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Kriege verhüten mit Atomenergie?

Der wundersame Strategiewechsel der Atomlobby

Foto: IPPNW
09.11.2018

Seit Eisenhowers berüchtigter ‘Atoms for Peace‘ Rede in der UN Vollversammlung 1953 versucht die Atomindustrie, jegliche Verbindung zwischen ziviler Atomenergie und militärischer Atomwaffen zu überdecken. Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass beide Seiten der atomaren Medaille die selbe Infrastruktur zur Versorgung mit spaltbaren Materialien benötigen und oft dieselben Firmen, Ministerien, Ämter und Organisationen hinter dem Bau von Atomkraftwerken und der Produktion von Atomwaffen stecken, wurden diese Verbindungen jahrzehntelang tabuisiert, verheimlicht und negiert.


Einer der international einflussreichsten publizistischen Lobbyisten der Atomenergie, Michael Shellenberger (Breakthrough Institute, Verfasser des ‘Ecomodernist Manifesto‘), hatte noch im letzten Jahr davon gesprochen, dass Atomenergie die Verbreitung von Atomwaffen verhindern würde und die Verknüpfung von Atomwaffen und Atomenergie "eine der größten Lügen" der Umweltbewegung sei. Diese Argumente decken sich mit den offiziellen Verkündungen der Atomindustrie und den Positionen von Atomlobbyorganisationen wie der IAEO oder dem UN-Gremium UNSCEAR.


Angesichts des enormen Drucks, unter dem die Atomindustrie durch den Erfolg der erneuerbaren Energien aktuell steht, scheint jedoch ein Paradigmenwechsel erfolgt zu sein. Wirtschaftlich sind Atomreaktoren längst nicht mehr rentabel. Mit den niedrigen Produktions- und Stromerzeugungskosten von erneuerbaren Energien können sie schlichtweg nicht mithalten. Das ökologische Argument, Atomenergie sei eine grüne Technologie, verfängt angesichts der katastrophalen Folgen von Uranbergbau und Atomunglücken und dem desaströsen Problem der Atommüllentsorgung ebenfalls nicht mehr.


Nun scheint die Atomindustrie eine neue Verkaufsstrategie erdacht zu haben: die Wahrheit zu sagen, nämlich, dass Atomenergie für die Entwicklung und Aufrechterhaltung militärischer Atomwaffenprogramme notwendig ist. Ohne Atomkraftwerke, die Plutonium ausbrüten, könnte man keine modernen Atomwaffen herstellen und ohne Atomwaffen gäbe es keine Notwendigkeit für Atomkraftwerke.


Mit dieser neuen, überraschenden Argumentation versucht Michael Shellenberger seit August dieses Jahres für die Atomindustrie zu trommeln. In einem Artikel auf der Website 'Environmental Progress'  schreibt Shellenberger:  "Es kommt uns nun so vor, dass nationale Sicherheit, also eine Waffenoption zu besitzen, oft der wichtigste Faktor für einen Staat ist, in friedliche Atomenergie einzusteigen."1


In einem Artikel im Forbes Magazin am nächsten Tag wird Shellenberger noch deutlicher: “Nach nunmehr 60 Jahren, in denen nationale Sicherheit Atomenergie ins internationale System eingeführt hat, können wir nun ‘Kriegsverhütung’ zu der Liste der hervorragenden Eigenschaften von Atomenergie hinzufügen.” Er schreibt weiter: “Indem sie die Verbindung zwischen Atomenergie und Atomwaffen verleugnet, bestärkt die Atomgemeinschaft den weitverbreiteten Glauben, dass Atomwaffen die Welt unsicherer gemacht haben, obwohl das Gegenteil der Fall ist.”2


Im selben Monat veröffentlichte Shellenberger im Forbes Magazin einen weiteren Artikel, in dem er vorschlägt, dass Länder wie Deutschland oder der Iran sich atomar bewaffnen sollten, um mehr Stabilität und Sicherheit zu schaffen.3 Er befürwortet ganz explizit das nordkoreanische Atomwaffenprogramm und argumentiert, dass Antiproliferationsmaßnahmen wie der Atomwaffensperrvertrag beendet werden müssten. Er scheint, als würde Shellenberger in seinem Versuch, Gründe für eine Fortführung der zivilen Atomenergie zu suchen, alle Hemmungen verlieren.


Unabhängig von den Beweggründen, die zu Shellenbergers erstaunlicher 180°-Wende in Sachen Atomwaffen geführt haben mag, bieten seine Ausführungen zahlreiche wertvolle Argumente. So stellt er unter anderem fest, dass von 26 Staaten, die derzeit Atomreaktoren bauen oder dies offiziell vorhaben, 23 entweder Atomwaffen besitzen, besaßen oder ein Interesse an deren Entwicklung gezeigt haben. Lediglich Finnland, Ungarn und Polen hatten keine nachweisbaren Ambitionen zum Bau von Atomwaffen und investieren dennoch in zivile Atomenergie.


Shellenberger bezeichnet die Fähigkeit, Atomwaffenprogramme zu entwickeln, als die entscheidende Grundlage für die Investition in Atomenergie. Insgesamt listet er 20 Staaten auf, die zivile Atomenergieprogramme auch aus militärischen Absichten verfolgt haben: Ägypten, Argentinien, Australien, die Bundesrepublik Deutschland, Brasilien, Frankreich, Italien, Indien, der Iran, der Irak, Israel, Japan, Jugoslawien, Libyen, Norwegen, Rumänien, Südafrika, Schweden, die Schweiz und Taiwan. Unerwähnt lässt er dabei China, Großbritannien, Nordkorea, Pakistan, Russland und die USA, die natürlich auch alle zivile Atomenergieprogramme hatten, um Atomwaffen zu entwickeln. Shellberger stellt zudem fest, dass Länder wie Vietnam oder Südafrika, die aktuell keinen relevanten militärischen Bedrohungen unterliegen, sich aus diesem Grund kürzlich gegen zivile Atomenergie entschieden hätten.2  


Prominente Unterstützung erhalten Shellenbergers Argumente bezüglich der Verquickungen der militärischen und zivilen Atomindustrie vonseiten der britischen Sussex University. Die hatte zeigen können, dass die wesentlichen Beweggründe für den Bau neuer, wirtschaftlich nicht tragfähiger Atomreaktoren in Großbritannien militärischer Natur waren: der Erhalt einer nationalen Atomindustrie, mit atomarer Infrastruktur, also der Ausbildung und dem Training von Atomwissenschaftler*innen, Forschung und Entwicklung und einer Versorgungskette mit spaltbaren Materialien.


Die Kosten der Aufrechterhaltung der Trident Atom-U-Boote im schottischen Faslane würde ohne die Investitionen in den zivilen Atomsektor maßgeblich im Staatshaushalt zu Buche schlagen und möglicherweise politischen Widerstand gegen die Fortführung und Modernisierung des Trident-Programms hervorrufen. So ist stattdessen eine klandestine Querfinanzierung des britischen Atomwaffenprogramms durch vermeintlich zivile Atomforschung und -entwicklung geplant.4


Es bleibt abzuwarten, ob die Atomlobby auf dem von Shellenberger eingeschlagenen Weg in Zukunft versuchen wird, staatliche Unterstützung für neue Atomenergieprogramme einzuwerben oder ob ihre neue ‘Ehrlichkeitsoffensive‘ letztlich nach hinten losgeht. Für die Umweltbewegung muss weiterhin klar sein, dass Atomenergie keine Alternative zu fossilen oder erneuerbaren Energien darstellt, sondern ein unverantwortliches Risiko für Umwelt, Gesundheit und Sicherheit. Die neue Offenheit bezüglich der engen Verbindungen zwischen ziviler und militärischer Atomtechnologie spielen der Argumentation der Atom-Kritiker eher in die Hände, da sie Bedenken und Misstrauen gegenüber dieser riskanten Technologie nur erhärten.


Dr. med. Alex Rosen
Vorstand der deutschen IPPNW


Quellen:

1 - Shellenberger M. "How Nations Go Nuclear: An Interview With M.I.T.'s Vipin Narang". Environmental Progress, 28. August 2018

2 - Shellenberger M. "For Nations Seeking Nuclear Energy, The Option To Build A Weapon Remains A Feature Not A Bug". Forbes Magazine, 29. August 2018

3 - Shellenberger M. "Who Are We To Deny Weak Nations The Nuclear Weapons They Need For Self-Defense?" Forbes Magazine, 06. August 2018

4 - Research shows link between civil and military nuclear in UK" Sussex University Science Policy Research Unit

 

Weitere Infos:

Green J. "The myth of the peaceful atom". Nuclear Monitor. 28. Mai 2015

Green J. "Nuclear power lobbyist Michael Shellenberger learns to love the bomb". Ecologist, 20.09.2018

Paulitz H. "Militärische Motive bei Hinkley Point" IPPNW Atom-Energie-Newsletter, 11. November 2016

Rosen A. "Why nuclear energy is not an answer to global warning". MedAct Conference, 9. Dezember 2016.  

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