Rede von Dr. Lars Pohlmeier in Bremen

60 Jahre Hiroshima

Mahnung gegen den atomaren Rüstungswahn

Bremen- Heute vor 60 Jahren hat das letzte Zeitalter der Menschheit begonnen. Mit dem Atombombenabwurf in Hiroshima haben wir Menschen eine Ahnung davon bekommen, dass wir uns selbst für immer auslöschen können. Am 6. August 1945 um 8.15 Uhr wurden von den USA erstmals Atomwaffen eingesetzt. Die Folgen waren verheerend: 120.000 Menschen von einer Bevölkerung von 350,000 starben, 80.000 Menschen wurden verletzt.

Wer konnte helfen? Wir Ärzte nicht. Die medizinische Versorgung brach vollkommen zusammen. 270 von 300 Ärzten waren verletzt oder sofort tot, mehr als 1,500 von 1,800 Krankenschwestern und Pfleger waren tot oder verletzt. 92% der 76,000 Gebäude waren beschädigt oder zerstört.

Was sind die Folgen einer Atombombenexplosion:
1. Die Hitzewelle: Eine Ein-Sekunden-Hitzewelle erreicht Temperaturen von bis zu 4000 Grad Celsius, riesige Feuerstürme entstehen.

2. Die Druckwelle: Etwa die Hälfte der Energie einer atomaren Explosion wird zu einer Druckwelle, die mit Überschallgeschwindigkeit alles dem Erdboden gleichmacht.

3. Die elektromagnetische Welle: Hundertausende von Volt werden in Form elektrischer Energie freigesetzt und zerstören in Sekundenbruchteilen Kommunikation und Energieversorgung.

Hinzu kommt die Strahlenbelastung: Die Akute Strahlenbelastung („Strahlenkrankheit“) führt unter anderem zu furchtbaren Durchfällen, Inneren Blutungen, lebensbedrohlichen Infektionen - und damit häufig im Verlauf zum Tod. Was wir gar nicht genau wissen: Die Zahl der Spätschäden, vor allem durch genetische Defekte.

Gedenken an Hiroshima – das ist nicht allein ein historischer Pflichtakt. Hiroshima, das ist auch die Erinnerung daran, dass 2000 Atomtest weltweit Millionen Opfer gefordert haben und dass es heute immer noch 30.000 Atomwaffen gibt – und immer mehr Länder, die solche Waffen besitzen wollen.

Und vergessen wir nicht: Die US-Atombomben von Hiroshima und Nagasaki mit 12,5 und 21 Kilotonnen waren für heutige Verhältnisse klein. Viele Atombomben haben heute leicht eine Sprengkraft von 150-Kilotonnen. Stellen Sie sich vor ein U-Boot der amerikanischen Trident-Klasse vor. Jeder Sprengkopf hat die mehrfache Sprengkraft von Hiroshima auf einer Rakete passen acht Sprengköpfe – und es gibt 24 Raketen auf jedem U-Boot.

In einer Studie haben wir als Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges ausgerechnet, der Abwurf moderner Atombomben in Bombay bis zu 8,500,000 Tote zur Folge hätte. Und für uns gilt: Viele US-amerikanische und westeuropäische Städte sind immer noch „Ziele“ russischer Atomwaffen sein – und umgekehrt. Beinahe-Unfälle hat es schon gegeben – aber das bringt ja keine Schlagzeilen. Es ist ja nichts passiert. Erinnern Sie sich, was sie am 17.Januar 1995 gemacht haben. Es hätte der letzte Tag Westeuropas sein können, als Boris Jelzin etwa 4 Minuten Zeit hatte, auf einen als Angriff auf Russland gedeuteten Flugkörper zu reagieren. Tatsächlich war vor Norwegen ein Wettersatellit gestartet worden – die Benachrichtigung ans russische Militär war irgendwo hängen geblieben.
Nicht auszudenken, wenn Terrorgruppen sich Zugang zu Atomwaffen verschaffen. Aber die eigentlichen Rechtsbrecher – dass sind vor Iran, Nordkorea oder Irak vor allem wir selbst, unsere eigenen Regierungen, allen voran leider die USA.

Aber: Wir, Menschen in der IPPNW, arbeiten heute weltweit unaufhörlich im Schulterschluss mit mehr als 2000 anderen Organisationen aus allen Kontinenten zusammen. Was sind unsere Forderungen:

Unglaublich: ca 5000 Atomwaffen sind heute vor allem in Russland und den USA in Alarmbereitschaft – sie müssen aus Sicherheitsgründen sofort aus dieser Alarmbereitschaft genommen werden.

Im Atomwaffensperrvertrag verpflichten sich seit 1970 alle Vertragsstaaten, für eine Abschaffung der Atomwaffen zu sorgen (also auch USA und Russland – Art. VI). Heute behaupten die USA, Vereinbarungen vor dem 11. September hätten nur historische Bedeutung. Für andere Länder wie Russland ist das eine Steilvorlage für ebenfalls neue atomare Rüstungsprogramme. Alls das ist ein Skandal. Wir fordern, dass die völkerrechtlich verbindlichen Abrüstungs-Vereinbarungen umgesetzt werden.

Wir wollen die Aufnahme über Verhandlungen zu einer Atomwaffenkonvention, in der die kontrollierte, allseitige, umfassende, überprüfbare Abschaffung aller Atomwaffen festgelegt wird.

Und Deutschland? Die Bundesregierung muß dafür sorgen, daß alle US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland und Europa abgezogen werden.

Die Menschen und übrigens auch viele Militärs haben viel mehr verstanden als die politischen Entscheidungsträger.
Zu glauben, wir könnten unsere Gesellschaften mit Atomwaffen verteidigen,
ist 1. rechtswidrig gegenüber völkerrechtlichen Vereinbarungen.
es 2. unmoralisch, ja ich finde es ist eine Schande,
und es 3. dumm, weil es nicht funktioniert hat und funktionieren kann.

Atomwaffen hätten einen langen Frieden gesichert im Kalten Krieg, lesen wir auch in diesen Tagen immer wieder. Das ist eine Illusion. General Lee Butler, der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Atomstreitkräfte hat einmal gesagt, dass nichts passiert ist, verdanken wir allein einer Mischung aus „Gottes Hilfe und Glück“.

Bin ich pessimistisch? Überhaupt nicht. Eine Welt ohne Atomwaffen als Bedingung für eine insgesamt friedlichere Welt ist keine kulturelle oder technische Frage – sie ist allein eine Frage des politischen Willens. Die notwendigen Rahmenbedingungen könnten schnell geschafft werden, rechtlich innerhalb von Wochen – um so einen unumkehrbaren Prozeß in Gang zu setzen.

Ich selbst habe das für mich unvorstellbare gesehen, den Fall der Berliner Mauer. Ich halte alles für möglich.

Ich unterbreche an dieser Stelle mit den Worten der indischen Schriftstellerin und Friedensaktivistin Arundhati Roy. Sie sagt: Eine neue Welt ist im Entstehen. Einige von uns werden diese neue Welt nicht mehr erleben. Aber wenn es ganz still ist, kann ich sie schon atmen hören.

Pause

Christiane Kauffmann von der Aktion Völkerrecht hat eben von der Mauer zur Verteidigung des Völkerrechts gesprochen. Ich habe die Mauer im New Yorker Central Park gesehen. Sie wurde aufgebaut am 1. Mai zur großen internationalen Antikriegsdemonstration am Tag vor der Eröffnung der Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages.

Dort waren 40.000 Menschen aus der ganzen Welt, die durch Manhattans Straßen bis in den Central Park zogen und eine Welt ohne Atomwaffen und ohne Krieg forderten. Fasst 2000 Friedensorganisationen waren als Beobachter dabei, um die Verhandlungen zu begleiten – mehr als je zuvor.
Die nachfolgende Konferenz endete in einem Fiasko. Die USA nahmen für sich in Anspruch, dass bereits getroffene Vereinbarungen keine Gültigkeit mehr hätten. Das war inakzeptabel für die zahllosen anderen Staaten. Mehr als drei Wochen konnten sich Regierungen nicht einmal auf eine Tagesordnung einigen.
Das war kein Beleg für die Unfähigkeit der UN, es war ein politischer Sabotage-Akt der Bush-Regierung. Da ist es schwierig, Ländern wie Nordkorea Vorwürfe zu machen, sie würden sich nicht an geltendes Recht halten, wenn man nicht selbst nicht gewillt ist, Recht einzuhalten.

Ich habe es gesagt, viele Menschen weltweit lassen sich vom Thema Frieden bewegen. Aber wie können wir die Themen auch für die Menschen hier zum Beispiel in Bremen wieder erreichbar machen. Eine Initiative heißt „Bürgermeister für den Frieden“. In Deutschland sind mehr als 240 Städte und Gemeinden in diesem Netzwerk aktiv. Das ehrgeizige Ziel: Die Voraussetzungen zu schaffen, bi zum Jahr 2020 alle Atomwaffen abzurüsten, notfalls mit Verhandlungen außerhalb der UN. München, Berlin, Köln und Hannover gehören in Deutschland dazu. Und Bremen? Unser Bürgermeister Henning Scherf hält eine formale Unterstützung nicht für nötig. Ich finde das sehr schade und fordere Henning Scherf hiermit nochmals auf, den Bürgermeistern für den Frieden beizutreten. Er sollte diesem Thema doch eigentlich aufgeschlossen gegenüber stehen.

Ich arbeite als Arzt Im Klinikum Bremen-Ost. Wir haben heute technische Möglichkeiten in der modernen Medizin, die noch vor wenigen Jahrzehnten absolut undenkbar gewesen wären. Einer der bedeutendsten Ärzte ist der weltberühmte Herzspezialist Prof. Bernard Lown aus Boston. Was er geschaffen hat, nutzen wir jeden Tag. Sie alle hier profitieren davon. Prof. Lown ist zugleich Mitbegründer der IPPNW. Er sagt immer: Wer das Unsichtbare sieht, kann das Unmögliche schaffen.

Ich lade Sie alle ein: beteiligen wir uns - sehen wir das Unsichtbare, schaffen wir das Unmögliche. Schaffen eine Welt, die sich mit ihren Ressourcen den wesentlichen Fragen widmet - schaffen wir eine friedliche Welt ohne Atomwaffen.

Dr. med. Lars Pohlmeier, Int. Vorstandsmitglied der
IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges



zurück

Reden zu den Jahrestagen

Bilder von Gedenkveranstaltungen

Hibakusha Weltweit

Die Ausstellung können Sie bei uns ausleihen! Alle Infos zu Inhalten und Ausleihe unter: survivors.ippnw.de/hibakusha-weltweit.html

Schilddrüsenkrebsscreening in der Präfektur Fukushima. Foto: (c) Ian Thomas Ash

Ausstellung Hiroshima-Nagasaki

Ausstellung zu Hiroshima-Nagasaki (17 DIN A2-Plakate). Per Mail bestellen.

Begleitende Broschüre (32 Seiten DIN A4).
Broschüre lesen
| Broschüre bestellen

Weitere Materialien

To Survive is to Resist: Überleben bedeutet Widerstand leisten. 4-seitiges Faltblatt  zu den Folgen von Atomwaffeneinsätzen und -tests.
Download | Bestellen

IPPNW-Thema: Nuclear Justice Now! 12 Seiten mit aktuellen Themen zu Atomwaffen und nuklearer Gerechtigkeit.
Lesen | Bestellen

IPPNW-Report: Nukleare Hungersnot. Auch ein „regionaler“ Atomkrieg hätte katastrophale weltweite Folgen für die Menschheit. 
Download
| Bestellen

 

 

 

Ansprechpartner*innen


Xanthe Hall

Abrüstungsreferentin
Expertin in Fragen zu Atomwaffen
Tel. 030 / 698074 - 12
Mobil 0177 / 475 71 94
Kontakt

Navigation