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Aus Forum 187 / 2026

Aufrüstung für Großmachtkriege

Die Nationale Militärstrategie wurde im April 2026 veröffentlicht

Großspurig präsentierte Verteidigungsminister Boris Pistorius im April 2026 gleich im Vorwort mit der „ersten Militärstrategie in der Geschichte der Bundesrepublik“ zentrale „Antworten auf die sicherheitspolitische Lage.“ Allerdings wurden sowohl die Militärstrategie selbst als auch das aus ihr abgeleitete Fähigkeitsprofil als geheim eingestuft, lediglich eine relativ vage Zusammenfassung beider Dokumente wurde unter dem Titel „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Verantwortung für Europa“ veröffentlicht. Prägend ist dabei das Bestreben, die Bundeswehr per Strategie, Struktur und Bewaffnung auch unabhängig von den USA für künftige Großmachtkriege in Stellung zu bringen.

Führungsansprüche und Angriffsdoktrin

Was in der Gesamtkonzeption in erster Linie durchscheint, sind ungeschminkte Führungsansprüche, die in dem 40-seitigen Dokument, das dazu noch unzählige großformatige Bilder enthält, gefühlt auf jeder zweiten Seite auftauchen. So schreibt Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer im Vorwort: „Die Militärstrategie folgt dem Gedanken, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas in einer komplexer und schärfer werdenden Bedrohungslage eine Führungsrolle in der NATO übernehmen muss und wird, auch militärisch. Sie ist Zeichen eines Paradigmenwechsels und untermauert unseren Gestaltungsanspruch,“ heißt es in der Gesamtkonzeption.

Dafür wird auch hier das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr spätestens bis – ausgerechnet – 2039 zur „zur stärksten konventionellen Armee in Europa auszubauen.“ Hierfür soll die Bundeswehr strikt auf die „Befähigung zu Multi-Domain Operations“ (MDOs) ausgerichtet werden, die „zur Erzielung von Effekten“ absolut „essenziell“ seien. Im Prinzip läuft das MDO-Konzept recht simpel darauf hinaus, dass eine optimale Schlagkraft dann entfaltet werden kann, wenn teilstreitkräfteübergreifend in allen Dimensionen – Land, Luft (und Weltraum), Maritim, Cyber – gleichzeitig, vernetzt und mit hohem Tempo angegriffen werden kann.

Zentral ist dabei auch die Fähigkeit für Schläge tief im gegnerischen Raum (Deep Precision Strikes), woraus sich das vehemente Interesse erklärt, schnellstmöglich an hierfür „ideal“ geeignete Mittelstreckenwaffen zu gelangen. Mit ihnen soll die durch feindliche Abwehrriegel (A2/AD) mittlerweile verlorene Lufthoheit zurückerlangt werden, was aber mit Verteidigung im engeren Sinne herzlich wenig mehr zu tun hat: „Vom Begriff her beschreibt Multi-Domain-Operations die Antwort […] auf Anti-Access/Area-Denial [A2/AD], wie wir es zum Beispiel im Oblast Kaliningrad sehen oder im Südchinesischen Meer. Es geht darum, dass potenzielle Gegner verschiedene Szenarien aufgebaut haben mit einer Vielzahl an verschiedenen Flugkörpertypen, mit unterschiedlichen Reichweiten, die es modernen Luft- und Seestreitkräften sehr schwer bis unmöglich machen, in diesem Bereich überhaupt zu operieren, ohne massive Verluste einzukalkulieren,“ so Korvettenkapitän Alexander Heinrich in einem Interview auf „Bundeswehrverband“ am 01. 11. 2022.

All das geschieht selbstredend immer nur mit den besten – rein defensiven – Absichten. Das Problem ist aber, dass sich der Gegner darauf nicht verlassen kann, wodurch gefährliche Rüstungsspiralen weiter befeuert werden. Scharf geht Johannes Varwick, Politikprofessor in Halle, mit der MDO-Doktrin ins Gericht:

„Angriff scheint inzwischen vielen die beste Verteidigung und gilt zunehmend als neues Mantra der Sicherheitspolitik. […] Wer sicherheitspolitisch handlungsfähig bleiben will, muss in der Lage sein, einem potenziellen Gegner frühzeitig massiven Schaden zuzufügen. Ein Verzicht auf offensive Mittel und Fähigkeiten sei in einer gefährlicher werdenden Welt unrealistisch, so das Argument. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die daraus resultierende Eskalationsdynamik. […] Kern dieses Konzepts [der MDOs] ist es, mit maximaler Wirkung und minimaler Reaktionszeit zuschlagen zu können – selbstverständlich im Namen der Abschreckung. […] Wenn aber zunehmend Fähigkeiten geschaffen werden, mit denen man den Gegner überraschend und gezielt schwächen kann – etwa durch Erstschläge auf Raketensysteme, noch bevor diese starten –, dann entsteht auf der anderen Seite ein enormer Druck, selbst früher zu handeln. Die Folge wird ein Wettlauf sein, bei dem jede Seite versucht, der anderen zuvorzukommen – aus Angst, überrascht zu werden. Selbst wer Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung grundsätzlich für notwendig hält, muss die Nebenwirkungen dieser Entwicklung sehen,“ erklärte Varwick im „Freitag“ vom 23. Oktober 2025.

Strukturen und Waffen für Großmachtkriege

Früher waren Weißbuch und Konzeption der Bundeswehr die Grundlage, um dann – zuletzt 2018 – im Fähigkeitsprofil konkrete Vorgaben für die Zusammensetzung der Truppe abzuleiten. Diesmal wollte man aber, so Pistorius und Breuer in einer gemeinsamen Pressekonferenz zur Militärstrategie, auf „Kästchenkunde“ verzichten. In dem nun in „Plan für die Streitkräfte“ umbenannten Fähigkeitsprofil fehlt zumindest im öffentlichen Teil tatsächlich so gut wie jeder Hinweis, wie sich die Truppe künftig aufstellen soll. Enthalten ist lediglich die Absicht, die Bundeswehr strukturell auf die neue MDO-Doktrin auszurichten: „Die Fähigkeit zur nationalen Planung und Führung von Operationen ist auf operativer Ebene sicherzustellen. Die beinhaltet auch die Führung von Multi-Domain Operations sowie die darin enthaltene Aufgabe zur dimensionsübergreifenden Führung von Deep Precision Strikes“ (Gesamtkonzeption, S. 31) ‬‬

Allerdings ist davon auszugehen, dass sich im geheimen Teil durchaus Details zur künftigen Struktur der Truppe finden dürften. Am stärksten dürfte das Heer umgekrempelt werden – in welche Richtung, darüber gab die „Zielvorstellung Heer 2035“ Aufschluss, über die Im Mai 2026 im Reservistenmagazin loyal berichtet wurde: Neben künftig zwei Heimatschutzdivisionen, dem Kommando Spezialkräfte und einer mit Mittelstreckenwaffen ausgerüsteten „Multi-Domain Task Force“ soll es zwei schwere, eine gemischte (aus mittleren und leichten Kräften) und eine Korps-Truppen-Division geben. Bereits im Dezember 2025 berichtete dasselbe Magazin über die „Gesamtübersicht Zielvorstellung Einsatzkräfte Heer“, derzufolge die Teilstreitkraft von aktuell 65 auf 107 (2029) und dann 150 (2035) Bataillone anwachsen soll (wodurch allein schon die bisher ausgegebenen Zielgrößen gesprengt würden). Zudem soll der Bestand an Kampf- und Schützenpanzern von 1.000 (Stand 2025) auf 3.000 Exemplare (2035) steigen (Leopard 2, Marder, Puma, Schakal und der neue Schwere Waffenträger), die Artilleriesysteme von 150 auf 1.350 (PzH 2000, RCH 155 und MARS 3) und der sonstige Fuhrpark von 5.300 auf 60.000 Fahrzeuge.

Eine andere hitzig diskutierte Frage wird in der Militärstrategie tatsächlich adressiert, nämlich, ob eher in „klassische“ Rüstungsgüter (z.B. Panzer) oder in „moderne“ (und großteils in Masse produzierte) High-Tech-Produkte (z.B. Drohnen) investiert wird. Dabei gibt es einflussreiche Stimmen auf beiden Seiten, was mit daran liegen dürfte, dass absehbar augenscheinlich eine teure Sowohl-als-auch-Beschaffung verfolgt werden soll. Aus der Gesamtkonzeption militärische Verteidigung ist zum Beispiel herauszulesen, dass „klassische“ und „moderne“ Systeme zunehmend integriert werden sollen: „Systeme werden immer schneller und kostengünstiger produziert und multidimensional eingesetzt. Quantität ist günstig zu schaffen und wird zu einer eigenen Qualität. Der offensive Masseneinsatz einfach produzierbarer und kostengünstiger Systeme, die in Verbindung mit Hochwertressourcen eingesetzt werden, erzeugt deutliche Vorteile. Fragen der Ökonomie des Krieges gewinnen wieder an Relevanz. Für den Erfolg ist es entscheidend, diesen kombinierten Einsatz über die Dauer des Krieges hinweg aufrechterhalten zu können.“ (Gesamtkonzeption, S. 16)

Die Bundeswehr und die NATO 3.0

Offiziell wird dieser Rüstungsschub damit begründet, dass die USA unter dem Stichwort einer „NATO 3.0“ auf eine umfassende Verlagerung der militärischen Aufgabenteilung in Richtung der Europäer drängen: „Auf dieser historisch beispiellosen Übernahme von Verantwortung für Europa wird Deutschland aufbauen. Die NATO muss europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben,“ heißt es in der Gesamtkonzeption (S. 19).

Allerdings ist es keineswegs so, dass die Bundesregierung hier gegen ihren Willen zur Aufrüstung gezwungen werden muss – im Gegenteil. Vielmehr ist der Verweis auf die USA in doppelter Hinsicht nützlich: Als Aufrüstungsrechtfertigung, um die USA durch die Übernahme größerer militärischer Anteile in der NATO zu halten; oder, um deren Fähigkeiten bei einem kompletten Abzug zu kompensieren und notfalls auf Konfrontation umschalten zu können. Egal, wie man Trump also dreht und wendet, am Ende kommt eine massive deutsche Aufrüstung heraus, die – sehr zum Missfallen Washingtons – nicht dazu genutzt wird, um in den USA auf Einkaufstour zu gehen, sondern dazu, den hiesigen Konzernen irrwitzige Milliardenbeträge zuzuschustern.

Jürgen Wagner ist Politikwissenschaftler und geschäftsführender Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen.


Quellen:

Bundesministerium für Verteidigung: Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung, https://www.bmvg.de/resource/blob/6093766/01b1718498c25db9010ea13724d7a37a/dl-gesamtkonzeption-der-militaerischen-download-deu-data.pdf

Frank Jungbluth: Wir müssen deutlich schneller als der Gegner sein, um Wirkung zu erzielen, https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/politik-verband/beitrag/multi-domain-battlefield

Johannes Varwick: Angriff ist die beste Verteidigung! Welche Militärstrategie hinter dieser Devise steckt, 
https://www.freitag.de/autoren/johannes-varwick/krieg-angriff-die-beste-verteidigung-welche-militaerstrategie-dahinter-steckt 

Johannes Varwick: Neue Waffensysteme. Wenn Verteidigung zum Angriff wird, https://www.deutschlandfunkkultur.de/krieg-sicherheitspolitik-offensive-defensive-waffen-meinung-100.html


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