Statement von Dr. Angelika Claußen in Lingen

Atomkraft ist eine Hochrisikotechnologie – zivil wie militärisch

Unter dem Motto „Atomkraft: Raus! Uranfabriken: Schließen! Energiewende: Jetzt!“ fand am ersten Oktober eine Demonstration in Lingen gegen Laufzeitverlängerungen, Urangeschäfte mit Russland und den Weiterbetrieb der Lingener Brennelementefabrik statt. Der Demo waren mehrere Proteste gegen Urantransporte aus Russland nach Lingen vorausgegangen1. Denn es herrscht weiterhin reger Verkehr und geschäftiges Treiben mit hoch-radioaktiver Fracht am Lingener „Advanced Nuclear Fuel“ (ANF) Werk, der vom Französischen Konzern Framatome betriebenen Brennelementefabrik im Emsland - dem deutschen Atomausstieg zum Trotz. Gut zehnmal im Monat verlässt eine Lieferung mit fertigen Brennelementen den Lingener Framatom-Hof und beliefert Atomkraftwerke in aller Welt. 2

Dazu kommen Anlieferungen von angereichertem Uran und der Weitertransport von Zwischenprodukten wie Brennstäben. Mit der Fertigung von Brennelementen findet in Lingen ein bedeutender von vielen Verarbeitungsschritten statt, bevor Uran in einem Reaktorkern zur Stromproduktion eingesetzt wird. Allein im bisherigen Jahr 2022 verzeichnet das BASE 3 bis Anfang September (Stichtag 5. September 2022) bereits 136 genehmigungspflichtige Transporte nach und aus Lingen. Die Betriebsgenehmigung des AFE-Werks in Kombination mit den nunmehr von der Bundesregierung angestrebten Laufzeitverlängerung für das AKW Emsland über das bisher im Atomgesetzt festgeschriebenen Enddatum 31. Dezember 2022 hinaus, macht das niedersächsische Lingen umso mehr zu einem Brennglas der deutschen Atomausstiegsdebatte. In ihrem Statement für die IPPNW verwies Angelika Claußen auf die zivil-militärischen Zusammenhäng der Hochrisikotechnologie Atomkraft:


IPPNW-Statement von Angelika Claußen zur Demo am 1. Oktober2022 in Lingen:

Atomkraft ist eine Hochrisikotechnologie – zivil wie militärisch

Lange Zeit wurde die doppelte Nutzung von Atomtechnologie in der Öffentlichkeit fast komplett ausgeblendet. Doch die Aufrüstung mit Atomwaffen, deren Bau und Wartung sind ohne zivil-militärische Quersubventionen nicht möglich. Alle neun Atomwaffenstaaten machen diese Quersubventionen. Die Atomindustrie benutzt Fachleute, Ingenieure, Wissenschaftler, Sicherheitsfachkräfte, Arbeiter aus dem gleichen Pool, für den Bau von Atomwaffen und für den Bau von Atomkraftwerken.

Der französische Präsident Marton hat es in seiner Rede vor den Atomarbeitern in Le Creusot 2020 auf den punkt gebracht: Zitat: „Ohne zivile Atomenergie gibt es keine militärische Nutzung der Technologie – und ohne militärische Nutzung gibt es auch keine Atomenergie.“

Beispiel: Die neuen kleinen modularen Reaktoren sind für die militärische Nutzung hochinteressant, als passgenauer Antrieb für Atom-U-Boote, die mit Atomwaffen bestückt werden, als Antrieb für die nuklearen Flugzeugträger, für alle Teile der nuklearen Abschreckung. Für den zivilen Gebrauch sind sie viel zu teuer, nicht rentabel.

Weil die Bedeutung der zivilen Atomkraft sinkt – sie ist ein Auslaufmodell soll jetzt die Militärsparte aushelfen – langfristig bei der Brennelementefabrik Lingen und bei der Urananreicherungsanlage in Gronau.

Trotz Ukrainekrieg und Sanktionspolitik seitens der NATO ist Uran von den Sanktionen ausgenommen, bewusst, denn die französische Atomindustrie hier in Lingen Framatome will weiter mit der russischen Atomindustrie, mit Rosatom, zusammenarbeiten - für Frankreichs Atomindustrie.

Doch auch deutsche Politiker aus der CDU plädieren aktuell für europäische Atomwaffen, im Sinne einer Teilhabe an Frankreichs Atomwaffen.

CDU- Chef Friedrich Merz plädierte im Juni dieses Jahres in der FAZ für europäische Atomwaffen. Angesichts der Weltlage, so Merz, sähe er in einer gemeinsamen europäischen „nuklearen Kapazität unsere Lebensversicherung“. Es dürfe da „keine Tabus mehr“ geben.

Herr Merz, wir hier in Lingen sagen es Ihnen ganz deutlich: Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen, Mordinstrumente, keine Lebensversicherung! Wir hier wollen den kompletten Atomausstieg, den Abzug der US-Atomwaffen aus Büchel und den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag! Wir wollen die Beendigung der Brennelemente-Produktion und die Urananreicherungsanlage in Gronau!

Dr. Angelika Claußen – IPPNW Vorstandsvorsitzende


1

https://www.heise.de/tp/features/Trotz-Russland-Boykott-Uran-wird-weiter-nach-Deutschland-geliefert-7263079.html

https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-09/uran-russland-frankreich-emsland-lingen

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Gegen-Uran-Lieferung-aus-Russland-Mahnwache-in-Lingen,atomtransport160.html

2
https://fragdenstaat.de/anfrage/urantransporte-von-und-zur-brennelementfertigungsanlage-lingen/410857/anhang/UIG-Anfrage_Urantransporte2018_von_Lingen.pdf

https://urantransport.de/hintergrund/brennelementefertigung-in-lingen-und-transporte-dort/

https://www.world-nuclear.org/information-library/nuclear-fuel-cycle/conversion-enrichment-and-fabrication/fuel-fabrication.aspx

https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/themen/atomaufsicht_strahlenschutz/kerntechnische_anlagen/brennelementfertigungsanlage_lingen/sachstandsinformation-advanced-nuclear-fuels-anf-lingenems-8451.html)

https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/themen/atomaufsicht_strahlenschutz/kerntechnische_anlagen/brennelementfertigungsanlage_lingen/brennelementfertigung-8452.html

3
https://www.base.bund.de/SharedDocs/Downloads/BASE/DE/fachinfo/ne/transportgenehmigungen.pdf;jsessionid=53947C7D51CF959A00468233C75B75FB.2_cid349?__blob=publicationFile&v=122

 

 

zurück

Ansprechpartner


Patrick Schukalla
Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
E-Mail: schukalla[AT]ippnw.de

Ewald Feige
Vertretung Atomausstieg, Energiewende und Klima
Tel. 030 698074-11
E-Mail: feige[AT]ippnw.de

Tarifportal der Umweltverbände

Materialien

Risiken und Nebenwirkungen der Atomenergie
Risiken und Nebenwirkungen der Atomenergie
pdf-Datei herunterladen

Im IPPNW-Shop bestellen

Navigation