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Atommüll

Neue Verordnungen zur Endlagersuche

17.09.2019 Mit zwei Verordnungen treibt der Bund die Standortsuche für ein atomares Endlager weiter voran. Die erste Verordnung legt die „Sicherheitsanforderungen“ an ein „Endlager“ fest. Die zweite regelt die Anforderungen an die nötigen Sicherheitsuntersuchungen. Die Verordnungen dienen als Grundlage für die Bewertung möglicher Endlager-Standorte. Die Sicherheitsanforderungen wurden gegenüber den aus dem Jahr 1983 deutlich verschärft. Das Ziel ist ein passiver, wartungsfreier Einschluss des Atommülls.

 

Aktuelle Sicherheitsanforderungen

Nach den aktuellen Sicherheitsanforderungen muss für eine Million Jahre gezeigt werden, dass allenfalls sehr geringe Schadstoffmengen aus dem Endlager freigesetzt werden können. Hierzu muss die Integrität des „einschlusswirksamen Gebirgsbereichs“ nachgewiesen und das vom Endlager ausgehende Risiko bewertet und dargestellt werden.

Die Sicherheit des Endlagers muss von der Planung bis zum Verschluss des Endlagers einem kontinuierlichen Optimierungsprozess mit periodischen Sicherheitsüberprüfungen unterworfen werden.

Gefordert ist ferner ein „Mehrbarrierensystem“, das den im kerntechnischen Bereich üblichen Prinzipien der Redundanz (doppelte Sicherheitssysteme) und Diversität (unabhängige Wirkmechanismen) folgt.

So lange Atommüll eingelagert wird, also während der sogenannten Betriebszeit des Endlagers, muss die „Rückholbarkeit“ der radioaktiven Abfälle möglich sein. Im Notfall müssen die Behälter auch 500 Jahre nach Verschluss des Endlagers noch geborgen werden können.

 

„Hypothetische Entwicklungen des Endlagersystems“

Zu beschreiben sind inzwischen nicht nur die für „möglich“ gehaltenen Entwicklungen des Endlagersystems und der geologischen Situation am Standort, sondern darüber hinaus auch „hypothetische“. Dies soll der „weiteren Optimierung“ bzw. der „Überprüfung der Robustheit des Endlagersystems“ dienen.

Hypothetische Entwicklungen sind Entwicklungen, die selbst unter ungünstigen Annahmen nach menschlichem Ermessen eigentlich auszuschließen sind.

Als hypothetische Entwicklungen gelten darüber hinaus auch Entwicklungen, die durch zukünftige menschliche Aktivitäten, insbesondere durch unbeabsichtigtes menschliches Eindringen in das Endlager, ausgelöst werden können und die für die Sicherheit des Endlagersystems relevant werden können.

 

Passiver, wartungsfreier Einschluss

Die einzulagernden radioaktiven Abfälle sind im Endlagersystem mit dem Ziel zu konzentrieren und sicher einzuschließen, die darin enthaltenen Radionuklide mindestens im Nachweiszeitraum von der Biosphäre fernzuhalten.

Das vorgesehene Endlagersystem hat den sicheren Einschluss der radioaktiven Abfälle passiv und wartungsfrei durch ein robustes, gestaffeltes System verschiedener Barrieren mit unterschiedlichen Sicherheitsfunktionen zu gewährleisten.

Die wesentlichen Barrieren beim sicheren Einschluss der radioaktiven Abfälle im Wirtsgestein Salz bzw. Ton sind ein oder mehrere „einschlusswirksame Gebirgsbereiche“ im Zusammenwirken mit den zur Abdichtung erforderlichen technischen und geotechnischen Verschlüssen.

Bei einem Standort im Kristallingestein (Granit) kann möglicherweise kein einschlusswirksamer Gebirgsbereich ausgewiesen werden. In diesem Fall müsste man sich auf „technische und geotechnische Barrieren“ in einer für deren Funktion geeigneten geologischen Umgebung stützen.

 

„Sicherer Einschluss“

Der „sichere Einschluss“ muss laut der Verordnung über die Sicherheitsanforderungen „innerhalb der wesentlichen Barrieren so erfolgen, dass die Radionuklide aus den radioaktiven Abfällen weitestgehend am Ort ihrer ursprünglichen Einlagerung verbleiben.

Für zu erwartende Entwicklungen ist nachzuweisen, dass im Nachweiszeitraum insgesamt höchstens ein Anteil von 10-4 und jährlich höchstens ein Anteil von 10-9 der Masse der eingelagerten Radionuklide einschließlich ihrer Zerfallsprodukte aus dem Bereich der wesentlichen Barrieren ausgetragen wird.

Der Zahlenwert von 10-4 für den maximal zulässigen Anteil der Masse der Radionuklide, der über den gesamten Nachweiszeitraum ausgetragen werden darf, war beruht ursprünglich auf einem Vorschlag der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Der Wert wurde abgeleitet aus dem Einschluss- und Rückhaltevermögen eines hypothetischen einschlusswirksamen Gebirgsbereiches im Wirtsgestein Tongestein mit einer Mächtigkeit von 100 m.

 

Das zu erreichende Schutzniveau

Für ein Endlager ist ferner „nachzuweisen“, dass Expositionen auf Grund von Austragungen von Radionukliden aus den eingelagerten radioaktiven Abfällen „geringfügig im Vergleich zur natürlichen Strahlenexposition“ sind. Das bedeutet: Für die zu erwartenden Entwicklungen darf die abgeschätzte zusätzliche effektive Dosis für Einzelpersonen der Bevölkerung nur im Bereich von 10 Mikrosievert pro Kalenderjahr liegen.
Damit ist das durch ein Endlager zu erreichende Schutzniveau definiert, heißt es in der Begründung des Verordnungs-Entwurfs.

Die 10 Mikrosievert in dieser Verordnung entspricht dem Dosiskriterium für die Freigabe radioaktiver Stoffe nach § 31 Absatz 2 der Strahlenschutzverordnung und damit für die Entlassung aus der atomrechtlichen Überwachung. Die Wahl dieses Wertes ergebe sich aus der Tatsache, dass ein Endlager nach seinem Verschluss aus der atomrechtlichen Überwachung zu entlassen ist, „um unzumutbare Lasten für nachfolgende Generationen zu vermeiden“.

Die zulässige jährliche Dosis von 10 Mikrosievert könne „im Vergleich zur natürlichen Strahlenbelastung, die in Deutschland durchschnittlich ca. 2 100 Mikrosievert pro Kalenderjahr beträgt, abhängig vom Wohnort und der individuellen Ernährungs- und Lebensweise jedoch von 1000 Mikrosievert bis 10.000 Mikrosievert pro Kalenderjahr reicht, als geringfügig angesehen werden“, heißt es in der Begründung des Referentenentwurfs unter Verweis auf das Bundesamt für Strahlenschutz.

 

Option: Schneller Endlager-Verschluss

Für die Einlagerung der radioaktiven Abfälle („Betriebsphase“ des Endlagers) wird ein Zeitbedarf von rund 40 Jahren angenommen.

Nach der neuen Verordnung ist die Möglichkeit vorzusehen, das Endlager jederzeit kurzfristig zu verschließen: „Während des Betriebes muss gewährleistet sein, dass jederzeit unverzüglich die personellen, finanziellen und technischen Voraussetzungen für eine eventuell notwendige Teilumsetzung des Stilllegungskonzeptes geschaffen werden können, die das Endlager in einen passiv sicheren Zustand versetzt.“

 

Monitoring

Das Endlager und seine Umgebung sind im Rahmen eines Monitorings kontinuierlich zu überwachen. Das Monitoring hat insbesondere solche beobachtbaren Parameter zu überwachen, die frühzeitig auf Abweichungen von den zu erwartenden Entwicklungen des Endlagersystems hindeuten können.
Die zu überwachenden Parameter sind erst nach Vorliegen der Ergebnisse der vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen festzulegen. Dabei dürfen die Maßnahmen des Monitorings die Sicherheit des Endlagers zu keinem Zeitpunkt erheblich beeinträchtigen.

 

Endlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen am selben Standort

Im Falle einer Endlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen am selben Standort darf die Robustheit des Endlagersystems für die hochradioaktiven Abfälle nicht erheblich beeinträchtigt werden. Zudem dürfen sich mögliche Austragungen von Radionukliden aus den hochradioaktiven Ab-fällen nicht erheblich erhöhen.

Für die Endlagerung der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle ist an diesem Standort ein separates Endlagerbergwerk aufzufahren. Zwischen der technischen Infrastruktur dieses Endlagerbergwerkes und der technischen Infrastruktur des Endlagerberg-werkes für hochradioaktive Abfälle dürfen keine wesentlichen wechselseitigen Abhängigkeiten oder nachteiligen Beeinflussungen bestehen.

Von Henrik Paulitz

 

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