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IPPNW

Biblis B am 8. Februar 2004: Notstromfall nach Unwetter

Beinahe-GAU

Am Sonntag, den 8. Februar 2004, ist es in Biblis B beinahe zum Super-GAU gekommen. Kurz vor 13 Uhr fielen in Folge eines Unwetters in Biblis B mindestens 5 Stromsysteme aus. Es kam es zum gefürchteten "Notstromfall", laut Deutscher Risikostudie Kernkraftwerke einer der gefährlichsten Störfälle. Schon 1989 war in der Risikostudie offiziell festgestellt worden, dass die Verbindung von Biblis B zum Strom-Verbundnetz Sicherheitsmängel aufweist. Im Dezember 2003 hat die IPPNW die hessische Atomaufsicht noch einmal auf dieses gravierende Sicherheitsdefizit hingewiesen. Und dann, nur zwei Monate später, kam es in Biblis B beinahe zur Atomkatastrophe. 

Im Jahr 1989 wurde die "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke - Phase B" veröffentlicht. Darin wurde festgestellt, dass die Verbindung von Biblis B mit dem Strom-Verbundnetz Sicherheitsmängel aufweist: Die Anschlüsse an das Verbundnetz sind weder hinreichend schaltungstechnisch entkoppelt noch hinreichend räumlich getrennt.

Im Dezember 2003 wurde die hessische Atomaufsicht durch die IPPNW noch einmal auf dieses gravierende Sicherheitsdefizit hingewiesen. Doch die hessische Atomaufsicht blieb untätig. Der Stromanschluss des Kraftwerks blieb unverändert.

Nur zwei Monate später, am 8. Februar 2004 genügte offenbar ein Unwetter in der Nähe des Atomkraftwerks, dass es zum gefürchteten Notstromfall kam.

Aufgrund von heftigen Windböen außerhalb des Atomkraftwerks – so jedenfalls die Vermutung – sollen zwei Leitungen im 220-kV-Verbundnetz aneinander geraten sein. Dies soll zu einem Kurzschluss geführt haben.

Aufgrund des Kurzschlusses außerhalb des Kraftwerks versagten an diesem Sonntag kurz vor 13 Uhr in Biblis mehrere Stromsysteme. Ein Hauptnetzanschluss fiel aus. Dann versagte auch noch der zweite Hauptnetzanschluss. Schließlich kam es auch noch zum Ausfall des Reservenetzanschlusses.

Die beiden Hauptnetzanschlüsse und der Reservenetzanschluss von Biblis B sind nicht hinreichend elektrisch entkoppelt und räumlich getrennt, wurde der hessischen Atomaufsicht noch zwei Monate vorher mitgeteilt und dann, am 8. Februar 2004, führte genau dies zum vollständigen Ausfall der Netzanbindung des Atomkraftwerks.

Aber nicht nur dies. Auch die Notstandsstromversorgung von Block B für Block A versagte. Und in Biblis B kam es obendrein zum Versagen der so genannten Eigenbedarfsversorgung.

Damit war in Biblis B der gefürchtete Notstromfall gegeben, es bestand die Gefahr, dass die Sicherheitssysteme nicht mehr mit Strom versorgt werden können.

Man musste in dieser Situation schließlich auf den letzten Notnagel zurückgreifen, nämlich auf die Notstromdiesel. Weil diese am 8. Februar 2004 ansprangen, kam es nicht zum Super-GAU.

Doch es hätte auch ganz anders laufen können, weil diese Notstromdiesel alles andere als zuverlässig sind. Beispielsweise versagte am 19. August 2003 ein solcher Notstromdiesel. Vier Tage zuvor schaltete sich bei einem Probelauf ein Notstromdiesel fehlerhaft ab und am 5. November 2003 trat an einem Notstromdiesel eine fehlerhafte Einstellung eines Reglers auf.

Am 31. März 2004 wurde an einem Notstromdiesel ein Fehler bemerkt, am 29. Juni 2004 war die Startbereitschaft eines Notstromdiesels eingeschränkt und am 6. Oktober 2004 kam es bei Reinigungsarbeiten zum unbeabsichtigten Abschalten eines Notstromdiesels.

Es kann auch gut zum gleichzeitigen Versagen aller Notstromdiesel kommen: Beispielsweise standen im Atomkraftwerk Philippsburg-2 am 20. April 1987 alle vorhandenen Notstromdiesel nicht zur Verfügung.

Das zeigt: Die Realität sieht anders aus als die sicherheitstechnischen Glaubensbekenntnisse von RWE und Atomaufsicht. Es genügt schon, dass sich in der Umgebung von Biblis B das Wetter verschlechtert – eine Windböe oder ein Blitzeinschlag – und schon kann es im Atomkraftwerk zum Super-GAU kommen.

Das gefährliche Ereignis vom 8. Februar 2004 war weder für RWE noch für die hessische Atomaufsicht ein Grund, das Atomkraftwerk sofort stillzulegen. Man hält es – allen Glaubensbekenntnissen zum Trotz – noch nicht einmal für erforderlich, die Netzanbindung des Atomkraftwerks grundlegend zu modernisieren. Wobei äußerst zweifelhaft ist, ob man Biblis B zuverlässig gegen Wettereinflüsse wie Sturm und Blitz und nachfolgende Kurzschlüsse oder Überspannungen wirklich schützen kann.

Dieses Atomkraftwerk kann bereits aufgrund einer Windböe aus dem Ruder laufen. Das ist nicht hinnehmbar.

Von Henrik Paulitz, IPPNW

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