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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Juli 2016

Fukushima - ein atomares Zwischenlager?

13.07.2016

Während die ersten Atommeiler in Japan wieder angefahren werden, stellen die enormen Mengen an radioaktivem Müll in der Präfektur Fukushima ein schier unlösbares Problem dar. Ein Großteil der Präfektur wurde nach dem mehrfachen Super-GAU im Jahr 2011 von radioaktivem Niederschlag überzogen.

Anders als in der hoch belasteten Region rund um Tschernobyl, die zum Schutz der Bewohner groß-flächig evakuiert wurde, entschloss man sich in Japan für eine möglichst minimale Evakuierung. Millionen von Menschen leben daher auch heute noch in radioaktiv kontaminierten Gebieten. In Wohngegenden wird seit Jahren versucht, durch großflächiges Abtragen der oberen Erdschichten die Umgebungsstrahlung für die verbliebene Bevölkerung möglichst gering zu halten. Den Men-schen wird suggeriert, dass die erhöhte Strahlung ihrer Gesundheit nicht schaden würde, obwohl dies allen wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnten zuwider läuft. Vor allem Kinder, Schwangere und Menschen mit Abwehrschwäche oder genetischer Veranlagung für die Entwick-lung von Krebserkrankungen müssten viel konsequenter vor der radioaktiven Strahlung geschützt werden. Aber das will bei den japanischen Behörden derzeit niemand hören.  

Nicht bedacht wurde von den Verantwortlichen zudem die Tatsache, dass ein Großteil der Präfektur aus Wald und Bergen besteht, die nicht dekontaminiert werden können und eine nachhaltige Quelle relevanter Rekontamination darstellen. So gelangen mit jedem Sturm, mit jedem Pollenflug und mit jeder Überschwemmung erneut radioaktive Partikel in die vorher dekontaminierten Städte und Dör-fer.

Doch immer mehr rückt neben der primären Kontamination das Problem des radioaktiven Mülls in den Vordergrund. Durch die weltweit in diesem Umfang noch nie dagewesenen Dekontaminations-versuche haben sich mittlerweile Abertausende von Tonnen von verstrahltem Erdreich in der Prä-fektur angesammelt. Wie nun mit diesem giftigen Strahlenmüll umgegangen werden soll ist derzeit eine der drängendsten gesundheitsrelevanten Fragen in Fukushima.

Skandale, die überall sonst auf der Welt zu einem Aufschrei führen würden, werden in Fukushima mittlerweile mit einem Achselzucken hingenommen - beispielsweise wenn ein aufmerksamer Lehrer Stichproben auffälliger Erdhaufen auf dem Schulgelände untersuchen lässt, und sich herausstellt, dass es sich um radioaktiv verseuchtes Erdreich handelt - also um Strahlenmüll, der ohne Warnung, ungeschützt und undeklariert auf dem Schulhof deponiert wurde. Mit einem radioaktiven Cäsium-gehalt von rund 30.000 Bq/kg wurden die SchülerInnen der Schule in Fukushima Stadt Strahlendo-sen von ca 1,6 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt - etwa dem achtfachen der natürlichen Hinter-grundstrahlung. Das offizielle Dekontaminationsziel sind Strahlenwerte von unter 0,23 Mikrosievert pro Stunde. Die Tatsache, dass selbst nach Bekanntwerden der Gefährdung von Seiten der Schulbe-hörden keine wesentlichen Schritte zum Schutz der SchülerInnen in die Wege geleitet wurden, zeigt das Ausmaß der allgemeinen Abstumpfung bei den Verantwortlichen. Da ohnehin große Mengen an radioaktivem Erdreich unter dem Schulhof vergraben wurden, würde man den zusätzlichen Strah-lenmüll einfach in dem selbstgebauten "Zwischenlager" vergraben, so die Verlautbarung der Schul-verwaltung.

Ähnlich unfassbar sind die aktuellen Pläne des japanischen Umweltministeriums, radioaktiv ver-seuchtes Erdreich für den Deich- oder Straßenbau zu verwenden. Zwar soll der Strahlenmüll ledig-lich als Fundament für neue Deiche oder Straßen fungieren und von einer unkontaminierten Deck-schicht überzogen werden, zahlreiche Fragen bleiben aber dennoch unbeantwortet: ob beispielsweise Radioaktivität bei heftigen Regenfällen, im Zuge von Erdbeben, Überschwemmungen, Tsunamis oder durch andere Naturkatastrophen ins Grundwasser ausgewaschen werden könnte. Auch die Frage der Anschlussverwertung sei noch nicht geklärt, so die verantwortliche Behörde. Denn die geplanten  Straßenfundamente sind für eine Betriebsdauer von 70 Jahren ausgelegt; die Abklingzeit des radioaktiven Cäsiums beträgt jedoch je nach Kontaminationsgrad zwischen 170 und 300 Jahren. Was mit dem Strahlenmüll nach 70 Jahren passieren soll ist weiterhin ungeklärt und es liegt nahe, dass man dieses Problem ganz gerne zukünftigen Generationen aufbürden möchte - vielleicht auch in der Hoffnung, dass bis dahin das Wissen um das dreckige, radioaktive Geheimnis des Stra-ßenfundaments vergessen sein wird.

Durch diese Anekdoten wird das Ausmaß begreifbar, in dem das giftige nukleare Erbe des Super-GAUs von Fukushima Japan in den kommenden Jahrzehnten beschäftigen wird. Die Bevölkerung in Fukushima zumindest scheint sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben, dass ihre verstrahlte Heimat für unabsehbare Zeit auch noch zu einem Zwischenlager für radioaktiven Müll ausgebaut wird.

Von Dr. Alex Rosen

 

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