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Knebelvertrag zwischen WHO und IAEA

Für die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gibt es keine Todesopfer und Erkrankungen, die auf die Strahlenbelastung von Tschernobyl zurückzuführen wären. Die IAEA hat satzungsgemäß die Aufgabe, die Atomenergie zu fördern. Ein Vertrag mit der Weltgesundheitsorganisation WHO hindert diese an einer unabhängigen Erforschung und an der Aufklärung der Öffentlichkeit über die Folgen von Tschernobyl.

 

Das Internationale Tschernobyl-Projekt

Auf Ersuchen der sowjetischen Regierung hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, eine UNO-Organisation, in Zusammenarbeit mit der Kommission der Europäischen Gemeinschaft CEC, den Organisationen für Ernährung und Landwirtschaft der UNO (FAO), der Weltgesundheitsorganisation WHO und anderen internationalen Organisationen im Jahr 1990 eine große Untersuchung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe durchgeführt.


Ziel dieses »Internationalen Tschernobyl-Projekts« war, die gesundheitlichen Folgen und die Wirksamkeit der von der Sowjetregierung getroffenen Schutzmaßnahmen für die betroffenen Gebiete zu analysieren. An den Untersuchungen, die von Januar 1990 bis Februar 1991 dauerten, nahmen 500 sowjetische und 200 ausgewählte Wissenschaftler aus 25 westlichen Staaten teil.

Im Mai 1991 wurde das Ergebnis auf einem von der IAEA organisierten Internationalen Kongress in Wien der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Die wichtigste Aussage der IAEA lautete: »Es gab signifikante Gesundheitsstörungen, die nicht mit Strahlung in Zusammenhang stehen, und zwar in den Bevölkerungsgruppen sowohl der untersuchten kontaminierten als auch der untersuchten unbelasteten Vergleichssiedlungen, . . aber es gab keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten . . . Berichtete Abschätzungen der absorbierten Strahlendosen für Schilddrüsen von Kindern lassen einen statistisch nachweisbaren Anstieg des Auftretens von Schilddrüsentumoren in Zukunft als möglich erscheinen. Auf der Grundlage sowohl der Strahlendosen, die durch das Projekt abgeschätzt wurden, als auch der gegenwärtig akzeptierten Abschätzung des Strahlenrisikos dürften künftige Anstiege über das natürliche Auftreten von Krebsfällen und vererbte Effekte hinaus schwierig festzustellen sein, selbst mit großen und gut angelegten, langfristigen epidemiologischen Studien.«


Heftigen Protest gegen diese Erklärung und Schlussfolgerung erhob eine Gruppe von belorussischen und ukrainischen Wissenschaftlern, die in Wien im Auftrag ihrer Regierungen über eigene umfangreiche und unabhängige Untersuchungen berichten sollten. Sie berichteten über ihre Ergebnisse, dass in Belarus und in der Ukraine ein deutlicher Anstieg der Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Störungen des Immunsystems zu verzeichnen sei.

 

Aussagen der IAEA zum Schilddrüsenkrebs

Die Untersuchungen zum Internationalen Tschernobyl-Projekt der IAEA dauerten von Januar 1990 bis Ende Februar 1991. Allein im Jahr 1990 lag in Belarus die Zahl der Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern mehr als 30-fach über dem 10-Jahres-Mittelwert vor Tschernobyl.

Wie durch spätere tatsächlich unabhängige Forschungen und die Recherchen der BBC bewiesen werden konnte, hatte die IAEA mit ihrer internationalen Expertenkommission zum Zeitpunkt des Kongresses und der Berichtlegung 1991 bereits alle wichtigen Fakten einschließlich des histopathologischen Nachweises für den bereits zig-fachen Anstieg des Schilddrüsenkrebses bei Kindern in Händen. Die Kernaussage im Bericht der IAEA "...(es gab) aber keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten" war damit eine Lüge und die gezielte Täuschung der Weltöffentlichkeit, getragen von den Mitgliedern der Expertenkommission der IAEA, den Experten der USA Prof. Mettler (Leiter der Medizinischen Expertengruppe des Internationalen Tschernobyl-Projekts) und Kollegen und den Experten der Europäischen Union, Japans etc.!

 

Die Satzung der IAEA

Die Satzung der IAEA zeigt, dass diese UNO-Organisation in Wirklichkeit eine Lobby-Organisation der Atomwirtschaft ist. Die wesentlichen Aufgaben und Ziele der IAEA sind in ihrer Satzung ausgewiesen. Dort steht: "Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) begann ihre Arbeit am 29. Juli 1957 als eine autonome Organisation zwischen den Regierungen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen.

Es ist ihre wichtigste Funktion, den Beitrag der Atomenergie für Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit zu beschleunigen und auszuweiten....Die IAEA berät und unterstützt in technischer Hinsicht die Mitgliedstaaten (112 im Jahre 1984) bei der Entwicklung der Kernkraft....sie fördert die Anwendung von Strahlung und von Isotopen in der Landwirtschaft, Industrie, Medizin, Biologie und Hydrologie..."

 

IAEA und UNSCEAR

Trotz des massiven Anstiegs von Schilddrüsenkrebs in Belarus nicht nur bei Kindern, sondern seit Jahren auch bei Jugendlichen und Erwachsenen verbreitete die IAEA am 13. Juni 2000 erneut weltweit eine die Tschernobyl-Folgen bagatellisierende Pressemitteilung und zitierte dabei die Aussagen des neuen Berichts von UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Komitee der UNO für die Effekte der Atomstrahlung.

UNSCEAR erklärt: »Medizinische Strahlenfolgen des Tschernobyl-Unfalls: Es gibt keinen Hinweis auf eine größere Auswirkung für die Gesundheit der Bevölkerung, die man 14 Jahre nach dem Unfall der Strahlenbelastung zuordnen könnte, abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern. . . . Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis auf Anstiege der Inzidenz oder Mortalität an Krebs allgemein oder an nicht bösartigen Gesundheitsstörungen, die mit Strahlenbelastung in Beziehung gebracht werden könnten.«

Diese Aussage des wissenschaftlichen UNO-Komitees ist nachweislich falsch. Denn sie leugnet z. B. den massiven Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle bei den Erwachsenen und die Anstiege bei den anderen Krebsarten. Die Behauptung »abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern«. . ist außerdem zynisch, denn »behandelbar und nicht tödlich« gilt auf Dauer nur dann, wenn der komplette westliche Behandlungsstandard für die betroffenen Menschen voll zur Verfügung steht. Dies ist aber in Belarus und den anderen beiden GUS-Staaten nicht der Fall.

 

Datensammeln, aber keine medizinische Hilfe!

Bis heute engagiert sich keine UNO, keine WHO, keine IAEA, keine EC, keine westliche Regierung in der kontinuierlichen Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Patienten mit Schilddrüsenkrebs in Belarus. Sie wird bisher zu einem erheblichen Teil durch das deutsche nicht staatliche Otto Hug Strahleninstitut - MHM gewährleistet. Allerdings bleiben inzwischen viele Patienten ohne qualifizierte Diagnostik und Behandlung, weil die Mittel nicht reichen.

 

Ursachen der Desinformationspolitik der UNSCEAR

Was mag der Grund für die falsche, die Tschernobyl-Folgen bagatellisierende Behauptung der UNO-Kommission UNSCEAR sein, welche die IAEA als pronukleare Lobby-Organisation der UNO im eigenen Interesse eilfertig und weltweit verbreitet? Eine Erklärung kann man finden, wenn man die Aufgabe und Zusammensetzung von UNSCEAR und die darin agierenden Personen betrachtet.

UNSCEAR wurde am 3. Dezember 1955 u. a. mit der Aufgabe gegründet, »in angemessener und nützlicher Form .... über beobachtete Pegel von ionisierender Strahlung und Radioaktivität in der Umwelt und .... über wissenschaftliche Ergebnisse zu den Effekten von ionisierender Strahlung auf den Menschen und die Umwelt« zu berichten.

Die Mitglieder von UNSCEAR werden nicht z. B. durch einen internationalen Fachkongress gewählt. Vielmehr setzt sich UNSCEAR aus Wissenschaftlern zusammen, welche die Regierungen von 21 Staaten bestimmen, die Atomwaffen besitzen bzw. an der Nutzung der Atomenergie starkes Interesse haben. Sie entsenden jeweils einen Wissenschaftler als Repräsentanten dieses Staates als Mitglied von UNSCEAR. Die Regierungen können weitere Wissenschaftler als Berater entsenden.

Damit wird für jedermann klar, dass in diesem Gremium nicht unabhängige Wissenschaftler und Fachleute entscheiden, sondern die weisungsgebundenen Abgesandten von Regierungen, die deren pronukleare Interessen vertreten. Und so wundert es nicht mehr, dass Prof. Mettler für die USA, Prof. Iljin für Russland und viele andere, die bereits 1991 beim Internationalen Tschernobyl-Projekt mit falschen Behauptungen die Weltöffentlichkeit getäuscht haben, weiterhin als Vertreter ihrer Staaten im UNSCEAR-Komitee sitzen und Tschernobyl-Folgen bagatellisieren.

An diesen Beispielen wird klar, wie nach außen hin unabhängig voneinander erscheinende Gremien der internationalen Politik in Wirklichkeit durch dieselben Personen gebildet und beraten werden. Die Weltöffentlichkeit wird in dem Irrglauben gehalten, die Feststellungen von IAEA und von UNSCEAR gingen auf die Untersuchungen verschiedener, von einander unabhängiger Experten zurück. Deswegen seien die Aussagen glaubwürdig. In Wirklichkeit handelt es sich um identische Personen, die zudem als abgesandte Repräsentanten von Regierungen klaren Vorgaben und Interessensbindungen unterliegen und diese in dem UNO-Komitee auch vertreten.

 

Die Internationale Strahlenschutzkommission ICRP

In Fragen nationaler Regelungen des Strahlenschutzes für die Bevölkerung und beruflich Belastete berufen sich die meisten Staatsregierungen auf die Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission ICRP.

Auch dieses Gremium wird nicht durch unabhängig gewählte Experten gebildet, sondern unterliegt dem direkten Einfluss pronuklear eingestellter Regierungen. Denn viele Mitglieder des UNSCEAR-Komitees sind gleichzeitig auch die Mitglieder der ICRP, wie Mettler, Iljin und andere. Deshalb ist es wiederum nicht verwunderlich, dass die Empfehlungen der ICRP den Wünschen der Atomwirtschaft in der Regel weit entgegenkommen.

 

Knebelvertrag mit der Weltgesundheitsorganisation WHO

Die Weltgesundheitsorganisation WHO war bisher in ihrer Berichterstattung über Tschernobyl-Folgen sehr zurückhaltend. Insbesondere hat sie den fortgesetzt unrichtigen Behauptungen der UN-Organisationen IAEA und UNSCEAR nicht widersprochen. Die Hintergründe sind nur wenigen bekannt.

Denn zwischen der Internationalen Atomenergieagentur IAEA und der Weltgesundheitsorganisation WHO besteht ein Vertrag über die Art des gegenseitigen Umgangs [Res. WHA 12/40 vom 28.05.1959].

Darin haben die IAEA und die WHO u. a. vereinbart:

Art. I.1: »... sie werden in enger Zusammenarbeit miteinander handeln und werden sich regelmäßig in Angelegenheiten des gemeinsamen Interesses konsultieren.«

Art. I.2: »... wird es von der WHO anerkannt, dass die IAEA vor allem die Aufgabe hat, Forschung, Entwicklung und praktische Anwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke weltweit zu ermutigen, zu fördern und zu koordinieren.«

Art. III.1: »Die IAEA und die WHO erkennen an, dass es notwendig sein kann, gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen, die sie erhielten, anzuwenden.«

Dadurch kann die IAEA verlangen und darauf vertrauen, dass Forschungsergebnisse z. B. zu den tatsächlichen Gesundheitsfolgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die für die Interessen und Ziele der IAEA nachteilig sind, den Status der Vertraulichkeit erhalten und deshalb von der WHO, trotz detaillierter Kenntnis, der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden dürfen.

 

Von Edmund Lengfelder & Christine Frenzel

 

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