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Bosnien-Herzegowina

von Kaja Haelbich

01.12.2009 Eine Vorstellung von der Stadt und was mich in den kommenden Wochen erwarten würde hatte ich noch kaum. Kulturell und vom Stadtbild unterscheidet sich Sarajevo wenig von Städten in Westeuropa, und die Tatsache, dass hier vor 15 Jahren Krieg gewesen ist, fand ich trotz der offensichtlichen Einschussstellen an vielen Häusern unvorstellbar. Auch von den andauernden Konflikten und der Zerrissenheit des Landes, das in die Bosnische Föderation und die Republik Srpska unterteilt ist, ist auf den ersten Blick wenig zu sehen. Nur langsam und in vielen Gesprächen hatte ich das Gefühl, eine Vorstellung davon zu bekommen und ein bisschen zu verstehen, was das Leben in Sarajevo heute so schwierig macht.

Nach 30 Stunden Zugfahrt kam ich endlich in Sarajevo an, dann noch eine kurze Fahrt mit dem Taxi, und ich war endlich im Center of Nonviolent Action (CNA), wo ich mit Sanja verabredet war. Sanja ist eine Mitarbeiterin aus dem CNA. Sie kümmert sich schon seit einigen Jahren um alle f&e’lerInnen, die nach Sarajevo kommen, und ich war sehr gespannt sie endlich kennen zu lernen. Bei einem Bier in einer der vielen Kneipen von Sarajevo versuchte ich noch ziemlich müde von der Fahrt mein wackliges Englisch zu aktivieren. Eine Vorstellung von der Stadt und was mich in den kommenden Wochen erwarten würde hatte ich noch kaum. Kulturell und vom Stadtbild unterscheidet sich Sarajevo wenig von Städten in Westeuropa, und die Tatsache, dass hier vor 15 Jahren Krieg gewesen ist, fand ich trotz der offensichtlichen Einschussstellen an vielen Häusern unvorstellbar. Auch von den andauernden Konflikten und der Zerrissenheit des Landes, das in die Bosnische Föderation und die Republik Srpska unterteilt ist, ist auf den ersten Blick wenig zu sehen. Nur langsam und in vielen Gesprächen hatte ich das Gefühl, eine Vorstellung davon zu bekommen und ein bisschen zu verstehen, was das Leben in Sarajevo heute so schwierig macht.


Die erste Nacht habe ich dann erst einmal im CNA verbrachte und hatte ein wenig Zeit mich zu sortieren. Da Sanja mit den letzten Vorbereitungen für die zum zweiten Mal statt findende Friedensakademie ziemlich eingespannt war, war ich die ersten zwei Tage ganz auf mich alleine gestellt. Zum Glück hatte ich im Vorfeld noch eine Bekannte einer Bekannten aufgetan, die gerade ihre letzten Tage eines längeren Aufenthaltes in Sarajevo verbrachte und mich mit Stadtplan, Handykarte und sonst allem versorgte, was ich brauchte.

Friedensakademie:
Und dann fing auch schon die Friedensakademie an, die der erste Teil meines Sozialprojektes war. Dafür zog ich erst einmal in das große alte Tagungsgebäude, in dem auch die meisten anderen TeilnehmerInnen während der Akademie unter kamen. Die Friedensakademie wurde von CNA und drei weiteren Organisationen veranstaltet. Ziel dieser Akademie ist ein Austausch zwischen Leuten, die in irgendeiner Form an Friedensarbeit interessiert sind. Die meisten, aber nicht alle TeilnehmerInnen, kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Einer der drei angebotenen Kurse fand auf Englisch statt, und so besuchte ich den Kurs: “Understanding Internal dynamics of Societies in Conflict: Collective Memories and Collective States of Denial: the Case of the Israeli – Palestine Conflict”. Geleitet wurde der Kurs von Orli Fridmann, einer jüdischen Israelin.


Die Idee des Kurses war, dass wir nicht nur Fakten zum Israel-Palästina-Konflikt lernen, sondern gucken, was wir daraus für die Situation in den Ländern, aus denen wir kommen lernen können. Dadurch habe ich in dem Kurs dann auch viel geschichtliches über das ehemalige Jugoslawien gelernt, aber vor allem einen ersten Einblick bekommen, was es heißt in einer Postkriegsregion zu leben. Und ich habe mich nochmal mehr mit der Geschichte Deutschlands und der Vergangenheitsbewältigung auseinandergesetzt. Sehr aufgefallen ist mir immer wieder, wie viel entspannter hier über Israel und Palästina gesprochen wurde als ich es aus Deutschland kenne. Neben dem Kurs blieb an den Abenden aber auch noch Zeit Sarajevo und seine Kneipen zu erkunden, so dass ich während der Akademie eigentlich rund um die Uhr beschäftigt war und für Sachen wie Heimweh wenig Zeit blieb. Insgesamt war die Friedensakademie für mich geprägt durch eine große Menge Neues (Fakten und emotionales) Wissen, einem nicht ganz unerheblichen Schlafmangel und vom Koffeinschock, der mich als ehemalige Nichtkaffeetrinkerin jedes Mal nach der ersten Kaffeepause ereilte.


Sehr beeindruckt hat mich, wie ernsthaft die anderen TeilnehmerInnen bei der Sache waren und wie oft die Kriege in Jugoslawien in den Gesprächen in der Pause Thema waren. Der Vorschlag von einigen, sich an unserem freien Tag das Museum über die Belagerung Sarajevos anzugucken, hat mich ein wenig fassungslos gemacht. Ich hatte das Gefühl ich hätte gut mal einen Tag Pause haben können von der Auseinandersetzung mit einer bedrückenden Vergangenheit und Gegenwart. Erst viel später konnte ich mir vorstellen warum der Besuch dieses Museums für einige TeilnehmerInnen wichtig war und dass die Kriege und noch heute andauernden Konflikte sowieso allgegenwärtig sind, egal ob mit Museumsbesuch oder ohne.

Praktikum im Krankenhaus:

Meine Famulatur habe ich anders als geplant auf der pädiatrischen Orthopädie gemacht. Am Anfang gab es ein wenig Chaos weil eine Unterschrift des Dekans fehlte, und der war im Urlaub. Zwei Tage später als geplant fand sich dann aber die orthopädische Station, die bereit war mich auch ohne diese Unterschrift zu nehmen. Zum Glück haben mir die StudentInnen aus dem Bohemsa-Austauschbüro sehr nett bei allen organisatorischen Schwierigkeiten geholfen.
Die meiste Zeit meiner Famulatur habe ich im OP verbracht. Dort habe ich meist einfach nur zugeguckt. Ein paar Mal durfte ich auch assistieren. Ich hätte aber sicherlich auch öfter assistieren können, wenn ich aktiver gefragt hätte. Allerdings waren die Plätze am Tisch sehr begehrt, und ich war mir oft nicht sicher, ob ich einen Platz nur kriege, weil man mir als Gast aus Deutschland keinen Wunsch abschlagen will, und wir uns am Ende doch nur auf den Füßen rumstehen oder jemand anders dafür keinen bekommt. In Bosnien-Herzegowina finden viele Ärzte direkt nach dem Studium keine Stelle und arbeiten dann erst einmal eine Weile umsonst im Krankenhaus um Erfahrungen zu sammeln. Daher gibt es für Assistenztätigkeiten relativ viele Leute. Außer im OP war ich noch in der orthopädischen Ambulanz und der Unfallambulanz, wo ich sehr unterschiedliche Krankheitsbilder gesehen habe. In der Ambulanz waren die Sprachbarrieren manchmal ein wenig anstrengend, die Ärzte haben mir zwar schon immer wieder was ins Englische übersetzt, die Kommunikation mit den Patienten ist mir aber doch zum großen Teil entgangen.
In der zweiten Famulaturwoche habe ich noch die Krankenhauspsychologin kennen gelernt, mit der ich mich sehr gut verstanden habe. Sie hat mir bei der bis dahin für mich sehr langweiligen Visite dann immer viel ins Englische übersetzt und mir einiges über die Nöte und Sorgen der PatientenInnen erzählt. Und am Ende hatten wir noch zweimal die Gelegenheit uns länger über die Situation im ehemaligen Jugoslawien zu unterhalten. Insgesamt habe ich mich im Krankenhaus überall gut aufgenommen gefühlt, auch wenn es mit den Sprachbarrieren nicht immer ganz einfach war. Ich hatte viel Freiheit hinzugehen wo immer ich wollte, was oft sehr angenehm war. Was aber auch hieß, dass es manchmal niemanden gab, der sich für mich zuständig gefühlt hat und ich mich selber kümmern musste jemand zu finden, der mich mitnimmt oder mir was erklärt. Am Anfang war ich manchmal etwas irritiert, wenn mir von ÄrztInnen die Tür direkt vor der Nase zugemacht wurde. Ich habe aber schnell gemerkt, dass einfach hinterhergehen am besten ist, und mir die ÄrztInnen, die mir gerade noch die Tür vor der Nase zugemacht hatten, mir später freundlich alles erklärt haben wonach ich gefragt habe.


Als größten Unterschied zu deutschen Krankenhäusern habe ich in jedem Fall die deutlich schlechtere Ausstattung empfunden, sei es im OP oder dass Arztbriefe eigentlich immer auf der Schreibmaschine geschrieben werden. Anders ist definitiv auch, dass die PatientenInnen sich um vieles selber kümmern müssen. Zum Beispiel müssen Medikamente die im Krankenhaus eingenommen werden oft selber besorgt werden, und es gibt kein geregeltes Vorsorgesystem für chronisch Kranke. Während ich am Anfang häufig dachte, es geht doch auch alles mit weniger Technik und Ausstattung sehr gut, hatte ich später immer mehr das Gefühl, das vieles eben doch nicht geht, und dass die Umstände sowohl für das Personal als auch die PatientInnen eine große Belastung sind.
Während der Famulatur habe ich auch viel zusammen mit den anderen AustauschstudentInnen gemacht und manchmal auch mit den StudentInnen aus Sarajevo, die sich um uns AustauschstudentInnen gekümmert haben. Die Zeit mit den anderen StudentInnen war oft sehr ambivalent für mich. Auf der einen Seite habe ich es sehr genossen, gemeinsam die verschiedenen Touristenattraktionen Sarajevos zu erkunden oder Ausflüge zu machen und über die Erfahrungen im Krankenhaus sprechen zu können. Oft waren aber unterschiedliche Ansichten z.B. zum Thema Homosexualität, auch jenseits meiner Toleranzgrenze.

Wohnen:

Auf meine Bitte hin hatte Sanja es tatsächlich geschafft ein WG-Zimmer für mich zu finden, in das ich nach der Friedensakademie dann endlich eingezogen bin. Eine meiner Mitbewohnerinnen, Melina, hatte ich zum Glück schon während der Akademie kennen gelernt, so dass ich schon ein wenig beruhigt war und wusste, dass ich sehr herzlich aufgenommen werde. Unsere Wohnung befand sich mitten in der Innenstadt, jede Viertelstunde konnte ich das Läuten der orthodoxen Kirche hören, das ich noch heute manchmal vermisse. Sehr lieben gelernt habe ich auch unseren Lesesessel auf unserem überdachten Balkon, auf dem ich wunderbar entspannen konnte. Und gleichzeitig auch immer mitbekommen habe was in der Küche los war, in der ich viel Zeit mit meinen Mitbewohnerinnen verbracht habe. Ich bin den beiden sehr dankbar für die viele Zeit die sie mit mir verbracht haben, und für die Erfahrungen aus ihrem Leben, die sie mit mir geteilt haben. Für die vielen Gespräche bei einem Kaffee oder einem Glas Wein am Küchentisch, sei es über die Situation im ehemaligen Jugoslawien oder über eins von Marijas unzähligen Forschungsprojekten zur Rolle der Frau in der Kirche, über die ich bis zum Schluss keinen Überblick bekommen habe. Und sie waren mir auch oft liebe Ansprechpartnerinnen für all meine großen und kleinen Alltagserlebnisse. Manchmal war ich auch sehr froh, dass ich hin und wieder mit den beiden ein bisschen Deutsch sprechen konnte (beide waren schon mal länger in Deutschland gewesen) und ich mal ein wenig Pause vom Englischsprechen hatte.

Reisen:
Nach meiner Famulatur habe ich mich erstmal für eine gute Woche aus Sarajevo verabschiedet. Als erstes bin ich nach Skopje gefahren, wo ich mich mit Peder, den ich auf der Friedensakademie kennen gelernt hatte, getroffen habe und zwei sehr nette Tage verbracht habe. Dann bin ich weiter nach Tetovo gefahren um Thomas (der seine f&e Zeit im Kosovo und Mazedonien verbracht hat) einen Gegenbesuch abzustatten. Thomas hatte mich während meiner Famulaturzeit in Sarajevo besucht. Tetovo ist die größte Stadt mit albanischer Bevölkerungsmehrheit in Mazedonien. Diese ganz und gar untouristische Stadt hat mich sehr begeistert. In Tetovo hatte ich das erste Mal während meines Balkan-Aufenthaltes das Gefühl von einem sehr netten und leichten Kulturschock. Allein die Stadt zu erkunden war ein sehr schönes Erlebnis, und vor allem war der Aufenthalt in Tetovo natürlich auch die Möglichkeit, mich noch einmal mit Thomas über unsere Erlebnisse auszutauschen und viel diskutieren zu können. Von Tetovo aus ging’s dann weiter nach Belgrad, das ich mir unbedingt angucken wollte. Dort konnte ich dann auch noch zwei Leute wieder treffen, die ich auf der Friedensakademie kennen gelernt hatte.
Das ehemalige Jugoslawien lässt sich gut mit dem Bus und schöner Musik im Ohr bereisen. Bei diesen Reisen mit dem Bus haben sich mir noch einmal ziemlich viele der Probleme der Region gezeigt: Die Fahrt zwischen den Städten dauert wahnsinnig lange, weil es kaum Autobahnen gibt und die Strassen oft in einem sehr schlechtem Zustand sind. Auch ein Blick in den Fahrplan sagt viel über die Konflikte aus: Vom großen Busbahnhof in Sarajevo, der im Gebiet der Bosnischen Föderation liegt, fährt zweimal täglich ein Bus nach Belgrad, von dem sehr viel kleineren Busbahnhof, der in dem Teil Sarajevos liegt der zur Serbischen Republik Bosnien-Herzegowinas gehört, fährt achtmal täglich ein Bus nach Belgrad. Ähnlich ist es in vielen anderen Städten. Auch Mostar hat zwei Busbahnhöfe, einen auf der kroatischen Seite, einen auf der bosnischen Seite, und der Fahrplan sagt sofort, welcher Busbahnhof in welchem Stadtteil liegt.
Ich wäre auch gerne noch für einen Tag über Prishtina gefahren, was dann aber daran gescheitert ist, dass man die Grenzen zwischen dem Kosovo und Serbien nicht in jede Richtung beliebig überqueren kann, da Serbien den Kosovo nicht als eigenständigen Staat anerkennt. Für mich war es das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte dass eine Grenze auch für mich existiert, dass ich mit meinem deutschen Pass nicht überall einfach hinfahren kann, wie ich das will. Was für eine Anstrengung all die Grenzen innerhalb des ehemaligen Jugoslawiens für die dortige Bevölkerung darstellen, und auch wie demütigend die Prozeduren sind um ein Visum für Länder in Westeuropa zu bekommen, kann ich nur erahnen. Wie präsent das Thema ist, war in den vielen Gesprächen darüber deutlich erkennbar.

Center of Nonviolent Action und zweiter Teil von „engagieren“

Zurück in Sarajevo habe ich eine Woche im Center of Nonviolent Action verbracht. Das CNA ist eine NGO, die in der Friedensarbeit tätig ist. Sie engagiert sich vor allem in der Friedensbildung und führt z.B. verschiedene Trainings durch und macht auch Arbeit mit Kriegsveteranen. Für mich hieß Zeit im CNA zu verbringen vor allem einen Computer und Internetzugang zu haben. Wirklich in der CNA mitzuarbeiten ist wegen der Sprachbarrieren und der Kürze der Zeit nicht möglich. Aber ich musste noch einen Essay für die Friedensakademie schreiben und hatte jetzt genügend Zeit und Ruhe dafür. Und in den Büchern des CNA konnte ich auch stöbern. Außerdem hatte ich so noch die Möglichkeit, die MitarbeiterInnen von CNA ein bisschen kennen zu lernen, da ich sie ja – ausgenommen Sanja - noch kaum oder gar nicht gesehen hatte. Durch die Vor- und Nachbereitung für die Friedensakademie, Urlaub und einen anstehenden Umzug des Büros waren alle MitarbeiterInnen noch mehr als in den letzten Jahren eingespannt oder nicht da. Trotzdem waren alle in der kurzen Zeit in der ich Sie kennen gelernt habe sehr nett zu mir.
Einmal habe ich mich noch mit der Mitarbeiterin einer Frauenorganisation getroffen. Leider kam das Treffen erst sehr spät zustande. Sonst hätte ich da noch ein paar Tage mithelfen können. Noch während meiner Famulaturzeit habe ich mich ein paar mal mit dem Mitglied einer kleinen antinationalen Gruppe getroffen, der mir einiges über Korruption im Städtebau in Sarajevo erzählt hat sowie von den Vorbereitungen zu einer geplanten Demo im Juli 2010 in Srebrenica anlässlich des 15. Jahrestages des Massakers in Srebrenica, dem größten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des zweiten Weltkrieges.
Am Ende meiner Zeit in Bosnien-Herzegowina war ich noch mit zwei Freundinnen aus Deutschland vier Tage am Meer. Den Kontrast zwischen Urlaubsidylle und der noch viel durch den Krieg, ungelöste Konflikte und politische Probleme geprägten Lebensrealität in Bosnien-Herzegowina fand ich manchmal schwer zu ertragen. Dann ging es noch für ein paar letzte Tage zurück nach Sarajevo, meine Sachen zusammenpacken und vor allem mich verabschieden.

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