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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter August 2016

"Unvernünftige Krebsdiagnosen" in Fukushima

Wie die Fukushima Medical University ihre eigene Studie sabotiert

Schilddrüsenuntersuchung an einer privaten Klinik in Japan: Foto: Ian Thomas Ash
04.08.2016

Seit nunmehr 5 Jahre läuft in Fukushima eine umfangreiche Reihenuntersuchung (Screening) auf Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Während von Seiten der atomfreundlichen japanischen Regierung die Folgen des mehrfachen Super-GAUs in Fukushima bewusst heruntergespielt werden, konnten WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen und Elternverbände zumindest dieses Screening durchsetzen. Bei aller berechtigten Kritik an der Studie, wie die Beschränkung auf die Präfektur Fukushima, mangelnde Transparenz oder der Einfluss der Atomlobby auf die Fukushima Medical University, die die Untersuchung durchführt, bietet das Screening dennoch die Möglichkeit, Schilddrüsenkrebs frühzeitig zu diagnostizieren und zu behandeln.

Zudem ist es durch die Studie, anders als in Tschernobyl, möglich, wichtige Erkenntnisse über die Folgen einer Atomkatastrophe für die exponierte Bevölkerung zu gewinnen.

Nach fünf Jahren und zwei abgeschlossenen Untersuchungsrunden zeigen sich nun allerdings deutlich höhere Zahlen an Schilddrüsenkrebs in der untersuchten Bevölkerung als ursprünglich erwartet. Die japanischen Behörden reagieren darauf auf ihre ganz eigene Art und legen den Familien nahe, die Studie auch freiwillig verlassen zu können.
 
So tourt Prof. Sanae Midorikawa, Endokrinologin und Kommunikationsbeauftragte der Fukushima Medical University, seit Wochen durch Schulen der Präfektur Fukushima und erläutert Kindern ihr Recht, die Teilnahme an den Reihenuntersuchungen abzulehnen, wenn sie keine „unvernünftige Krebsdiagnose“ wünschen. Was mit diesem Begriff gemeint ist, wird klar, wenn man die Veröffentlichungen der Fukushima Medical University liest: ihrer Meinung nach handelt es sich bei den 172 bisher bei Kindern in Fukushima gefundenen Schilddrüsenkrebsfällen um einen sogenannten "Screening-Effekt". Die Universität argumentiert, dass die Krebsfälle sehr wahrscheinlich nicht auf die Atomkatastrophe von Fukushima zurückgeführt werden können und ohne die Reihenuntersuchungen vermutlich nie oder erst zu einem späteren Zeitpunkt gefunden worden wären. Weshalb der naheliegende kausale Zusammenhang zur Atomkatastrophe von Anfang an verneint wurde, erläutert die Universität nicht. Auch gibt sie keine Erklärung für die hohe Rate an aggressiven Krankheitsverläufen mit früher Metastasierung, invasivem Wachstum und rascher Größenzunahme der Tumore. Mittlerweile wurde bei 131 Kindern die Indikation für eine Operation zur Entfernung des Tumors und der Metastasen gestellt, die Patienten müssen lebenslang Schilddrüsenhormon einnehmen und nachuntersucht werden, um Rezidive frühzeitig zu erkennen und behandeln zu könne. Wie diese Zahlen mit einem einfachen "Screening-Effekt" vereinbar sind, lässt die Fukushima Medical University ebenfalls offen.  

Die Vertreterin der Fukushima Medical University vertritt an Schulen die Auffassung, dass Kinder, "die keine Krebsdiagnose wünschen", in ihrem Wunsch auch respektiert werden müssen. Über das Recht dieser Kinder und ihrer Familien auf eine neutrale Aufklärung über die Risiken der radioaktiven Kontamination, den Erkenntnissen bezüglich Schilddrüsenkrebs nach Atomunfällen und den Risiken einer zu späten Erkennung aggressiver Malignome verliert die Kommunikationsbeauftragte derweil keine Worte. Statt dessen sagt sie: "Es überrascht nicht, dass die Bewohner [der verstrahlten Gebiete] nach dem Atomunfall dachten, dass ihre Kinder an det Studie teilnehmen sollten. Es machte Sinn, dass sie die Ergebnisse mit der Strahlung in Zusammenhang brachten und sich sorgten. Rückblickend war all das jedoch eine irrationale Erfahrung."

Die berechtigte Sorge vieler WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen und Elternverbände ist nun, dass die Studie durch eine Reduktion der Teilnehmenden abgewertet werden soll. Das Kalkül der Fukushima Medical University ist offenbar, möglichst vielen jungen Menschen nahezulegen, aus der Studie auszutreten. Eine repräsentative Aussage über den Zusammenhang zwischen radioaktiver Kontamination und dem gehäuften Auftreten von Schilddrüsenkrebs wäre somit nicht mehr möglich und die Zahl der gefundenen Schilddrüsenkrebsfälle ebenfalls reduziert. Patientenautonomie hatte in der Untersuchung bislang fast keine Rolle gespielt - so wurden Familien über auffällige Befunde zu spät und nur unzureichend informiert, Zweitmeinungen unabhängiger ÄrztInnen generell verwehrt und die Bilder und Befunde den Eltern nicht ausgehändigt. Nun, da die Ergebnisse der Studie einen Zusammenhang zwischen Schilddrüsenkrebs und der Atomkatastrophe immer deutlicher aufzeigen, soll unter dem Deckmantel eben dieser Patientenautonomie ein verzerrender, systematischer Fehler erzeugt werden, der die ganze Untersuchung am Ende entwertet. Schon kündigen Verantwortliche aus Japan wie der ehemalige Studienleiter Dr. Shunichi Yamashita das Ende der Reihenuntersuchung an. Proteste und die Forderung nach unabhängiger öffentlicher Aufklärung wären angebracht, aber leider in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage in Japan wohl wenig realistisch. Es bleibt die Hoffnung, dass die Eltern und Kinder die Strategie der Fukushima Medical University durchschauen und die Screeninguntersuchungen weiterhin wahrnehmen.

Dr. Alex Rosen

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Foto: Schilddrüsenuntersuchung an einer privaten Klinik in Japan: Foto: Ian Thomas Ash

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Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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