Wenn Staaten oder Unternehmen kritische Stimmen unterdrücken, Grundrechte einschränken und zivilgesellschaftliche Räume beschneiden, denken wir an autoritär regierte Staaten wie Russland, Ungarn oder die Türkei. Aber auch in Deutschland nehmen autoritäre Tendenzen zu. Das Thema Israel/Palästina wirke dabei heute „wie ein Gradmesser dafür, wie weit das demokratische Selbstverständnis in Deutschland reicht,“ schreibt Journalist Hanno Hauenstein im Herbst 2024 treffend im Freitag. Lässt man das letzte Jahr Revue passieren, erkennt man eine beunruhigende Entwicklung, die nicht nur die freie Rede zu Israel-Palästina verunmöglicht hat, sondern repressive Politik insgesamt stärkt, Minderheiten weiter ausgrenzt und gegeneinander ausspielt sowie der AfD vorzüglich in die Hände spielt.
Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist die im November 2024 trotz massiver Kritik beschlossene Antisemitismus-Resolution „Nie wieder ist jetzt: Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“. Die in kleinstem Kreise unter den Fraktionsspitzen von SPD, FDP, CDU/CSU und GRÜNE ausgehandelte Resolution will durch Eingriffe in Universitäten und Kulturinstitutionen sowie Gesetzesänderungen in Straf-, Aufenthalts-, Asyl-, Staatsangehörigkeits-, Hochschul-, Förder- und Haushaltsrecht jüdisches Leben schützen. Obgleich rechtlich nicht bindend, dürfte sie – wie schon die BDS-Resolution 2019 – politisch Wirkung entfalten. Kritiker*innen sehen die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit massiv gefährdet. „Unsere Kritik richtet sich im Kern gegen die Zugrundelegung einer sehr weitreichenden und unbestimmten Definition von Antisemitismus als Maßstab für äußerst grundrechtsintensive Maßnahmen wie Straf- oder Asylrechtsverschärfungen, staatliche Fördermittelvergabe oder der Exmatrikulation von Hochschulen“, heißt es in einer Stellungnahme von Menschenrechts- und Friedensorganisationen. Die Resolution gibt in ihr die Verwendung der IHRA-Arbeitsdefinition politisch vor. Diese gilt als extrem vage, juristisch unbrauchbar und macht es leicht, Kritik an der Politik Israels als antisemitisch zu definieren. Sie wurde immer wieder benutzt, um kritische Stimmen etwa
zur israelischen Besatzung als antisemitisch zu diffamieren, sogar dann, wenn sie, wie im Fall der Berlinale 2024, von jüdisch-israelischen Personen vorgetragen wurden. Ein alternativer, von der IPPNW mitgetragener
Resolutionsentwurf aus der Wissenschaft, der Minderheitenschutz als intersekionale Aufgabe begreift und auf Bildung und Auseinandersetzung statt auf Repression und Kontrolle setzt, verhallte ungehört.
Das zivilgesellschaftliche Kollektiv „Archive of Silence“ dokumentiert seit Monaten Fälle von Silencing mit Bezug zu Israel-Palästina – von abgesagten Veranstaltungen, zurückgezogenen Ausstellungen oder Preisverleihungen, ausgeladenen Gastwissenschafler*innen, verbotenen Demonstrationen und Slogans, gekündigten Räumen und Streichungen von Fördergeldern. Oft waren es einzelne Posts zum Israel-Palästina-Konflikt oder dem Krieg in Gaza in sozialen Netzwerken oder allein die Vermutung, eine Demo oder Veranstaltung könnte antisemitischen Inhalten Raum geben, die zu den Entscheidungen geführt hatten. Über 200 Vorfälle zählt ihre unvollständige Liste seit dem 7. Oktober 2023 bereits. Überproportional betroffen davon sind migrantische und auch jüdische Menschen oder Vereine.
Von einer neuen McCarthy-Ära ist mit Blick auf das letzte Jahr vielfach die Rede. Bereits im November 2023 hat der UN-Ausschuss zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung (ICERD) zum aktuellen Staatenbericht der Bundesregierung in Genf seine Besorgnis geäußert, „dass friedliche Demonstrationen [...] verboten werden” und festgestellt, dass eine „abschreckende Wirkung [...] in Bezug auf die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in Bezug auf die derzeitige Situation in Palästina” herrscht. Die „palätinasolidarische Bewegung dient im Moment als Experimentierfeld für zahlreiche Grundrechtseinschränkungen und Verbote,“ kritisiert der Bundesvorstand der Roten Hilfe mit Blick auf die Zunahme staatlicher Verfolgung linker Bewegungen.
Länder, Bund und Kommunen sind nun aufgefordert „rechtssichere, insbesondere haushälterische Regelungen erarbeiten sollen, die sicherstellen, dass keine Projekte und Vorhaben insbesondere mit antisemitischen Zielen und Inhalten gefördert“ werden. Wer das in welchem Verfahren prüfe und entscheide und wie Missbrauch vermieden werden könne, bliebe völlig unklar, kritisiert ein Matthias Goldmann, Inhaber des Lehrstuhls für internationales Recht an der EBS Universität Wiesbaden. Eine flächendeckende staatliche Überprüfung von Fördermittelempfängern oder -projekten ist mit akzeptablen Aufwand und rechtsstaatlichen Mitteln gar nicht zu bewerkstelligen. Die Resolution wirke daher absehbar vor allem als „eine vorauseilende Selbstzensur, weil aus Unsicherheit bestimmte Themen vermieden und Positionen nicht mehr artikulieren werden“, so Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, die Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin.
Wie offen für Missbrauch derartige Politik ist, zeigt die so genannte Fördergeldaffäre im Bundesministerium für Bildung und Forschung, als im Juni 2024 öffentlich wurde, dass im Ministerium Listen mit Forscher*innen angefordert wurden, die in einem offenen Brief die polizeiliche Räumung des palästinasolidarischen Protestcamps an der FU Berlin kritisiert und Dialog von der Unileitung eingefordert hatten. In geleakten Emails aus dem Ministerium hieß es, dass geprüft werden sollte, inwiefern Aussagen im Protestbrief strafrechtlich relevant seien und ob den Wissenschaftler*innen als Konsequenz aus dem Brief Fördermittel gestrichen werden könnten.
Die Resolution vermengt dabei auf krude Weise außenpolitische Forderungen und die Interessen der israelischen Regierung mit dem Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. Eine Vielzahl jüdischer Intel-
lektueller betonte in einem Protestbrief daher: „sie [die Resolution] wird die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland eher schwächen als stärken, indem sie alle Juden mit den Handlungen der israelischen Regierung in Verbindung bringt – eine notorische antisemitische Trope. Sie wird jüdische Stimmen zum Schweigen und jüdische Wissenschaftler*innen, Schriftsteller*innen und Künstler*innen, die innerhalb und außerhalb Deutschlands arbeiten, in Gefahr bringen.“ In Anbetracht des IGH-Gutachtens vom 19. Juli 2024 zur Illegalität der israelischen Besatzung sei sie „eine Blamage auf der Bühne des internationalen Rechts und der Außenpolitik“. Die Resolution werde darüber hinaus „ethnische und religiöse Minderheiten weiter gefährden, insbesondere unsere arabischen und muslimischen Nachbar*innen, die bereits zur Zielscheibe brutaler
Polizeigewalt geworden sind.“
Denn neben Künstler*innen und Studierenden stehen Migrant*innen aus muslimischen Ländern im Fokus der Resolution. Bei ihnen sei in den letzten Monaten ein „erschreckende[s] Ausmaß“ an Antisemitismus und Israelfeindlichkeit zu Tage getreten, heißt es dort. Der Gesetzgeber wird angewiesen „Gesetzeslücken zu schließen und repressive Möglichkeiten konsequent auszuschöpfen (…) in besonderem Maße im Strafrecht sowie im Aufenthalts-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht“. De facto werden hier Zughörigkeitsgarantien für Migrant*innen von ihrer Zustimmung zu einer problematischen „deutschen Staatsräson“ gemacht und migrationsfeindliche Politik mit dem Schutz von den (in deutschen Augen richtigen) Jüdinnen und Juden legitimiert. Erwartungsgemäß applaudierte die AfD gerade hierzu lautstark.
Die in der Resolution geforderten Verschärfungen sind dabei längst im Gange. So hat etwa das Innenministerium im Juni 2024 die Schwelle für Ausweisungen weiter gesenkt, die jetzt wegen einzelner mutmaßlich terrorverherrlichender Posts in sozialen Netzwerken jetzt explizit möglich ist. Dabei werde nicht nur dadurch die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt, so die Anwältin und Kriminologin Prof. Christine Graebsch, „sondern auch dadurch, dass die Leute inzwischen um diese Gefahr wissen und völlig verunsichert sind, was man überhaupt noch sagen kann,“ sagt sie dazu im Interview mit a&k. Von Angst und Verunsicherung in migrantischen Communities, die dazu führt, dass Grundrechte nicht mehr wahrgenommen werden, weiß auch Asylverfahrensberaterin und Sozialarbeiterin Dorothee Bruch von Xenion e.V. aus erster Hand zu berichten: „Sehr viele Menschen trauen sich in Berlin nicht, an den Demos gegen den Gaza-Krieg teilzunehmen, aus Angst vor aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen, etwa mit Bezug auf eine Einbürgerung. Mütter verbieten ihren jugendlichen Kindern zu den Demonstrationen zu gehen aus Angst vor negativen Folgen.“ Ein weiterer Grund dürfte die inzwischen gut belegte Polizeigewalt sein, die vor allem palästinensisch oder arabisch (gelesene) Personen erfahren. Dass es gegen die Polizeigewalt keinerlei Aufschrei aus der Gesellschaft gibt, sei ein Hinweis darauf, dass das demokratische Selbstverständnis in Deutschland nicht weit reiche, kritisiert Journalist Hauenstein im Freitag.
Seit Monaten werden palästinensische, arabische und muslimische Menschen unter Generalverdacht gestellt, Hamas zu unterstützen oder Antisemiten zu sein – auch von höchster politischer Ebene wie in der Rede vom Bundespräsidenten wenige Wochen nach dem 7. Oktober. Dieser „Generalverdacht ist politisch und gesellschaftlich schädlich, zutiefst beleidigend und verletzend. Er beeinträchtigt den sozialen Frieden in diesem Land, er spaltet die Menschen in gute und böse Gruppen und führt dazu, dass viele Menschen ihr Vertrauen in Politik und Demokratie verlieren,“ kritisiert Nazih Musharbash, Präsident der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft auf einer Kundgebung im Oktober 2024. Es ist das erste Mal seit dem 7. Oktober 2023, dass er auf einer Kundgebung spricht. Dass „friedliche Stimmen verstummt sind und sich nicht mehr trauen, öffentlich ihre Trauer, Wut und ihr Misstrauen mitzuteilen, habe mehrere Gründe. „Einer davon ist die in Deutschland kaum vorhandene Empathie Palästinensern, Arabern und Muslimen gegenüber.“ Auch Stollberg-Rilinger warnt auf der Pressekonferenz: „Die Resolution befördert die fortschreitende Polarisierung unter verschiedenen diskriminierten Gruppen, unterdrückt die sachliche Austragung von Kontroversen und gefährdet Räume, in denen diese noch möglich ist.“
Anne Jurema ist Referentin für Soziale Verantwortung der IPPNW.
zurück