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Die bisherigen Träger der Clara-Immerwahr-Auszeichnung
Clara-Immerwahr-Auszeichnung
September 1991
Heinz Friedrich
hat sich als Diplomingenieur und Leiter der Abteilung Flugsimulation bei der Firma Dornier in Friedrichshafen innerhalb seiner Firma, als aktiver Christ innerhalb der Kirche sowie öffentlich entschieden und beständig gegen die Produktion von Rüstungsgütern gewandt. Selbst u.a. mit dem "Jäger 90" beschäftigt, wurde er auf Druck der Rüstungslobby und nach Intervention des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) bei der Firmenleitung 1989 innerbetrieblich zurückgestuft und abgeschoben. Seit 1995 ist Friedrich aufgrund des Personalabbaus bei der DASA im Vorruhestand. Ab 1997 arbeitete er für drei Jahre in Nepal. Seine Aufgabe in der "United Mission to Nepal" war der Aufbau einer Mitarbeitervertretung für die 1100 nepalischen Beschäftigten der weitverzweigten Entwicklungshilfeorganisation. Seit Dezember 2000 ist Heinz Friedrich zurück in Deutschland, arbeitet wieder engagiert in seiner Kirche und am übergreifenden Thema "Ethik in der Wirtschaft".
Juni 1992
Helmuth Prieß
ist Sprecher des Arbeitskreises "Darmstädter Signal", einer Gruppe kritischer Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr. Zusammen mit 20 anderen Mitgliedern verteidigte er die Meinungsfreiheit, indem er in einer Presseerklärung ein vom Verteidigungsminister und von höchstrangigen Militärs scharf attackiertes Gerichtsurteil öffentlich begrüßte. Dieses sah die Aussage "Alle Soldaten sind potentielle Mörder" vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Die Presseerklärung stimmte der strittigen Aussage vor dem Hintergrund des möglichen Einsatzes von Atomwaffen ausdrücklich zu. Deswegen wurden alle Unterzeichner disziplinarrechtlich verfolgt. Prieß wurde um zwei Stufen, vom Major zum Oberleutnant, degradiert. Dennoch nimmt er weiterhin Stellung gegen Massenvernichtungsmittel und weltweite Kampfeinsätze der Bundeswehr. Letztinstanzlich wurde er 1992 vom Bundesverwaltungsgericht rehabilitiert und im Januar 1993 zum Oberstleutnant befördert. Seit Ende 1993 pensioniert, leistet Prieß weiter kritische Beiträge zur Friedenspolitik und tritt als Kommunalpolitiker in seiner Heimatgemeinde Swisttal für mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein.
September 1994
Roland Schlosser
hat als Polizeihauptkommissar und Leiter der Schutzpolizei in Landau/Pfalz im Juni 1993 einen angolanischen Asylbewerber aus unzumutbaren Bedingungen (Ausnüchterungszelle) einer Abschiebehaft entlassen. Eine andere Haftunterbringung stand nicht zur Verfügung, und der Haftbefehl war von Voraussetzungen ausgegangen, die den Tatsachen nicht entsprachen. Schlosser ist damit seinem Gewissen, der Menschlichkeit und dem höchsten Artikel des Grundgesetzes gefolgt und hat sich dagegen verwahrt, bei ausländischen Flüchtlingen vom Maßstab der Menschenwürde abzuweichen. Dafür wurde er in seiner dienstlichen Beurteilung herabgesetzt, wegen "Gefangenenbefreiung" zu einer Geldstrafe von DM 2000,- verurteilt, und er wurde disziplinarrechtlich belangt. Berufungs- und Revisionsinstanz haben die Bestrafung in eine Verwarnung mit Auflage gemildert, aber nicht aufgehoben. Schlossers Verfassungsbeschwerde wurde nicht zur Entscheidung angenommen. Die letzte juristische Instanz, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, gab Schlossers Beschwerde nicht statt. In der Begründung zu der Ende 2000 getroffenen Entscheidung heißt es: Der Gerichtshof "verkennt nicht, daß die Unterbringung des Asylbewerbers absolut unbefriedigend war...". Sie habe "gerade noch" Art.3 der Menschenrechtskonvention entsprochen "...und zwar deshalb, weil die Zeit der Unterbringung nicht überlang war, weil es für den Asylbewerber möglich war, Freunde zu empfangen, und er permanenten Kontakt mit den ihn bewachenden Polizeibeamten halten konnte". Die Freunde zu benachrichtigen und sie zu Besuchen anzuregen, die Beamten zum Kontakt mit dem Gefangenen anzuhalten, und dass die Unterbringung nicht überlang wurde, dafür hatte kein anderer gesorgt als Roland Schlosser.
September 1996
Michael Bouteiller
hat sich als Bürgermeister der Hansestadt Lübeck (1988 bis 2000) mutig und unbürokratisch für die Hinterbliebenen der in der Brandnacht vom 18.Januar 1996 in der Lübecker Hafenstraße umgekommenen Flüchtlinge eingesetzt. Er zeigte Respekt vor der Trauer der Angehörigen, wahrte die Würde der Toten und baute eine Brücke neuen Vertrauens. Dafür wurde er -namentlich in der örtlichen Presse- diffamiert. Und das Innenministerium in Kiel setzte eine Disziplinarstrafe gegen ihn fest, weil er Angehörigen Reisedokumente ausgestellt hatte, damit sie ohne Nachteile an den Bestattungen in den Heimatländern teilnehmen konnten. Nicht nur für die Bürger Lübecks hat Bouteiller dem wiederauflebenden Bild vom "hässlichen Deutschen" seine Haltung entgegengesetzt. Menschlichkeit und friedliches Zusammenleben im Auge behaltend, ist er seiner Überzeugung und seinem Gewissen gefolgt und hat die Kompetenz seines Amts eigentlich unspektakulär, aber beispielhaft wahrgenommen. Er hat damit die moralische Dimension deutlich gemacht, die politische Verantwortung von bürokratischer Gesetzesexekution unterscheidet. Nach Ablauf seiner Amtszeit ist er in seinen Beruf, Rechtsanwalt, zurückgekehrt.
März 2001
Dr. Heinz Loquai
hat als Brigadegeneral a.D. der Öffentlichkeit mit seiner Studie "Der Kosovo-Konflikt, Wege in einen vermeidbaren Krieg"* eine verständliche Informationsgrundlage für die kritische Auseinandersetzung über den Kosovo-Krieg gegeben. Diese Auseinandersetzung war überfällig, zumal nach den vorgetragenen Tatsachen friedliche Lösungen näher lagen als der Krieg, den die beteiligten Regierungen und die NATO als zwingend darstellten. Die Möglichkeiten zur friedlichen Konfliktlösung wurden nicht konsequent verfolgt. Für eine Sicherheitspolitik, die nicht kurzatmig auf militärische Mittel setzt, sondern über professionelles Personal für zivile Konfliktlösung verfügt, macht Loquai zukunftweisende Vorschläge. Ohne seine sachliche und konstruktive Kritik anzunehmen, haben insbesondere Verteidigungsminister Scharping und Außenminister Fischer ihn öffentlich diffamiert. Aus der Presse und aus der Bundeswehr erhielt Loquai ein geteiltes Echo: Anerkennung und Zustimmung einerseits, andererseits Ablehnung und zum Teil persönlich verletzende Angriffe. Das Verteidigungsministerium hat nach Erscheinen des Buchs Loquais weitere Tätigkeit bei der OSZE in Wien unterbunden. Der Kosovo-Krieg hat mehrere Tausend Menschenleben gekostet und schwerste materielle Schäden angerichtet. Sein erklärtes Ziel, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, hat er vollkommen verfehlt. Dieser Krieg wurde möglich, weil schon im Vorfeld Mutmaßungen und opportunistische Erwägungen an die Stelle kritischer Tatsachenbeurteilung traten. Es ist Loquais Verdienst, die bisher ausgebliebene, dringend gebotene öffentliche Diskussion darüber voranzutreiben.
Juni 2002
Christa Lörcher
hat als einzige der 294 SPD-Abgeordneten am 16. November 2001 gegen den Einsatz von 3900 deutschen Soldaten zur Unterstützung der USA im sogenannten Kampf gegen den Terror gestimmt - obwohl sie damit gleichzeitig gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Regierungsarbeit der SPD stimmen musste. Schröder hatte die Zustimmung zum Militäreinsatz mit der Vertrauensfrage verknüpft und damit viele Abgeordnete in einen Konflikt gestürzt. Allein Christa Lörcher blieb ihrer pazifistischen Grundhaltung treu und beharrte darauf, dass Abgeordnete des Deutschen Bundestages bei so entscheidenden Fragen wie Krieg und Frieden allein ihrem Gewissen verpflichtet seien. Damit leistete sie eine engagierten und mutigen Beitrag für eine glaubwürdige, unabhängige Demokratie. Christa Lörcher hatte den Mut, sich dem politischen Machtkalkül und dem Fraktionszwang zu entziehen und nach bestem Wissen und Gewissen Nein zum Krieg zu sagen. Zu einem Krieg, der im Falle Afghanistan mehrere Tausend Menschenleben kostete. Zu einem Krieg, von dem wir nicht wissen, welcher Länder er noch treffen und wann er zu Ende sein wird. Sie handelte vorbildlich verantwortlich.






