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IPPNW-Pressemitteilung vom 8.4.2011

Nicht-Krebserkrankungen und genetische Schäden nehmen erschreckende Ausmaße an

Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl

08.04.2011

Von der Tschernobylkatastrophe vor 25 Jahren sind über 600 Millionen Menschen in ganz Europa gesundheitlich betroffen. Das geht aus einer aktualisierten Studie der IPPNW Deutschland und der Gesellschaft für Strahlenschutz zu den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl hervor. Die Autoren werteten wissenschaftliche Untersuchungen aus der ganzen Welt aus.

 

Am meisten leiden die Aufräumarbeiter und Aufräumarbeiterinnen, die sogenannten Liquidatoren, unter den Folgen ihrer hohen Verstrahlung: Von den etwa 830.000 Liquidatoren sind über 112.000 bereits gestorben, etwa 90 Prozent erkrankten aufgrund der Strahlung.

Die Studie belegt, dass die meisten gesundheitlichen Folgen eines radioaktiven Unfalls erst nach vielen Jahren, oftmals sogar auch erst in den nächsten Generationen auftreten. Je niedriger die Strahlung war, der das Opfer ausgesetzt wurde, desto länger ist die Latenzperiode bis zum sichtbaren Auftreten der Krankheit. Durch die Ansammlung radioaktiver Stoffe in bestimmten Organen oder Zellen, den sogenannten Kumulationseffekten, erkranken zum Beispiel Kinder gehäuft an Schilddrüsenkrebs. Diese Krankheit ist in einem gesunden Umfeld bei Kindern äußerst selten. Einer WHO-Prognose zufolge werden allein im belorussischen Gebiet Gomel mehr als 50.000 Kinder im Laufe ihres Lebens Schilddrüsenkrebs bekommen. Forscher gehen davon aus, dass durch Tschernobyl in ganz Europa knapp 240.000 zusätzliche Krebsfälle bis 2056 auftreten werden.

Die Forscher stellen klar: Die Nicht-Krebserkrankungen stellen eine noch größere Gefährdung dar. Das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) kommt zum Schluss, dass weltweit aufgrund der Tschernobyl-Strahlung zwischen 30.000 bis 207.500 Kinder mit Genschäden geboren werden. Die Zahl der Totgeburten und Fehlbildungen stieg nach Tschernobyl deutlich an. Forscher weisen nach, dass nach 1986 in Europa rund 800.000 Kinder weniger geboren wurden, als eigentlich zu erwarten gewesen wären. Auch das Verhältnis Mädchen-Jungen veränderte sich: Nach Tschernobyl wurden signifikant weniger Mädchen geboren. Allein in Westeuropa, so schätzt selbst die atomunkritische Internationale Atomenergieorganisation IAEO, habe es aufgrund von Tschernobyl 100.000 bis 200.000 Abtreibungen gegeben.

Die Studie belegt eine um 15,8 Prozent erhöhte Säuglingssterblichkeit in Skandinavien. In Deutschland stieg die Zahl der Trisomie 21-Fälle signifikant an. In Süddeutschland häufte sich ein bei Kindern sehr seltener Tumor, das Neuroblastom. Untersuchungen stellen einen Zusammenhang zwischen Tschernobyl und einer starken Zunahme von Diabetes Typ I bei Kindern und Jugendlichen her. Das Tschernobylministerium der Ukraine publizierte, dass 1996 nur noch 18 Prozent der evakuierten Bevölkerung gesund war. Besonders erschreckend: Von den Kindern, die nicht selbst vom Tschernobyl-Fallout betroffen waren, deren Eltern aber erhöhter Radioaktivität ausgesetzt wurden, sank in der Ukraine der Anteil der Gesunden von 81 Prozent im Jahr 1987 auf 30 Prozent im Jahr 1996.

Die IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz fordern als Konsequenz aus den Ergebnissen der Studie:

- Alle Informationen zum Atomunfall von Tschernobyl und dessen Folgen müssen sofort offen gelegt werden. Weltweit – auch in Deutschland – sind viele Informationen unter Verschluss.
- Die Regierungen – auch die bundesdeutsche – müssen unabhängige Forschungen finanzieren und sicherstellen.
- Die Bundesregierung muss schnellstmöglich aus der Atomkraft aussteigen.

Pressekontakt: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung, Körtestr. 10, 10967 Berlin, Angelika Wilmen, Tel. 030 – 69 80 74 15, Mobil: 0162 / 205 79 43, Email: wilmen@ippnw.de, www.ippnw.de, www.tschernobylkongress.de

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