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Siemens-Boykott

Siemens aus Atomgeschäft ausgestiegen

02.09.2013

17 Jahre lang rief die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW mit vielen anderen Organisationen zum Siemens-Boykott auf, bis der Elektroriese schließlich nach Fukushima erklärte, aus dem Atomgeschäft auszusteigen. Dies betrachten alle am Siemens-Boykott beteiligten als großen Erfolg. Eine Dokumentation von Henrik Paulitz.

1994 hatte die IPPNW die Kampagne "Siemens-Ausstiegshilfe" mit dem Ziel gestartet, Siemens zum Ausstieg aus dem Atomgeschäft zu bewegen. In einem persönlichen Gespräch in München erläuterten Vertreter der IPPNW dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Siemens AG, Dr. Hermann Franz, die Gründe für einen Boykott von Siemens-Produkten und die Forderung nach einem Ausstieg von Siemens aus dem Atomgeschäft. 

 

Atomkritische Ärzte verzichten auf Medizingeräte von Siemens

Es folgte wie angekündigt der öffentliche Aufruf zum Siemens-Boykott. Zahllose IPPNW-Ärzte verzichteten darauf, Medizingeräte von Siemens zu kaufen. 

Parallel dazu riefen 1994 auch andere Anti-Atom-Gruppierungen und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zum Siemens-Boykott auf. Es kam zu einem Zusammenschluss im "Koordinationskreis Siemens-Boykott".

Die Siemens-Boykott-Kampagne machte Siemens erheblich zu schaffen. Der vormalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer klagte, das Atomgeschäft mache nur noch 2 Prozent des Umsatzes von Siemens, sorge aber für 90 Prozent des Ärgers. 1998 sagte der damalige Konzernchef vor Arbeitnehmervertretern, der Konzern werde nicht mehr in Geschäftsbereiche investieren, für die die gesellschaftliche Akzeptanz verloren gegangen sei.

Es war ein langes und zähes Ringen, innerhalb des einstigen Atomkonzerns und in der Gesellschaft, bis Siemens schließlich nach der Atomkatastrophe in Fukushima erklärte, als Generalunternehmer aus dem Atomenergie-Geschäft auszusteigen.

 

Dialog mit Siemens

Die IPPNW bewies in diesem Prozess einen langen Atem. 17 Jahre lang wurde der Öffentlichkeit immer wieder vor Augen geführt, dass das Atomgeschäft von Siemens nicht zu verantworten war. 

Mit der Siemens AG stand die IPPNW in einem kritischen Dialog. In dem jahrelangen Schriftwechsel wurden die jeweils aktuellen Atomprojekte von Siemens angeprangert. So unter anderem die Fertigstellung des slowakischen Atomkraftwerks Mochovce, die geplante Fertigstellung von Khmelnitsky-2 and Rovno-4, die Errichtung eines "Europäischen Druckwasser-Reaktors (EPR) in Finnland (Olkiluoto-3), die Bemühungen um die Fertigstellung des brasilianischen Atomkraftwerks Angra und um die Errichtung eines Atommeilers in der Türkei (Akkuyu).

Am Beispiel des in den 1970er Jahren begonnen Errichtung des iranischen Atomkraftwerks Buschehr wurde deutlich gemacht, wie die Atomgeschäfte von Siemens bis zum heutigen Tag zu internationalen Konflikten beitragen. 

 

"Zeitung für den Atomausstieg"

Der Aufruf zum Siemens-Boykott und die Kritik an den Atomgeschäften von Siemens wurde weit in die Gesellschaft getragen. Mit der 1999 von der IPPNW initiierten "Zeitung für den Atomausstieg" wurde der Aufruf zum Boykott von Siemens-Produkten eine Million mal in die Bevölkerung getragen. "Atomausstieg? Siemens-Boykott!", so der Aufruf auf der Rückseite der Massenzeitung.

 

Unverantwortliche Atomgeschäfte

Auf der Website der IPPNW wurde beständig an die Rolle von Siemens in der Atomwirtschaft erinnert und zum Siemens-Boykott aufgerufen. Siehe unter anderem:
"Die unverantwortlichen Atomgeschäfte von Siemens"

"Atomkonzern Siemens"
"Folgenschwerer Traumstart von Siemens"
"Siemens entwickelt und baut neue Atomkraftwerke"

"Schlechte Noten für Siemens-Reaktor"
"Der Europäische Druckwasser-Reaktor wird massiv subventioniert"
"Siemens-Boykott: Gute Argumente"
"Siemens-Boykott - Alle können mitmachen!"

 

Biblis-Klage der IPPNW zeigt schwere Sicherheitsdefizite auf

Die IPPNW-Klage zur Stilllegung des von Siemens errichteten Atomkraftwerks Biblis führte sowohl der Öffentlichkeit als auch Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung und Wirtschaft viele Jahre lang vor Augen, welche Risiken vom einstigen Flaggschiff des Siemens-Konzerns ausgingen. Die 2007 veröffentlichte Zeitung "Biblis angeklagt", die wiederum eine Auflage von einer Million Exemplaren erreichte, dokumentierte zahllose Sicherheitsdefizite von Biblis.

In einem Gutachten der Bundesatomaufsicht wurden später zahllose der von der IPPNW dokumentierten Sicherheitsdefizite bestätigt. 

Im IPPNW-Film "Biblis angeklagt" gaben die Aussagen ehemaliger Siemens-Mitarbeiter Einblicke in die katastrophalen Zustände bei der Wartung des Atommeilers. Auch die Vorwürfe über die chaotischen Zustände und Fehler bei Elektroarbeiten wurden von einem Gutachten der Bundesatomaufsicht offiziell bestätigt.

Im Februar 2011 veröffentlichte die IPPNW unter dem Titel "Biblis bleibt am Netz ... und verstopft den Erneuerbaren die Leitungen" erneut eine Massenpublikation. Besonders blamabel für die Atomwirtschaft war die Dokumenation "Sicherheitsdefizite von Biblis vielfach bewiesen": Alle Dementis von RWE, Siemens, TÜV und der hessischen Atomaufsicht bezüglich der Sicherheitsdefizite von Biblis wurden durch die so genannte "Nachrüstliste" von Bund und Landesaufsichtsbehörden Lügen gestraft.

Unmittelbar vor der Atomkatastrophe in Japan warnte die IPPNW mit dem Biblis-Faltblatt und einem insbesondere in Baden-Württemberg verteilten Faltblatt eindringlich Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit vor der realen Gefahr eines erneuten Super-GAU: "Weltweit eine akute Gefahr".

 

Fukushima: Das endgültige Aus

Tragischerweise kam es dann tatsächlich am 11. März 2011 zur Atomkatastrophe in Fukushima. Die Bundesregierung beschloss in der Folge in enger Abstimmung mit der Atomindustrie den Ausstieg aus der Atomenergie. Siemens gab später bekannt, als Generalunternehmer aus dem Atomgeschäft auszusteigen. 

In einem Schreiben vom 6. Oktober 2011 an den Vorstand und den Aufsichtsrat von Siemens begrüßte die IPPNW diese Entscheidung.

Seit dem Ausstieg von Siemens aus dem Atomgeschäft als Generalunternehmer ruft die IPPNW nicht mehr zum Boykott von Siemens-Produkten auf. Die Boykott-Kampagne fand somit ein erfolgreiches Ende.

 

Siemens weiterhin gegen dezentrale Energiewende

Die IPPNW appellierte in dem Schreiben zugleich eindringlich an den Elektroriesen, nicht weiterhin die dezentrale Energiewende der Bürger zu bekämpfen. Siemens wurde aufgefordert, die "gesellschaftlich wünschenswerte Funktion eines 'politisch neutralen' Anbieters dezentraler Energietechniken" zu übernehmen. Von Siemens wurde das zurückgewiesen.

In dem 2013 von der IPPNW veröffentlichten Faltblatt "Was ist sicher, preiswert und fördert den Frieden?" ist dokumentiert, dass Siemens weiterhin die dezentrale Energiewende der Bürger und Kommunen bekämpft. Siemens verlangt von der Politik, die vorrangige Einspeisung von Strom aus dezentralen erneuerbaren Quellen abzuschaffen, Netzanschlüsse für die Erneuerbaren zu verteuern und Gaskraftwerke von Siemens zu subventionieren. Und die Politik in Berlin macht offenbar, was Siemens will. 

 

 

 

 

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Ansprechpartner


Henrik Paulitz
Referent für Energiepolitik
Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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