Der Krieg gegen den Iran ist nicht nur eine humanitäre und völkerrechtliche Katastrophe. Er verschärft die globale Klimakrise und führt zu immensen regionalen Umwelt- und Gesundheitsschäden. Bombardierungen von Raffinerien, Treibstofflagern, Militärbasen und Industrieanlagen setzen enorme Mengen an Treibhausgasen und Giftstoffen frei, zerstören Ökosysteme und kontaminieren Wasser und Böden. Aktuelle Analysen zeigen: Militärische Gewalt, Klimakrise und Ökozid sind eng verflochten.
So dokumentierte das Conflict and Environment Observatory (CEOBS) bereits mehr als 300 Vorfälle mit Umweltrelevanz in den ersten zehn Tagen des Krieges. In der gesamten Region wurden Luftwaffenstützpunkte, Militäreinrichtungen, zivile Infrastruktur von Krankenhäusern zu Öl- und Industrieanlagen angegriffen. CEOBS warnt vor toxischer Luftverschmutzung, Wasserkontamination und erheblichen Risiken für den Persischen Golf durch Ölunfälle.[1] Eine Studie um Patrick Bigger und Benjamin Neimark bezifferte die Emissionen aus den ersten 14 Tagen des Krieges. Diese lagen bei etwa 5 Millionen Tonnen CO2, mehr als die Gesamtemissionen Islands im Jahr 2024. Nach der Zerstörung von Gebäuden führten insbesondere Angriffe auf Treibstoffdepots und Raffinerien zu großflächigen Bränden und massiven CO2-Emissionen.[2]
Die Forschung zu sogenannten Konfliktemissionen zeigt, dass Kriege weit über direkte Explosionen hinaus klimawirksam sind. Doch auch in „Friedenszeiten“ entstehen Klima- und Umweltschäden durch Rüstungsindustrie, Militärbasen und Übungen. Nach Schätzungen von CEOBS und Scientists for Global Responsibility verursacht das globale Militär rund 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen – mehr als viele Industriestaaten.[3]
Der Krieg gegen Iran verdeutlicht zudem die enge Verbindung zwischen fossilen Energien, Geopolitik und Militarisierung. Die Kontrolle über Öl- und Gasinfrastruktur ist nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern häufig Teil militärischer Strategien. Gleichzeitig profitieren Energiekonzerne von steigenden Preisen und geopolitischer Unsicherheit. Krieg stabilisiert so jene fossile Ordnung, die die Klimakrise weiter antreibt. Rüstungsgüter, die auf fossilen Energieträgen basieren, haben eine Nutzungsdauer von vielen Dekaden. Ihre Anschaffung droht zum Lock-in fossiler Energiesysteme zu werden, denn das Militär auf zivile Infrastruktur angewiesen.
Angriffe auf Ökosysteme und damit auf die materielle und kulturelle Lebensgrundlage von Gemeinschaften werden zunehmend als Verbrechen und sogar als Kriegsstrategie diskutiert. Im Kontext von Gaza sprechen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen von einem Zusammenspiel von genozidaler und ökozidaler Gewalt – Versalzung von Böden, Zerstörung von Wasserinfrastruktur und der Verlust von Ackerland sind sowohl eine Folge wie auch ein Mittel der Gewalt.[4] Aber auch an anderen Orten geht die Umweltzerstörung Hand in Hand mit anderen Formen struktureller Gewalt, insbesondere gegenüber indigenen Gemeinschaften.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die internationale Debatte um „Ökozid“ an Bedeutung. Die Stop-Ecocide-Kampagne fordert, massive Umweltzerstörung als internationales Verbrechen anzuerkennen. Ziel ist eine Ergänzung des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs. Damit könnten künftig schwere Umweltzerstörungen strafrechtlich verfolgt werden. Durch die neue EU-Richtlinie über Umweltstraftaten von 2024, wird ein Ökozid-ähnlicher Straftatbestand in die nationale Gesetzgebung der Mitgliedsstaaten integriert werden, in Belgien und Frankreich ist das bereits der Fall.
Mit dem Fossil Fuel Treaty hat sich außerdem eine Koalition aus einigen Regierungen, insbesondere kleinen Inselstaaten und vielen Organisationen gebildet, die einen Vertrag zum Ausstieg aus fossilen Energien anstreben. Angelehnt ist der Prozess an den Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag. Wichtige Impulse kamen zuletzt von der Santa-Marta-Konferenz. In Kolumbien diskutierten Regierungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft erstmalig über konkrete Strategien für einen beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energien. Nachdem Fortschritt in dieser Frage auf den Weltklimagipfeln seit Jahren am Widerstand der öl- und gasexportierenden Ländern gescheitert ist, hat sich in Santa Marta so etwas wie eine „Koalition der Willigen“ gebildet. Die internationale Klimadiplomatie könnte für die nächsten Jahre auf zwei Schienen laufen – dem behäbigen, auf Konsens basierenden UNFCCC-Prozess und einem deutlich schnelleren Santa-Marta-Prozess, der konkrete Lösungen diskutiert.
Diese Entwicklungen stimmen durchaus hoffnungsvoll. Es wird die Aufgabe von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der IPPNW und Partnern sein, die Überschneidung von Friedenspolitik, Klimapolitik und Umweltschutz in diesen Räumen zu verankern und Bündnisse zu schmieden.
Quellen:
[1] CEOBS (2026): Operation Epic Fury: emerging environmental harm and risks in Iran and the region.
[2] Bigger, P.; Neimark, B. & Otu-Larbi, F. (2026): Two weeks of war in Iran unleashed more carbon pollution than Iceland does in a year
[3] CEOBS & SGR (2022): Estimating the military’s global greenhouse gas emissions
[4] Lasso Mena, V. & Lederer, M. (2026): From Genocide to Ecocide: Confronting Political Violence Against the Environment
Laura Wunder ist Referentin für Klimagerechtigkeit und Global Health der IPPNW.
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