Aus Forum 176 / 2023

Atomare Mythen entlarven

Mit einem Dokumentarfilm klärt Filmemacherin Jan Haaken über Mini-AKWs auf

Frau Haaken, Ihr Dokumentarfilm „Atomic Bamboozle“ befasst sich mit der „Neuverpackung“ der Atomenergie in Form von kleinen modularen Reaktoren (SMR). Worum geht es?

Die wichtigsten und immer wiederkehrenden Probleme der Atomenergie sind ungelöst, daran änder sich durch die SMR nichts – Konzepte in verschiedenen Entwicklungsstadien, die weniger als 300 Megawatt pro Einheit erzeugen würden, was etwa einem Drittel der Kapazität herkömmlicher Reaktoren entspricht. Das modulare Konzept sieht vor, sie in Fabriken zu bauen und dann weitere SMR-Einheiten zu verkaufen. Die Werbung für SMRs hat eine Aura von irreführender Verspieltheit. Die Entwürfe sehen aus wie Lego-Baukästen und distanzieren sich in ihrer Bildsprache bewusst von den alten Reaktortürmen. Trotz öffentlichkeitswirksamer Katastrophen wie in Hanford im US-Bundesstaat Washington und in Fukushima in Japan weist die Atomindustrie nach einigen Maßstäben eine gute Sicherheitsbilanz auf. Dabei bleibt jedoch unberücksichtigt, dass die Abfälle dauerhaft bleiben, dass Unfälle Ökosysteme wie den Columbia River schädigen können und dass die Gemeinden in der Nähe der Reaktoren und der Abfalllager – häufig indigene Völker – die Kosten tragen müssen. Hinzu kommt, dass Unfälle in Atomenergiewerken weitaus häufiger vorkommen, als die öffentlichkeitswirksamen Katastrophen vermuten lassen.

Am kritischsten ist vielleicht, dass die USA der Einrichtung eines Endlagers für Atommüll nicht näher gekommen sind als vor einem halben Jahrhundert. Inzwischen erklären Experten wie der Geochemiker Lindsay Krall, dass Kernreaktoren mehr Abfall pro Megawattstunde produzieren als große Reaktoren.

„Wir brauchen alle verfügbaren Werkzeuge gegen die Klimakrise“,  Befürworter*innen der Atomenergie wiederholen diesen Satz wie ein Mantra.

Die Klimakrise ist ein planetarer Notfall. Ich verstehe, wie verzweifelt die Menschen angesichts der Klimakrise sind, aber der unternehmerische und staatliche Vorstoß in Richtung Atomkraft erinnert mich an magisches Denken. In schwierigen Krisensituationen sind die Menschen sehr empfänglich für Technologien, die durch ihren Glanz und die Aura futuristischer Möglichkeiten bestechen. Umweltschutz und erneuerbare Energien sind nicht so sexy wie das Branding von „Tomorrowland“, aber sie sind die Antworten, die wir brauchen. Die Atomenergie hat eine leidvolle Geschichte. Ich weiß noch, wie die Anti-Atom-Bewegung für die Abschaltung des Trojan-Reaktors in Oregon kämpften, der dann 1992 nach jahrzehntelangen Protesten stillgelegt wurde. Der Vorstoß für neue atomare Projekte nutzt eine „Generationenamnesie“ aus und spricht Millennials an, die mit dem öffentlichen Diskurs über die Klimakrise aufgewachsen sind, aber nicht mit Themen wie Atomunfälle oder Atomwaffen.
Mit „Atomic Bamboozle“ wollte ich ein Stück dieser historischen Erinnerung in das Medium des Dokumentarfilms bringen. Die Geschichte der Atomindustrie wird im öffentlichen Bewusstsein immer wieder „verdrängt“ – eine Form des Vergessens, die von der Atomindustrie selbst und ihren staatlichen Unterstützern gefördert wird.

Was hat Sie zu diesem Film inspiriert?

Ich habe Anfang 2022 mit der Arbeit an „Atomic Bamboozle“ begonnen, nachdem die indigenen Anführer*innen, die in meinem Dokumentarfilm „Necessity“ über den Klimanotstand zu sehen waren, meine Neugier geweckt hatten. Damals sprach Cathy Sampson-Kruse, eine Aktivistin der Stämme des Umatilla-Reservats, über die Gefahren der Atomkraft und fossiler Brennstoffe. Sie hatte aus näch-ster Nähe miterlebt, was die andauernde Katastrophe in Hanford für Land, Wasser, Wildtiere und indigene Stämme am Columbia River angerichtet hatte.

Dekontaminierung in Hanford. Foto: US Department of EnergyDie auffällige Werbung für SMR in Verbindung mit jungen und modernen Technologien hat mich dann veranlasst, öffentliche Berichte zu lesen und Regulierungsbehörden und Ingenieur*innen zu befragen. Es hatte einen starken Beigeschmack von Propaganda, die von den Befürworter*innen der Atomenergie dominiert wurde. Meiner Meinung nach sind Propagandasprüche solche, die Probleme, die durch ihre Produkte aufgeworfen werden, entweder leugnen oder herunterspielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen, die an der Entwicklung von AKW beteiligt sind, sehr wenig Interesse daran haben, auf die Bedenken der Öffentlichkeit einzugehen. Deshalb hielt ich es für wichtig, zu intervenieren. Ich wollte zeigen, wie die Unternehmen selbst für ihre Produkte werben und den Bedenken der Öffentlichkeit eine Stimme geben, die von der Industrie weitgehend abgetan wurden. In dem Film greift Dr. M.V. Ramana, Physiker, Professor und internationaler Experte für Atomenergie und Kernreaktoren, vier kritische Probleme mit Kernreaktoren auf: Kosten, Unfälle, Abfall und Verbreitung.

Wie ist der aktuelle Stand der SMR-Zulassungen in den USA?

Die SMR befinden sich in unterschiedlichen Planungsphasen, die eine umfangreiche behördliche Prüfung auf Bundesebene beinhalten. Sie sind noch viele Jahre davon entfernt, Realität zu werden. Während der letzten Legislaturperiode hier in Oregon wurden fünf Gesetzentwürfe im Zusammenhang mit der Atomenergie eingebracht, von denen zwei darauf abzielen, das Moratorium von 1980 gegen den Bau neuer Anlagen in Oregon aufzuheben, bis ein Endlager auf Bundesebene bestätigt ist.
Die Befürworter dieser Gesetzentwürfe konnten sie nicht durchsetzen, obwohl die Vorschläge zur Förderung dieser Industrie hier und anderswo unvermindert weitergehen. Letztes Jahr wurden in 19 Bundesstaaten Gesetze zur Förderung von Atomenergieanlagen verabschiedet, die auch den Bau auf Altlasten untersuchen, die von Kohle-, Öl- oder Gasunternehmen hinterlassen wurden. Außerdem wird politischer Druck auf die Atomaufsichtsbehörde ausgeübt, um die Sicherheitsvorschriften und Anforderungen für Notfallzonen um AKW zu lockern, mit der Behauptung, dass diese völlig sicher sein werden – eine Behauptung, die eher auf Wunschdenken als auf wissenschaftlichen Daten beruht.

Wo zeigen Sie den Film gerade und wie sind die bisherigen Reaktionen?

Der Film ist im März 2023 fertiggeworden. Wir haben ihn in Kinos im pazifischen Nordwesten und in Illinois sowie online gezeigt. Eine nationale Gruppe des Sierra Club in den USA hatte kürzlich eine virtuelle Vorführung und eine Podiumsdiskussion, um die Anti-Atom-Arbeit zu förden. Unsere Strategie ist es, den Film für Veranstaltungen von Basisorganisationen und Schulen zur Verfügung zu stellen und als Forum für öffentliche Diskussionen zu nutzen. Letzten Monat wurde ich von der estnischen „grünen Bewegung“ eingeladen, den Film in einem Kino in Tallin zu zeigen.

Da ich in meinem Berufsleben hauptsächlich als Pädagogin tätig war, finde ich diesen partizipativen Aspekt des Dokumentarfilms am befriedigendsten. Das Theater wird zu einer Art Klassenzimmer und die im Film erzählte Geschichte wird zu einem Medium für tieferes Denken und Dialog. Selbst Atomkraftbefürworter*innen, die an den Vorführungen teilgenommen haben, waren in der Regel sehr respektvoll. Aber noch wichtiger war mir, dass der Dokumentarfilm eine scheinbar tote Geschichte mit den lebendigen Fragen unserer Zeit verbindet. Ich wollte auch einen Film machen, der ästhetisch befriedigend ist – der visuell etwas von dem Reichtum und der Schönheit dieser Region einfängt – von Land und Wasser, die zu schützen unsere moralische Verpflichtung ist.

Wie greift Ihr Film die Beziehung zwischen Atomkraft und Atomwaffen auf?


Ich denke, es ist wichtig, diese miteinander verflochtenen Geschichten in Dokumentarfilme einzubringen, die sich nicht explizit auf die Schrecken der Atombombe oder die anhaltende Bedrohung durch Atomwaffen konzentrieren. In „Atomic Bamboozle“ unterbrechen wir das fröhliche Gerede von der nuklearen „Renaissance“ mit Clips, die einen Teil der Geschichte über die Ursprünge der Atomenergie erzählen.

Die Geschichte des Manhattan-Projekts in der Hanford Nuclear Reservation wird aus der Perspektive von Dr. Russell Jim erzählt, einem beliebten Ältesten der Yakama Nation, der sich gegen die Versuche der Bundesregierung wehrte, in Hanford ein geologisches Tiefenlager einzurichten. Wir zeigen Ausschnitte aus der Disney-Fernsehsendung „My Friend the Atom“ aus den 1950er Jahren, in der der Wissenschaftler die Atombombe als „schreckliche Energieverschwendung“ bezeichnet und erklärt, wie es der Wissenschaft gelang, „den Geist wieder in die Flasche zu stecken“. Diese und andere Ausschnitte, darunter John F. Kennedys Rede in Hanford in den frühen 1960er Jahren, machen die Hybris und imperiale Mentalität deutlich, die hinter der Förderung der Atomenergie durch die USA stehen. Bei der Erörterung der Probleme mit der Atomenergie geht der Physiker M. V. Ramana auf das Problem der Weiterverbreitung ein, das bei SMR noch akuter ist als bei konventionellen Reaktoren, da sie als äußerst mobil und als Rettung für abgelegene Gemeinden verkauft werden.

Mehr Infos: atomicbamboozle.com.
Die Website von Jan Haaken finden Sie unter: www.jhaaken.com

Jan Haaken ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Portland State University und Dokumen-
tarfilmerin. Das Interview führte Regine Ratke

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Ansprechpartner*in

Angela Wolff

Angela Wolff
Referentin Atomausstieg, Energiewende und Klima
wolff [at] ippnw.de

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Materialien

Titelfoto: Stephi Rosen
IPPNW-Forum 174: Der unvollendete Ausstieg: Wie geht es weiter für die Anti-Atom-Bewegung?
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