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Mazedonien und Kosovo

von Thomas Lange

01.12.2009 Geschlagene vier Stunden Verspätung hatte mein Zug, als ich Mitte Juli in Skopje ankam, doch selbst so etwas hält mich nie davon ab mit dem Zug zu fahren. 24 Stunden hatte ich von Budapest aus gebraucht. Zeit genug mich auf den Balkan einzustellen, die andere  Landschaft zu genießen und von den verschiedensten Sprachen umspült Reisebekanntschaften zu schließen. Schon im Zug kreuzten dabei Geschichte und Politik meinen Weg – zwei Dinge, die scheinbar in jedem Gespräch mit Menschen vom Balkan spätestens nach zehn Minuten zum Thema werden. Dabei hat jeder so seine eigene Version davon, die sich irgendwie nicht so recht decken will mit dem, was man gelesen hat. Zuhören, dachte ich mir, ist da erst einmal das Beste. So erklärte ein leicht angetrunkener junger Mann, ein Serbe, der Abteilgemeinschaft auf Englisch seine Sicht der Dinge vom Kosovokrieg und wollte das schlechte Image seines Landes wieder aufpolieren. Die Situation war nicht ohne eine gewisse Komik, da er den Schweizer im Abteil ständig des Bombardements Belgrads beschuldigte. Ganz wohl war mir dabei aber trotzdem nicht zumute, steckte doch auch nicht wenig Aggression in seinen Äußerungen.

Spanne im Himmel/
ein Schritt Acker/
Traum in flacher Hand/
Tropfen Meer/
Handvoll wilden Roggens/
weißneblige Fäden/
Atem eines Gewitters/
Wind in der Kehle/
Durstiger Brunnen/
Hungrige Herde –
Das ist Makedonien.
(Slavko Janevski)

 „Skopje? Wie schreibt man das? Wo liegt das denn?“, fragte mich die nette Dame am Fahrkartenschalter. Sie sah so aus, als hätte sie schon einige Dienstjahre auf dem Buckel, aber für eine Reise in die Hauptstadt Mazedoniens hatte sie wohl noch nie jemandem eine Fahrkarte verkauft. Der Balkan lockte mich. Ein kleines Abenteuer, denn hier steht f&e noch nicht auf so festen Füßen und folglich muss man sich viel selbst organisieren und diese Herausforderung reizte mich, aber keine Angst: Es gibt viele Kontakte, die einem dabei weiterhelfen können.

Tolerantes Nebeneinander? – Zur Lage Mazedoniens
Irgendwie war es auch das Unbekannte, dieser weiße Fleck auf der Europakarte, der mich nach Mazedonien zog. Ein kleines Land in Europa, das scheinbar keiner kennt. Von den etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern sind nach dem umstrittenen Ergebnis der Volkszählung im Jahre 2002 64,18% Mazedonier, 25,17% Albaner, 3,85% Türken, 2,66% Roma, 1,78% Serben, 0,84% Bosniaken und 0,48% Wlachen (Sonstige mit 1,04%). Wie so typisch für Südosteuropa bzw. das ehemalige Jugoslawien, ist auch hier im Zuge der Veränderungen zu Beginn der neunziger Jahre kein einheitlicher Nationalstaat entstanden. Die Roma werden, wie leider überall in Europa, diskriminiert, aber der bedeutendste Konflikt im Land besteht zwischen albanischen und mazedonischen Mazedoniern. Die Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen bedrohten zeitweilig sogar die Existenz des Landes: 2001 wäre es, auch als Folge des Krieges im Kosovo, beinahe zum Bürgerkrieg gekommen. Die Albaner im Land, forderten Gleichberechtigung. Hinzu kamen große wirtschaftliche Schwierigkeiten: Mazedonien litt unter dem gegen Serbien von der UNO verhangenen Embargo, denn dieses Land war einer seiner bedeutendsten Handelspartner. Dazu kam die Blockade durch Griechenland, das seinen nördlichen Nachbarn nicht unter dem Namen Makedonien bzw. Mazedonien anerkennen wollte bzw. will. Beide Länder betrachten das Erbe Alexanders des Großen und damit auch den Namen Makedonien als integralen Bestandteil ihres Selbstverständnisses; zudem ist Makedonien auch der Name einer Region in Nordgriechenland. Aus diesen Gründen schloss Athen von 1994 bis 1995 die Grenze zu Mazedonien sogar komplett. Bis heute ist Mazedonien international nur unter dem Namen FYROM anerkannt: Former Yugoslav Republic Of Macedonia. Wirtschaftliche Schwierigkeiten (Arbeitslosenrate höher als 30%!), Diskriminierung der Minderheiten sowie wachsender Nationalismus in den Ethnien Mazedoniens brachten das Fass also 2001 zum Überlaufen. Scheinbar aber hatten UN, EU und NATO aus ihren Fehlern in Bosnien und Kosovo lernen können, so dass es auch Dank internationalen Druckes und diplomatischer Anstrengungen zu einem Abkommen kam, dass den Frieden sicheren sollte: das so genannte „Ohrid Framework Agreement“.  Es ist ein Fahrplan für mehr Gleichberechtigung, vor allem zwischen den albanischen und den mazedonischen Mazedoniern.


Zwar hat sich Einiges getan seither, aber in der Diskussion sind vor allem die Mängel in der Umsetzung und das langsame Voranschreiten der Implementierung des Abkommens. So hat es keines Wegs zur völligen Beilegung der Differenzen geführt. Vielmehr sind viele mazedonische Mazedonier verärgert darüber, dass den albanischen Mazedoniern ihrer Meinung nach zu viele Rechte zugestanden wurden. Sie befürchten eine schleichende Albanisierung ihres Landes. Umgedreht ist den albanischen Mazedoniern bisher zu wenig passiert. Die Probleme der Türken, Roma und der anderen Minderheiten gehen im Streit zwischen Albanern und Mazedoniern in Mazedonien unter. Die Lage hat sich zwar beruhigt, aber die Ereignisse von 2001 haben sich in das Gedächtnis vieler Menschen eingebrannt: Über einhundert Menschen kamen ums Leben und vereinzelt fanden auch Vertreibungen statt. Der andauernde Konflikt zwischen albanischen und mazedonischen Mazedoniern prägt das Zusammen- bzw. Nebeneinanderleben der Menschen und so habe auch ich seine Auswirkungen spüren können.

Politik im Abteil – Auf Gleisen zum Balkan
Geschlagene vier Stunden Verspätung hatte mein Zug, als ich Mitte Juli in Skopje ankam, doch selbst so etwas hält mich nie davon ab mit dem Zug zu fahren. 24 Stunden hatte ich von Budapest aus gebraucht. Zeit genug mich auf den Balkan einzustellen, die andere  Landschaft zu genießen und von den verschiedensten Sprachen umspült Reisebekanntschaften zu schließen. Schon im Zug kreuzten dabei Geschichte und Politik meinen Weg – zwei Dinge, die scheinbar in jedem Gespräch mit Menschen vom Balkan spätestens nach zehn Minuten zum Thema werden. Dabei hat jeder so seine eigene Version davon, die sich irgendwie nicht so recht decken will mit dem, was man gelesen hat. Zuhören, dachte ich mir, ist da erst einmal das Beste. So erklärte ein leicht angetrunkener junger Mann, ein Serbe, der Abteilgemeinschaft auf Englisch seine Sicht der Dinge vom Kosovokrieg und wollte das schlechte Image seines Landes wieder aufpolieren. Die Situation war nicht ohne eine gewisse Komik, da er den Schweizer im Abteil ständig des Bombardements Belgrads beschuldigte. Ganz wohl war mir dabei aber trotzdem nicht zumute, steckte doch auch nicht wenig Aggression in seinen Äußerungen.

Добродошол во Македонија! – Willkommen in Mazedonien!
Nachdenklich und erleichtert, ob des Endes der schier endlosen Zugfahrt, erreichte ich am frühen Nachmittag Skopje. Ich verabschiedete mich von den beiden Kanadierinnen und dem Schweizer aus dem Abteil – der junge Serbe hatte uns schon eher verlassen –, winkte den netten Ungarn, die mich auf dem ersten Teil der Strecke mit Bier, Palinka und Fleischklösschen verköstigt hatten, noch einmal herzlich zu und entdeckte auch schon Roza, Kinderchirurgin und meine Gastmutter, auf dem Bahnsteig. Nach der freundlichen Begrüßung konnte ich gleich meinen ersten mazedonischen Satz anbringen, den ich schon während der Fahrt geübt hatte: „Сакам да се извинам за моето доцнење.“ (Ich möchte mich für meine Verspätung entschuldigen.) Zugegeben, Roza half dabei etwas.

Sie nahm mich bei ihrer Familie in ihrem Haus etwas über der Stadt auf. Vom Balkon hatte man einen wunderbaren Blick über die Stadt. Ich sollte noch einige schöne Sommerabende auf ihm verbringen. Meinen Hunger nach der langen Anreise stillte die erste Begegnung mit der mazedonischen Küche. Nach dem Essen genoss ich auch gleich noch eine kleine Stadtführung von einem rührend um mich bemühten Mazedonier: Filip, ein guter Bekannter Rozas.
Übrigens machen sich Französischkenntnisse sehr gut, wenn man bei Roza unterkommt, die Französisch viel besser und lieber als Englisch spricht. Letzteres brachte mich manchmal ein wenig zum Schmunzeln.

Von Sprachbarrieren und deren Überwindung – Die Famulatur

Am Montag darauf hatte ich dann auch schon meinen ersten Tag in der Uniklinik in Skopje, genauer gesagt in der Unfallchirurgie/Orthopädie. Ilir war mein Kontaktarzt, wie auch schon für die vielen anderen f&e-Studenten, die nach Mazedonien kamen. Als Student machte er über die IPPNW eine Famulatur in Deutschland und entdeckte dabei seine Leidenschaft für die Chirurgie. Tja, und heute leitet er die Klinik für Orthopädie, als erster Albaner überhaupt, der eine Klinik in Mazedonien leitet. Damit ist er auch für die weitere Integration der Albaner am Uniklinikum verantwortlich, sozusagen Antidiskriminierungsbeauftragter – so verstand ich es zumindest.
Zwei Wochen war ich also in seiner und in der Klinik für Unfallchirurgie; die meiste Zeit davon im OP. Warum nur zwei Wochen? Nun ja, ich fürchtete den Ärzten stark zur Last zu fallen, da ich ja nur ein paar Worte Mazedonisch bzw. Albanisch sprach. Deswegen dachte ich, es wäre das Beste, wenn ich nicht zu lange in einer Abteilung bleibe und meine Zeit splitte. So verbrachte ich danach noch knapp eineinhalb Wochen in der Nephrologie, von welcher meine Vorgänger nur Positives zu berichten wussten und begleitete Roza für zwei Tage in die Kinderchirurgie. Ich merkte dabei ganz deutlich, dass meine Befürchtungen der Sprache wegen völlig unsinnig waren. Die meisten sprachen gut Englisch, was recht typisch für so kleine Länder wie Mazedonien ist. Vielmehr stellte es sich als ungünstig heraus, den OP schon nach zwei Wochen zu verlassen. Ich hatte gerade alle kennengelernt und das Personal wusste nun über diesen eigenartigen Studenten bescheid: „Wieso kommt denn ein Medizinstudent aus dem medizinisch hoch entwickelten Deutschland ausgerechnet nach Mazedonien, wo doch alle Studierenden oder jungen ÄrztInnen von hier nach Westeuropa wollen?“ Ich musste mich nun nicht mehr ständig neu vorstellen und über IPPNW und f&e aufklären. Kurzum wurde ich schneller eingebunden und auch eher mal gefragt, ob ich dies oder das gerne sehen würde. Unterm Strich war jedoch sehr viel Eigeninitiative gefragt. Wenn man etwas lernen oder wissen wollte, musste man fragen und durfte sich auch nicht von knappen Antworten entmutigen lassen. Man wird erstaunt sein, welche Möglichkeiten sich allein durch Nachfragen ergeben.


Ob in Chirurgie oder Nephrologie: Überall traf ich aber auch nette und interessierte Menschen, die einen auch einmal an die Hand nahmen, zeigten und erklärten. Besonders lehrreich war es dabei, mit Ilir zu operieren, was leider nicht zu oft der Fall war. Die Möglichkeiten zu assistieren sind eher rar, da es sehr viele junge Ärzte in Facharztausbildung gibt und meist stehen dann schon drei, manchmal sogar vier Leute am Tisch. Da blieb mir oft nur, bei den anderen über die Schulter zu gucken. Außerdem ist Ilir ein vergleichsweise viel beschäftigter Mann. Sein Handyklingelton summt mir jetzt noch im Ohr. Die Zeit in der Ambulanz mit dem gemeinsamen Interpretieren von Röntgenbildern und der 24h-Dienst, auf dem ich ihn einmal begleitete, bleiben mir aber positiv im Gedächtnis. Wo trinkt man auch schon mal gemütlich einen Kaffee und isst von dankbaren Patienten gesponserte Weintrauben, während im selben Raum der Gipsverband eines Patienten gewechselt wird? Die Nacht in der Notaufnahme war – neben längeren Phasen des Nichtstuns – auch nicht ohne gewisse Aufregung. Allerdings stand ich dann doch etwas betreten daneben, als es richtig zur Sache ging: Alle kümmerten sich um das frisch eingelieferte Polytrauma, ganz so, wie wir es in unserem Notfallmedizinkurs in Leipzig auch schon gelernt hatten, nur dass ich die Kommandos nicht verstand. Ein Pfleger entschuldigte sich danach bei mir, dass er so mit mir geschimpft hatte. Er wusste nicht, dass ich gar kein Mazedonisch sprach, was den Vorteil hatte, dass ich sein Schimpfen auch nicht wirklich bemerkt hatte. Als die Lage schließlich unter Kontrolle war, durfte auch ich unter Ilirs Anleitung ein paar Handgriffe üben.


Ich bekam auch einen Einblick in die Sicherheitslage im Land. In den zwei Wochen hatten wir vier Schussverletzte, zwei davon verstarben an ihren Verletzungen. Ich weiß noch, wie man auf der Intensivstation ratlos vor dem Patienten stand und einfach nicht wusste, warum er immer noch hypovolämisch war, wohin er noch blutete. Er war das Opfer eines Autounfalls, der sich als Folge eines Schusswechsels ereignet haben musste. Darauf verwiesen seine Schusswunden. Seine hochschwangere Frau verstarb noch am Unfallort. Unvergessen die Familie, die die ganze Nacht vor der Intensivstation vergebens auf positive Nachrichten hoffte. Der Mann starb am nächsten Tag. Das zeigt für mich, wie eng soziales Engagement bzw. Politik mit Medizin verwoben sind (Stichwort: die Anti-Kleinwaffenkampagne „Aiming for Prevention“).
Nach jener Nacht lief ich gegen halb Fünf noch im Dunkeln nach Hause. Von meinem Balkon aus genoss ich todmüde das Farbenspiel der beginnenden Dämmerung und das Funkeln der Venus überm Horizont. Als dann der oder besser die Muezzine die Stille brachen und zum ersten Gebet des Tages riefen, lief mir ein Schauer über den rücken. Ich saugte diesen für mich atemberaubenden Moment regelrecht auf. Jetzt war ich angekommen auf dem Balkan, wo sich die Kulturen von Abend- und Morgenland treffen. Welch ein Abschluss für einen 24h-Dienst.


Alles in allem kann ich eine Famulatur bei Ilir in der Chirurgie empfehlen. Allerdings lernt man wegen der Sprachbarriere und der daraus resultierenden mangelnden Einbindung in den Arbeitsalltag natürlich weniger als in Deutschland. Genauso ist es eigentlich in der Nephrologie. Ihr Chef, Prof. Ivanovski, und einige seiner Mitarbeiter waren sehr bemüht, mir die Krankheitsbilder zu erklären. Unvergessen bleibt mir allerdings das allmorgendliche Kaffeetrinken mit seinen Kollegen, den Chefs der anderen Abteilungen.  Das war deswegen sehr angenehm, da von Hierarchie eigentlich nichts zu spüren war. Nur schade, dass ich kein Französisch spreche, welches Prof. Ivanovski lieber als Englisch und besser als Deutsch spricht.

Freunde und Kontakte zu Medizinstudierenden
Nachmittags, nach dem Krankenhaus, verschlug es mich oft in die recht überschaubare Altstadt, wo ich einen mazedonischen Kaffee (in Deutschland weithin bekannt als türkischer Kaffe), Cevapcici oder Burek mit Joghurt genoss. Ich versuchte, so wenig wie möglich Westeuropäisches zu mir nehmen, denn irgendwie wollte ich den Balkan ja auch schmecken.


In der Stadt traf ich mich sehr oft mit Alexandar, einem alteingesessenen Skopjer, den nun schon mehrere f&e-MazedonienfahrerInnen kennen. Mensch, wie oft haben wir bei einem Käffchen über Geschichte und die heutige Situation in Mazedonien diskutiert? Mit ihm und auch Filip unternahm ich viel gemeinsam an den Wochenenden, doch davon soll später die Rede sein.
Leider nahm ich erst sehr spät Kontakt zu den Medizinstudierenden auf, welche über die IPPNW eine Famulatur in Deutschland gemacht hatten. Zwei von ihnen, Iskra und Slagjana, lernte ich trotzdem noch näher kennen und damit auch Skopje von einer ganz neuen Seite. Als StudentIn kennt man sich in seiner Stadt eben aus und weiß wo die tollen Cafés und Bars sind. Wie viele Stunden mehr hätte ich als begeisterter Cafégänger wohl bei einem Käffchen und interessanter Lektüre an all diesen gemütlichen Orten verbracht, hätte ich sie vorher schon gekannt? Ganz nebenbei kam ich mit Iskra und Slagjana auch über den Aufbau einer engagierten Studentengruppe ins Gespräch, ähnlich den IPPNW-Studigruppen an deutschen Unis. Beide hatten engagierte Menschen während ihrer Famulatur in Deutschland kennen gelernt und wollten auch in Skopje etwas aufbauen. Leider zerschlugen sich unsere Pläne, Mangels Interesse anderer Studierender und da die beiden längere Aufenthalte im Ausland vor sich hatten. Gibt es sonst wirklich keine Studierenden, die sich über ihr Studium hinaus für etwas einsetzen wollen, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu bekommen?


Trotzdem muss ich sagen, dass der Kontakt zu Medizinstudierenden vor Ort für mich sehr wichtig war. Ich konnte so eben auch erfahren wie junge Menschen in Mazedonien die Situation im Land einschätzen und wie sie ihre Zukunft sehen. Tja und während ich in Skopje weilte, war auch wieder eine Studentin aus Mazedonien in Deutschland. Ich denke, es lohnt sich für den/die nächsteN f&e-MazedonienfahrerIn auf jeden Fall Kontakt aufzunehmen.
Schade war für mich, dass ich Skopje genau dann verließ, als ich die Menschen dort und die Stadt kennengelernt hatte und es eigentlich gerade richtig schön war. Wir hatten gerade so richtig tolle Abende miteinander verbracht. Über Sarajevo, wo ich Kaja, meine f&e-Kommilitonin, besuchte, fuhr ich also in den Kosovo.

Im Spannungsfeld zwischen Mazedonien und Kosovo
Ganz ähnlich wie mit den mazedonischen ging es mir auch mit den kosovarischen Studierenden. Kaum dass ich sie kennengelernt hatte, musste ich auch schon wieder abreisen. Da die zwei Monate bei genauerer Betrachtung doch recht kurz waren, hatte ich nur zwei Wochen für den Kosovo eingeplant. Ich wollte mich ganz einfach mehr auf Mazedonien konzentrieren in dieser kurzen Zeit. Grundsätzlich ist es keine Pflicht einen Teil seiner f&e-Zeit im Kosovo zu verbringen, ich fühlte mich aber irgendwie verpflichtet die Kontakte aufrechtzuerhalten und dachte, das so am besten umzusetzen. Außerdem hieß es in den letzten Erfahrungsberichten ja Mazedonien & Kosovo. Trotzdem kam es mir während meines Aufenthaltes dort so vor, als wäre all dies ein wenig zu viel in zu kurzer Zeit. Wenn ich nun allerdings zurückschaue, denke ich, dass mir die zwei Wochen im Kosovo sehr viel gebracht haben. Das liegt wohl nicht zuletzt an der Hospitation in der Außenstelle der International Commisson on Missing Persons (icmp) in Prishtina, meinem ersten Sozialprojekt sozusagen. Dadurch habe ich einen tiefen Einblick in ein besonderes gesellschaftliches Problemfeld des Kosovo gewinnen können. Es war für mich sehr interessant das kleine und sehr junge Land anhand eines solchen Beispiels näher kennen zu lernen.

Bedingte Unabhängigkeit – Zur  Lage des Kosovo
Eigentlich ist es sogar das jüngste Land der Erde und zwar in zweierlei Hinsicht: Am 17. Februar 2008 erklärte das Parlament in Prishtina die Unabhängigkeit von Serbien und über 60% der Bevölkerung sind weniger als 30 Jahre alt. Bisher haben erst 65 Länder die neue Republik anerkannt, Serbien gehört nicht dazu. 88% der ca. 2,1 Mio. Einwohner sind Albaner, 7% Serben und 5% zählen sich zu anderen Ethnien wie Türken, Bosniaken, Torbeschen, Goranen, Janjevci (Kroaten), Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter. Der größte Teil der Serben lebt in der Region Nordmitrovica im Norden Kosovos, wo sie auch die Mehrheit stellen. Über diese Region übt die Regierung in Prishtina faktisch keine Kontrolle aus, im Gegensatz zu den zahlreichen kleineren und größeren serbischen Enklaven in anderen Gebieten des Kosovo. Unter dem serbischen Präsidenten Milošević, der das Kosovo als urserbisches Gebiet betrachtete, wurden die Kosovoalbaner massiv unterdrückt und diskriminiert, was schließlich zur Gründung der UÇK („Befreiungsarmee des Kosovo“) und durch deren Aktionen zum Kosovokrieg 1999 führte. In dessen Verlauf flohen hunderttausende Kosovoalbaner nach Albanien und Mazedonien sowie Serben nach Serbien. Nach Eingreifen der NATO wurde in Kosovo mit der UN-Resolution 1244 eine internationale Friedenstruppe (KFOR) stationiert und eine UN-Verwaltung (UNMIK) installiert. 2004 kam es zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die nicht-albanischen Minderheiten, die 19 Menschen das Leben kosteten (mehrheitlich Kosovoalbaner). Zudem wurden serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster zerstört und ca. 4500 Nicht-Albaner aus ihren Häusern vertrieben. Die KFOR, die so etwas eigentlich verhindern sollte, versagte nahezu auf ganzer Linie.


2008, noch vor der Unabhängigkeitserklärung, startete die EU die Rechtstaatlichkeitsmission EULEX, die helfen soll rechtstaatliche Institutionen aufzubauen, deren Arbeit zu kontrollieren und die UNMIK ablösen sollte. Heute sind Organisationen wie UNMIK oder EULEX Gegenstand großer Diskussionen um die wirkliche Unabhängigkeit des Kosovo. Das Vertrauen der kosovarischen Bevölkerung in sie hat besonders durch ein Polizeiabkommen mit Serbien, am Parlament in Prishtina vorbei, gelitten. Viele sehen in diesen internationalen Institutionen quasi koloniale Instrumente, die einer wirklichen Unabhängigkeit des Kosovo entgegenstehen.
Hinzu kommen enorme wirtschaftliche Probleme: Mehr als 50% sind arbeitslos. Dem gegenüber steht ein riesiger informeller Sektor (sprich: Schwarzarbeit/-handel).

Die icmp oder Zweifel am Zweifel
Das Misstrauen gegenüber UNMIK und EULEX bekommt man nahezu in jedem Gespräch mit Kosovoalbanern zu spüren. Wenn im Büro der icmp morgens die Zeitungen studiert wurden, kam es schon mal zu heißen Diskussionen. Im Gedächtnis blieb mir dabei Barries besonnener Rat an mich: „Perceptions are stronger than facts.“ Wow, wie gut passte das zu meinen bisherigen (und auch den folgenden) Diskussionen mit Menschen vom Balkan über ihre Geschichte und die jeweils andere Ethnie.


Einen Aspekt der Auswirkungen des Krieges 1999 – nämlich die Vermissten – konnte ich bei meinem Praktikum im Büro der icmp besonders spüren. Die 1996 von Bill Clinton nach seinem Bosnienbesuch ins Leben gerufene Organisation beschäftigt sich mit der Suche und Identifikation von auf Grund von bewaffneten Konflikten, Menschenrechtsverletzungen oder Katastrophen vermissten Personen. Das Hauptquartier befindet sich in Sarajevo; in Prishtina ist es mittlerweile nur noch mit einer vergleichsweise kleinen Außenstelle vertreten, welche EULEX bei der Identifikation von menschlichen Knochenfunden unterstützt. Die icmp in Kosovo ist dabei für das Sammeln von Blutproben bei den Hinterbliebenen und deren Abgleich mit den Analyseergebnissen der Knochenfunde verantwortlich. Die Laborarbeit passiert dabei allerdings in Sarajevo. Außerdem unterstützen sie die Organisationen der Hinterbliebenen, die serbischen und albanischen Familienverbände. Zehn Jahre nach dem Kosovokrieg werden immer noch knapp 1900 Menschen vermisst von ehemals ca. 4.400. Dabei warten noch mehrere hundert Knochenproben auf ihre Identifizierung. Das Problem: Keine der tausenden gesammelten Blutproben passt zum DNA-Profil dieser Knochen. In den ersten zwei Jahren nach dem Konflikt – die icmp hatte noch kein Mandat für das Kosovo – fand kein geordneter DNA-Abgleich zwischen vermeintlichen Angehörigen und Opfern statt. Es ist davon auszugehen, dass eine ernst zu nehmende Anzahl an Familien die falschen Menschen begrub, im Glauben, es währen ihre Angehörigen. Folglich haben sie auch nie jemanden vermisst und deswegen auch nie Blutproben abgegeben. Das kann einen gewissen Teil der ungelösten Fälle erklären. Sehr nachdenklich machten mich die Tabellen der Forensiker. Minutiös ist jedes Knochenstück aufgelistet: Nr. 00986 - Schädel; Nr.00987 – Oberarm; Nr.00988 – Rippe; …. Hinter jeder Nummer stecken ein Mensch und seine Geschichte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das alles erfunden sein soll. In Serbien gibt es immer noch Menschen, die nicht glauben oder wissen wollen, dass organisierte Vertreibungen und Ermordungen stattfanden. Ich empfehle ein Praktikum bei der icmp – vielleicht kommen ihnen dann Zweifel an ihrem Zweifel.


Während meiner Zeit in Prishtina erlebte ich auch den Internationalen Tag der Vermissten Personen (International Day of Missing Persons). Da und auch in den Gesprächen mit den Mitarbeitern des icmp-Büros konnte ich ein Gefühl dafür bekommen, wie sehr oder besser wie wenig die Menschen das Thema Vermisste beschäftigt. Zwar hängen am Parlament in Prishtina immer noch die Bilder zahlreicher Menschen, die immer noch nicht gefunden wurden, aber zu den Veranstaltungen an jenem Tag kam nur eine Hand voll Menschen. Dabei war auch eine Frau, die einfach nicht verstehen konnte, wieso ihr einziger Sohn immer noch nicht gefunden wurde. Sie warf den internationalen Organisationen Untätigkeit vor. Ein paar Tage später trat sie deswegen mit einigen anderen Müttern in den Hungerstreik. Ich hatte das Gefühl, dass ihr trotzdem so recht keiner zuhören wollte. Doch auch Luigi, ein Mitarbeiter der icmp in Prishtina, meinte oft, dass die Politik einfach kein Interesse mehr an dem Thema hat und es deswegen nicht vorangehen würde. Sein Job frustriere ihn daher sehr. Irgendwie verstand ich das nicht recht, vermisst doch der Vizepremierminister (den ich sogar kurz kennen lernen durfte) gleich drei nahe Angehörige, darunter seinen Sohn.


Bleibt zu sagen, dass ich sehr beeindruckt war von dem Interesse und der Freude, mit der Barrie, Luigi, Amor und Ylbor, die vier icmp-Mitarbeiter versuchten, mir so viel wie möglich von ihrer Arbeit nahezubringen. Barrie betonte dabei oft, dass so ein Praktikum in Sarajevo viel sinnvoller wäre, da man dort den kompletten Prozess verfolgen kann: vom Suchen und Auffinden der Massengräber bis zur Überstellung der Überreste des Vermissten an die Familie. Ich muss dazu sagen, dass ich mir dieses Praktikum erst sehr kurzfristig organisiert hatte. Eigentlich wollte ich ja zu forumZFD, einer NGO, die sich in enger Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen besonders um Konfliktprävention bemüht. Ich muss mir hier allerdings eingestehen, dies im Vorfeld nicht besonders gut organisiert zu haben, denn als ich ankam, wussten sie nicht so recht, etwas mit mir anzufangen. Das lag hauptsächlich am Sommerloch. Tatsächlich stellen sehr viele NGOs in Mazedonien oder Kosovo im Juli und August ihre Arbeit beinahe komplett ein. Die fahren wirklich alle in den Urlaub, fast so, als würden die Probleme, die es in diesen Regionen gibt, im Sommer aufhören zu existieren. Allerdings bin ich erst über forumZFD zur icmp gekommen und grundsätzlich spricht nichts dagegen das Engagieren in Zukunft in den September zu verlagern.


Mensch, jetzt hätte ich Ilir und Ilirjana, die beiden Ärzte aus Prishtina, beinahe vergessen. Auch Ilirjana war vor eineigen Jahren zusammen mit dem anderen Ilir aus Skopje über die IPPNW in Deutschland und nun ist auch sie Kontaktärztin für f&e. Ich fand bei ihr und ihrer Familie Unterschlupf und sie half mir so viel wie möglich beim Organisieren des Sozialpraktikums im Kosovo. Beide haben eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. Beide spürten sie die Unterdrückung der Albaner im Kosovo am eigenen Leibe. Großen Respekt zolle ich dabei vor allem Ilir, der trotz der Ungerechtigkeit, die ihm durch Serben widerfuhr, seinen Gerechtigkeitssinn nicht verloren hat und die Dinge überraschend ausgewogen und besonnen betrachtet.

Tetovo und der Graben zwischen den Menschen in Mazedonien
Ganz anders war ein junger albanischer Medizinstudent, dem ich in Tetovo (Mazedonien) begegnete. Nach meiner Zeit im Kosovo reiste ich dorthin für den zweiten sozialen Teil meines f&e-Aufenthaltes bei LOJA, einer lokalen Initiative, die sich für eine bessere Verständigung von Mazedoniern und Albanern in Mazedonien einsetzt. Rückblickend kommt es mir fast so vor, als ob dieses Aufeinanderzugehen, für welches LOJA eintritt, bei jenem Medizinstudenten auf völlig unfruchtbaren Boden fiel. Er steht gewissermaßen exemplarisch, für viele Erfahrungen, die ich in Gesprächen oder besser Diskussionen mit Menschen aus Mazedonien oder Kosovo sammelte: Beinahe jedes Mal, wenn es politisch wurde, schwangen immer auch gewaltige Vorurteile mit, manchmal sogar Hass, denke ich. Wieso sagte mir gerade dieser Medizinstudent, ein zukünftiger Arzt, dem doch Menschenleben und die Linderung bzw. Verhinderung von Leid über alles gehen sollte, dass er für seinen Zweck – ein zweifellos guter, auch nach meiner Einschätzung –, nämlich die volle Gleichberechtigung der Albaner in Mazedonien, töten würde? Wieso sah er nur Dinge, die hinsichtlich eines friedlichen Zusammenlebens auf dem Balkan noch nicht erreicht waren? Ich hielt mich oft zurück in solchen Diskussionen, da ich für solche gesellschaftlichen Spaltungen, wie z.B. zwischen Albanern und Mazedoniern, einfach kein Beispiel aus meiner Realität in Deutschland finden konnte und dachte, es deswegen nicht verstehen zu können. Sprich: Es fiel mir extrem schwer zu verstehen, was so schwer daran ist aufeinander zuzugehen. Diese Feindschaft erschien mir so unlogisch. Aber wo steht geschrieben, dass die Menschen logisch sind? Außerdem wollte ich keinesfalls als der „gereiftere Bürger“ aus dem „moralischeren“ Westeuropa, quasi als Lehrer auftreten: „Seht her! Was Ihr macht ist falsch! So macht man das!“ Möglicherweise zerbreche ich mir den Kopf zu sehr über solche Dinge und übertreibe dabei vielleicht auch etwas.

LOJA und ein spannendes internationals Seminar zum Abschluss

Jedenfalls kam es mir bei f&e darauf an Menschen kennen zu lernen, die es anders machen. Das Center for Balkan Cooperation LOJA, schon seit Längerem im f&e-Programm, ist da ein Beispiel. Ich wusste anfangs nicht so recht, was mich erwartet, was meine Aufgaben sein werden, wie und ob ich überhaupt helfen kann (Sprachbarriere) und was wohl dabei heraus springen wird. Die ersten Tage bei LOJA waren etwas ernüchternd, denn es hatte niemand Zeit für mich und ich konnte nicht großartig helfen. Alle waren mit der Vorbereitung für ein internationales Seminar zu genau dem Thema beschäftigt, mit dem ich mich schon seit der Nachricht, dass ich nach Mazedonien fahren darf, befasste: Der Konflikt in Mazedonien und in Kosovo. Zumindest konnte ich beim Ausgestalten einer Fotoausstellung helfen. LOJA – was übrigens das albanische Wort für Spiel ist – arbeitet sehr viel über kulturelle Projekte. Alternatives Kino, Theater, Foto- und Kunstausstellungen. In dem ca. 90.000 Einwohner zählenden Tetovo hat LOJA damit das kulturelle Monopol inne. Es gibt meines Wissens keine vergleichbaren kulturellen Einrichtungen dort, was mich sehr verwunderte, hat die Stadt doch gleich zwei Universitäten und damit jede Menge Studenten.
Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass ich eventuell an besagtem Seminar teilnehmen könnte. Ein Student würde vielleicht noch abspringen und ich würde dann nachrutschen. Blerim, meine Kontaktperson bei LOJA, hatte mir im Vorfeld leider gar nichts davon erzählt. Sonst hätte ich natürlich ohne zu zögern zugesagt. Bis endgültig klar war, ob ich teilnehmen kann oder nicht, nutzte ich die Zeit, um Tetovo ein wenig zu erkunden. Die Stadt war so ganz anders als Skopje. Nun, das mag daran liegen, dass sie um einiges kleiner und provinzieller ist, aber ich hatte das Gefühl, dass die Menschen hier auch irgendwie anders drauf sind. Ich hatte fast das Gefühl in einem anderen Land zu sein, was vielleicht gar nicht so falsch ist, denn Tetovo gilt quasi als die Hauptstadt der Albaner in Mazedonien. Jedenfalls hat es einen gewissen Charme: die verwinkelten Gässchen gesäumt von unverputzten Neubauten und beinahe zusammenfallenden alten Häusern, die Burg über der Stadt, die bunte Moschee im Zentrum und natürlich die Šar Planina, ein wunderschönes Gebirge, an dessen Fuße, die Stadt liegt. Tetovo war mein Favorit.


Aber zurück zum Seminar, an dem ich schließlich doch noch teilnehmen durfte. Ausgerichtet wurde es in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk und der Friedrich-Ebert-Stiftung. So waren denn auch Studenten aus 4 verschiednen Ländern dabei: Kosovo, Mazedonien, Frankreich und Deutschland. Es war noch einmal unheimlich spannend so viele neue Leute kennen zu lernen, noch dazu so viele Einheimische. Damit wurde alles viel greifbarer und nicht so theoretisch. Wegen der vielen deutschen und französischen Teilnehmer diskutierten wir auch sehr viel darüber, was wir aus unserer eigenen (französisch-deutschen) Geschichte lernen können und ob sich diese Erfahrungen überhaupt auf den Balkan anwenden lassen. Viele Orte in Kosovo und Mazedonien standen auf dem Programm: In Prizren besuchten wir die KFOR, wir besichtigten das Mahnmal für das Massaker in Prekaz (Kosovo), in Prishtina und Mitrovica trafen wir uns mit Akteuren der Zivilgesellschaft (sprich: engagierten Menschen), wobei ich mir einige gute Anregungen für sinnvolle zukünftige f&e-Projektpartner holen konnte und in Tetovo wohnten wir einer Podiumsdiskussion mit bekannten mazedonischen Politikern und Intellektuellen zum Ohrid-Abkommen bei. Ganz zum Schluss hatten wir am See in Ohrid selbst Gelegenheit alles auszuwerten und den Stress der vergangenen Tage hinter uns zu lassen. Das Seminar war gut angelegt und gab mir an einigen Stellen noch einmal einen ganz neuen Einblick in Mazedonien und Kosovo.

Vom Absetzen der rosaroten Brille
Als ich danach allerdings noch einmal nach Prizren zurück musste – ich hatte dort meinen Laptop in unserer Unterkunft vergessen – stellte ich fest, dass sich meine Brille in den letzten zwei Wochen wohl etwas rosarot eingefärbt haben musste. So richtig war mir nicht klar wie sichtbar die Auswirkungen der Gewalt noch sind. Ich hatte vor meiner endgültigen Rückfahrt noch Zeit, also machte ich noch einen Spaziergang zur Festung über Prizren. Dabei musste ich durch das ehemalige serbische Viertel. Ich hatte das bei meinem ersten Aufenthalt gar nicht war genommen: Ganz unvermittelt stand ich zwischen ausgebrannten Häusern, Müll und Stacheldraht. Fünf Jahre waren die Unruhen von 2004 nun schon her und hier sah es so aus, als wäre es erst gestern passiert. Obendrüber ragte die von einem KFOR-Posten bewachte Kirchenruine. Daneben ein halb zugewachsenes Schild, auf dem in vier Sprachen stand: „KFOR area – Betreten verboten! – Vorsicht! Schusswaffengebrauch!“. Diese Eindrücke machten mich sehr nachdenklich, aber auch hinterfragender. Ich glaube, sie rückten mein etwas zu unbeschwerliches Bild von der Region wieder etwas gerade. Ich kann mir im Übrigen nicht so recht erklären, woher dieses geschönte Bild überhaupt kam. Diese Kontraste waren schon krass: Ich erlebte Dinge, wie eben geschildert, diskutierte mit Menschen, die verblüffend feindselige Standpunkte hatten, traf aber gleichzeitig auch Personen, die trotz des selbst erfahrenen Unrechts gerecht und gelassen bleiben, Personen, die sich einsetzen für mehr Verständnis zwischen den Menschen und Aufarbeitung des Geschehenen. Für eine gesunde Gesellschaft ist dies wohl unersetzlich.

Reisen bildet – Deshalb sollte man es nicht vergessen!
Auf dem Balkan und so auch in Mazedonien sowie Kosovo gibt es jedoch nicht nur ungelöste Konflikte. Um ein Land kennenzulernen, muss man es auch bereisen und entdecken. Für mich machte es meinen Aufenthalt ein großes Stück intensiver und vermittelte ein kompletteres Bild von der Region, das nicht nur die Konflikte zwischen den Menschen abbildete. Das Bereisen des Gastlandes wurde für mich zu einem besondern Kontrast zu meinen Erfahrungen in Famulatur und Sozialprojekt und war damit irgendwie mehr als nur Tourismus.
Die Bergwelt Mazedoniens bietet sich zum Wandern geradezu an, auch wenn es bisher so gut wie keine markierten Wege oder Wanderkarten gibt. Beim Anblick der wunderschönen und weiten Landschaft, fragte ich mich manchmal, wo eigentlich das Problem zwischen den Menschen liegt, wenn hier so viel Platz und Schönheit zu finden ist.


Und so erkundete ich das Land an den Wochenenden und wenn ich mehr Zeit hatte, auch einmal ein paar Tage mehr. Besonders intensiv erlebte ich den Ausflug nach Treskavec, ein einsames makedonisch-orthodoxes Kloster auf einem Berggipfel über der Tiefebene um Prilep: Die großartige Landschaft, die man sich Schritt für Schritt beim Wandern erarbeitet, die Atmosphäre des Klosters, in dem nur ein Mönch wohnt, dem aber den Sommer über viele engagierte Mazedonier helfen, die Begegnungen mit Menschen, wo man immer denkt, das gibt’s nur im Film und schließlich diese einmalige Zugfahrt zurück nach Skopje. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich diese Tage genoss.
Bobby, einen Straßenmusiker aus Skopje, den wir unterwegs trafen, sollte ich ganz zufällig wiedersehen. Er zeigte mir seine Gitarre mit der fehlenden E-Saite. Er hatte nicht genug Geld sich eine neue zu kaufen. „Ey, Thomas, I have to eat as well!“, sagt er zu mir, als ich ihn darauf ansprach. Krass, stand es wirklich so schlimm um ihn? Als ich Kaja in Sarajevo besuchte, kaufte ich ihm im nächsten Gitarrenladen einfach eine neue Saite (2,50€), dabei hatte ich ja nicht mal seine Telefonnummer, aber irgendwie wusste ich, dass ich ihn wiedertreffen werde. Tja und das habe ich dann auch. Vielleicht hört ihn ja der/die nächste f&e-MazedonienfahrerIn in Skopje spielen.


Apropos Sarajevo: Es liegt zwar nicht in meinem Gastland, aber Kaja, meine f&e-Kommilitonin, in Sarajevo zu besuchen, das musste sein. Diese Stadt, die so sinnbildlich für das Unheil steht, das der Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien heraufbeschwor, die diesem Unheil aber zugleich auch irgendwie trotze. Nur ein Beispiel dafür ist das Sarajevo Film Festival, welches 1994 während der Belagerung ins Leben gerufen wurde und bei dem selbst berühmte Regisseure und Schauspieler sich nicht scheuten Solidarität mit den Menschen in der Stadt zu beweisen und den Einladungen zum Festival folgten. Die Stadt wirkt heute so friedlich, so normal trotz der riesigen Friedhöfe, die ahnen lassen, was hier vor 15 Jahren geschah. Schnell kann man sich bei der echt schönen und gemütlichen Altstadt abermals die rosarote Brille aufsetzen. Ein Film auf dem Festival hat sie mir wieder abgenommen: „Storm“, ein faktenreicher Spielfilm zum ICTY, dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Eine Statue Titos im Museum der Belagerung stand für mich so metaphorisch für den Zerfall Jugoslawiens: Nachdenklich schaut er zu Boden auf einen Haufen Müll der (absichtlich?) genau da hinterlassen wurde, wo er hinsieht.


Die Grenzen im grenzenlosen Europa
Nun sind wieder Grenzen gezogen, da, wo einmal nur Jugoslawien war, was für mich, der aus dem Schengenraum kommt, etwas gewöhnungsbedürftig war. So sammelte ich denn jede Menge Stempel in meinem Pass und verbrachte insgesamt sicher so an die 12 Stunden mit Warten an den Grenzen. Kompliziert wurde es beim Verlassen des Kosovo: Ich fuhr ja von Sarajevo kommend über Serbien hinein, hatte also einen serbischen Einreisestempel und musste deswegen auch wieder über Serbien hinaus. Ich brauchte ja den Ausreisestempel. Serbien erkennt das Kosovo nicht an. Somit gibt es offiziell auch keine Grenze und ich hatte Serbien folglich nie verlassen. Prompt wollte mich der serbische „Grenz“-Beamte nicht „rein“ lassen, da er in dem ganzen Stempelwust – eigentlich waren es bis dahin nur ca. fünf oder sechs Stempel – den eigenen serbischen Einreisestempel nicht erkennen wollte. Ich hatte echt wahnsinniges Glück, dass mir eine Mitreisende durch Dolmetschen half und ich so den serbischen Beamten ihre eigenen Stempel erklären konnte. Nachdem wir das dreimal durchexerzierten, gaben sie schließlich nach. Puh, mir schlotterten vielleicht die Knie.
Das alles, dieses kleine Abenteuer, ließ ich hinter mir, als ich mit dem Zug über die Grenze zu Ungarn fuhr und damit zurück in die Europäische Union. Europa aber verließ ich nie. Eigentlich schon krass, wenn ich bedenke, auf wie viel Anderes und Unbekanntes ich in Mazedonien und Kosovo stieß und auf wie viel Vertrautes zugleich. Aber genau das ist eben Europa und diese Vielfalt ist ein großer Schatz dieses Kontinents und im Besonderen des Balkans, der als ein Teil Europas gleich vor unserer Haustür liegt und den wir doch nicht kennen: „Wo liegt noch mal Skopje?“


„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“
                       Johann Wolfgang von Goethe




Literatur:
-    „Makedonien entdecken“, Reiseführer, Philine von Oppeln, Trescher Verlag, 2009
-    „Kosovo – Wegweiser zur Geschichte“, Bernhard Chiari (Hrsg.) und Agilolf Keßelring (Hrsg.), MGFA, Schöningh-Verlag, 3. durchges. & erw. Aufl, Juni 2008
-    „Minenfeld Balkan“, Schriftenreihe (Bd.1017) der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), bestellbar unter www.bpb.de (4,00 €)
-    Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 32/2008): „EU – Balkan“, BpB, kostenlos bestellbar oder als PDF unter www.bpb.de
-    Aus Politik und Zeitgeschichte (B 10-11/2003): „Südosteuropa“, BpB, kostenlos bestellbar oder als PDF unter www.bpb.de

Links:

-    Digitale Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, auch mit vielen interessanten Publikationen zu Mazedonien und Kosovo à library.fes.de/inhalt/digitale-bibliothek.htm
-    The Southeast European Joint History Project à www.cdsee.org/jhp/index.html (Geschichtsbücher auf Englisch zum kostenlosen Runterladen)
-    Seite des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien à www.icty.org
-    „Nicht nur Worte – Identität und Konflikt“ (am Beispiel Mazedoniens), Lutz Schrader www.bpb.de/themen/VLHEJR,0,0,Nicht_nur_Worte_%96_Identit%E4t_und_Konflikt.html

Filme und Dokus:
-    „Before the rain“, Milcho Manchevski, MKD 1994
-    “Bruderkrieg in Jugoslawien” bzw. “Yugoslavia: Death of a Nation”, BBC-Doku von 1995/96 à www.youtube.com/watch
-    „Mit offenen Karten – Mazedonien“ oder auch „Mit offenen Karten – Kosovo“, seriöse und faktenreiche Kurzdokus (10 min) anhand von Karten, arte (auch auf youtube)
-    “Wie lehrt man Geschichte auf dem Balkan?”, interessanter 8min. Reportage von Euronews à www.youtube.com/watch; auf diesem Kanal (Euronews) sind auch noch mehr interessante Videos zur Region

Kontakt:

-    Thomas Lange à tie-eitsch@web.de

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