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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Juni 2016

Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima steigt weiter an

14.06.2016

Ungefähr alle 3 Monate werden von der Fukushima Medical University die neuesten Daten der Schilddrüsenuntersuchungen aus Fukushima veröffentlicht. Seit 2011 werden bei allen Menschen, die zum Zeitpunkt des Super-GAUs jünger als 18 Jahre waren alle zwei Jahre die Schilddrüsen untersucht. Bereits jetzt, nach nur fünf Jahren, ist ein signifikanter Anstieg der Neuerkrankungsrate des seltenen Schilddrüsenkrebs zu verzeichnen. Auch die neuen Daten vom Juni 2016 bestätigen diesen Trend.

Während die Erstuntersuchung bereits seit 2013 abgeschlossen ist, laufen die Zweituntersuchungen der 381.286 Kinder aktuell noch, so dass es sich bei den neuen Daten weiterhin nur um vorläufige Zwischenergebnisse handelt.

Validierte Ergebnisse liegen bislang nur von 256.670 Kinde0rn vor (67,3 %). Bei 169 von ihnen waren bislang aufgrund schwerer Veränderungen im Ultraschall Feinnadelbiopsien notwendig. Die mikroskopische Aufarbeitung ergab insgesamt 57 neue Krebsverdachtsfälle. 30 dieser Kinder mussten auf Grund von Metastasen oder gefährlich großem Wachstum des Tumors bislang operiert werden, bei allen bestätigte sich die Diagnose „Papilläres Schilddrüsenkarzinom“.

Die Gesamtzahl von Kindern mit bestätigten Schilddrüsenkrebsdiagnosen liegt somit mittlerweile bei 131. 101 Fälle wurden im Erstscreening identifiziert, bei den 30 neu diagnostizierten Fällen muss sich der Krebs im Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweituntersuchung entwickelt haben. Die Schilddrüsen dieser 131 Kinder mussten operiert werden – in den meisten Fällen aufgrund von Metastasierung (74%) oder zu schnellem Wachstum der Krebsgeschwüre. Bei 41 weiteren Kindern besteht der akute Verdacht auf ein Schilddrüsenkarzinom. Sie warten noch auf eine Operation. Im Zweitscreening wurden bei 60,8% Knoten oder Zysten gefunden. Im Erstscreening lag diese Rate noch bei 48,5%. Das bedeutet, dass bei 40.692 Kindern, bei denen im ersten Screening noch gar keine Schilddrüsenanomalien gefunden wurden, nun Zysten oder Knoten festgestellt wurden – bei 383 von ihnen sogar so große, dass eine weitere Abklärung dringend notwendig wurde. Zusätzlich wurde bei 865 Kindern mit kleinen Zysten oder Knoten im Erst-Screening in der Nachuntersuchung ein so rasches Wachstum festgestellt, dass weitergehende Diagnostik eingeleitet werden musste.
 
Leider werden die Daten bezüglich der neu diagnostizierten Schilddrüsenkrebsfälle von den Behörden zurückgehalten, so dass nicht bekannt ist, zu welchem Zeitpunkt genau das Erstscreening erfolgte. Geht man davon aus, dass zwischen den beiden Untersuchungen wie vorgesehen 2 Jahre liegen, dann ist von einer jährlichen Neuerkrankungsrate (Inzidenz) von derzeit 5,8 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kinder auszugehen. Die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern lag in Japan vor den Kernschmelzen von Fukushima bei 0,3 pro 100.000. Dieser Anstieg in der Inzidenz von Schilddrüsenkrebs bei Kindern um mehr als das 19-fache lässt sich nicht mehr mit einem sogenannten „Screening-Effekt“ begründen.
 
In Japan gibt es ein Sprichwort, dass niemand der Nagel sein will, der aus dem Parkett herausragt. Die Betroffenen der Atomkatastrophe sollen ihr Schicksal still schweigend hinnehmen und möglichst nicht öffentlich darüber reden, denn dies würde nur andere Leute verunsichern und die staatliche Mär von der sicheren Atomkraft weiter in Frage stellen. Dennoch gibt es immer wieder mutige Menschen, die sich trauen, die strengen gesellschaftlichen Konventionen zu ignorieren, ihre Geschichte zu erzählen und kritische Fragen zu stellen. Auf dem IPPNW Kongress "5 Jahre Leben mit Fukushima - 30 Jahre Leben mit Tschernobyl" konnten die TeilnehmerInnen ein bewegendes Interview mit einer jungen Frau sehen, die kürzlich in Fukushima an Schilddrüsenkrebs erkrankt war. Nun wurde das Interview auch online veröffentlicht und auch andere Medien berichten mittlerweile über die mutige junge Frau, die sich traut, das gesellschaftliche Tabu zu brechen und offen über ihre Krankheit zu sprechen.

Von Dr. Alex Rosen

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