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Schutz von Kindern bei Strahlenanwendungen in der Medizin

16.12.2019 Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wies am 12. November in einer Pressemitteilung darauf hin, dass Kinder bei Strahlenanwendungen in der Medizin besonders zu schützen seien. Kinder haben beispielsweise im Vergleich zu Erwachsenen ein deutlich höheres Risiko, an Leukämie zu erkranken, wenn sie ionisierender Strahlung ausgesetzt gewesen sind. Die Bundesbehörde stützt sich hierbei auf Studien zu strahleninduzierten Schäden in der Erbsubstanz (DNA) menschlicher Blutzellen.

Entscheidend für die höhere Strahlenempfindlichkeit von Kindern ist die noch nicht unterentwickelte Reparatur-Möglichkeit von DNA-Schäden. Nachteilige Effekte seien bereits bei relativ niedriger Strahlenbelastung zu beobachten. Laut zahlreicher epidemiologischer Studien sind Kinder „nachweislich empfindlicher gegenüber Strahlung als Erwachsene“ [1]. Es ist zu begrüßen, dass die erhöhte Strahlensensibilität von Kindern nun auch von BfS-Präsidentin Inge Paulini hervorgehoben wird.

 

Chromosomenschäden bei CT-Untersuchungen

Die Bevölkerung ist insbesondere durch medizinische Anwendungen in Diagnostik und Therapie Strahlung ausgesetzt, sowohl was die Anzahl der betroffenen Personen als auch die Höhe der Strahlenbelastung angeht.
Bei Bestrahlungsstärken, wie sie etwa bei CT-Untersuchungen zum Einsatz kommen [2], haben bereits frühere Studien einen Zusammenhang zwischen Alter und der Entstehung von Chromosomenschäden nach Bestrahlung aufgezeigt.

So sind in Blutzellen von Neugeborenen und Kleinkindern im Alter bis zu 5 Jahren nach einer Bestrahlung der Blutzellen mit höheren Strahlendosen 1,5-fach häufiger Chromosomenschäden nachgewiesen worden als bei Erwachsenen. Gezeigt wurde zudem, dass Chromosomen von Kindern unter 5 Jahren auch bei viel geringeren Bestrahlungsstärken signifikant häufiger fehlerhaft repariert werden als bei Erwachsenen [3].

 

Tests für Abwägungen bei geplanter Strahlentherapie

Vor diesem Hintergrund forscht das BfS an möglichen Nachweismethoden, um eine genetische oder altersbedingte Strahlenempfindlichkeit im Labor feststellen zu können.

Die Tests sollen Abschätzungen ermöglichen, ob für eine Person ein erhöhtes Risiko für strahleninduzierte Erkrankungen infolge einer Bestrahlung besteht. Dazu zählen durch Bestrahlung ausgelöste Krebserkrankungen, aber auch beispielsweise die Schädigung der Darmschleimhaut oder krankhafte Vermehrung von Bindegewebe (Fibrosen) im bestrahlten Bereich. Derzeit sind entsprechende Testverfahren noch nicht verfügbar.

Die geplanten Tests sollen Ärzten „Entscheidungshilfen“ liefern, welche Therapie-Methode bei Patientinnen und Patienten jeweils angewandt werden soll. Wichtig ist dabei laut BfS „die Abwägung zwischen dem Risiko von strahlenbedingten Nebenwirkungen gegenüber dem Risiko, einen bestehenden Krebs nicht ausreichend zu bekämpfen“.

Die geplanten Test-Designs könnten in der zukünftigen Praxis maßgebend dafür werden, ob Ärztinnen und Ärzte eine Strahlentherapie bei an Krebs erkrankten Kindern vornehmen oder nicht. Bei der Entwicklung der Test werden insofern in gewisser Hinsicht Vorentscheidungen für künftiges ärztliches Handeln getroffen.

 

Kinder beim Strahlenschutz in den Blick nehmen

Die Ärzteorganisation IPPNW fordert schon lange, Kinder beim Strahlenschutz verstärkt in den Blick zu nehmen. Die vom Bundesamt für Strahlenschutz einst in Auftrag gegebene Kinderkrebsstudie [4] zeigte, dass je näher ein Kind an einem Atomkraftwerk wohnt, desto größer die Wahrscheinlichkeit ist, an Krebs oder Leukämie zu erkranken. Auch verdoppelt sich für Kleinkinder das Leukämierisiko im Nahbereich bis 5 km um ein Atomkraftwerk.

Kinder verfügen über weniger und eine naivere Immunabwehr, über weniger Antioxidative Systeme, sowie über weniger materiellen Schutz gegen Strahlung (dünnere Haut, etc.). Auch wegen der sich schneller teilenden Zellen und der längeren verbleibende Lebensspanne sind Kinder in besonderem Maße durch ionisierende Strahlung bedroht.

Wegen der besonderen Strahlenempfindlichkeit von Kleinkindern, aber auch Föten und Embryonen fordert die IPPNW seit vielen Jahren schon eine Novellierung des Strahlenschutz: Statt der veraltete "Reference-Man" sollte ein "Reference-Embryo" genutzt werden, um das ungeborene Leben und Kinder vor zu hohen Strahlenwerten zu schützen.

Bereits 2013 forderte die IPPNW in ihrem „Ulmer Papier“ eine Anpassung des Strahlenschutzes an den aktuellen Stand der Wissenschaft. Ionisierende Strahlung führt zu manifesten gesundheitlichen Schäden. Die Risikobewertung aufgrund statistischer Erhebungen an Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki als Referenzkollektiv ist überholt. Schon kleinste Strahlendosen verursachen Erkrankungen.

Dr. Alex Rosen

 

Quellen

[1] Vgl. IPPNW: Gefahren ionisierender Strahlung. Ergebnisse des Ulmer Expertentreffens vom 19. Oktober 2013. IPPNW-Informationen. 15. Januar 2014. https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Ulmer_Expertentreffen_-_Gefahren_ionisierender_Strahlung.pdf

[2] Mettler FA, et al. "Effective Doses in Radiology and Diagnostic Nuclear Medicine: A Catalog," Radiology (July 2008), Vol. 248, pp. 254–63.

[3] Ursula Oestreicher, David Endesfelder, Maria Gomolka, Ausrele Kesminiene, Peter Lang, Carita Lindholm, Ute Rößler, Daniel Samaga & Ulrike Kulka (2018) Automated scoring of dicentric chromosomes differentiates increased radiation sensitivity of young children after low dose CT exposure in vitro, International Journal of Radiation Biology, 94:11, 1017-1026, DOI: 10.1080/09553002.2018.1503429

[4] Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie)

 

Weitere Informationen:



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