Korrosion, Klimakrise, Millisievert: Frankreich setzt Mitarbeiter*innen in AKW höheren Strahlendosen aus

Althergebrachte Probleme der veralteten Atomkraftwerke und immer wieder auftretende Konstruktionsfehler neuerer Modelle in Kombination mit den Herausforderungen des Klimawandels machen die Atomkraft umso mehr zum Risikofaktor. Um nicht einmal die Hälfte der Produktionskapazität der französischen AKW zu erreichen, mussten in diesem Sommer die Umweltstandards für die Erwärmung von Flüssen durch die Wiedereinleitung von Kühlwasser drastisch gelockert werden. Jetzt tritt bezüglich des Gesundheitsschutzes der Kraftwerksarbeiter*innen eine weiteres Problem auf: Die zulässige Obergrenze der jährlichen Strahlendosis wurde jetzt laut Reuters für einige Arbeiter*innen erhöht.

Viele von Frankreichs Atomkraftwerken speisen seit Monaten keinen Strom in die Netze ein. Bereits seit dem vergangenen Winter fallen insbesondere die französischen Altmeiler wegen Korrosionsproblemen als Stromlieferanten aus. Unterdessen ist die Klimakrise bereits in vollem Gange und sie erhöht die Risiken für Ausfälle und Unfälle von Atomkraftwerken. Im Sommer führten die Hitzewellen zu Dürren und ließen das Kühlwasser weiterer AKW zur Mangelware werden. Diese mussten daraufhin gedrosselt werden und konnten auch auf niedrigem Niveau nur noch Strom produzieren, weil sie aufgrund von Ausnahmeregelungen wärmeres Kühlwasser als üblich in die Flüsse zurückführen durften. Der Umwelt- und Artenschutz wurde zugunsten der Stromproduktion zurückgestellt. Dürren, in deren Folge Flüsse deutlich weniger Wasser führen sind ein sichtbarer Effekt des menschgemachten Klimawandels. Extremwetterergebnisse werden in Zukunft häufiger und stärker auftreten und die Atomkraft ist dafür denkbar schlecht gerüstet.

Gegenwärtig liegt die Verfügbarkeit der Produktionskapazität französischer AKW bei unter 50%, die produzierte Strommenge ist die kleinste seit 30 Jahren. In Deutschland halten die Probleme der französischen Kraftwerke nun sogar schon als Begründung für einen  sogenannten Streckbetrieb der AKW Isar 2 und Neckarwestheim her. Somit steht der staatliche Energiekonzern Électricité de France (EDF) unter großem Druck, insbesondere mit Blick auf den Winter, die Stromproduktion seiner AKW wieder hochzufahren, um eine fortdauernde Abhängigkeit von den europäischen Nachbarn und u.a. von deutschen Gaskraftwerken zu verringern. Der Zeitdruck, entstanden aus einer Kombination von Korrosionsschäden an Reaktoren und den kühlwassermangelbedingten Produktionseinschränkungen, geht notwendigerweise auf Kosten der Sicherheit. Dieser Zeitdruck und die Risiken werden nun nach unten, an die technischen Angestellten, weitergereicht, die jetzt in kürzester Zeit und unter Erhöhung der Gefahren für ihre Gesundheit die Probleme lösen sollen. Die Unternehmen, die die von Korrosionsproblemen betroffenen Reaktoren für EDF wieder Instand setzen sollen, erhöhen mindestens teilweise die Obergrenze der jährlichen Strahlenexposition ihrer Angestellten. Insbesondere Rohrleger und Schweißer sind davon betroffen, wie zwei Quellen gegenüber Reuters erklärten. Die Firma Monteiro, die Auftragnehmerin bei EDF ist, hat den Jahresgrenzwert für einen Teil ihrer Angestellten bereits von 12 auf 14 Millisievert (mSv) angehoben. Zwar liegt dieser Wert unter dem gesetzlich zulässigen Grenzwert,  die gegenüber Reuters und französischen Meiden vertretene Behauptung, es handle sich um eine Strahlendosis unterhalb derer keine Gesundheitsrisiken bestünden ist indes wissenschaftlich nicht haltbar.

Von einem Schwellenwert auszugehen, unterhalb dessen radioaktive Strahlung gesundheitlich unbedenklich wäre, entspricht lange nicht mehr dem aktuellen Wissensstand und ist eine beliebte Schutzbehauptung von Atomindustrie und ihrer Lobby“ sagt IPPNW Vorstandsmitglied Ute Rippel-Lau dazu. Weltweit dient heute ein Modell als theoretische Grundlage für die Strahlenschutznormen, nachdem es eine lineare Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen Erkrankungswahrscheinlichkeit und Strahlendosis, aber keinen bedenkenlosen unteren Schwellenwert gibt. „Schon Strahlendosen in der Größenordnung von wenigen Millisievert können nachweislich das Erkrankungsrisiko erhöhen. In epidemiologischen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Arbeitnehmer*innen, die an strahlenexponierten Arbeitsplätzen tätig sind, deutlich häufiger erkranken als andere, und zwar auch wenn die offiziellen Dosisgrenzwerte eingehalten werden“, so Ute Rippel-Lau weiter. 

Die Entwicklungen um die französische Reaktorflotte sind ein besonders eindrückliches und  besorgniserregendes Beispiel für die Unfähigkeit der Atomkraft in einer vom Klimawandel immer stärker betroffenen Welt zu bestehen, geschweige denn, einen Beitrag zur Lösung der Krise zu leisten.

 

Ute Rippel-Lau, IPPNW-Vorstandsmitglied
Patrick Schukalla, Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima

Quellen:

https://www.lindependant.fr/2022/09/16/nucleaire-pourquoi-des-techniciens-de-centrales-pourraient-etre-bientot-plus-exposes-a-de-la-radioactivite-en-france-10548085.php#

https://www.liberation.fr/environnement/nucleaire/canicule-trois-centrales-nucleaires-autorisees-a-deroger-aux-regles-environnementales-20220715_UUWZF23G6BEHTEDAPUE2TJ66TU/

https://www.reuters.com/business/energy/exclusive-edf-contractors-relax-radiation-exposure-limits-speed-up-reactor-2022-09-16/

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/habeck-akw-weiterbetrieb-105.html 

https://www.heise.de/tp/features/Krisenstab-eingesetzt-Atomdesaster-in-Frankreich-nimmt-seinen-Lauf-7205304.html 

https://www.heise.de/tp/features/Habecks-Notreserve-Neben-AKW-Isar-2-ist-auch-Neckarwestheim-2-unsicher-7272205.html?seite=all

https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Ulmer_Expertentreffen_-_Gefahren_ionisierender_Strahlung.pdf

https://www.sortirdunucleaire.org/Par-un-ete-caniculaire-EDF-a-continue-de

https://ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW-Information_Nuklearia.pdf

International Commission on Radiological Protec- tion: Recommendations of the ICRP. Rad Protect Dosime- try 129(4) 500 - 507 (2008). doi.org/10.1093/rpd/ ncn187.

Leuraud, K. et al.: Ionizing radiation and risk of death from leukaemia and lymphoma in radiation-moni- tored workers (INWORKS): an international cohort study. Lancet Haematol July, 276 - 281 (2015).

ICRP: Recommendations of the ICRP. Rad Protect Dosimetry 129(4), 500 - 507 (2008).

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Ansprechpartner


Patrick Schukalla
Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
E-Mail: schukalla[AT]ippnw.de

Ewald Feige
Vertretung Atomausstieg, Energiewende und Klima
Tel. 030 698074-11
E-Mail: feige[AT]ippnw.de

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