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Die IAEO will einen Konsens zu den Tschernobylfolgen

Hintergrundartikel von Dr. Claußen

Die IAEO (Internationale Atomenergieorganisation) lädt vom 6. bis 7. September 2005 nach Wien ein, um unter den UN-Organisationen einen Konsens über die gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl herzustellen. Neben der IAEO werden UN-Unterorganisationen wie die FAO, UNDP, UNEP, UN-OCHA, UNSCEAR, WHO und die Weltbank teilnehmen, sowie Regierungsvertreter von Weißrussland, Russland und der Ukraine, den Ländern, die 2003 das Tschernobyl-Forum gegründet haben. Ziel ist, »maßgebliche Konsensus-Erklärungen« bezüglich der Umwelt- und Gesundheitsfolgen im Vorfeld des zwanzigsten Tschernobyl-Jahrestags zu formulieren

Wozu dieser Konsens?
Ein Blick zurück auf Erklärungen des Internationalen Tschernobylprojekts aus der Vergangenheit lässt nicht viel Gutes erwarten. Die Erklärungen der IAEO waren gekennzeichnet durch Falschaussagen und Täuschungen, die der WHO durch extreme Zurückhaltung.

Die Untersuchungen zum Internationalen Tschernobyl-Projekt der IAEA dauerten von Januar 1990 bis Ende Februar 1991. Allein im Jahr 1990 lag in Belarus die Zahl der Neuerkrankungen für Schilddrüsenkrebs bei Kindern mehr als 30-fach über dem 10-Jahres-Mittelwert vor Tschernobyl. Im Bericht der IAEA heißt es dagegen: « ... berichtete negative Gesundheitseffekte, die in Verbindung mit der Strahlung stehen, wurden nicht erhärtet - weder durch ordentlich durchgeführte lokale Studien noch durch die Studien dieses Projektes ... Die Kinder, die untersucht wurden, waren völlig gesund... Die Daten enthalten seit dem Unfall keinen deutlichen Anstieg von Leukämie oder Schilddrüsentumoren« (1).

Wie durch spätere unabhängige Forschungen und durch Recherchen der BBC nachgewiesen werden konnte, hatte die IAEO mit ihrer internationalen Expertenkommission zum Zeitpunkt des Kongresses und der Berichtlegung 1991 bereits alle wichtigen Fakten einschließlich des histopathologischen Nachweises für den zig-fachen Anstieg des Schilddrüsenkrebses bei Kindern in den Händen. Es ist erschreckend festzustellen, dass diese gezielte Täuschung der Weltöffentlichkeit getragen wurde von Experten wie Prof. Mettler (Leiter der medizinischen Expertengruppe des Internationalen Tschernobylprojekts) und weiteren Experten aus der EU und Japan (2).

Am 13.6.2000, 14 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe, zitierte die IAEO in einer Pressemeldung neue Aussagen von UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Komitee für die Effekte der Atomstrahlung, zu den medizinischen Strahlenfolgen des Tschernobylunfalls: »Es gibt keinen Hinweis auf eine größere Auswirkung für die Gesundheit der Bevölkerung, die man 14 Jahre nach dem Unfall der Strahlenbelastung zuordnen könnte, abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern ... Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis auf Anstiege der Inzidenz oder Mortalität an Krebs allgemein oder an nicht bösartigen Gesundheitsstörungen, die mit der Strahlenbelastung in Beziehung gebracht werden können." (3)

Diese Aussage des wissenschaftlichen UNO-Komitees ist falsch. Sie leugnet z.B. den massiven Anstieg an Schilddrüsenkrebsfällen bei Erwachsenen und die Anstiege bei en anderen Krebsarten. 1999 war die Inzidenz von Schilddrüsenkrebsen bei Erwachsenen in Weißrussland bereits auf mehr als das Fünffache im Vergleich zum 10-Jahres-Mittelwert vor Tschernobyl angestiegen. Mehrere tausend zusätzliche Schilddrüsenkrebsfälle bei Erwachsenen waren nachgewiesen worden. Auch der Anstieg von anderen Krebserkrankungen war registriert worden, ein Anstieg aller Krebserkrankungen in Weißrussland, insbesondere ein Anstieg der Kinderleukämien um 50 % und ein Anstieg von Brustkrebs. Auch nicht maligne Erkrankungen nahmen zu, wie z.B. Jugenddiabetes.

Die WHO hält sich in ihren Aussagen zu den medizinischen Folgen von Tschernobyl bedeckt: «Der Tschernobylunfall verursachte den Tod von 30 Arbeitern auf dem Reaktorgelände, die Krankenhausbehandlung von 200 weiteren Arbeitern, und er setzte 6,7 Millionen Menschen ionisierender Strahlung aus durch radioaktive Aerosole im Fallout. Dieses verursachte einen 10-fachen Anstieg des Schilddrüsenkrebses bei Kindern in den betroffenen Gebieten. (4).

In der aktuellen Pressemeldung zur jetzigen «Konsensus-Konferenz» gibt die IAEO 4000 Todesfälle infolge des Tschernobylunfalls an: 50 Reaktorarbeiter, die an akuter Strahlenkrankheit gestorben seien, 9 Kinder mit Tod durch Schilddrüsenkrebs und geschätzte 3940 Tote infolge strahleninduzierter Krebserkrankungen und Leukämien (5).

Ein Blick auf die Webseite der Kampagne zur Niedrigstrahlung in Großbritannien, die von unabhängigen Wissenschaftlern getragen wird, wie auf die Webseite des Strahlentelex, dem in Berlin angesiedelten unabhängigen Informationsdienst zu Radioaktivität, Strahlung und Gesundheit (6,7) enthält hingegen eine Fülle von wissenschaftlichen Publikationen aus den betroffenen Ländern und Westeuropa zu den Tschernobylfolgen. Im November 2004 veröffentlichte die Swiss Medical Weekly Untersuchungen des Klinischen Instituts für Strahlenmedizin und Endokrinologieforschung in Minsk, Weißrussland, Untersuchungsergebnisse, nach denen die Krebserkrankungsraten zwischen 1990 und 2000 um insgesamt 40 % angestiegen sind, verglichen mit den Raten vor der Tschernobylkatastrophe.

Ebenfalls wurde ein Anstieg der Fehlbildungen und Totgeburten beobachtet, sowohl in Weißrussland, insbesondere in dem stark betroffenen Gebiet von Gomel, in der Ukraine , sowie in Westeuropa und der Türkei. (5)
Dagegen heißt es in der aktuellen Pressemeldung der IAEO: «Ein mäßiger, aber stetiger Anstieg von Fehlbildungen, der in kontaminierten und nicht kontaminierten Gebieten in Weißrussland festgestellt wurde, scheint auf bessere Berichterstattung zurückzuführen sein«. (6)

Warum also bemüht sich die IAEO um einen Konsens bezüglich der medizinischen und umweltbedingten Tschernobylfolgen, wo sich doch offensichtlich die Krankheits- und Todeszahlen von Jahr zu Jahr erhöhen, und die wissenschaftliche Diskussion um strahlenbedingte Erkrankungen, um das Verständnis der Mechanismen von permanenter Niedrigstrahlung von äußeren und inneren Strahlungsquellen (Inkorporation) voll im Gange ist? Brauchen wir nicht gerade jetzt intensivere Forschungsanstrengungen, um die Probleme besser zu verstehen?
Wenn wir einen Blick auf das Statut der IAEO werfen, wird dem Beobachter einiges klar: Das Hauptziel der IAEO laut Statut besteht in »der Beschleunigung und Förderung der Atomindustrie für den Frieden, für die Gesundheit und für das Wohlbefinden in der ganzen Welt«. Ebenfalls im Statut festgelegt ist, dass die IAEO auch für Gesundheitsfragen im Bereich der Atomenergie zuständig ist.

Spätestens hier stutzt der aufmerksame Leser: die IAEO zuständig für Gesundheitsfragen? Liegt das nicht eigentlich im Bereich der WHO, der UN-Weltgesundheitsorganisation? In der WHO-Verfassung definiert die Organisation insgesamt 22 Pflichten, darunter »umfassende Aufklärung, Ratschläge und Unterstützung im Bereich der Gesundheit« und »Förderung einer klaren Meinungsbildung in der Bevölkerung betreffend der Gesundheitsprobleme, basierend auf einer aufgeklärten Öffentlichkeit«.

Schon in den 50iger Jahren, als viele Wissenschaftler wie auch der deutsche Philosoph Ernst Bloch an die Verheißungen der »friedlichen Nutzung der Atomenergie« glaubten, warnten 20 namhafte Genetiker 1956 auf einer Konferenz der WHO vor den Folgen der Strahlenbelastung, weil sie herausgefunden hatten, dass selbst sehr kleinen Strahlendosen überproportionale Schädigungen an Zellen auslösen können.

1959 wurden die kritischen Stimmen in der WHO bezüglich der schädlichen Wirkung auf das menschliche Erbgut und die menschliche Gesundheit zum Schweigen gebracht. In einer Vereinbarung zwischen IAEO und WHO heißt es in Art.III.1 » ... die IAEO und die WHO erkennen an, dass es notwendig sein kann, gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen, die sie erhielten, anzuwenden ...«. Im Klartext: Die Weltöffentlichkeit wird nicht etwa vor den Gefahren und Risiken der Atomenergie geschützt, sondern vor der Wahrheit über diese Risiken.
Die WHO ist durch einen Knebelvertrag gebunden. Wissenschaftlichkeit existiert in der WHO nur in sehr engen, jeweils von der Internationalen Atomenergiebehörde festgelegten Grenzen.

Der 20. Jahrestag der Tschernobylkatastrophe rückt näher. Viele wissenschaftliche Arbeiten zu den medizinischen Folgen von Tschernobyl aus den betroffenen Ländern Weißrussland, Ukraine und Russland sind bisher nicht bekannt, weil sie nicht aus dem Russischen übersetzt wurden.

Was wir jetzt brauchen ist unabhängige Forschung und Verbreitung der Forschungsergebnisse bezüglich der Tschernobylfolgen. Die IAEO hat sich nach 20 Jahren als in hohem Maße interessengeleitet erwiesen. Der Vertrag zwischen der IAEO und der WHO muss unverzüglich aufgekündigt werden.

Quellen:
(1) The International Chernobyl Project. Assessment of Radiological Consequences and Evaluation of Protective Mesures,IAEA, Wien, Mai 1991
(2) E. Lengfelder u. C. Frenzel: 15 Jahre nach Tschernobyl: Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe, Otto-Hug-Strahleninstitut -MhM , September 2001
(3) eE Lengfelder u. C.Frenzel : s.o. 2001
(4) www.who.org Health consequences of the Chernobyl accident
(5) I. Schmitz-Feuerhake wie verlässlich sind Grenzwerte? Strahlentelex vom 2.6.2005
(6) www.iaea.org Chernobyl : The True Scale of the Accident
(7) www.llrc.org
(7) www.strahlentelex.de

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