Auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes sollte heute Abend in Bensheim bei Darmstadt ein öffentliches Streitgespräch zwischen dem Betriebsratsvorsitzenden des RWE-Kraftwerks Biblis, Reinhold Gispert, und dem IPPNW-Atomexperten Henrik Paulitz stattfinden. Der RWE-Mann hatte schon im Vorfeld immer wieder gezögert, ob er sich der politischen Diskussion stellen will. Heute gegen 10.45 Uhr teilte Gispert mit, dass er nicht mehr dazu bereit sei, an der Veranstaltung teilzunehmen. Grund: Er habe zu kurzfristig erfahren, dass sein Diskussionspartner Overhead-Folien benutzen wolle. Dies sei ein Vorteil, den er nun nicht mehr aufholen könne. "RWE hätte sich vor meinen Folien nicht so sehr fürchten müssen", so Paulitz. Die erste Folie, die er heute Abend auflegen werde, bestehe aus den beiden Sätzen: "Seit über 30 Jahren streitet diese Gesellschaft über die Atomenergie. Vernünftige Menschen können sich einigen."
Die IPPNW hatte beabsichtigt, in fairer Weise ein rationales Gespräch mit dem Betriebsratsvorsitzenden über Kriterien der Energiepolitik zu führen. "Aber natürlich werde ich heute Abend auch Overhead-Folien zeigen, die die gravierenden Sicherheitsdefizite des Atomkraftwerks Biblis eindrucksvoll aufzeigen", so Paulitz. "Ich werde auf einen internationalen Vergleich der OECD verweisen, wonach es in Biblis bei einer Kernschmelze zu Wasserstoffexplosionen kommt, die den Sicherheitsbehälter zerstören mit der Folge massiver Freisetzungen von Radioaktivität. Schuld daran ist, dass es in Biblis einen Sicherheitsbehälter aus Stahl statt aus Stahlbeton gibt, der bei den erwarteten Drücken aufplatzt."
Die IPPNW verweist beispielsweise auch darauf, dass durch die Nachrüstung so genannter Wasserstoff-Rekombinatoren das Problem möglicherweise sogar verschärft wird: Experimente im Forschungszentrum Jülich haben gezeigt, dass diese Rekombinatoren entweder nicht funktionieren oder die gefürchteten Wasserstoffexplosionen geradezu herbeiführen. "Natürlich fällt es RWE schwer, diese Tatsachen zu entkräften", so Paulitz.
Die atomkritische Ärzteorganisation wollte dem Betriebsratsvorsitzenden des Atomkraftwerks Biblis dennoch eine Brücke bauen. "Drei Viertel der Bevölkerung sind nicht dazu bereit, das Risiko der Atomenergie zu akzeptieren", heißt es auf einer der gefürchteten Overhead-Folien von Paulitz. "Darf man in einem demokratischen Rechtsstaat einen nennenswerten Teil der Bevölkerung dazu zwingen, sich einem erheblichen Risiko auszusetzen, dem man sich nicht entziehen kann, zumal die Atomenergie für die Energieversorgung nicht erforderlich ist?"
Im Anschluss dann die letzte Folie mit einem Vorschlag für den RWE-Mann: "Warum sagen Sie nicht einfach: Wir haben 30 Jahre lang unseren Spaß gehabt. Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass das Unfallrisiko gering ist, akzeptieren wir, dass es in erheblichen Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz für das verbleibende Risiko gibt. Das Atomkraftwerk Biblis war nur für rund 19 Jahre konzipiert. Wir können daher akzeptieren, die Anlage jetzt nach rund 30 Jahren stillzulegen. Jenseits der Frage der Atomenergie-Nutzung sehen auch wir die Notwendigkeit, die Blockade in der Energiepolitik zu beenden. Wir wollen weder klimaschädliche, fossile Großkraftwerke noch neue Kriege um die letzten Rohstoffe dieser Erde."
"Ich wollte diesen Satz für Herrn Gispert noch auf Papier ausdrucken und mitbringen, dann hätte er die Erklärung gleich unterschreiben können", so Paulitz. "Damit hätten wir dann einen Schlussstrich ziehen können unter den leidigen Streit um die Atomenergie." Die IPPNW hofft nach wie vor, dass es zu einem Austausch der Argumente kommt.
Für Fragen können Sie sich wenden an:
Henrik Paulitz, Tel. 0171-53 888 22
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