Aus dem IPPNW-Forum 81/82

Eignen wir uns unsere Zukunft wieder an!

G8-Gegengipfel in Genf und Annemasse

Beim Ereignis rund um den Genfer See lieferten die Akteure kräftige Bild-Kontraste: die einen untergebracht in den Nobelhotels von Lausanne, Evian und Genf, abgeschirmt von Tausenden von Polizisten aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland; die anderen, meist der jüngeren Generation angehörend, hatten ihre Zelte z.B. im "intergalaktischen Dorf" aufgeschlagen, einer großen Wiese nahe dem französischen Annemasse, unweit der Schweizer Grenze, und übten sich dort in Basisdemokratie und ressourcensparender Lebensweise.

ATTAC hatte nicht nur großen Anteil an der Organisation dieses Dorfs, sondern war in Genf auch Veranstalter einer sehr gehaltvollen Konferenz zu den Inhalten des G8-Gipfels. Thema war der umfassende Krieg, den die vortragenden Sozialwissenschaftler auf verschiedenen Feldern beschrieben: für den unmittelbar militärischen Bereich analysierte der italienische Politologe Bellofiore, es sei von den US-Regierungstrategen ein permanenter Feldzug für einen Zeitraum von 20-30 Jahren programmiert. Jean Ziegler, Schweizer Soziologe und Menschenrechtsbeauftragter bei der UN-Ernährungsorganisation FAO, konstatierte auf dem Gebiet der Ressourcenverteilung ein noch tödlicheres Verhältnis: jeden Tag, so die Erhebungen der FAO, sterben etwa 100.000 Menschen weltweit an den unmittelbaren und mittelbaren Folgen von Hunger und Unterernährung, während es doch der heutige Stand der Nahrungsmittelerzeugung erlauben würde, bis zu 12 Milliarden Menschen, also die doppelte Zahl der heutigen Weltbevölkerung, mit 2700 kcal täglich ausreichend zu versorgen. Als weiteres Beispiel für den globalen "sozialen Krieg" analysierte Eric Toussaint (Belgien) die Schuldenfalle der 3.Welt-Länder, die schon lange zu einem Netto-Finanz-Transfer aus dem ausgepowerten Süden in die Kapital-Metropolen des Nordens geführt hat, häufig unter tatkräftiger und für sie profitabler Mitwirkung der Macht-Eliten der Schuldner-Länder.

Einleuchtende Schlußfolgerung aus den fundiert belegten Darstellungen war, das der letzte Garant dieser zutiefst ungerechten, ja inhumanen Weltordnung das hochgerüstete westliche Militär ist.

Aber nicht nur die Analyse, sondern auch die Aktionsberatung fand in Genf Raum. Aktive der europäischen und US-amerikanischen Bewegung gegen den Krieg trafen sich, und verabredeten 4 Schwerpunkte der aktuellen Arbeit:
1. Verbreitung der Ergebnisse der Konferenz von Djakarta (www.focusweb.org), von Nicola Bullard aus Bangkok eingebracht.

2. Tribunal gegen den völkerrechtswidrigen Irakkrieg (wird durch türkische Gruppen bereits vorbereitet); Kritik des die Besetzung legitimierenden UN-Sicherheitsratsbeschlusses; Zusammenarbeit mit demokratischen irakischen Kräften für ein Ende der Besatzung, Besuchsgruppen in den Irak, nach Möglichkeit gemeinsame Organisierung einer großen Friedenskonferenz in Bagdad.

3. Gegen den permanenten Krieg - permanenten Widerstand: Unterstützung für die palästinensische Bevölkerung, z.B. durch "zivile Missionen"; "präventiver" Widerstand gegen zukünftige Kriege gegen Iran und/oder Syrien.

4. Teilnahme am Kampf gegen Armut und destruktive  WTO(=Welthandelsorganisation)-Maßnahmen sind gleich wichtig
Konsens war: Der Widerstand muß sich auch gegen den Aufbau einer europäischen Interventionsarmee richten.

Der September soll ein Aktionsmonat (auch) der Bewegung gegen den Krieg werden: Teilnahme am "global day against globalisation and war" am 13.9. anlässlich der WTO-Tagung in Cancun (Mexiko); am 27.9. internationaler Aktions-Tag gegen Besatzung, anläßlich des dritten Jahrestages der palästinensischen Intifada.

Nach den Konferenzen und Beratungen war dann die Zeit der Aktionen rund um den Genfer See gekommen. Auch aus dem "intergalaktischen Dorf" brach ein größerer Zug von "Gipfelstürmern" auf, um mit ihren Blockaden den Kriegs- und Handelsherren wenigstens symbolisch Widerstand zu leisten. Die Heimgekehrten sprachen später mit Begeisterung von ihren mutigen, und zumindest von den "Intergalaktischen" gewaltfrei konzipierten Aktionen. Die starken Polizeikräfte bemühten sich dabei offenbar ebenfalls um ein Vorgehen, das Eskalationen vermeiden sollte. Die große Masse, wohl über einhunderttausend Menschen, kam dann am Sonntag zu der riesigen Demonstration, die von Annemasse und Genf ausgehend, auf einem abgesperrten Bereich der Autobahn genau auf der schweizerisch-französischen Grenze zur Abschlußkundgebung zusammentraf. Bei frühsommerlicher Hitze war die Stimmung heiter und gelöst, abgesehen von einem viele empörenden Zwischenfall: eine kleine Gruppe von Schwarzvermummten nutzte die fast völlige Abwesenheit von Polizeikräften, um eine Tankstelle zu stürmen, zu demolieren und zu plündern. Man mußte sich fragen, ob die Betreffenden von Bildern aus Bagdad zu ihrem Tun angeregt worden waren. Auch die späteren Berichte über vandalisierende Trupps in Genf und Lausanne wirft die Frage auf, wie sich die überwältigende Mehrheit der friedlichen Demonstranten in Zukunft davor schützen kann, dass ihre politischen Ziele durch "Aktionisten" konterkariert werden, deren Motive teilweise ziemlich unklar bis zweifelhaft erscheinen. Auch mit diesem Problem muß sich die globalisierungskritische Bewegung wohl ernsthaft und basisdemokratisch befassen.

Trotz solcher kleiner Eintrübungen des Gesamteindrucks war die Stimmung im "attac"- Sonderzug auch bei der Heimreise nach Deutschland geradezu euphorisch. Spannend bleibt die Frage, wie sich diese Hochstimmung in die "Mühen der Ebene", in die alltägliche gesellschaftliche Praxis transformieren läßt.


Matthias Jochheim

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Ansprechpartnerin

Angelika Wilmen

Angelika Wilmen
Referentin für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 - 13
Email: wilmen[at]ippnw.de

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