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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Mai 2016

Preis "Courage beim Atomausstieg" an japanischen Ex- Premierminister Kan

12.05.2016

Am 30.4.2016 fand im Römer in Frankfurt die Verleihung des Preises „Courage beim Atomausstieg“ statt, der vom Ökostromunternehmen Elektrizitätswerke Schönau (EWS) gestiftet wurde. Dieses Jahr wurde dermit 10.000 € dotierte Preis an den Ex- Premierminister von Japan, NaotoKan, vergeben. Der Preis wurde in Kooperation mit der Stadt Frankfurt,der Evangelischen Kirche Hessen- Nassau und der Vereinigung von Juristen gegen Atomwaffen (IALANA) verliehen und vom EWS Inhaber Sebastian Sladek überreicht.

Die Veranstaltung wurde von der Stadträtin Rosemarie Heilig eröffnet, die Herrn Kan als einen der führenden Protagonisten des Atomausstiegs würdigte. In diesem Sinn arbeite auch die Stadt Frankfurt an dem Ziel, bis 2050 die ganze Stadt zu 100 % aus erneuerbaren Energien zu versorgen. Dabei handele es sich um ein für ganz Deutschland neues Projekt, das nicht nur von allen Stadtparlamentsparteien einstimmig getragen wird, sondern dessen Masterplan auch von der Universität, Wohnungsbaugesellschaften, Firmen, sozialen Diensten und der Verkehrsgesellschaft gemeinsam umgesetzt wird. Frau Heilig ist überzeugt, dass sogar große anfällige Anlagen wie Flughafen und Rechenzentrum alleine aus regenerativen Energien betrieben werden können. Gesellschaftliche Teilhabe sei Bestandteil dieses Konzepts.Anschließend sprach Pfarrer Dr. Achim Knecht von der Evangelischen Kirche Hessen- Nassau über den Anspruch der Kirche, sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Deswegen habe die Leitung der Kirche eindeutig Stellung gegen militärische und zivile Nutzung der Atomenergie bezogen und so bewusst interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit mit Verbänden gesucht. Dazu gehören in Kooperation des Zentrums Ökumene die IPPNW, die IALANA, Anti- Atom- Initiativen und Journalisten.

Unterschiedliche Religionen lehnen die Nutzung der Atomenergie ab. Somit sei ein Austausch und weitere Zusammenarbeit zwischen Christen, Buddhisten, Muslimen, Opfern und Klägern gegen Atombetreiber, Technikern etc. maßgeblich im internationalen Kampf gegen Atomenergie weltweit. „Deswegen unterstützen wir die Japaner, die den Atomausstieg beabsichtigen, und zollen unsere Hochachtung Herrn Kan, der den Mut hat, seine frühere Einstellung zur Atomkraft zu ändern. Seine Courage macht vielen Menschen Mut, für Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung und für Frieden einzutreten.“

In der folgenden Laudatio betonte der ehemalige Bundesumweltminister, jetzt MdB, Jürgen Trittin, die Ehre, Herrn Kan zum Preis gratulieren zu dürfen. Es bedürfe Mut, wenn man etwas verändert. Aber der meiste Mut würde abverlangt werden, wenn man sich selbst verändert, wenn man eingesteht, dass man sich getäuscht hatte. Dazu zitierte Herr Trittin aus Naoto Kans Buch, der früher glaubte, bei guter Kontrolle könne kein großer Unfall passieren und der sich nach dem Super-GAU um 180 º gewendet hat. Trittin erzählte weiter aus diesem Buch, wie Verantwortliche die Dimension herunterspielten, während Kan im persönlichen Gespräch mit Fischern, die alles verloren hatten, das Ausmaß erkennen konnte.

Früher waren die Länder Japan und Deutschland im Konsens, Atomenergie sei beherrschbar, friedlich und billig. Doch die Katastrophen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima widerlegten die Beherrschbarkeits- These.
Das Attribut „friedlich“ stehe im Gegensatz zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Das Wissen für Atomwaffen stamme aus der Nuklearenergie- Forschung. Aus diesem Grund wolle Brasilien den Weg der Atomenergie einschlagen – um wie Japan und Deutschland die Option zum Atombombenbau aufrechtzuerhalten. Entsprechend passe es, dass der erste deutsche Atomminister, Franz Josef Strauß, später Verteidigungsminister wurde. Er habe die Urananreicherung aus dem Atomwaffensperrvertrag herausgenommen. Heute wird in Gronau Uran angereichert und in Lingen werden Brennelemente hergestellt, was Trittin als widersinnig in Merkels Ausstiegspolitik bezeichnete.

Die Aussage „billiger Atomstrom“ sei ein Irrtum, denn Atomenergie sei von Anfang an subventioniert worden. Beispiele dafür seien die Entsorgung der Forschungsanstalt Karlsruhe mit 5 Mrd. €, die Sanierung des Versuchsendlagers Asse mit mehreren Mrd. € und eine von der britischen Regierung versprochenen Gesamtsubvention für das AKW Hinkley Point C von 22 Mrd. €.
In Deutschland sei man sich insgesamt einig, dass der Einstieg in die Atomenergie ein Fehler war. Durch den folgenden Atomausstieg seien in Deutschland Betriebe wie die EWS und ca. 350.000 Arbeitsplätze im regenerativen Energiebereich entstanden. Im Jahr 2012 trugen erneuerbare Energien zu 20 % der Stromproduktion bei.

Obwohl die Photovoltaik zu einer 90 % igen Kostenreduktion in der Stromproduktion führte, habe die Koalitions- Regierung in Deutschland Freiflächen gesperrt,  die „Erneuerbaren Energie Umlage“ eingeführt und künftig solle eine Deckelung der Windenergie erfolgen, um insgesamt die Stromerzeugung aus alternativer Energie auf 45 % zu begrenzen. Somit befinde sich auch Deutschland noch im „Atomaren Dorf“ – ein Begriff, der in Japan  die Verflechtung der Atomwirtschaft mit der Regierung bezeichnet.
Durch diesen Politikwandel seien in Deutschland viele kleine mittelständische Betriebe in Konkurs geraten und ca. 50.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.
Die Energiewende sei eine demokratische Errungenschaft, die zu mehr Markt und Wettbewerb führt und hilft, Monopole sowie Oligopole der Konzerne, „die sich wiederum die Regierungen halten“, zu stoppen. Zum Abschluss seiner Rede lobte Jürgen Trittin: „Herr Kan, Sie haben das Atomare Dorf verlassen! Das kostete Sie Ihren Posten. Dafür erhalten Sie den Preis und unseren Respekt!“

Als Nächstes berichtete der ehemalige Premierminister Kan, wie er direkt nach der Fukushima Katastrophe vor seinem inneren Auge die starke Explosion von Tschernobyl sah und daran dachte, dass dort aber nur ein Reaktor geschmolzen war.

Am 15.3.2011, dem fünften Tag der Katastrophe, habe der Chef des Betreibers TEPCO dem Wirtschaftsminister mitgeteilt, dass er seine Arbeiter vom Atomkraftwerk zurückziehen wolle. Daraufhin habe sich der Wirtschaftsminister an seinen Premierminister gewandt, der zwar die Situation der Arbeiter verstand, aber dem Rückzug von TEPCO Einhalt gebot!

Von einem Nuklearexperten habe Kan ein Szenario für den schlimmsten Fall erhalten, nach dem in einem Umkreis von 250 km inklusive Tokio insgesamt 50 Millionen Menschen hätten evakuiert werden müssen. Laut Herrn Kan wäre Japan damit der Gefahr des Untergangs ausgesetzt. Die Situation hätte einer Niederlage in einem großen Krieg geglichen.

In seinem Buch habe Kan geschrieben, es sei nicht so weit gekommen durch den starken Einsatz der Mitarbeiter vor Ort, der Feuerwehrleute, aber auch mit Glück und durch die Hilfe der Götter. Seitdem setzte Naoto Kan seine ganze Kraft für den Atomausstieg ein und beabsichtigte, bis 2030 sein Land komplett auf erneuerbare Energien umgestellt zu haben. Allerdings kam im Jahr 2012 die LDP an die Macht und setzte sich das Ziel, im Jahr 2030 20 - 22 % des Energiebedarfs über Atomkraft abzudecken. Da jedoch die derzeitige Laufzeit der AKWs 40 Jahre beträgt, bedeute dies, dass sogar neue Reaktoren gebaut werden müssten. Auf der anderen Seite sei die Mehrheit der japanischen Bevölkerung gegen Atomenergie, Gerichte gingen immer wieder gegen Inbetriebnahmen vor und bisher wurden auch nur zwei Reaktoren wieder in Betrieb genommen.

Als er noch Premierminister war, sei eine seiner letzten Amtshandlung die Einspeisung von Strom zu einem  Festpreis gewesen, was zu einem Anstieg von Photovoltaikanlagen geführt habe.

Jedes Land der Erde verfüge über die Möglichkeit, alternative Energie durch Biomasse, Wind und Sonne zu gewinnen. Durch deren Nutzung würde der Kampf um Ressourcen als Ursache für Konflikte entfallen. So wäre die Nutzung regenerativer Energien ein wichtiger Schritt zum Frieden.

Gestern berichtete Familie Sladek Herrn Kan über die Geschichte der EWS. Seit April dieses Jahres sei es in Japan erstmals möglich, seinen Stromlieferanten selbst zu wählen. Daher sei es für die Japaner wichtig, die EWS als Vorbild zu haben.   „Mit neuem Mut, den ich durch den Preis bekommen habe, werde ich mit vielen Mitstreitern japanische EWS gründen. Dafür möchte ich den finanziellen Anteil des Preises investieren. Ich verspreche, mich persönlich mit ganzer Kraft für 0 % Atomkraft einzusetzen.“Nach der Preisverleihung hatte ein Mitglied des AK Atomenergie der IPPNW die Gelegenheit, dem Ex- Minister Fotos von der Fukushima Mahnwache in Bensheim sowie eine Deutschlandkarte von „ausgestrahlt“ mit allen Fukushima Mahnwachen zu übergeben. Herr Kan war freudig überrascht, von der Dolmetscherin zu erfahren, dass sich aktive Bürger tatsächlich jeden Montag zum Gedenken an die Opfer von Fukushima versammeln.

Von Dr. med. vet. Ursula Kia
IPPNW, AK Atomenergie

 

 

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