Reppenstedt, Berlin- Das Kieler Energieministerium veröffentlichte am 18.10.00 eigene Ergebnisse zu Plutoniummessungen in altem abgelagertem Dachbodenstaub. In zehn Proben aus der Nahumgebung der Geestachter Atomanlagen (AKW Krümmel und Kernforschungsanlage GKSS) und in vierzehn Proben in fernab gelegenen Vergleichsregionen in Schleswig-Holstein habe sich nicht einmal ansatzweise ein Einfluß der kerntechnischen Anlagen auf die Konzentrationen von Plutonium- und Cäsiumnukliden erkennen lassen.
Diese Untersuchung, die durch ein Labor der LUFA (landwirtschaftliche Untersuchungs- und Forschungsanstalt) koordiniert und zum Teil dort auch meßtechnisch durchgeführt wurde, hatte zwar im Hinblick auf Mittelwerte keine auffälligen Erhöhungen im Untersuchungsgebiet ergeben. Externe Wissenschaftler weisen in einer Stellungnahme an die Landesregierung vom 17.11.00 allerdings darauf hin, dass bei Nahbereichsproblemen ein Vergleich von Mittelwerten nicht ausreichend sei. Bei einer kleinräumigen Auswertung der vorgelegten Meßwerte ergebe sich eine Zunahme der Plutonium-241 Konzentrationen bei Annäherung an die Atomanlagen.
Mit dieser Aussage wird in der Spiegel-Ausgabe der heutigen Woche der Gießener Physik-Professor Scharmann zitiert, Atomkraftbefürworter und langjähriges Mitglied der Strahlenschutzkommission der alten Bundesregierung. Laut Stellungnahme der externen Physiker deuten sich auch bezüglich der anderen untersuchten Nuklide "Abstandgradienten" an.
Das auffällig erhöhte Plutonium-Nuklid 241 ist charakteristisch für Reaktorplutonium. Die Kieler Landesregierung bestätigt zwar, dass die gemessenen Konzentrationen dieses Nuklids nicht als Relikt der Atombombenversuche der 50er und 60er Jahre interpretiert werden können. Die hohen Plutonium 241-Konzentrationen seien überwiegend aus Tschernobyl-Einträgen erklärbar. Diese Interpretation steht allerdings im Widerspruch zu Aussagen der Strahlenschutzkommission von 1989 (Bundesminister für Umwelt, Naturschutz u. Reaktorsicherheit: "Strahlenexposition und Strahlengefährdung durch Plutonium).
Danach war die Erhöhung der Plutoniumnuklide in Umweltmedien durch den Reaktorunfall von Tschernobyl selbst im stärker belasteten Süddeutschland vernachlässigbar gering (Zunahme von Plutonium in Umweltmedien in Süddeutschland 1986 nur 0,1 bis 0,4%). Es ist daher nicht vorstellbar, dass Ende der neunziger Jahre im gering belasteten Norddeutschland hohe Plutonium-241 Konzentrationen durch Tschernobyleinträge erklärt werden sollen.
1998 hatte erstmals die Bremer Physik-Professorin Inge Schmitz-Feuerhake im Auftrag der Bürgerinitiative Messungen an abgelagertem Dachbodenstaub vorgenommen und Anhaltspunkte für eine Kontamination der Region mit Reaktorplutonium gesehen. Diese Interpretation wurde seinerzeit von der Kieler Landesregierung vehement zurückgewiesen. Zwischenzeitlich wurde die Probenserie mit verbesserter, sehr präziser Methodik in einem durch einschlägige Publikationen in international angesehenen Zeitschriften renommierten Labor wiederholt. Die auffällige Kontamination von Elbmarschproben mit Reaktorplutonium hat sich in dieser zweiten Meßreihe deutlich bestätigt (siehe Strahlentelex September und Oktober 2000, Internet unter www.strahlentelex.de).
Im Rahmen einer gemeinsamen Sitzung der schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Leukämiekommissionen am Freitag der vergangenen Woche (3.12.) konnte das Kieler Energieministerium keine Erklärung für die auffällig hohen Plutonum 241-Messwerte und die von den hessischen Wissenschaftlern aufgezeigten Abstandsgradienten geben. Vom Kieler Energie-Staatssekretär Voigt (Bündnis 90/Grüne) wurde jedoch bekräftigt, dass seine Behörde keinen aufsichtlichen Handlungsbedarf bezüglich des Atomkraftwerkes Krümmel sieht. Gleichwohl wurde vereinbart, dass kurzfristig eine Arbeitsgruppe der Leukämiekommissionen ein Untersuchungskonzept zur weiteren Überprüfung der Plutonium-Hypothese vorlegen wird. An der Sitzung nahmen neben den Wissenschaftlern auch drei Staatssekretäre der beteiligten schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Ministerien teil.
Rückfragen bitte an:
Dr. med. Helga Dieckmann
Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch
IPPNW - Ärzte gegen den Atomkrieg, Regionalgruppe Lüneburg
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