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Woher stammte die radioaktive Wolke über Europa?

07.03.2018

Im Oktober 2017 waren über ca. zwei Wochen lang Spuren des radioaktiven Isotops Ruthenium-106 in Messstationen quer durch Europa messbar. Ruthenium-106 ist ein Betastrahler mit einer Halbwertszeit von etwa 374 Tagen, welches bei Inhalation oder Ingestion dosisabhängig gesundheitliche Schäden der Lungen und die Entwicklung von Krebserkrankungen verursachen kann.

 

Graphik: IRSN, Januar 2018

 

Lange rätselte man über die mögliche Quelle der freigesetzten Radioaktivität. Ein Unfall in einem Atomkraftwerk oder beim Umgang mit atomaren Sprengköpfen wurde bereits frühzeitig ausgeschlossen, da zusätzliche Isotope freigesetzt worden wären, nicht isoliert Ruthenium-106. Auch ein Satellitenabsturz oder ein Unfall in einer nuklearmedizinischen Anlage wurden in Erwägung gezogen, doch bislang konnten auch umfangreiche Recherchen keine plausible Erklärung liefern. Das hat sich nun geändert.

Wissenschaftler des französischen IRSN fanden in Ihren Nachforschungen Bemerkenswertes: im wissenschaftlichen Journal „Science“ veröffentlichten sie am 14. Februar 2018 die Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Laut Ihnen stammt das detektierte Ruthenium-106 vermutlich aus der berüchtigten südrussischen Atomanlage Majak, die schon in der Vergangenheit immer wieder für schwere bis katastrophale Atomunglücke und Freisetzungen verantwortlich war (siehe IPPNW-Informationsplakat). Die Wissenschaftler erläutern in ihrem Artikel überzeugend, dass die Freisetzung der radioaktiven Partikel in Verbindung mit der Herstellung von Neutrinogeneratoren für wissenschaftliche Zwecke stehen könnte.

 

 

Graphik: IRSN, Januar 2018

 

Es ist mittlerweile bekannt, dass in Majak Cerium-144 für das italienische Laboratori Nazionali del Gran Sasso hergestellt werden sollte. In dem Labor im italienischen L‘Aquila sollte im Rahmen des italienisch-französischen SOX-Experiments (short distance neutrino oscillations with Borexino ) die Existenz steriler Neutrinos demonstriert werden. Hierzu wurde ein zuverlässiger Neutrino-/Antineutrino-Emitter wie Cerium-144 benötigt, ein radioaktiver Betastrahler mit einer Halbwertszeit von 285 Tagen.

Laut Marco Pallavicini, dem Sprecher des SOX-Experiments von der Universität von Genua, ließ sich weltweit nur ein einziger Hersteller von Cerium-144 finden: die Wiederaufbereitungsanlage in Majak. Das hoch radioaktive Material sollte in Majak im Auftrag des italienischen Labors aus frisch abgebranntem Kernbrennstoff isoliert werden. Im Herbst 2016 wurde mit der Anlage ein Vertrag zur Lieferung einer 40g-Kapsel Cerium-144 geschlossen, welches Anfang 2018 erwartet wurde. Doch im Dezember 2017, zwei Monate nach der Freisetzung von Ruthenium-106, teilten die Betreiber der Anlage in Majak dem Labor mit, dass die Herstellung und Lieferung von Cerium-144 aufgrund technischer Probleme nicht möglich sei. Am 1. Februar 2018 wurde das SOX-Experiment daraufhin eingestellt.

Die Wissenschaftler von IRSN sehen einen Zusammenhang dieses Vorgangs mit der Freisetzung von Ruthenium-106 als sehr wahrscheinlich an. Die freigesetzte Menge von Ruthenium-106 (ca. 1-4 Gramm) passe vom Isotopenverhältnis sehr gut zu der Gesamtmenge an Cerium-144, die für das SOX-Experiment benötigt würde, so IRSN.

Zudem konnten die europäischen Messstationen im Oktober 2017 neben Ruthenium-106 auch kleinere Mengen von Ruthenium-103 nachweisen. Das Verhältnis zwischen den beiden Isotopen habe bei etwa 1 zu 4000 gelegen. Dieser Wert wiederum sei charakteristisch für abgebrannten Kernbrennstoff, der vor knapp zwei Jahren aus einem Atomreaktor entfernt worden sei. Für die Produktion von Cerium würde eben solch frischer, „heißer“ Atommüll benötigt, während man ihn sonst aufgrund der hohen Radioaktivität und Hitzeentwicklung normalerweise über 10 Jahre in Wasserbecken abklingen ließe.

IRSN spekuliert, dass ein unkontrollierbarer Temperaturanstieg bei der Abtrennung des Ceriums aus dem Atommüll zur Freisetzung der radioaktiven Ruthenium-Isotope geführt haben muss. Während die in Europa gemessenen Konzentrationen mit ca. 10 Bq/m3 recht niedrig waren, wurden in den Ortschaften in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Majak deutlich höhere und potentiell gesundheitsgefährdende Konzentrationen gemessen. Die Lokalbevölkerung könnte daher erneut durch radioaktive Emissionen geschädigt worden sein. Schon vor dem aktuellen Unfall zählte die Umgebung von Majak zu einer der radioaktiv am schwersten kontaminierten Gegenden der Welt.

Ein leitender Reaktorsicherheits-Experte der russischen Akademie der Wissenschaften nennt die Erklärung der französischen Wissenschaftler für die Freisetzung von Ruthenium-106 eine "gute Hypothese"- diese sei aber falsch. Eine plausible Alternativerklärung bleibt allerdings auch eher schuldig. Es wird vermutlich noch dauern, bis wir die ganze Wahrheit über den Atomunfall vom Oktober 2017 kennen lernen. Fakt ist, dass der Umgang mit hoch radioaktiven Materialien nicht nur für AtomarbeiterInnen eine relevante gesundheitliche Gefahr darstellt, sondern weit über lokale und nationale Grenzen hinaus Millionen von Menschen betreffen kann und daher wo immer möglich vermieden werden sollte.

Dr. med. Alex Rosen
Vorsitzende der deutschen IPPNW

 

Quellen

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