Forum: Sie sagen, radioaktive Strahlung sei gefährlicher als bisher angenommen. Warum?
Wolfgang Hoffmann: Ich würde eher sagen, man weiß heute viel mehr über die Gefährlichkeit der Strahlung als früher. Das liegt daran, dass sich die epidemiologische Datenlage inzwischen verbessert hat. Bis vor wenigen Jahren beruhte die Risikoforschung ganz wesentlich auf den Daten der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, die durch eine - glücklicherweise - extrem ungewöhnliche Strahleneinwirkung betroffen waren. Die Menschen dort waren in kurzer Zeit einer hohen Strahlendosis mit einem speziellen Energiespektrum ausgesetzt. Eine solche Strahlung kommt in beruflichen Zusammenhängen nicht vor. Zudem leidet die Hiroshima-Studie unter methodischen Einschränkungen, die insgesamt zu einer Unterschätzung des Strahlenrisikos geführt haben.
In jüngster Zeit häufen sich epidemiologische Studien, die große Gruppen untersuchen, die über eine lange Zeit niedrigen Strahlendosen ausgesetzt waren. Dies ermöglicht eine realistischere Risikoabschätzung. Dazu gehören Studien an Röntgenassistenten, an Patienten, die viel geröntgt wurden, sowie auch neue Untersuchungen zur Belastung durch das radioaktive Edelgas Radon. Sie alle zeigen, dass das Risiko pro Dosiseinheit höher ist, als auf der Grundlage der Hiroshima-Studie geschätzt wird.
Forum: Das heißt, die bisherige Einschätzung der Strahlenschäden durch die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) ist problematisch?
Hoffmann: Ja, aus zwei Gründen. Erstens, weil sich die Strahlenschutzkommission zu stark auf die Hiroshima-Daten stützt, die für chronische Niedrigexposition nur bedingt aussagekräftig sind und zweitens weil die Daten zu alt sind. Die Risikoabschätzung beruht auf epidemiologischen Daten, die schon 10 bis 20 Jahre alt sind. Das ist aber problematisch, weil in den vergangen 10 Jahren noch weitere strahlenbedingte Krebserkrankungen bei den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki aufgetreten sind, beispielsweise Brustkrebs.
Forum: Elisabeth Cardis und Mitarbeiter fanden in ihrer Multicenterstudie aus dem Jahr 2005 bei Arbeitern in Atomanlagen bei einer Strahlenexposition von 100 Milli-Sievert (mSV) ein um 10 % erhöhtes Risiko an Krebs zu sterben gegenüber der nicht belasteten Bevölkerung. Was bedeutet das für den Strahlenschutz im technischen und medizinischen Bereich?
Hoffmann: Diese Studie ist sehr wichtig. Sie ist die größte bisher veröffentlichte Studie an Beschäftigten von Atomanlagen in verschiedenen Ländern. Sie basiert auf einer detaillierten dosimetrischen Überwachung und wurde mit einer aufwendigen epidemiologischen Methodik durchgeführt. Insofern sind die Ergebnisse sehr aussagekräftig für die realistisch vorkommenden Belastungen im niedrigen Dosisbereich. In dieser Studie war die gesamte beruflich bedingte Dosis im Durchschnitt der Beschäftigten 19,4 mSV. Die Autoren schätzen, dass 1-2 Prozent der jährlichen Krebstodesfälle auf die berufliche Strahlenbelastung zurückzuführen sind. Das bedeutet, dass für 100 mSV das Krebsrisiko um 10 % steigt, für 200 mSV um 20 % usw. Selbst bei niedrigen Dosen, die weit unter den erlaubten Grenzwerten liegen, existiert also ein epidemiologisch nachweisbares erhöhtes Krebsrisiko. Das konnte in niedrigen Dosisbereichen bisher so präzise noch nicht gezeigt werden.
Forum: Welchen natürlichen Strahlenquellen ist die Bevölkerung denn ausgesetzt und welche gesundheitlichen Auswirkungen hat "menschengemachte" Strahlenexposition?
Hoffmann: Die menschengemachte Strahlenexposition hat genau die gleichen Auswirkungen wie die natürliche Strahlenexposition. Auch natürliche Stralung verursacht Krebserkrankungen und andere Erkrankungen. Die Summe der menschengemachten Exposition entspricht ungefähr der natürlichen Strahlung, nämlich 2,3-2,5 mSV im Jahr. Der weitaus größte Anteil von über 90 % der künstlichen Strahlungen entfällt auf das diagnostische Röntgen. Die restlichen Prozente entstehen durch berufliche Belastungen sowie die Belastung aus oberirdischem Fallout durch Atomwaffenversuche oder nach dem Super-GAU von Tschernobyl.
Forum: Nach dem Tschernobylunfall wurden die Gesundheitsrisiken durch die Strahlenexposition von offizieller Seite bestritten. Es hieß: Die Dosis sei viel zu klein, um einen erkennbaren Effekt hervorzurufen. Gleichzeitig meldeten Wissenschaftler aus der ehemaligen Sowjetunion eine Zunahme von Krebs-, Leukämie- und anderen Erkrankungen in den betroffenen Gebieten.
Hoffmann: Die Dosis, die auf die vom Fallout betroffenen Menschen eingewirkt hat, ist zunächst vielfach unterschätzt worden. Es ist insgesamt davon auszugehen, dass die Strahlenbelastungen in der Umgebung des Tschernobylreaktors zu einer Erhöhung von Krebs- und anderen Erkrankungen geführt haben. Dies war zunächst schwer nachzuweisen, weil es eine Latenzzeit gibt und man in den ersten Jahren keine erhöhte Krebsrate erwartet hat. Zudem hat der massive Umsiedlungsprozess und die Verteilung der sogenannten Liquidatoren nach ihrem Einsatz über die gesamte Sowjetunion eine wirkliche Nachverfolgung der Krankheitsfälle sehr erschwert. Deshalb wurde verschiedentlich die Vermutung geäußert, es gäbe keine erhöhte Krebsrate durch Tschernobyl. In jüngerer Zeit sind aber mehrere Studien in internationalen Fachzeitschriften erschienen, die zeigen, dass diese Annahme falsch ist. Es wird tatsächlich eine erhöhte Leukämierate in exponierten Gruppen beobachtet. Für kindliche Leukämien kann dies auch in den benachbarten europäischen Ländern nachgewiesen werden.
Forum: Die deutsche Strahlenschutzkommission schreibt in einer Stellungnahme vom 17. Februar 2005: "Der heutige Wissensstand über mögliche gesundheitliche Effekte des Tschernobylunfalls entspricht im Wesentlichen der zusammenfassenden Darstellung durch UNSCEAR im Jahr 2000. Neben der Erhöhung der Schilddrüsenkrebsinzidenz in den hoch kontaminierten Gebieten Weißrusslands, der Ukraine und Russlands gibt es keine Evidenz für Gesundheitsschäden in der Bevölkerung, die durch die Strahlenexposition in Folge des Unfalls direkt bedingt sind." Was sind Ihre Forderungen an die Kommission?
Hoffmann: Die neueren epidemiologischen Befunde aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion müssen mit zur Beurteilung herangezogen werden. Zudem muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass wir bei einer Vielzahl der strahlenbedingten Krebserkrankungen von noch deutlich längeren Latenzzeiten ausgehen müssen. Auch das Auftreten von Schilddrüsenkarzinomen in Folge der Strahlung durch den Tschernobyl-GAU hatte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) zunächst ausgeschlossen. Später musste sie diese Einschätzung revidieren.
Das Interview führte Angelika Wilmen
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