Kriegstauglichkeit, sprich: Abschreckung durch Aufrüstung, scheint großen Teilen der politischen und wirtschaftlichen Entscheider derzeit als einzig realistisch Option, um in den eskalierenden Konflikten bei der Neuordnung der Welt zu bestehen. Ist Rüstungsproduktion ein Weg in die Zukunft?
Der anhaltende Rüstungsboom radikalisiert eine Problematik, die sich hinter dem gesamten sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaft und Industrie verbirgt. Der Philosoph Günter Anders hat sie treffend als „Trennung von Produktion und Gewissen“ bezeichnet, die „Apokalypse-Blindheit“ bewirke. Sie verstelle den Blick für Großgefahren, die mit der Aufrüstung unweigerlich verbunden seien. Denn die Rüstungsindustrie ist keine gewöhnliche Branche. Es handelt sich, mit Günther Anders gesprochen, um eine „Doppelindustrie“, die außer den Waffen selbst „immer auch Waffenbedarf und die Chancen für deren Gebrauch“ erzeugt. [1] Zugespitzt formuliert: Aufrüstung mündet mit hoher Wahrscheinlichkeit in erhöhte Kriegsgefahr.
Wirtschaftskrise und Rüstungsboom
Schien es noch zu Beginn des Jahrzehnts, als sei ein grüner Kapitalismus nicht mehr aufzuhalten, hat sich das Blatt nun gewendet. Deutschland und die EU sehen sich mit der Gefahr einer irreversiblen Deindustrialisierung konfrontiert. So verzeichneten wichtige deutsche Industriebranchen wie der Metallerzeugung und Metallbearbeitung (-5,4 %), der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (-3,0 %), der Kunststoffindustrie (-2,6 %), der Produktion von Metallerzeugnissen (-2,5 %), dem Maschinenbau (2,2 %) und der chemischen Industrie im dritten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Stellenabbau. Besonders betroffen ist die Auto- und Zulieferbranche (-6,3 %). Mit 721.400 Beschäftigten hat die Branche einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Vom Stellenabbau am stärksten betroffen sind die Zulieferer. [2]
Demgegenüber boomt die Rüstungsindustrie. In Sachen Aufrüstung scheint gegenwärtig alles möglich, was für die zivile Marktwirtschaft nicht gelten soll – großzügige Finanzierung um den Preis eines wachsenden Staatsdefizits, langfristige Planung, staatliche Abnahmegarantien, eine bewusste Monopolisierung, die Marktmechanismen verzerrt, sowie attraktive Löhne, mit denen Arbeitskräfte in die Branche gelockt werden sollen. 2025 ist Deutschland weltweit der viertgrößte Waffenexporteuer. [3] Beim erreichten Status Quo soll es aber nicht bleiben. So will der Marktführer Rheinmetall seinen Umsatz bis 2030 auf dann 50 Milliarden Euro vervierfachen.
Auch deutsche Rüstungs-Startups wie das KI-Unternehmen Helsing verzeichnen einen Take-off; beim Finanzierungsvolumen liegen sie derzeit weltweit auf Platz zwei. Planungsgrundlage ist die „historische Entscheidung der Bundesregierung, die Verteidigungsausgaben massiv zu steigern“, um das Fünf-Prozent-Ziel der NATO einzulösen. [4] Die Beratungsagentur Ernst & Young betrachtet die Aufrüstung folgerichtig als attraktiven Zukunftsmarkt. Versprochen wird ein Rüstungs-Wirtschaftswunder. Jährliche Investitionen könnten in der EU eine Bruttowertschöpfung von ca. 150 Milliarden Euro erzeugen, davon 40 Milliarden allein in der Rüstungsindustrie. Auf Deutschland würden demnach jährlich 39 Milliarden Euro sowie 360.00 Arbeitsplätze entfallen. Ist die Aufrüstung also jener eigene Zopf, mit dessen Hilfe sich Industrie und Wirtschaft aus dem Sumpf ökonomischer Stagnation und Rezession ziehen können?
Kein Rüstungswirtschaftswunder
Ich bezweifele das. Drei Gründe sind ausschlaggebend: Erstens spricht nichts dafür, dass der aktuelle Rüstungsboom Beschäftigungsverluste auffangen kann, die infolge der anhaltenden Deindustrialisierung entstehen. Das Statistische Bundesamt gibt keine genaue Auskunft über die Beschäftigtenzahlen der Branche. Laut Arbeitsagentur sind in Unternehmen, die in Deutschland Panzer, Waffen oder Munition herstellen, derzeit weniger als 20.000 Menschen tätig – längst nicht genug, um selbst bei der zu erwartenden Expansion Arbeitsplatzverluste in der zivilen Industrie zu kompensieren. „Für ein deutsches ‚olivgrünes‘ Wirtschaftswunder taugt der Rüstungsboom [...] nicht […]. Ein Euro für den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur oder der Betreuungsstruktur in Kitas und Schulen ermöglicht mehr Wachstum“, konstatieren Autoren des wirtschaftsnahen „Handelsblatt“ zu Recht. [5]
Noch gravierender ist zweitens, dass die staatlich geförderte Rüstungsplanwirtschaft anders zu betrachten ist als der gewöhnliche produktive Staatskonsum. Auf die Rüstungsbranche trifft uneingeschränkt zu, was Günther Anders als Charakteristikum jeglicher Waffenproduktion benennt. Arbeitsplatzsicherheit in dieser „Doppelindustrie“ gibt es nur, wenn die Nachfrage nach Waffen langfristig gesichert wird. Um den Waffenkonsum zu stabilisieren, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Waffensysteme veralten und müssen durch neue, effizientere und unter Umständen noch tödlichere Systeme ersetzt, oder sie müssen angewendet werden. Zugespitzt formuliert: Die effektivste „Konsumsituation“ dieser Waffen ist der Krieg. [6]
Nehmen wir als Beispiel die Kooperation des Automobilzulieferers Continental mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall. Obwohl infolge der Kooperation tausende neue Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie entstehen sollen, kann von einer nachhaltigen Beschäftigungsstrategie keine Rede sein. Das zeigte sich exemplarisch, als im Juni 2024 infolge möglicher Friedensverhandlungen im Ukrainekrieg die Aktienkurse der Rüstungsfirmen um sechs Prozent einbrachen und Milliarden Euro an Börsenwert verloren gingen.
Abgesehen von massenhaftem Tod und dem Leiden der Zivilbevölkerung in militärischen Konflikten sind die Auswirkungen von Aufrüstung auch dann verheerend, wenn es nicht zu einer direkten Waffenanwendung kommt. Schätzungen zufolge liegt der CO2-Fußabdruck des gesamten deutschen Militärsektors bei 4,5 Millionen Tonnen Treibhausgasen pro Jahr. Das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von einer Million Autos. [7]
Allein der F-35-Kampfjet emittiert pro Stunde mehr CO2 als ein Durchschnittsdeutscher in einem Jahr verursacht. Werden solche Emissionsquellen nicht ausgeschaltet, gleichen klimapolitische Maßnahmen einem Kampf gegen Windmühlen. Wie einschlägige Forschungen zeigen, lassen sich die Wohlfahrtsverluste infolge des Klimawandels, die mehr als 50 Prozent des BIP betragen könnten, mit denen eines dauerhaften Krieges vergleichen. Das zeigt: Auch staatlich zu verantwortende Fehlallokationen können zukunftszerstörend wirken.
Hinzu kommt drittens, dass eine – Rüstungsinfrastruktur eingeschlossen – Verdreifachung des Wehretats, wie sie in Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts erfolgen soll, die bereits bestehenden Finanzierungsengpässe in den öffentlichen Haushalten erheblich vergrößern würde. Bedenkt man ferner, dass auch der CO2-Preis steigen soll, was sich auf Mieten, Strompreise und Heizkosten auswirken dürfte, kann man sich ausrechnen, dass dies vor allem Menschen in der unteren Einkommenshälfte treffen wird. Schon jetzt lässt sich beobachten, dass die Krise genutzt wird, um sich jener der kapitalistischen Utopie anzunähern, die das Aneignen von Gewinnen aus der Produktivitätssteigerung ermöglichen will, ohne großen kollektiven Widerstand befürchten zu müssen. [8]
Daran zeigt sich im Übrigen auch, dass der Kriegs-Keynesianismus hoch selektiv angelegt ist. Von einer wirklichen Nachfragesteuerung kann jedenfalls keine Rede sein. Denn während Schuldenmachen, langfristige staatliche Planung und Abnahmegarantien trotz eines überaus schwerfälligen Beschaffungswesens für den Rüstungsboom unverzichtbar sein sollen, gilt für die zivile Wirtschaft nach Ansicht eines Großteils der ökonomischen und politischen Eliten geradewegs das Gegenteil. Der Sozialstaat ist angeblich nicht mehr finanzierbar, die sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ soll beendet werden, die Rente nur noch eine Grundsicherung sein. Kurzum: Soziale Sicherungssysteme gelten, ebenso wie Löhne, Kündigungsschutz, Acht-Stundentag und Mitwirkungsrechte in Betrieb und Arbeitswelt bestenfalls als Kostentreiber. Die neuen Oligarchen vom Schlage eines Elon Musk betrachten alles, was den Lohnabhängigen den Status anerkannter Sozialbürgerinnen und -bürger ermöglicht, geradezu als überflüssigen Ballast, den man möglichst rasch entsorgen muss. […]
Die Sicht von Beschäftigten
Wie gehen abhängig Beschäftigte mit Krise, ins Stocken geratenem sozial-ökologischen Umbau und Rüstungsboom um? Günther Anders war, was den oppositionellen Geist abhängig Beschäftigter betrifft, sehr skeptisch: „Solange wir für unser Mitarbeiten anständig entlohnt werden und solange wir gewiß zu sein glauben, unter gut gesicherten Bedingungen weiterarbeiten zu können, so lange verschließen wir die Augen vor dem, was wir und wofür wir arbeiten; und so lange sind wir auch dazu bereit, von der Vorbereitung des Untergangs zu leben“, lautet sein kritischer Befund. [9]
Das ist, wie unsere empirischen Erhebungen belegen, zu pessimistisch gedacht. Sicher würden viele der von uns befragten Beschäftigten in der Auto-, Zuliefer- und Grundstoffindustrie eine Tätigkeit in der der Rüstungswirtschaft der Erwerblosigkeit und sozialem Statusverlust vorziehen. Aber gerade unter den gewerkschaftlich Aktiven finden sich auch massive Gegenstimmen:
„Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, bei allem, was das sozusagen an Unsicherheit vielleicht auch für meine Familie bedeuten würde […] da [bei der Aufrüstung, d. A.] mitzumachen. Jetzt ist es immer die Frage, wie ist es konkret ausgerichtet und wo stehst du als Familie und was bedeutet das für dich? Wie ist dann die konkrete Situation? Aber mir fehlt die Fantasie, wie ich da in meiner Rolle mit gutem Gewissen an Bord bleiben sollte. Weil, ich habe auch eine pazifistische Grundhaltung. Ich finde es fürchterlich, was auf der Welt im Moment passiert. Das zieht mich wirklich runter, das offensichtlich wieder das Recht des Stärkeren Einzug erhält, was ich für überwunden geglaubt habe.“ […]
Als Gegenmittel für „Apokalypse-Blindheit“ hatte Günter Anders seinerzeit die Fähigkeit zum Produktstreik vorgeschlagen. Gemeint war, sich der Herstellung von Produkten zu verweigern, deren Zweck die Massenvernichtung ist. Wie er selbst rückblickend betont, hatte er niemals damit gerechnet, dass Produktstreiks wirklich stattfinden. Das hat ihn nicht gehindert, „die Maßstäbe für das moralisch Fällige, für das, was in ihm eigentlich getan oder unterlassen werden müßte, auf den Tisch des Hauses zu legen, wie gering auch immer die Wahrscheinlichkeit sein möge, daß die Gebote oder Verbote sofort oder überhaupt eingehalten werden“. [10] Das auch, weil für die Moral dieselbe Regel gelte wie auf den Ramsch-Märkten: „daß man nämlich mehr verlangen muß als was man sofort zu erhalten erwarten darf“. Angesichts eskalierender Kriege, beschleunigter Erderhitzung, Artensterben und drohendem Ökozid ist das eine Maxime, hinter die wir nicht zurückfallen dürfen. Deshalb macht es Sinn, sich fortgesetzter Aufrüstung zu verweigern – und das gerne in einem Bündnis, das einen prinzipiellen mit einem pragmatischen Pazifismus und Antimilitarismus produktiv zusammenwirken lässt. […]
Quellen:
[1] Anders, G. (1982): Hiroshima ist überall. München, S. 370.
[2] Destatis (2025): Stellenabbau in der Automobilindustrie. Pressemitteilung Nr. N067 vom 20. November 2025.
[3] SIPRI (2026): Global arms flows jump nearly 10 per cent as European demand soars. 9 March 2026. www.sipri.org/media/press-release/2026/global-arms-flows-jump-nearly-10-cent-european-demand-soars
[4] Kallmorgen, J. F./Pavel, F. (2026): Höhere Verteidigungsausgaben geben Wirtschaft einen Boost, in: Handelsblatt vom 06. Februar. 2026; siehe auch: Der Weg zur europäischen Souveränität: Verteidigung. Eine gemeinsame Studie von DekaBank und EY Frankfurt und Berlin, November 2025. www.ey.com/content/dam/ey-unified-site/ey-com/de-de/newsroom/2025/11/studie-ey-deka_europa-souveraenitaet-verteidigung_11-25.pdf
[5] Fasse/Specht (2026), S. 21.
[6] Anders, G. (1982), S. 370
[7] Ulrike Herrman weist darauf hin, „dass niemand weiß, wieviel CO2 das Militär weltweit erzeugt“ und sie brandmarkt das, weil gewollt, mit Recht als „Lobbysieg der USA“, die 1997 damit drohten, einem Klimaschutzabkommen nicht beizutreten, falls damit Berichtspflichten für das Militär entstünden Vgl.: Herrmann, Ulrike (2026): Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet. Köln, S. 259. An ihren früheren Ausführungen zum Klimawandel gemessen, bleiben ihre Ausführungen hinsichtlich des Zusammenhangs von Militarisierung und Aufrüstung jedoch merkwürdig blass. Sie scheut offenbar davor zurück, die zerstörerischen Konsequenzen präzise zu benennen, die fortgesetzte Aufrüstung auch dann beinhaltet, wenn es n icht zu einem neuen Weltkrieg kommt.
[8] Wright, E. O. (2015): Understanding class. London/New York, S. 221.
[9] Anders (1982), S. 379.
[10] Anders, G. (1982): S. XIV
Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Vortrag von Prof. Dr Klaus Dörre auf dem IPPNW-Jahrestreffen 2026. Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie im Ruhestand. Er ist u.a. Gründungsmitglied des „Instituts Solidarische Moderne“.
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