (arabisch: „aus Nichts etwas entstehen lassen“) beispielsweise ist ein aus Eigeninitiative entstandenes Kulturzentrum im Zentrum des Dheisheh Refugee Camp. Das Dheisheh Camp ist das größte von drei Flüchtlingscamps in Bethlehem, die während des arabisch-israelischen Krieges 1948 entstanden. IBDAA bietet vielen Kindern und Frauen aus dem Camp eine Anlaufstelle, um an Tanzgruppen, Sport- oder sozialen Aktivitäten teilzunehmen.


Einen Tag verbrachte ich bei Organisation „Lifegate“. Das ist eine christliche Einrichtung im Nachbarort Beit Jala, die Jugendliche und Kinder mit körperlichen- und Lernbehinderungen betreut. Dabei will die Organisation die soziale, berufliche, schulische und medizinische Rehabilitation der Menschen fördern. Mit Hilfe speziellen Schulunterrichts, Wohngruppenkonzepten, Ausbildungswerkstätten, einem Außendienst und Mutter-Kind-Treffen sollen ein neues Bewusstsein in der Gesellschaft für Menschen mit Behinderung geschaffen und deren Integration und Anerkennung verbessert werden.

Sehr beeindruckende, weil hoffnungsvolle, naturreiche Tage verbrachte ich bei Familie Nassar und ihrem Projekt „ Tent of Nations“. Amal Nassar, Physiotherapeutin im Caritas Baby Hospital, lud mich in ihrer freien Zeit auf das Familiengrundstück ein, wo sie gemeinsam mit ihren Geschwistern den Friedenswunsch ihres Vaters weiterführt: einen Ort zu schaffen, wo Brücken für ein gegenseitiges kulturelles Verständnis und Miteinander für Frieden geschlagen werden können. Seit dem Jahr 2000 fungiert das Grundstück als interkulturelle Begegnungsstätte, als Ferienlager für Kinder aus Bethlehem, als Informationszentrum zur politischen Lage um Bethlehem herum, als Olivenplantage, Zivildienststelle und Projektplatz für Freiwilligendienste. Seit 1924 befindet sich das südwestlich von Bethlehem gelegene Grundstück in Familienbesitz, seit 1991 kämpft die Familie um das Eigentumsrecht und die Anerkennung ihrer Grundstückspapiere gegen den israelischen Staat vor Gericht. Heute ist der Hügel der Familie Nasser umgeben von vier israelischen Siedlungen, die sich gerne durch Straßenbau über das Familiengrundstück miteinander vernetzen würden und einiges dafür tun, den palästinensischen Familien in der Umgebung das Leben zu erschweren. In den kommenden Jahren soll das „Tent of Nations“ um einige Projekte erweitert werden (Musikfestival, Ausbildungsstätte für handwerkliche Berufe etc.), und alle Beteiligten bemühen sich leidenschaftlich um internationale Aufmerksamkeit. Das Projekt bietet viel Raum für aktive Mitarbeit, ob Olivenernte, Workshopbetreuung, Bäume pflanzen, Kochen und andere handwerkliche Tätigkeiten. Die Freiwilligen sind mit Komposttoilette und Gemeinschaftszelt eher spartanisch untergebracht, aber familiär umsorgt. Die Stille des Ortes und der Blick auf den Sonnenuntergang machten die Zeit im „Tent of Nations“ zu einem einzigartigen Erlebnis.

Resümee

Ich war mir von Anfang an bewusst, dass bei meinem Aufenthalt im Westjordanland nicht der fachliche Wissenszuwachs im Zentrum stehen würde. Im Krankenhaus war ich nicht nur mit einer fremden Sprache konfrontiert, die mir die „Arbeit“ erschwerte, sondern auch mit fremden Bräuchen, kulturspezifischen Verhaltensweisen und Denkweisen, die unmittelbar aus den politischen und sozialen Verhältnissen resultieren unter denen die Menschen in Palästina leben müssen. Zu keinem Zeitpunkt konnte ich mich dem Nahostkonflikt entziehen, von allen Seiten wurde meine politische Meinung eingefordert. Mit der Sicherheitsmauer, die Bethlehem wirtschaftlich und kulturell von Jerusalem abgeschnitten hat, mit dem Blick auf die israelischen Siedlungen, die die Stadt umgeben und mit den vielen unsichtbaren Schäden ist die politische Situation permanent spürbar. Vor allem die Arbeit des GTCs bringt die unsichtbaren Schäden an den Menschen zum Vorschein. Das Westjordanland ist ein deutliches Beispiel um zu erklären, in welcher Abhängigkeit Gesundheit vom Status der Gesellschaft ist.


Während meines Aufenthalts habe ich viele Städte des Westjordanlands kennen gelernt und bin dadurch mit vielen alternativen Politprojekten in Kontakt gekommen. An dieser Stelle möchte ich jeder Person, die an den politischen Situation interessiert ist, empfehlen eine Tour mit der Organisation „Breaking the Silence“ durch den israelischen Teil der Altstadt Hebrons zu machen. Ehemalige israelische Soldaten, die ihren Wehrdienst in einer Hochburg des Nahostkonflikts leisten mussten, veranstalten für Interessierte kritische Führungen durch die in arabische und israelische Sektoren unterteilte Altstadt. Es hat mich schwer beeindruckt, wie offen und ehrlich die VeteranInnen über ihre Vergangenheit in der Stadt erzählen und damit Aufklärungsarbeit leisten für die israelische Zivilgesellschaft, und wie diese überwiegend jungen Menschen ihre Funktion als SoldatInnen kritisch hinterfragen. Jeder Ort ist ein Abbild des Konflikts und hat seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Deshalb lohnt es sich immer, ein paar Shekel in ein Servicetaxi zu investieren und jedes noch so schreckliche Überholmanöver auszuhalten. Um die andere Seite des Konflikts kennen zu lernen, waren Besuche in Israel für mich obligatorisch. Und nicht zuletzt, um am Strand von Tel Aviv mal durchzuatmen oder um mich im Toten Meer treiben zu lassen.


Mein Sommer war geprägt von: herzlichster Gastfreundschaft, beeindruckenden Begegnungen, neuen Freundschaften – danke Lisa, Pauline, Ghassan, Ahmad, Amal, Shawn, Dr. Jamal, Mota, Huneida, Osnat und und und und. Von small talk beim hitch hiking, von Falafel, Humus, dem Soldaten, der mir in der Negev eine Wasserflasche zuwarf, Kinderlachen, Kamelen, Obst- und Gemüsemärkten, Ärger mit Vermietern, Preise aushandeln, religiösen TouristInnen, Checkpoints, den Reisepass als ständigen Begleiter, von dem goldenen Schein des Felsendoms, Abendstunden auf der Terrasse mit Blick auf die Mauer, Streetart fotografieren, hitzigenen Politdebatten, Autofahren durch Bethlehem, Muezzingesang, Staub, einem verstopften Küchenabfluss, blauem Himmel, langen Spaziergängen, Mückenstichen und frühem, erschöpftem Schlafengehen. „Alle, die einmal hier waren, wollen wiederkommen“, sagte einmal ein Kollege zu mir. Und er hatte recht!

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