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Lieber aktiv als radioaktiv

Die IPPNW Regionalgruppe Aachen

Demo im April 2016 in Lüttich - Odette Klepper

In der aktuellen Ausgabe des Newsletters möchten wir ein kurzes Schlaglicht werfen auf die beharrliche und effektive Arbeit der IPPNW-Gruppe in Aachen, die sich seit 1 1/2 Jahren intensiv um Aufklärung in Sachen Katastrophenschutz engagiert – und in der Region einiges in Bewegung bringen konnte.

Seit 1984 gibt es in Aachen eine lokale IPPNW-Gruppe. In den Zeiten des Kalten Krieges beschäftigten die Gruppe vor allem die Ächtung von Atomwaffen, der Abbau von Feindbildern, der Kontakt zu KollegInnen in den Ostblockstaaten und der innere Frieden in Deutschland. In den vergangenen Jahren kamen Themen wie abgereicherte Uranmunition, der Konflikt zwichen Israelis und Palästinensern und das Feindbild Islam hinzu.

Seit 2015 beschäftigt die Mitglieder der Gruppe eine ganz andere Bedrohung: die maroden Atommeiler Tihange 2 und Doel 3 in Belgien. Die Entfernung zwischen Tihange und Aachen beträgt gerade einmal 60 km. In der Region, die durch einen Super-GAU in einem der beiden AKW radioaktiv kontaminiert werden könnte, leben 46 Millionen Menschen.

Die Aachener IPPNW-Gruppe informiert die Bevölkerung seit nunmehr zwei Jahren über den Aufbau der Atomkraftwerke, die Strukturschäden mit massenhaften Rissen in den Stahlwänden der Reaktordruckbehälter und die Gefahr eines Unfalls bis hin zum Super-GAU. Nachdem es zunächst nicht gelang, die politisch Verantwortlichen in der Region für diese Gefahr zu sensibilisieren, gelang im Oktober 2015 der Durchbruch:

Begleitet vom WDR-Fernsehen und einigen Zeitungen verteilten die IPPNW-ÄrztInnen vor einer Sitzung des Aachener Stadtrats Jodtabletten an dessen Mitglieder und verteilten Merkblätter zur Jodblockade der Schilddrüse. In den folgenden Wochen erwachte in der Stadt ein zunehmendes Bewusstsein für die sehr reellen Gefahren, die von den grenznahen Atommeilern ausgehen. Schon bald unterstützten der Aachener Oberbürgermeister und der Vorsitzende des Städteregionsrats den Protest gegen die Betreiber von Tihange und Doel. Landes- und Bundesumweltministerinnen wurden angeschrieben, Klagen gegen die Sicherheitsorgane in Belgien erhoben.

Ein weiterer wichtiger Schritt war eine von Oberbürgermeister und Städteregionsrat getragene Veranstaltung in der Aula Carolina über Katastrophenschutz und Strahlenbelastung durch einen Atomunfall. Hier klärten die IPPNW-ÄrztInnen über die Gefahren der durch Risse beeinträchtigen Reaktoren in Tihange und Doel und die gesundheitlichen Folgen von Radioaktivität auf den menschlichen Körper auf und erläuterten mögliche Vorsorgemaßnahmen im Fall einer Atomkatastophe.

Es folgten zahlreiche Informationsveranstaltungen der IPPNW-Gruppe Aachen im Rheinland und Ostbelgien und der Beginn der Zusammenarbeit mit Anti-Atom-Organisationen und Ämtern in Ostbelgien, Südlimburg und Aachen. Auf all diesen Veranstaltungen wiesen die ÄrztInnen auf die Gefahren von ionisierender Strahlung hin und auf die Tatsache, dass es keine Schwellendosis gibt, unterhalb derer Strahlung nicht gefährlich wäre (siehe Ulmer Papier der IPPNW). Auch forderten sie immer wieder eine dezentrale Verteilung von Jodtabletten und Atemschutzmasken für die Bevölkerung in den bedrohten Gebieten.

Gemeinsam mit WissenschaftlerInnen der RWTH Aachen beteiligte sich die IPPNW Aachen an der Planung und dem Aufbau eines privaten Meß-Netzwerkes zur Überwachung der Radioaktivität in der Region ( TDRM = Tihange-Doel-Radiation-Monitoring), um die amtlichen Angaben im Störfall zu kontrollieren. Die Mitglieder der Aachener Gruppe sehen dies als eine Reaktion auf die verspäteten und verharmlosenden Unterrichtungen der Bevölkerung durch die japanischen Behörden nach Fukushima. Mittlerweile besteht eine enge Kooperation mit Stadt und Städteregion und beispielsweise regelmäßige Treffen mit Feuerwehr und Katastrophenschutz um den Schutz der Bevölkerung zu optimieren.

Diese Zusammenarbeit war bisher überaus erfolgreich. Aachen und die Städteregion Aachen haben eine Broschüre für die Bevölkerung zu Katastropenschutzmaßnahmen im Falle eines Atomunfalls in Tihange erarbeitet, an dessen Erstellung die Aachener IPPNW Gruppe beteiligt war. Auch sollen bald an alle Einwohner unter 45 Jahren Jodtabletten vorverteilt und FFP3-Masken für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren beschafft werden, da es für diese Altersgruppe im freien Handel keine Atemschutzmasken gibt. Nach langer Zurückhaltung möchte jetzt auch die Aachener Ärzteschaft über die Problematik von Tihange und die Möglichkeit von Vorsorgemaßnahmen informiert werden. Das Thema Tihange ist dank der Arbeit der IPPNW Gruppe in Aachen inzwischen praktisch allen Menschen in der Region bewusst.

 

An diesem Artikel waren beteiligt:
Gabi Heindl, Wolfram Heindl, Regine Nikolai, Dagmar Schaible-Huber, Odette Klepper, Wilfried Duisberg, Alex Rosen

 

Weiterführende Informationen:

Foto: Demo im April 2016 in Lüttich - Odette Klepper

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