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Aus dem IPPNW-Forum Nr. 158/2019

Atomenergie - Europa steigt aus - oder?

16.06.2019 Aus deutscher Sicht betrachtet, erscheint das Thema Atomkraft im letzten Kapitel angekommen. Der gesellschaftliche Diskurs ist gewonnen, die Ewiggestrigen, die bis zuletzt an den hohlen Versprechen der Atomlobby hingen, sind verstummt. Atomenergie hat keine Zukunft in diesem Land, das Ende des letzten Meilers ist in Sicht und jetzt geht es scheinbar nur noch darum, wie der Staat und die Gesellschaft mit den toxischen Hinterlassenschaften des Atomzeitalters möglichst verantwortungsvoll und umsichtig umgeht.

Doch blickt man über den Tellerrand unseres nationalen Diskurs, stellt man fest, dass die Schlacht in anderen Teilen Europas noch nicht geschlagen ist. Immer noch gibt es Länder, in denen es die Atomlobby weiterhin schafft, mit ihrer Propaganda die öffentliche Meinung und die Politik zu beeinflussen. Ein Blick über den europäischen Kontinent zeigt die divergierenden Stadien auf, in denen sich die einzelnen Länder befinden, von denen im Folgenden einige besonders betrachtet werden sollen:

29 Staaten quer durch Europa sind den falschen Heilsversprechen der Atomlobby nie erlegen oder haben sich schon sehr früh gegen sie gewendet: Island, Irland, Norwegen, Dänemark, Estland, Litauen, Lettland, Polen, Österreich, Liechtenstein, Luxemburg, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Serbien, Kosovo, Nord-Mazedonien, Albanien, Moldawien, Griechenland, Italien, San Marino, Monaco, der Vatikan, Portugal, Andorra, Malta, Aserbaidschan und Georgien -  sie alle besitzen keine Atomkraftwerke. In einigen Ländern, wie Österreich und Italien, wurde die Atomkraft durch Gesetze und Volksentscheide verboten und existierende Atomkraftwerke abgeschaltet, während Polen als einziges Land ohne Atomenergie immer wieder mit dem Gedanken spielt, einzusteigen.

7 Staaten mit laufenden Atomkraftwerken steuern derzeit auf einen Ausstieg hin: Deutschland, Belgien, Schweden, die Schweiz, die Niederlande, Spanien und Slowenien. Einige, wie Deutschland, sind in schmerzhaften und langwierigen Prozessen zu der Erkenntnis gelangt, dass die Atomenergie eine zu große Gefahr für Mensch und Umwelt und eine volkswirtschaftliche Dummheit darstellt und haben ihr Ende in Gesetzen festgelegt, während in anderen Ländern wie Schweden, die der Atomkraft generell nicht besonders kritisch gegenüberstehen, die Atomenergie aus Ermangelung an neuen Reaktoren einen langsamen aber unaufhaltsamen Tod stirbt.

2 Staaten ohne Atomkraftwerke bauen derzeit mit massiver russischer Unterstützung ihre ersten Atomreaktoren: die Türkei und Weißrussland.

11 Staaten mit laufenden Atomreaktoren setzen offiziell weiter auf Atomkraft: 4 bauen aktuell bereits neue Meiler (Russland, Finnland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, und die Slowakei), in 6 Staaten sind neue Reaktoren in Planung (Armenien, Rumänien, die Tschechische Republik, die Ukraine, Ungarn und Bulgarien). Vor allem die drei Atomwaffenstaaten (Russland, Frankreich und das Vereinigte Königreich) sowie die reaktionären Regierungen der vier Visegrád-Staaten (Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die Slowakei) spielen bei der politischen Förderung von Atomenergieprojekten eine bedeutende Rolle.

 



Die Aussteiger

Deutschland (7 Reaktoren, 12% der Stromproduktion) hat den Atomausstieg nach Fukushima festgelegt und seitdem bereits 10 der insgesamt 17 Atomreaktoren abgeschaltetuntew. Bis Ende 2022 sollen auch die letzten 7 Reaktoren vom Netz gehen, die Energieproduktion durch Effizienz- und Sparmaßnahmen, erneuerbare Energien und Gaskraftwerke aufgefangen werden. Gleichzeitig hält Deutschland an der Urananreicherung in Gronau und der Brennstäbefertigung in Lingen fest, forscht in Karlsruhe an neuen Atomtechnologien und setzt sich auch auf internationaler Ebene weiterhin für die Förderung der Atomenergie ein, so dass der von der Bevölkerung erkämpfte Atomausstieg von Seiten der Regierung weiterhin untergraben wird.

In Belgien (7 Reaktoren, 34% der Stromproduktion) wurde bereits 1999 der Atomausstieg von der damaligen Regierung beschlossen, allerdings nach Ausscheiden der grünen Partei 2005 wieder in Frage gestellt. Nach zahlreichen Verschiebungen und Verhandlungen wird derzeit das Jahr 2025 als Ausstiegsjahr angepeilt. Bis dahin werden die Reaktoren in Doel und Tihange weiter laufen, allen Warnungen über Sicherheitsmängel und Rissen in den Druckbehältern zum Trotz. Dabei scheint ein Atomausstieg durch die Hintertür bereits jetzt Realität zu sein, da ein Großteil der belgischen Atomreaktoren aus Sicherheitsgründen mehrfach abgeschaltet werden musste. Während in früheren Jahren rund 50% des belgischen Stroms durch Atomkraft generiert wurde, waren es 2018 nur noch 34%. Im Oktober und November 2018 lief als einziger Atomreaktor nur der Pannenmeiler Doel 3 und stemmte etwa 15% der belgischen Stromproduktion, während erneuerbare Energien relativ stabil während des ganzen Jahres 11-13% zum Strommix beitrugen.

In den Niederlanden (1 Reaktor, 3% der Stromproduktion) beschloss das Parlament bereits 1994 den Atomausstieg und nahm das AKW Dodewaard 1997 vom Netz. Gleichzeitig wurde die Laufzeit des einzigen verbleibenden AKW im Land, Borssele, von ursprünglich 2003 auf 2013 und schließlich auf 2033 verlängert. Es wäre dann insgesamt 60 Jahre in Betrieb gewesen.  

Slowenien (1 Reaktor, 40% der Stromproduktion) betreibt in Krško gemeinsam mit dem Nachbarstaat Kroatien einen einzelnen Atomreaktor. 2043 soll er nach 60 Jahren Laufzeit stillgelegt werden.

In der Schweiz (5 Reaktoren, 33% der Stromproduktion) beschloss der Bundesrat 2011 einen langsamen Ausstieg nach Beendigung der individuellen Laufzeiten, 2017 wurde dieses Vorgehen durch eine Volksabstimmung bestätigt. Allerdings ist aktuell noch unklar, bis wann die Reaktoren am Netz bleiben sollen. Ein Referendum für eine Stilllegung bis 2029 scheiterte überraschend und aktuell sollen die Reaktoren so lange laufen, wie sie von den zuständigen Behörden als sicher eingestuft werden (siehe auch Artikel zur Schweiz in dieser Ausgabe).

Bereits 1983 hatte Spanien (7 Reaktoren, 21% der Stromproduktion) beschlossen, keine neuen Reaktoren mehr zu bauen. Erst letztes Jahr bestätigte die Regierung, die Laufzeiten von 40 Jahren nicht zu überschreiten und das letzte AKW 2028 vom Netz zu nehmen.

In Schweden (9 Reaktoren, 40% der Stromproduktion) hatte die Antiatombewegung 1980, ein Jahr nach der Katastrophe von Three Mile Island, in einem großen Atomkraftreferendum den Atomausstieg bis 2012 erkämpft. Es kam anders. Die schwedische Antiatombewegung zerfiel nach dem vermeintlichen Sieg und 2009 beschloss die Regierung, weiter an der Atomkraft festzuhalten. Die schwedische Betreiberfirma Vattenfall gab 2016 an, dass all ihre Atomkraftwerke aufgrund des niedrigen Strompreises aktuell unwirtschaftlich arbeiten würden und kündigte die vorzeitige Schließung von zwei Reaktoren am AKW Ringhals in 2019 und 2020 an. Der schwedische Staat billigte Vattenfall daraufhin eine Steuersenkung in Höhe von rund 286 Millionen Euro pro Jahr zu. Im Gegenzug sicherte Vattenfall zu, die anderen beiden Reaktoren in Ringhals weiter laufen zu lassen. Entgegen der offiziellen Regierungslinie sind aktuell jedoch keine neuen Atomreaktoren geplant. In der Bevölkerung findet sich spätestens seit Fukushima keine Mehrheit mehr für Atomenergie und auch unter den politischen Parteien setzt sich lediglich die Liberale Partei offen für den Bau neuer Meiler ein. Aktuell ist davon auszugehen, dass, nach sechzig Jahren Laufzeit, Forsmark 2040 als letztes schwedisches AKW vom Netz gehen wird.

Ein interessanter Aspekt dieser Entwicklung ist die Verquickung der zivilen und militärischen Atomindustrie in einigen dieser Länder: Sowohl die Schweiz als auch Spanien, das ehemalige Jugoslawien und Schweden hatten einst militärische Atomprogramme, die eine robuste zivile Atominfrastruktur voraussetzte, Belgien, Deutschland und die Niederlande sind Teil der Atomaren Abschreckungsstrategie der NATO und beherbergen US-Atomwaffen auf ihrem Territorium. Mittlerweile haben alle diese Länder den Griff nach der eigenen Bombe aufgegeben - die zivile Atomindustrie jedoch ist geblieben. Spätestens seit der Atomkatastrophe von Fukushima jedoch hat sich in all diesen Ländern die Erkenntnis durchgesetzt, dass neue Atomreaktoren politisch nicht realisierbar sind.

Die Einsteiger

Kein Land war von der Atomkatastrophe von Tschernobyl so umfassend betroffen wie Weißrussland (0 Reaktoren, 0% der Stromproduktion). Dennoch hat sich die autoritäre Regierung den Einstieg in die Atomenergie auf die Fahnen geschrieben. Mit finanzieller und logistischer Unterstützung durch Russland baut der Staat seit 2013 in Astravets, an der Grenze zu Litauen zwei Atomreaktoren, die Ende 2019, bzw. Mitte 2020 ans Netz gehen sollen.

In der Türkei (0 Reaktoren, 1 im Bau, 0% der Stromproduktion) wird seit 2015 das AKW Akkuyu gebaut. 2019 wurde das Fundament des ersten Reaktors fertig gestellt, der 2023 ans Netz gehen soll. Drei weitere Reaktoren sind auf dem Gelände geplant. Das AKW wird von der russischen Staatsfirma Rosatom gebaut und soll auch nach Fertigstellung in russischem Besitz bleiben und betrieben werden. Neben dieser einseitigen Vertragslage wird auch die Erdbebengefahr in der Region und die mangelnde Sicherheitskultur in der Türkei als kritisch gesehen. Ein weiteres AKW-Projekt in Sinop, welches mit japanischer Hilfe gebaut werden sollte, wurde 2018 aus wirtschaftlichen Gründen beendet. Ein drittes Projekt im erdbebengefährdeten Ostthrakien nahe Istanbul wurde bislang nicht weiter verfolgt. Immer wieder wird der Regierung in Ankara vorgeworfen, mit dem zivilen Atomprogramm langfristig auch militärische Ziele zu verfolgen und nach eigenen Atomwaffen zu streben um die Machtansprüche des Landes in der Region geltend zu machen.   

Profitieren dürfte von diesen Deals vor allem Russlands militärische und zivile Atomindustrie, denn durch den Bau von Atomkraftwerken im Ausland erzeugt man eine Nachfrage an Ingenieuren, Wissenschaftlern, Technikern und Zulieferern, die auch für das militärische Atomprogramm dringend benötigt werden. Der Export ziviler Atomtechnologie führt so zu einer indirekten Quersubventionierung von Forschung, Entwicklung, Nachwuchsförderung und Ausbildung im militärischen Bereich der Atomindustrie – ein Prinzip, wie es ganz ähnlich auch durch die USA, Frankreich und Großbritannien praktiziert wird.

Die Ausbauer
 
In Finnland (4 Reaktoren, 1 im Bau, 33% der Stromproduktion) würde der letzte Atommeiler 2038 vom Netz gehen. Allerdings baut das Land seit 2005 in Olkiluoto einen neuartigen Druckwasserreaktor ("European Pressurised Reactor" oder EPR). Dieser sollte ursprünglich 2009 in Betrieb genommen werden und den finnischen Steuerzahler 3 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile wurde die Inbetriebnahme auf 2020 verschoben, mehr als 10 Jahre später als ursprünglich angesetzt, und die Kosten belaufen sich bereits jetzt auf das dreifache der ursprünglichen Summe. Das Milliardengrab Olkiluoto führte zum Ausstieg von Siemens aus der AKW-Sparte und zum wirtschaftlichen Ruin der ebenfalls beteiligten Firma Areva. Mittlerweile wurde diese vom französischen Mutterkonzern EDF gerettet und das Projekt in Olkiluoto somit durch französische Steuergelder künstlich am Leben gehalten. 2021 soll mit dem Bau eines weiteren Atomreaktors in Hanhikivi begonnen werden, doch aufgrund der Erfahrungen in Olkiluoto dürfte dieses Projekt ebenfalls auf dem Prüfstand stehen.

Nach den USA hat kein Land der Welt mehr Atomreaktoren und deckt einen größeren Anteil seines Strombedarfs durch Atomkraft als Frankreich (58 Reaktoren, 1 im Bau, 72% der Stromproduktion). Man kann sagen, Frankreich ist süchtig nach Atomkraft. Gleichzeitig befindet sich die Atomenergie im Land auf dem absteigenden Ast. Zahlreiche Skandale plagen die französischen Atommeiler, von der Enthüllung, dass minderwertiger, brüchiger Stahl in der Konstruktion verwendet wurde bis hin zu handfesten Sicherheitspannen. 20 der 58 Meiler wurden in Folge der Skandale mittelfristig vom Netz genommen und die geplanten Laufzeitverlängerungen könnten ebenfalls gefährdet sein.

Seit 2002 ist in Frankreich kein einziges neues Kraftwerk ans Netz gegangen. In den nächsten 5 Jahren werden rund 28 Reaktoren ihre geplante Laufzeit von 40 Jahren erreichen, in den kommenden 10 Jahren sogar 49. Als einziges Neubauprojekt steht an der französischen Nordwestküste der Druckwasserreaktor Flamanville-3, ein ähnliches Modell wie in Olkiluoto, mit offenbar ähnlichen Problemen: die Kosten haben sich seit der Bauentscheidung bislang verdreifacht, von 3,3 Milliarden auf mittlerweile 10,9 Milliarden Euro, während sich die Inbetriebnahme von ursprünglich 2012 auf 2020 verschoben wurde. Die meisten Expert*innen rechnen mit weiteren Kostensteigerungen und Verzögerungen und einige zweifeln sogar daran, ob Flamanville-3 jemals in Betrieb genommen werden kann. Die beiden Firma Areva und EDF sind derweil an den wirtschaftlichen Folgen der Pannenprojekte in Olkiluoto und Flammanville zerbrochen und konnten nur mit massiven staatlichen Unterstützungen gerettet werden.

Die Slowakei (4 Reaktoren, 2 im Bau, 54% der Stromproduktion) betreibt in Bohunice und Mochovce 2 Atomkraftwerke mit je zwei Reaktoren. Auch die Slowakei hat sich für eine Fortführung der Atomenergie ausgesprochen – rund 64% der Bevölkerung befürworten dies. Am Standort Mochovce wurde 2008 nach 16 jähriger Baupause mit italienischer Hilfe erneut mit der Konstruktion eines 3. und 4. Reaktors begonnen. Mit einer Verzögerung von rund sechs Jahren sollen die Reaktoren nun dieses Jahr ans Netz gehen – trotz zahlreicher Berichte über Sicherheitsdefizite und Baupannen.

Auch im Vereinigten Königreich (15 Reaktoren, 1 im Bau, 19% der Stromproduktion) scheint die Zukunft der Atomenergie entgegen der vollmundigen Ankündigungen der Regierung alles andere als sicher. Nach dem Aufkauf von Britisch Energy werden mittlerweile alle vom französischen Staatskonzern EDF betrieben. In den nächsten 10 Jahren werden 12 der 15 Reaktoren ihre Laufzeitgrenze von 40 Jahren erreichen, 2035 würde mit Sizewell B der letzte britische Meiler vom Netz gehen. Allerdings plant die britische Regierung mit Hilfe Chinas und Frankreichs den Bau von zwei neuen Druckwasserreaktoren nach dem EPR-Modell von Flamanville und Olkiluoto in Somerset: mit der Konstruktion des Kraftwerks „Hinkley Point C“ wurde im Dezember 2018 begonnen. Die Reaktoren sollen bis 2027 ans Netz gehen, wobei die abschreckenden Beispiele der anderen beiden EPR-Projekten in Finnland und Frankreich und das Brexitdesaster diese Zielvorgabe zumindest als fragwürdig erscheinen lassen. Schon jetzt ist klar, dass der eventuell irgendwann einmal erzeugte Strom aus Hinkley Point C deutlich teurer sein wird als Strom aus Photovoltaik, Windkraft, Gas oder anderen Energieformen. So scheint vor allem die Notwendigkeit einer nachhaltigen Quersubventionierung des strauchelnden militärischen Atomprogramms des Landes beim Bauvorhaben im Vordergrund zu stehen. Es ist unerheblich, ob Olkiluoto, Flammanville oder Hinkley Point jemals ans Netz gehen: der Nutzen für die Atomindustrie hat sich bereits durch den milliardenschweren und jahrzehntelangen Bau eingestellt. Es tut sich was, im Atomsektor – das soll die Botschaft sein.

In Russland (37 Reaktoren, 4 im Bau, 18% der Stromproduktion) sind, wie in anderen Atomwaffenstaaten auch, die zivile und militärische Atomindustrie eng mit einander verzahnt. Beide Zweige der Industrie werden zurzeit mit großzügigen staatlichen Subventionen ausgebaut. Neben dem Bau neuer Atomwaffen wird daher auch in neue Atomkraftwerke investiert, in die Forschung und Entwicklung neuer Brennstoffe und Atomtechnologien und in sogenannte schwimmende Atomreaktoren, wie sie erstmals auf der Akademik Lomonossow eingesetzt werden sollen, welches im November 2019 die nördliche Stadt Pewek mit Strom versorgen soll. Von den 37 aktuell laufenden Reaktoren in Russland stammen 30 noch aus der Zeit vor Tschernobyl, sind also mittlerweile 30-50 Jahre am Netz. 2009 ging im AKW Rostow bei Wolgodonsk der erste Reaktorneubau nach über 20 Jahren Baupause ans Netz. Seitdem hat Russland 6 weitere Reaktoren fertig gestellt, zuletzt die beiden schwimmenden Reaktoren der Akademik Lomonossow.  

Seit einigen Jahren unterstützt Russlands staatseigener Atombetrieb Rosatom Reaktorneubauten in Ländern, die für Russlands Außenpolitik geostrategische Bedeutung haben: in der Türkei baut und finanziert Russland das neue AKW in Akkuyu, welches auch von Rosatom betrieben werden soll. Weitere Länder, in denen Russlands Atomindustrie aktiv ist und den Bau von Atomkraft fördert, sind Ungarn, die Slowakei, die Tschechische Republik, Weißrussland, Armenien, Kasachstan, Iran, Indien, China und Bangladesch. Im eigenen Land werden offiziellen Plänen zu Folge aktuell 4 neue Reaktoren gebaut (zwei in Kursk, einer nahe St. Petersburg und einer im zentralrussischen Nowoworonesch). 23 weitere Reaktoren sollen landesweit in Planung sein, wobei Rosatom selbst kürzlich aufgrund der zunehmenden Unwirtschaftlichkeit von Atomstrom einen Großteil dieser Projekte auf unabsehbare Zeit verschoben hat. So führte die Inbetriebnahme der letzten russischen Großprojekte wie dem Reaktor 4 in Belojarsk oder dem AKW Leningrad II zu einer sofortigen Steigerung der Strompreise für die Endverbraucher. Dennoch dürften sich die hohen staatlichen Subventionen für den Atomenergiesektor für Russland lohnen, denn als Rückgrat für das militärische Atomprogramm des Landes ist eine robuste nukleare Infrastruktur von Nöten, wie der Kreml immer wieder betont. Hier zeigen sich deutliche Parallele zu den Entwicklungen in Frankreich und Großbritannien, wo ebenfalls mit enormem staatlichem Aufwand und unter Einsatz hoher Subventionen durch Steuergelder die Atomindustrie künstlich am Leben erhalten, bzw. ausgebaut wird. Von einem Ausstieg aus der Atomenergie ist Russland somit weit entfernt.

In Armenien  (1 Reaktor, 1 geplant, 33% der Stromproduktion) soll das AKW Metsamor 2026 nach 46 Jahren Laufzeit vom Netz gehen. Im Juli 2018 erklärte der Premierminister, dass er plane, die Laufzeit bis 2040 zu verlängern. Zudem soll mit russischer Hilfe ein neuer Reaktor gebaut werden, wobei die Planungen hierzu noch in einem sehr frühen Stadium seien.

Auch Rumänien (2 Reaktoren, 2 in Planung, 18% der Stromproduktion) plant den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Mit chinesischer und französischer Hilfe sollen so in den kommenden Jahren in Transsylvanien 2 neue Reaktoren entstehen. Auch hier befinden sich die Pläne noch in sehr frühen Stadien. In der Vergangenheit waren ähnliche Bauvorhaben stets an wirtschaftlichen Problemen gescheitert.
 
In der Tschechischen Republik (6 Reaktoren, 2 in Planung, 33% Stromproduktion) stehen zwei Atomkraftwerke – in Temelín in der Nähe von Wien und in Dukovany an der slowakischen Grenze. 2014 scheiterten Pläne für den Bau weiterer Reaktoren in Temelín aufgrund der Unwirtschaftlichkeit neuer AKWs. Nun will die Regierung am Standort Dukovany bauen. Doch die Planungen ziehen sich hin, denn es gibt auch hier offene Fragen bzgl. der Finanzierung, so dass es vermutlich eher auf eine Laufzeitverlängerung auf 60 Jahre hinausläuft. Dukovany würde dann bis 2047 am Netz bleiben, statt wie geplant bis 2027.

Auch Ungarn (4 Reaktoren, 2 in Planung, 50% der Stromproduktion) plant den Bau von neuen Reaktoren. Am Standort Paks sollen mit russischer Unterstützung zwei neue Einheiten entstehen. Der russische Staatskonzern Rosatom liefert dabei die Logistik, während der russische Staat mit einem Kredit über 10 Milliarden Euro gleich auch die Finanzierung sicher stellt. Baubeginn soll 2019 sein, die Fertigstellung ist für 2025 vorgesehen. Während das Projekt im Rest der EU auf großen Widerstand stößt, befürworten stabile 60-70% der Ungarn in Umfragen die Nutzung von Atomenergie.

In Bulgarien (2 Reaktoren, 1 in Planung, 34,3% der Stromproduktion) scheiterte das Bauvorhaben eines neuen Atomkraftwerks in Belene im Jahr 2012. Nun soll am Standort Kosloduj, wo die beiden aktuell laufenden Reaktoren des Landes stehen, mit Unterstützung der EU und der USA ab 2019 ein neuer Reaktor gebaut werden. Gleichzeitig wurde die Laufzeit der bestehenden Reaktoren von 40 auf 60 Jahren verlängert, so dass auch ohne Neubau Kosloduj bis 2051 am Netz bleiben dürfte.

Nirgendwo wird der Irrsinn der Atomenergie deutlicher als in der Ukraine (15 Reaktoren, 2 in Planung, 55% der Stromproduktion). In dem Land, welches bis heute mit dem schweren atomaren Erbe von Tschernobyl kämpfen muss und dessen atomare Infrastruktur aktuell durch den Krieg in der Ostukraine gefährdet ist, werden derzeit mit Unterstützung der EU und Koreas 2 neue Atomreaktoren gebaut. Im Juli 2018 hatte die ukrainische Regierung den Weiterbau der Atomreaktoren 3 und 4 am AKW Chmelnyzkyj im Westen des Landes beschlossen. Im März 1986 hatte man mit dem Bau des Reaktor 3, im Februar 1987 mit dem Bau von Reaktor 4 begonnen. Bis heute steht nur der Rohbau. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, der Zusammenbruch der Sowjetunion, finanzielle Schwierigkeiten und die zunehmenden Konflikte mit dem russischen ProjektpartnerInnen verhinderten eine Fertigstellung. Nun sollen die Reaktoren bis 2026 fertig gestellt werden. Gleichzeitig argumentierte der ukrainische AKW-Betreiber Energoatom, dass der derzeitige Strompreis zu niedrig sei, um Atomkraftwerke wirtschaftlich betreiben zu können. Die vorgeschlagene Lösung: eine künstliche Anhebung des Strompreises.

Dr. med Alex Rosen
Vorsitzender der deutschen IPPNW

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Ansprechpartner


Henrik Paulitz
Referent für Energiepolitik
Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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