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Gesundheitsgefahr atomares Erbe

Atommülllager Gorleben, By Siegfried Wessler (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
14.09.2017

Wir sehen uns als Gesellschaft derzeit mit der großen Herausforderung konfrontiert, verantwortungsvoll mit den Hinterlassenschaften des dämmernden atomaren Zeitalters zu verfahren. Die atomaren Wüsten, die der Uranbergbau hinterlassen hat, mögen dank massiver Dekontaminations- und Renaturierungsmaßnahmen oberflächlich beseitigt sein, die Uranminen zum Teil verfüllt oder geflutet und die ersten Atomreaktoren werden langsam „zurück gebaut“, aber das wahre Ausmaß des radioaktiven Erbes wird uns gerade erst bewusst. Mehr als 70 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters wird zum ersten Mal ernsthaft darüber gesprochen, wie mit dem atomaren Müll umzugehen ist. Die Atomkonzerne haben sich mit der Thematik längst befasst und die Verantwortung für die Versorgung den von ihnen jahrzehntelang produzierten Atommüll auf die Allgemeinheit und die Steuerzahler abgewälzt.

In diesem Artikel soll auf die spezifischen Probleme und Eigenheiten der unterschiedlichen Arten von Atommüll eingegangen werden und abschließend besprochen werden, weshalb Atommüll für Ärztinnen und Ärzte ein relevantes Thema ist. Grob gesagt wird zwischen hoch-, mittel-, schwach- und gering aktiven Atommüll unterschieden:

 

Hoch-aktiver Atommüll

Mehr als 10.000 Tonnen hoch radioaktive und stark Hitze entwickelnde Brennelemente werden sich Schätzungen zu Folge bis 2022 allein in Deutschland angehäuft haben. Zusammen mit dem hoch radioaktiven Abfall aus der Wiederaufbereitung stellt dieser Atommüll den gefährlichsten Teil des atomaren Erbes dar. Er muss aufgrund der langen Halbwertszeiten, der hohen Wärmeentwicklung und der starken Strahlung von Stoffen wir Plutonium für Hunderttausende von Jahren sicher von Mensch und Umwelt fern gehalten werden. Plutonium-239 hat eine Halbwertszeit von mehr als 24.000 Jahren.

Zugleich muss aufgrund der Proliferationsgefahr, die von diesem prinzipiell waffenfähigem Spaltmaterial ausgeht, auch sicher gestellt werden, dass der Zugriff dauerhaft so gut wie möglich verhindert wird. Während in den ersten Jahrhunderten der Anteil von nicht waffenfähigem Plutonium (Pu-238, Pu-240, Pu-241) in den Abfällen noch so hoch ist, dass eine Nutzung für militärische Zwecke nicht praktikabel ist, steigt durch die unterschiedlichen Halbwertszeiten nach einigen Jahrhunderten der Anteil von waffenfähigem Pu-239 proportional an, so dass sich die Gefahr der Proliferation im Laufe der Zeit sogar erhöht.

Der allgemeine Konsens bezüglich dieses hoch-aktiven Atommülls ist daher, ihn in tiefengeologischen Formationen dauerhaft zu lagern und ihn so dem menschlichen Zugriff zu entziehen und gleichzeitig so sicher wie möglich eine Kontamination der Umwelt zu vermeiden.

Die Probleme der Vorhersehbarkeit geologischer Entwicklungen über Zeiträume, die unsere menschliche Zivilisation um Hunderttausende von Jahren überschreiten sind allerdings auch durch modernste geologische Messmethoden nicht gänzlich auszuräumen und die Suche eines, nach aktuellem Stand der Wissenschaft, am ehesten geeigneten Wirtsgestein und einer entsprechenden Lagerungsstelle wird unsere Gesellschaft noch lange beschäftigen. Die Prognose der Bundesregierung, die Suche nach einem dauerhaften Lager (hoffnungsvoll oft auch als „Endlager“ bezeichnet) in 14-15 Jahren abschließen zu können erscheint aufgrund der entmutigenden internationalen Erfahrungen allzu optimistisch wenn nicht sogar unrealistisch: 72 Jahre nach Beginn des atomaren Zeitalters gibt es weltweit noch keine vernünftige Lösung für die dauerhafte Lagerung von hoch-aktivem Atommüll.

Auch die Frage der Rückholbarkeit, bzw. der Bergbarkeit des Atommülls im Fall unvorhergesehenen geologischer Verschiebungen oder Lecks erscheint aufgrund der bitteren Erfahrungen aus dem katastrophal havarierten Atommülllager Asse weiterhin diskussionswürdig. Die IPPNW vertritt hier die Position, dass die Rückholbarkeit nur innerhalb eines definierten Zeitraums eingeplant werden sollte, vor allem um das Proliferationsrisiko zu minimieren.

Der Status quo, da ist sich die Fachwelt relativ einig, muss so schnell wie möglich beendet werden: oberflächennahe Zwischenlager stellen nicht nur gegenüber Naturkatastrophen wie Überflutungen, Erdbeben oder schweren Stürmen einen unzureichenden Schutz  dar, auch im Fall eines Krieges, eines konventionellen Terrorangriffs, einer Cyberattacke oder von menschlichem Versagen ist das Risiko zu hoch, dass radioaktives Material in die Umwelt gelangen und das Leben und die Gesundheit von Millionen von Menschen beeinträchtigen kann.

 

Schwach- bis mittel-aktiver Atommüll

Mehr als 300.000 Kubikmeter schwach-bis mittel-aktiver Atommüll wurden ursprünglich von Seiten der Atomindustrie vorausgesagt. Hierbei handelt es sich um Teile des Reaktorkerns und Ionenaustauschharze, die in der Aufbereitung von Reaktorwasser genutzt werden (mittel-aktiver Atommüll) und um zahlreiche kontaminierte und durch Neutronenbeschuss selbst radioaktiv gewordene Materialien aus dem Reaktorgebäude – von Röhren, Filtern und Schläuchen bis hin zu Planen, Schuhhüllen, Sicherheitskleidung, Waschlappen, Gerätschaften und Werkzeug (schwach aktiver Atommüll).

Auch wenn sich diese Materialien, anders als der hoch-aktive Atommüll, nicht durch massive Wärmeentwicklung auszeichnen, benötigen sie ebenfalls aufwendige Maßnahmen der Abschirmung und der langfristigen Lagerung. Auch hier spricht man von Hunderttausenden von Jahren an sicherer Lagerung, wenn ernsthaft verhindert werden soll, dass radioaktive Materialien Mensch und Umwelt gefährlich werden. Anders als für den hoch-aktiven Atommüll gibt es für den schwach- bis mittel-aktiven Atommüll in Deutschland mittlerweile eine genehmigte tiefengeologische Lagerstätte: Schacht Konrad, ein ausgedientes Eisenerzbergwerk nahe Salzgitter, das unter einer relativ dichten Tongesteinsschicht liegt, welches den Übertritt von Radioaktivität ins Grundwasser zumindest für mehrere Zehntausende Jahre unwahrscheinlich macht.

Es gibt allerdings zwei große Probleme. Erstens: die Tonschicht überdeckt nicht die Gesamtheit der Erzader, so dass eine Diffusion und ein Austreten von Radioaktivität ins oberflächennahe Grundwasser nicht ausgeschlossen werden kann.

Zweitens: Die Bundesregierung hat auf Betreiben der Anti-Atom-Bewegung mittlerweile noch einmal nachgerechnet und kommt, zusammen mit dem Abfall aus der Urananreicherungsanlage in Gronau, der Brennelementfabrik in Lingen und dem zu bergenden Atommüll aus dem havarierten Salzbergwerk Asse auf über 600.000 Kubikmeter schwach- und mittel-aktiven Atommüll.

Die Verfrachtung von radioaktivem Müll in Schacht Konrad hat noch gar nicht begonnen, schon ist deutlich: das Lager wird nur die Hälfte der anfallenden Müllmengen beherbergen können. Für den Rest soll nun ein weiteres Lager gesucht werden – mit all den Problemen und Herausforderungen, die in der Suche nach einem Lager für hoch-aktiven Atommüll eine Rolle spielen.

Auch wenn das Proliferationsrisiko im Fall der schwach- bis mittel-aktiven Abfälle keine so ausgeprägte Rolle spielt, ist die derzeitige Situation dennoch unhaltbar, denn auch diese Abfälle könnten im Fall einer Naturkatastrophe, eines Unfalls oder eines bewussten Angriffs auf die überirdischen Zwischenlager, zu einer akute Gefährdung der Bevölkerung führen. Eine Explosion in einem Zwischenlager wäre die ultimative „Dreckige Bombe“.

 

Gering aktiver Atommüll

Selbst nachdem alle Bestandteile des Reaktorkerns und alle schwach- bis mittel-aktiven Materialien aus einem Atomkraftwerk entfernt wurden, bleiben pro Atomkraftwerk mehr als Hunderttausend Tonnen gering radioaktiv kontaminierte Baustoffe übrig: Zementmasse, Metallgehäuse, Stahlträger, Armaturen, Bodenbeläge, Kunststoffteile. Wie mit diesen Materialien umzugehen ist wird derzeit besonders kontrovers diskutiert.

Gering aktiver Atommüll müsste eigentlich dauerhaft auf speziellen Deponien sicher von Mensch und Umwelt gelagert werden. Zwar sind hier keine besonderen Abschirmungsmaßnahmen notwendig wie bei schwach-, mittel- oder hoch-aktivem Atommüll, aber ein Kontakt zu Grundwasser, Luft oder Witterung sollte im Sinne des allgemeinen Strahlenschutzes unbedingt vermieden werden. Denn auch geringe Dosen an ionisierender Strahlung können nachweislich gesundheitliche Folgen haben, wie zahlreiche epidemiologische Studien mittlerweile überzeugend gezeigt haben. Das Risiko für Fehlbildungen, Mutationen und strahlenbedingten Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislaufkrankheiten ist schon durch geringe zusätzliche Strahlendosen messbar erhöht. Dies betrifft vor allem die strahlenbiologisch empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft – Kinder, Säuglinge, das ungeborene Leben und Menschen mit geschwächten Abwehrmechanismen.

Doch ein Großteil des gering aktiven Atommülls soll nach dem Willen von Politik und  Atomindustrie gar nicht erst auf solchen speziellen Deponien landen, sondern durch die sogenannte „Freimessung“ aus dem rigiden Geltungsbereich des Strahlenschutzes und der Atomgesetzgebung entlassen und in die allgemein Wertstoffverwertung und Müllentsorgung überführt werden – eine finanziell deutlich günstigere Alternative für die Betreiber. Die Praxis des „Freimessens“ beschreibt den Einsatz von willkürlich festgelegten Grenzwerten zur  Unterscheidung von strahlenden Materialien, die gemäß Atomgesetzgebung auf speziellen Deponien „entsorgt“ werden müssen und strahlenden Materialien, die ohne weitere Kontrollen oder der Möglichkeit der Nachverfolgung aus dem Geltungsbereich der Atomgesetzgebung entlassen werden können. So könnten sich relevante Mengen radioaktiv kontaminierter Materialien plötzlich auf gewöhnlichen Mülldeponien wiederfinden, wo sie in einigen Jahrzehnten das Grundwasser kontaminieren könnten. Sie könnten durch die Wiederverwertung von Wertstoffen aber auch in Haushaltsgeräten, Heizkörpern, Zahnspangen oder Kochgeschirr landen. Umweltschützer, Wissenschaftler und Mediziner warnen daher vor den Gefahren des „Freimessens“ und der unkontrollierten Freigabe dieser strahlenden Materialien.

Um die anfallenden Abfälle „freizumessen“ bedarf es zudem aufwendigen Maßnahmen, wie dem Zuschneiden, Zerteilen oder Abspalten von kontaminierten Stoffen, welche nicht nur eine gesundheitliche Gefährdung des eingesetzten Personals darstellen, sondern auch dazu führen, dass zusätzliche Materialien wie Geräte, Werkzeug, Wasser oder Chemikalien in das stillgelegte Kraftwerk eingebracht werden müssen, die wiederum selber zu kontaminierten Abfällen werden.

Statt stillgelegte Atomkraftwerke mühsam unter hohem Materialaufwand und Risiko in Einzelteile zu zerlegen und diese dann an anderer Stelle zu lagern oder sogar auf Haushaltsdeponien zu entsorgen oder zu recyclen, könnte man statt dessen nach Entkernung des Kraftwerks (Entfernung aller hoch- mittel- und schwach radioaktiver Materialien) die Gebäude dem „sicheren Einschluss“ entsprechend bautechnisch verschließen,  versiegelt und stehen lassen. Der Traum des Rückbaus bis zur „grünen Wiese“ wäre damit aufgegeben, aber die gefährliche Zerlegung des Kraftwerks verhindert. Alle kontaminierten Materialien könnten an Ort und Stelle verbleiben und müssten weder aufwändig in speziellen Deponien gelagert noch „freigemessen“ werden. Die Atomkraftwerke würden stattdessen auf unabsehbare Zeit als Mahnmale an das Atomzeitalter und die menschlichen Hybris stehen bleiben.

 

Atommüll – ein Thema auch und besonders für Mediziner

Im August organisierte die IPPNW gemeinsam mit dem Atommüllreport und anderen Organisationen eine Sommerakademie für junge WissenschaftlerInnen und MedizinerInnen mit dem Titel „Atomares Erbe – Herausforderungen für die nächste Generation“. Das Thema wurde durch ausgewiesene ExpertInnen aus medizinischer, physikalischer, geologischer, juristischer, ethischer, ökonomischer und politischer Sicht betrachtet und so die Grundlagen für eine intensivere Befassung gelegt. Im Rahmen dieser Akademie wurden auch die Gründe dargelegt, weshalb sich gerade Mediziner mit der Thematik befassen sollten.

Die IPPNW führte vergangenes Jahr zusätzlich das bundesweit erste Seminar zum Thema Freimessen durch und gab ein Gutachten in Auftrag, welches sicherere Alternativen zu denn´bisherigen Rückbauoptionen prüfte. Auf dem Deutschen Ärztetag 2017 in Freiburg wurde, auf Initiative der IPPNW, von den TeilnehmerInnen ein Beschluss gefasst, der von der Bundesregierung fordert, sich zur Minimierung der gesundheitlichen Risiken für die Bevölkerung für eine Verwahrung des gering strahlenden Mülls auf den Kraftwerksgeländen einzusetzen.

Das Proliferationsrisiko des hoch-aktiven Atommülls und die darin bestehende Verknüpfung des Atommüllproblems mit den katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen stellt insbesondere für die IPPNW eine wichtige Motivation dar, sich mit Atommüll auseinander zu setzen. Ein weiterer Grund ist die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit durch den rücksichtslosen Uranbergbau, der sich heute noch auf Länder wie Kanada, Kasachstan oder Australien konzentriert, aber zunehmend in ärmere Staaten wie Niger, Tansania oder Indien abwandert. Hinzu kommt die Tatsache, dass in den kommenden Jahrzehnten Hunderte von Atomkraftwerke weltweit stillgelegt und abgerissen werden müssen – mit den oben aufgeführten Folgen für die öffentliche Gesundheit durch die langjährige oberflächennahe Zwischenlagerung von Atommüll und die unkontrollierte Freigabe von radioaktiv kontaminiertem Müll durch die Praxis des „Freimessens“. Abschließend stellt die Gefährdung durch freiwerdenden Atommüll aus unterirdischen Lagerstätten eine Herausforderung für zukünftige Generationen dar – also für Menschen, die die Kosten und Risiken einer Industrie tragen müssen, deren kurzfristigen Nutzen sie nie erleben werden.

Die IPPNW Deutschland wird sich aus diesen Gründen in den kommenden Jahren weiter mit der Thematik befassen und in Kooperation mit Partnerorganisationen in Deutschland und weltweit Empfehlungen, Analysen und Einschätzungen erstellen, um den öffentlichen Diskurs im Sinne eines möglichst verantwortungsvollen Umgangs mit dem strahlenden Erbe des Atomzeitalters zu beeinflussen. Die zentralen Forderungen der IPPNW sind hierbei der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie, um keinen weiteren Müll zu generieren, die Begrenzung der Rückholbarkeit auf einen definierten Zeitraum, um das Proliferationsrisiko zu minimieren und das Verbot des Freimessens und der Freigabe von radioaktiv kontaminiertem Müll zum Schutz der Bevölkerung und der Umwelt.

von Dr. med Alex Rosen, Vorsitzender der IPPNW Deutschland

 

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Foto: Atommülllager Gorleben, By Siegfried Wessler (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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