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Aus IPPNW-Forum 110/08

Globalisierung und Krieg

Susan George war Referentin beim IPPNW-Weltkongress

01.04.2008 Ihren Vortrag über "Globalisation and War" beginnt Susan George mit ihrer Definition von Globalisierung. Globalisierung stehe für das System, dass es transnationalen Konzernen erlaube, zu investieren, in was sie wollen, wo sie wollen; zu produzieren, was sie wollen, wo sie wollen und überall zu kaufen und zu verkaufen mit den geringst möglichen Einschränkungen durch Arbeitsrecht und Umweltschutz.

George zieht eine Bilanz der heutigen Situation. Die "corporate-driven Globalisation" sei extrem erfolgreich. Das Ziel im Kapitalismus sei nun mal, so hohe Profite wie möglich zu machen und das "Shareholder Value" zu erhöhen. Die Profite der transnationalen Konzerne erreichten heute oft Rekordhöhen, und Steueroasen schützten den Reichtum von Konzernen und reichen Einzelpersonen. Tatsächlich habe sich die Anzahl von Millionären und Milliardären stark erhöht. Globalisierung sei also bisher extrem gut für diejenigen gewesen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen.

Die Globalisierer sähen allerdings zwei große Hindernisse für die Profitmaximierung: Arbeitskosten und Steuern. Daher würden sie sich stark darauf konzentrieren, beides zu reduzieren. Hier spricht George warnende Worte an die Inder im Publikum aus: Sie hätten bis jetzt zwar von dem Wettkampf um die niedrigsten Lohnkosten profitiert, aber es gebe immer Menschen, die bereit seien, für weniger zu arbeiten. Sogar die Malaien und die Indonesier hätten dies nun rausgefunden, so George.

Globalisierung verstärkt Ungleichheiten, erklärt George. Studien zeigten, je neo-liberaler und deregulierter der Handel in einem Land sei, desto größer seien die Ungleichheiten. Einer der weiteren Gründe sei die bewiesene Tatsache, dass transnationale Konzerne und das internationale Finanzwesen immer weniger zu den nationalen Steueraufkommen beitrügen.

Nun kommt eine der Hauptthesen Georges: Marx hätte die Ausbeutung in den Mittelpunkt seiner Kapitalismuslehre gestellt, heute sei es ein Privileg ausgebeutet zu werden. Das wahre Problem der Globalisierung sei, dass sie das Beste nimmt und den Rest liegen lässt. Natürlich werde ausgebeutet, aber mehr als das werde ausgeschlossen, betont George. Zu IPPNW-Gründungszeiten während des Kalten Krieges sei jeder Winkel der Welt von Bedeutung für die Supermächte gewesen. Denn jeder Ort konnte für sich oder den Gegner zum strategischen Vorteil genutzt werden. Heute sei das komplett anders. Es gebe viele Orte, die links liegen gelassen würden. Mit Hunderten Millionen von "Rubbish People", wie sie George nennt. Es gebe sogar einige "Rubbish States" - wir auf der anderen Seite des Zaunes würden sie nur "Rogue States" (Schurkenstaaten) nennen.

In diesen ausgeschlossen Bevölkerungen sieht George eine immer größere Gefahr für den Frieden. Immer häufiger fragen sich ausgeschlossene Menschen und Bevölkerungsschichten: "Wer hat uns das angetan?" Oft führe dies dazu, dass sich die Verzweiflung an den Angehörigen einer anderen ethnischen Gruppe entlädt, wie wir es vor kurzen in Kenia sehen konnten. "Man braucht keine Atomwaffen mehr. Macheten und Streichhölzer reichen genauso aus, um Tausende, wenn nicht Hunderttausende zu töten", sagt George.

In ihrem Vortrag zeigt George, wie der freie Handel, Klimaveränderungen und Umweltschäden die Ungleichheiten und damit die Kriegsgefahr noch verstärken. Auch Wasserkriege würden in Zukunft häufiger auftreten. Das führe sogar soweit, dass sich statistische Korrelationen zwischen der Niederschlagshäufigkeit und low-level conflicts in einigen Gegenden der Welt herstellen ließen. Zwischen Indien und Pakistan spiele zum Beispiel auch der Indus-Fluss eine Rolle.
Zur Lösung dieser Probleme stellt George zunächst folgende Grundfrage: Was schulden die Reichen den Armen? Die Glücklichen den Unglücklichen? Die Gebildeten den Ungebildeten? Die Gesunden den Armen? Gelten diese Verpflichtungen nur für Menschen in unserer Gesellschaft oder für jeden und überall? Die Globalisierung, die wir wählen - George meint hier ganz klar eine Wahl und kein Schicksal - werde zwischen Krieg und Frieden entscheiden. Für sie gebe es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit, sagt George. Die andere große Frage sei, wie wir es schaffen könnten, den Markt durch Gesetze und Regulierungen unter Kontrolle zu bekommen. Das bedeute, dass wir Steuern bräuchten, auch internationale Steuern, um das Wohlergehen des Einzelnen und die soziale Kohäsion und den Frieden zu schützen.

George empfiehlt, dass wir uns nicht auf den "Markt" verlassen, um unsere sozialen Probleme zu lösen. Märkte könnten zwar extrem wertvolle Dienste leisten in einigen Gebieten, aber soziale Dienste gehörten nun mal nicht dazu. Die wahre Debatte sollte ihrer Meinung nach sein, was dem Markt unterworfen sein sollte und was nicht. Sollte Wasser den Gesetzen des Marktes unterworfen werden? Gesundheit? Bildung? Öffentliche Dienste? Grundernährung? Energie?

Am Ende ihres Vortrages dankt George der IPPNW für die Einladung. Sie sieht dies als Zeichen und Chance, dass die Friedensbewegung und die globalisierungskritische Bewegung um Attac enger für die Lösung dieser drängenden Probleme zusammen arbeiten. Bisher hätten beide Seiten es nicht geschafft, wirklich zu kooperieren. Zwar sei der 15. Februar 2003 ein geschichtsträchtiger Tag des bewegungsübergreifenden Einsatzes für Frieden gewesen, aber dabei sei es dann auch geblieben. Wir müssten begreifen, dass unsere Bewegungen im Angesicht dieser globalen Probleme entweder gemeinsam gewinnen oder einzeln scheitern. Ein Scheitern sei undenkbar, dafür sei zuviel im Spiel. "We must choose success, we must choose each other", sagt George am Ende ihrer Rede.

Sven Hessmann

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Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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