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Moratorium für neue Gentests (1997)

Dokumente und Erklärungen

Die IPPNW-Mitgliederversammlung in Bonn forderte ein Moratorium für Gentests mit dieser Erklärung.

"Durch die fortschreitende Analyse des menschlichen Genoms stehen immer mehr neue genetische Tests zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe können schon bei vorgeburtlichen Untersuchungen Genvarianten erkannt werden, die Erbkrankheiten bewirken. Zunehmend können aber auch genetische Strukturen diagnostiziert werden, die mit einer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten, wie Krebs oder Alzheimer verbunden werden. Darüber hinaus wird daran gearbeitet, Gene zu identifizieren, die mit Persönlichkeits-Merkmalen korrelieren.

Obwohl solche Tests dazu beitragen können, Familien, in denen Erbkrankheiten vorkommen, wichtige Informationen bei Fortpflanzungs-Entscheidungen zur Verfügung zu stellen, geben die genannten Entwicklungen Anlass zu tiefer Besorgnis. Denn genetische Test können:

* zu neuen Belastungen und Entscheidungs-Zwängen für Schwangere führen,
* eugenisches Denken fördern und auf der Grundlage privater Entscheidungen eine eugenische Praxis entstehen lassen,
* das Leben der Individuen durch die Vorhersage zukünftiger Gesundheitszustände belasten, lange bevor eine Krankheit tatsächlich auftritt,
* Merkmale ohne eindeutigen Krankheitswert identifizieren, sowie
* Sensible genetische Daten zur Verfügung stellen, deren Vertrauenlichkeit gesichert werden muss.

Besonders in Zeiten massiven Kostendrucks ist zu befürchten, dass Personen mit "nachteiligen" Genen stigmatisiert werden, und sich im vorgeburtlichen Bereich eine "Mentalität der Auslese" durchsetzt.

Angesichts der Möglichkeit solcher ethischen und sozialen Konsequenzen fordern die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen die Hersteller und Anwender neuer genetischer Tests auf,

Einführung und Einsatz neuer genetischer Test mit einem Moratorium zu belegen,

bis sichergestellt ist, dass

* diese genetischen Tests nicht ohne eine sachkundige Beratung durchgeführt werden, in der die Nutzerinnen und Nutzer über die möglichen Konsequenzen eines positiven Test-Ergebnisses informiert werden;
* diese Tests nur bei vorliegender individueller Indikation eingesetzt werden, und von einem "sreening" nach bestimmten Genen in Bevölkerungs-Gruppen abgesehen wird;
* Maßnahmen verfügbar sind, mit denen nachteiligen ethischen und sozialen Folgen solcher Tests wirksam begegnet werden kann und betroffene Familien Anspruch auf soziale und psycho-therapeutische Hilfe haben, und
* Die Vertraulichkeit genetischer Daten unter allen Umständen gewährleistet ist.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des IPPNW-Kongresses "Medizin und Gewissen" bitten den Deutschen Bundestag darum, Regelungen zu schaffen, mit denen nicht nur der Missbrauch genetischer Tests und genetischer Daten verhindert, sondern auch die oben skizzierten nachteiligen Folgen solcher Tests auf ein Minimum reduziert werden. Die Kriterien für solche Regelungen sollen in einem öffentlichen Verfahren unter Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern kontroverser Positionen und Interessen erarbeitet werden."

18.-20. April 1997 IPPNW-Mitgliederversammlung in Bonn

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